Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Cross Over
Herausgeber: Johannes Beilharz

Der letzte Tanz des Mythenmachers

Khazal Almajidi  

 

Gedichte des Bildes

1

Dein Mund ist aus Gold
Mein Mund ist aus Silber
Und unsere Geschichten sind
Halsketten, Ohrringe und Ringe, wie sie die Leute tragen

2

Wer trieb ihn in die Einsamkeit?
Wer öffnete ihm die Tür?
Wer führte ihn ans Licht?
Wer löste ihn auf im Licht?
Wer erschuf ihn neu und körperlos?

3

Wo liegt mein Leben begraben?
In welchem Grab der Gräber meines Körpers?
Hier, in diesem immerfort traurigen Herzen!
Oder in dieser schwachen Kehle!
Oder in diesem bleichen Gesicht!
Wo liegt mein Leben begraben?
Und wo wurden die Gebete gesprochen?

4

Als wir aus der Luft herabstiegen, verloren wir unsere Schwingen
Als wir aus dem Wasser an Land kamen, verloren wir unsere Flossen
Als wir auf trockener Erde standen, zogen wir Schuhe an
Und heute ... ein Leben lang mühen wir uns,
die Flügel und Flossen wieder herzustellen
und alle Schuhe wieder auszuziehen

5

Alle liebten wir den Mond,
denn eines Tages
war er in uns.

6

Einen kleinen Löffel Wasser zum Trinken
Einen großen Löffel Licht zum Sehen
Einen großen Löffel Verrücktheit zum Lieben
Einen Löffel Alkohol zum Betrinken
Einen Löffel Essen
Ein paar Teelöffel von allem
So ist unser Leben im Irak
Ein löffelweises Leben

7

Meine Weiblichkeit erwartete dich in der Morgendämmerung,
doch du warst mit deiner Poesie beschäftigt
Wie schade!
Ich bin alle Wörter, die du in der Hand halten wirst,
ich bin deine lebendige Poesie

8

In meinen Leben habe ich nichts außer Türen
Ich lasse die eintreten, die ich liebe
Und lasse die austreten, die ich nicht liebe
Je älter ich werde,
desto weniger sehe ich von ihnen
Indem ich altere,
sehe ich die austreten, die ich liebe,
und die eintreten, die ich nicht liebe

9

Wörter an den Wänden
Wörter an den Türen
Wörter auf den Straßen
Wörter in den Augen
Wörter im Regen
Ich schreibe sie nieder,
bevor sie sich in Staub verwandeln  

10

Hebe den Kopf ein wenig und sieh,
wie ein ganzes Volk sich die Taschen mit Mehl füllt und weint,
wie es voller Angst durch die Straßen läuft.
Hebe den Kopf und höre,
Wie das Volk unter der Gegenwart stöhnt
und in der Vergangenheit schwimmt.
Hebe den Kopf, damit sie dir nicht auf die Füße treten.

11

Sicher, wir haben uns getrennt.
Doch werden wir deshalb keine Tränen vergießen.
Die Enttäuschung macht aus uns keinen Haufen Knochen.
Wir laufen unserer Liebe nicht hinterher wie bei einer Beerdigung.
Der Grabstein unserer Erinnerungen wird aufleuchten.
Und bei unserem letzten Abschied werden unzählige Vögel  
in alle Richtungen davonfliegen.

12

Wer gab wen auf,
wir sie oder die Götter uns?
Haben wir sie erfunden und vergessen?
Oder haben sie uns erschaffen und vergessen?

13

Per Zufall habe ich viele Seelen.
Seelen, die die Tür bewachen.
Seelen, die das Feuer im Kamin entfachen.
Seelen, die den Wein einschenken.
Seelen, die Gedichte schreiben.
Seelen im Gang.
Seelen in der Küche.
Aus längst vergangener Zeit durchgebrachte Seelen.

14

Der Baum öffnete seine Zweige und sagte:
ich schenke euch alles,
und ihr
schenkt mir nur Äxte.

15

Ich bin der Bildhauer des Mondes.
Während meine Hände an seinen Zügen arbeiten,
verlieren sich meine Füße im Klang der Sterne.

16

Die Kriege nahmen unsere Herzen
und versteckten sie in den Hosen
der besiegten Soldaten
wie Brotkrumen
oder leere Patronen.

17

In diesem trostlosen Winter
lässt sich die Nacht
nicht von den Oliven unterscheiden.

18

Mit einer unglaublichen Fähigkeit
beleuchtet die Larve ein ganzes Feld –
und wir schaffen es nicht, unsere kleinen Herzen zu erleuchten!

19

In diesem Alter
sind die in Erinnerung geschlossenen Augen das Glück
auf dem Weg zum Ertrinken.

20

Die Irrtümer erfassten mich
und steckten mich in einen großen Irrtum, der sich Vaterland nennt.
Da schien es mir der perfekte Irrtum.
Ich muss lange, tiefe Tunnels graben,
muss viele Straßen asphaltieren,
muss viele schlüpfrige Wege gehen, um zur Vernunft zu kommen.

21

Laut klingen heute morgen
die Glocken der Poesie.
Tief in mir drin
erträumt eine schöne Frau sie
für eine andere Schöne mir gegenüber.

22

In meiner Jugend bestätigten mir die Frau, die ich liebte,
die Ideen, die ich aufnahm,
die Arbeit, die ich tat,
die Zeit, dass all das nicht zu mir gehört.
Wohin werde ich im Alter mit diesen Geschichten gehen?

23

Ich gehe in den Süden,
sehe mir die Orte meiner Vorfahren an.
Wie schafften sie es, diese Erde in Geschichten zu verwandeln?
Und wie schaden wir ihr mit dem Vergessen?

 

 

Aus dem Spanischen unter Zuhilfenahme der arabischen Vorlage übersetzt von Johannes Beilharz. Die spanische Übersetzung von Ghadeer Abusneineh, Ambar Past und Suad Marcos Frech und das Arabische sind hier zu lesen.

Khazal Almajidi, geboren 1951 in Kirkuk im Irak, ist Lyriker, Dramatiker und Professor für Religionsgeschichte und alte Kulturen. 1973-1998 arbeitete er für Rundfunk und Fernsehen, Magazine, Zeitschriften, Kino und Theater sowie für die irakische Schriftstellervereinigung. 1997-2003 hatte er Professuren an der Universität von Bagdad und der Universität von Darna in Libyen inne. 2004-2006 leitete er das irakische Zentrum für den Dialog der Kulturen und Religionen im Irak. Seit 2007 ist er Professor für die Geschichte alter Kulturen und Religionen an verschiedenen niederländischen und europäischen Universitäten. Er ist Träger verschiedener Auszeichnungen. Veröffentlichungen mit fünf Schwerpunkten: Lyrik (35 Sammlungen), Theater (37 Stücke, von denen 14 aufgeführt wurden), Geschichte und Kulturen (10 Buchveröffentlichungen), Geschichte und Religionsgeschichte (14 Buchveröffentlichungen), Mythologie (12 Buchveröffentlichungen).

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