Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Cross Over
Herausgeber: Johannes Beilharz

Wald von Europa

Derek Walcott  
 

Für Joseph Brodsky

Die letzten Blätter fielen wie Noten von einem Klavier
und hinterließen das Echo ihrer Ovale im Ohr;
der Winterwald mit seinen schlaksigen Notenständern
sieht aus wie ein unbesetztes Orchester mit
auf verstreuten Schneemanuskripten gezogenen Linien.

Der Einlegekupferlorbeer einer Eiche
scheint hell wie Whisky durch die braunen
Glasziegel über deinem Kopf, während der wintrige Atem
der Mandelstamzeilen, die du rezitierst, sich
sichtbar wie Zigarettenrauch entrollt.

„Das Rascheln von Rubelnoten an der zitronenen Newa.“
Die Gutturale, zerfallene Blätter, krachen unter deiner
Exilszunge wie Harsch unter Stiefeln;
Mandelstams Zeile kreist mit dem Licht
in einem braunen Raum im öden Oklahoma.

Ein Archipel Gulag liegt
unter diesem Eis, wo das Salz, Mineralquelle
des langen Pfades der Tränen, diese Ebene
berieselt, die, hart und offen wie ein Hirtengesicht,
sonnenspröde mit unrasiertem Schnee verstoppelt ist.

Aus dem Schriftstellerkongress wächst im Flüsterton
Schnee heraus und kreist wie Kosaken um die Leiche
eines müden Choctaw, bis daraus ein Blizzard
aus Verträgen und weißem Papier wird, während wir
einen Einzelnen einer Sache wegen aus den Augen verlieren.

Jeden Frühling beladen diese Äste wie Bibliotheken
ihre Regale mit neuerschienenen Blättern, bis sie weggeworfen
und einem neuen Zyklus überführt werden – Papier zu Schnee –
und doch überdauert ein Wille am Nullpunkt des Erträglichen
wie diese Eiche mit ein paar unverschämten Blättern.

Als der Zug durch die vergewaltigten Ikonen des Waldes fuhr,
klirrten die Eisfelder wie Rangierbahnhöfe, dann ging es
durch die Nadeln gefrorener Tränen – die Bahnhöfe
kreischten Dampf – und er atmete sie in einem einzigen
Winteratem versteinerter Konsonanten ein.

Er sah die Gedichte verlorener Bahnhöfe
unter Wolken so weit wie Asien, in Gegenden,
die Oklahoma wie eine Traube verschlucken könnten –
nicht dieser baumschattigen Präriehaltestellen – in Räumen
von einer aller Entfernungen spottenden Verlassenheit.

Wer ist dieses dunkle Kind an den Geländern Europas,
das zusieht, wie der Abendfluss die mit Macht und
keinen Dichtern gestempelten Könige prägt, während
die Themse und die Newa mit Banknoten rascheln
und dann auch, schwarz auf gold, die Silhouetten des Hudson?

Von der gefrorenen Newa zum Hudson ergießt sich
unter den Kuppeln der Flugplätze, in den widerhallenden
Bahnhöfen der Fluss der Emigranten, die das Exil
so klassenlos gemacht hat wie gemeiner Schnupfen,
Bürger einer Sprache, die jetzt auch die deine ist,

Und jeden Februar, jeden „allerletzten Herbst“,
schreibst du, weit entfernt von den dreschenden Erntearbeitern,
dem Weizenstroh, das sie flechten wie Mädchen ihr Haar,
weit entfernt von Russlands vom Sonnenstich zitternden
Kanälen, ein Mann in einem Zimmer mit Englisch.

Die Touristeninseln meines Südens sind
auch Gefängnisse, bestechlich, und was sind Gedichte,
auch wenn es kein schlimmeres Gefängnis gibt, als sie
zu schreiben, und falls sie tatsächlich ihr Salz wert sind,
als Sätze, die die Menschen von der Hand in den Mund nehmen?

Von der Hand in den Mund, das Brot, das Jahrhunderte
überdauert, das dauert, wenn Regime gefallen sind,
wenn in seinem Wald aus Stacheldrahtästen
ein Gefangener in Kreisen geht und den einen Satz kaut,
dessen Musik die Blätter überdauern wird,

dessen Dampf der Marmorschweiß
auf Engelsstirnen ist, der niemals trocknen wird
bis Boreas die Pfauenlichter seines
langsamen Fächers von L.A. nach Archangelsk schließt
und das Gedächtnis nichts mehr wiederholen muss.

In göttlichem Fieber, hungrig und erschreckt,
zitterte Mandelstam, und jede Metapher
schüttelte ihn wie ein Schüttelfrost,
jeder Vokal wog schwerer als ein Grenzstein
„zum Rascheln von Rubelnoten an der zitronenen Newa“.

Doch nun ist dieses Fieber ein Feuer, dessen Schein
unsere Hände wärmt, Joseph, da wir grunzen wie Primaten,
die in der Winterhöhle einer braunen Hütte
Gutturale austauschen, während draußen im Gestöber
Mastodone ihre Systeme durch den Schnee zwängen.

 

(Forest of Europe)

Aus dem Englischen übersetzt von Johannes Beilharz. Das Original dieses Gedichts stammt aus dem Band The Star-Apple Kingdom (1979). Die Übersetzung erschien ursprünglich in Akzente, Heft 6, Dezember 1982.

Ein weiteres Gedicht von Derek Walcott in Übersetzung von Johannes Beilharz ist hier zu finden.

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