Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Die Verfertigung der Welt im Kinderauge

Eine Vorlesung in drei Kapitellen
Hamburg

Für Jürgen Jankofsky

ERSTES KAPITELL: DAS MEERSCHWEINCHEN IM KARTOFFELSALAT

a. Exile on Laucha street

Die Verfertigung der Welt im Kinderauge – als Thema und Motto einer Vorlesung, meine Damen und Herren, liebe Freunde der höheren Weihen, scheint das beinahe etwas vermessen, aber ich will seh’n, dass ich mich dem, und unter Ihren, will ich hoffen, aufmerksamen Augen und Ohren stellen kann.
So, wie ich in den neunziger Jahren ein Seiteneinsteiger in der Archäologie war, bin ich kein Verfasser von Kinderliteratur von Anfang an, vielmehr habe ich mich auf den recht verschlungenen und wieder nicht verschlungenen Wegen diesem lohnenden und weithin verkannten Metier genähert, mit Zweifeln und Schreibtischflucht, mit der Einsicht in die Notwendigkeit, dass das Kommunizieren zur rechten Zeit am günstigen Ort mir zudem, wenn man so will, als Nebenweg, die Kinderliteratur eröffnet hat, wofür ich heute dankbar bin. Und das war zugebenermaßen nicht immer so.

Ich bin gebürtiger Lyriker, müssen Sie wissen, und ich habe lange einzig nach dem Dunklen, Hohen und Erhabenen getrachtet … und es auch teilweise erreicht, ja, ja, das sage ich ganz unbescheiden und schäme mich doch ein wenig dabei. Ich bin also zunächst Lyriker; und wenn ich ein doofer Zeitgeistheini wäre, würde ich geflissentlich dazu sagen: „Und das tut mir auch leid!“ Ehrlich.

Aber dem ist nicht so: Alles würde ich noch einmal so auf mich nehmen, auch den Blödsinn, den ich gemacht habe … er hat mich gleichsam immer am Leben gehalten. So habe ich die Höhen und die Tiefen der Liebe erlebt, der Verzagtheit und der Trauer; und so bin ich irgendwie dem treu geblieben und konnte dem treu bleiben, was mich seit jeher um die Häuser treibt, die Felshöhlen auch, an die Sassen und Feuerstätten der Alten, in die Bibliotheken des Geists, auch der Euphorie zuweilen, in den Abgrund des Zweifels, auf den seltenen Parnass des gelungenen Augenblicks und so weiter. Die Albernheit nicht zu vergessen. Zorn und Verletztheit. Den Ruch der Erfüllung. Den Zwiespalt, ein Vater zu sein, was anstrengend ist, lehrreich, göttlich, und in dem man mit einem Geschenk bedacht wird, das unaufwiegbar ist: der Liebe seiner Kinder.
Ich bin also Lyriker, und das tut mir auch leid … ach, nein, das muss es ja nicht. Ich bin schon jetzt ganz durcheinander. Von der Lyrik, das wissen wir, leben wir nur in dem großen Traumland, in dem uns ein Stadion voller Zuhörer reserviert ist, die in Zwei-Stunden-Abständen hinein- und hinausgelassen werden und wo wir mit dem Signieren unserer Gedichtbände nicht hinterherkommen. Man muss sich also etwas ausdenken und doch noch etwas Vernünftiges werden, Lehrer zum Beispiel oder Kinderbuchautor. Gut und schön, werden Sie nun sagen, Lehrer werden ist etwas ganz und gar Vernünftiges, aber, mit Verlaub, Kinderbuchautor?
Ich habe ja auch gar nicht gesagt, dass ich Kinderbuchautor werden will, für immer; ab und an vielleicht, aber es muss dazwischen Pausen geben, in denen ich mich erholen kann und komplizierte Gedichte schreiben vielleicht, die Sie dann toll finden dürfen, aufregend, geheimnisvoll, anstrengend oder Kacke womöglich, sie müssen es mir nicht so genau sagen. Kinderbuchautor jedenfalls ist anstrengend, anstrengender als Lyriker sein oder Lehrer sein wollen, zumindest für mich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich dafür eigne, auch, da ich feststellen durfte, dass innerhalb des Haifischbeckens Literaturbetrieb es ein eingelassenes Haifischbecken Kinderbuchautorenverlagsconnection gibt, in dem geben sich die Weißen und die Tigerhaie die Klinke in die Hand. Man will es nicht glauben, aber es ist so und wird auch so bleiben.

Was kann man also tun, wenn man Kinderbuchautor werden will und es nicht zugeben darf, weil gleich das bierernst den Kopf wiegende Gelberg’sche Gekicher über einen kommt. Man schreibt erstmal ein paar lustige Texte, sofern man lustig kann und hofft, die Kinder mögen sie … und hofft, ein Janko käme daher, der ein Auge und ein Ohr für die Dinge hat, von denen man gar nicht weiß, dass man sie auch kann … Oder man bekommt ein paar Kinder, damit man nach dem Durcheilen des Milch-, Windel- und Breichen-Gebirges irgendwann weiß, wie Kinder reden und funktionieren. Und man hofft, es gibt irgendwann eine Gelegenheit, diese Texte auch anderen Kindern zu zeigen, sie in Anthologien gedruckt zu sehen und so fort. Man wird also, ohne dass man das will – ein Kinderbuchautor sein – ein Kinderbuchautor; und man staunt, was man alles irgendwie kann und freut sich, wenn man’s irgendwann besser kann als irgendwie, denn unsere Kinder haben etwas Besseres verdient.

Ich habe vielleicht dreißig Gedichte für Kinder geschrieben und, wenn es hochkommt, fünf Kindergeschichten. Ich kann Sie beruhigen, ich bin, noch, kein Kinderbuchautor, dafür ist es bisher zuwenig Stoff. Aber ich bin, dessen kann ich Sie versichern, ohne dass ich es gern zugebe, auf dem Weg dorthin, und einmal werde ich vor Ihnen stehen und sagen, ich sei Kinderbuchautor, und Sie vielleicht darauf hinweisen müssen, dass ich auch Lyriker sei, und ein paar Liebesgeschichten geschrieben habe, was Erotisches und was Trauriges, und Ihnen werden die Kindertexte vielleicht genügen und ich werde drauf bestehen und insistieren: „Aber ich habe auch …“ –

Ja, ich gebe es zu, ich schreibe gern weiter traurige Lyrik, und ich sammle für einen Band mit Liebesgeschichten; aber seit einigen Jahren bin ich mit Kindergedichten und Workshops an Schulen unterwegs, mit klopfendem Herzen, flatternder Hose zunächst, bis ich bemerken durfte, dass diese Art Lesungen zum Dankbarsten gehören, das einem begegnet – wenn man eigentlich ein trauriger Lyriker ist, zumal. Und als mich Jürgen Jankofsky ansprach und fragte, ob ich Schulschreiber in Laucha sein möge, sagte ich zu und es kam mir so vor, als könnte ich mir das zutrauen.
Und vielleicht, sagte der Vernunfts-Engel in mir, es könnte was dran sein an der Geschichte, mit Kindern Geschichten zu schreiben, und so wollte ich es tun und tat es, und die Resultate werden im April für Freude und Ruhm sorgen, kleinen Ruhm sicher, in meinem Skriptorium vielleicht nur, das ist besser als nix.

b. Kevin, der Kullerer

Was tun wir, bis es soweit ist? Solange erzähle ich Ihnen von meiner Schulschreiberzeit in Laucha, dem halben Jahr, in dem ich erst nicht da und dann ein aufgeregter Anreger und auch so etwas wie ein Lehrer war, ein paar Stunden die Woche, aber immerhin. Als ich zur ersten Stunde antrat, hatte ich noch die großen, erwartungsvollen Kulleraugen meiner zehn kleinen Schulschreiber samt erwartungsvoller Schuldirektorin imaginiert und nahm mir vor, mich nicht zu blamieren. Ich hatte ein Konzept in der Tasche, nach dem ich eine erste, und sichere, Stunde geben wollte.

Was Schulen betrifft, will ich Ihnen sagen: Freuen Sie sich auf das, was Sie dort erwartet … und seien Sie auf der Hut! Natürlich ging ich noch mit meinem festen Plan, ich hatte ihn mir in der Burgenlandbahn, die mich nach Laucha brachte, nochmal durch den Kopf gehen lassen; natürlich ging ich gefestigt die Treppen zum Sekretariat hinauf; aber bereits im Lehrerzimmer hatte ich eine andere Idee, und alles in meinem Kopf geriet noch einmal durcheinander. Und als ich auf der Schwelle zum Klassenzimmer stand, aus dem mich zehn aufgeregte Viertklässler ansahen, lernte ich eine in der Form mir völlig unbekannte pädagogische Methode kennen: die Schwellentaktik. Ich hatte plötzlich das Thema der Stunde im Kopf, es war ein völlig anderes als das, das ich lange vorbereitet hatte, es hieß „Das Meerschweinchen im Kartoffelsalat“ und war für meine Begriffe ein mehr als rauschender Erfolg.
In der nächsten Stunde las jedes Kind seinen Text vor. Ich war begeistert. Ich hatte neben der thematischen Vorgabe die Aufgabe als Puzzle angelegt, d. h. mit zur Hälfte von mir vorgegebenen, zur anderen Hälfte gemeinsam festgelegten Wörtern, die nicht viel miteinander zu tun hatten und allesamt im Text vorkommen mussten. Wörter wie „Bahnhof“, „Zopfhalter“ oder „Kartoffelnase“ waren dabei, und im Nachhinein staunte ich, an welcher Stelle die Kinder sie auftauchen lassen konnten. Ein gutes Beispiel ist dafür die Geschichte von Celine, einer Schülerin, die immer als Erste fertig war und ein lustig-originelles Bukett in ihren Texten bevorzugt:

Das Meerschweinchen im Kartoffelsalat

Es war einmal ein Meerschweinchen, das wohnte bei einem Jungen namens Rotznase. Das Meerschweinchen hatte schon von Geburt an einen Zopfhalter am Popo und eine Kartoffelnase im Haar. Das Meerschweinchen befreite sich aus dem Käfig, es ging in die Küche, nahm einen Löffel aus der Schublade und spielte Fußball damit. Für den Fußball hatte es eine kleine Kartoffel aus dem Kartoffelsalat genommen. Am nächsten Morgen gingen Rotznase und das Meerschweinchen zum Bahnhof – der Fußboden war erst frisch gewischt, das Meerschweinchen lief vorneweg, es rutschte aus, machte einen Looping und fiel direkt in einen Erdbeer-Shake. Das Meerschweinchen musste für eine Woche ins Krankenhaus. Es kam nach Hause und sagte: „An diesem Tag habe ich viel gelernt, eins davon ist: Geh niemals in einen Bahnhof, wenn gerade frisch gewischt ist!“

Im Text von Larissa starb das Meerschweinchen sogar, nicht aber im Kartoffelsalat, gottlob. In den Texten der Jungs kündigte sich schon kommendes Ungemach an, es ging um Coolness und Fußball; eine der Geschichte war, soweit ich mich entsinne, eine Art Komplettanweisung, wie der ortsansässige Lauchaer Verein in die Fußballgeschichte eingehen könnte. Was mich zudem faszinierte, war ein gewisser, ein burgenländischer Humor in den Geschichten, der über das Humorvolle, das Kindern zueigen ist, zugleich auch als eine Art burgenländischer Ernst gewertet werden kann. Ich war vor allem froh, dass meine fixe Idee so schnell Freunde gefunden hatte, und knetete im Kopf schon intensiv an der nächsten für die folgende Stunde herum.

Neben einigen ernsten Themen und Anregungen waren es immer wieder die heiteren, zur Phantasieanregung etwas verqueren Themen, die die Schüler beflügelten; so kam der „Tiger ohne Streifen“ gut an, die „Nacht- und Nebelgeschichten“ und die Aufgabe, einen Krimi zu schreiben: „Inspektor Lufthupe ermittelt“, ohne Blut und Tote, wenn es sich einrichten ließ. – Naja, es gab auch brenzlige Situationen und Tage, an denen die Luft raus war. Einer dieser Tage war, als ich die Star-Wars- und deutlich von der DVD, vom Fernsehen abgeschriebenen Geschichten verbot. Ein schwarzer Tag für Kevin, den Kullerer, dem auch in der Folge eine Weile nur wenig einfiel.

Aber die Geschichten von Darth Vader oder Shrek oder sonst wem aus dem visionellen Ensemble waren es nicht, die mich interessierten … „Ich will Deine Geschichte hören“, war der Slogan, das konnte – frei nach Spongebob – zwar mit „einer Menge Fantasie“ geschehen, aber es sollte, auch wenn ich eine gewisse eigene Schwäche für den gelben Quadratkopf hege, möglichst ohne den schwammigen Chaoten stattfinden, das musste ich  deutlich sagen. Ich spürte in der Sache eine Weile so etwas wie Hilflosigkeit, weil ich um das mediale Faszinosum wusste, und es mir nicht ganz leicht fiel, zu erklären, dass es uns in der Schulschreiberei nicht darum geht.

Ich will Ihnen dahingehend von Kevin, dem Kullerer, erzählen, der ein Phänomen ist und ein gutes Beispiel für die Fruchtbarkeit oder auch gelegentliche Nicht-Fruchtbarkeit dieser Arbeit. Kevin hatte den Drang, sich einmal in der Stunde auf dem Fußboden zu kullern, danach fiel ihm wieder mehr ein.
Bis zu einer gewissen Grenze ließ ich ihm das und hakte im Verbund mit der Lehrerin, die den Kurs begleitete, immer erst im Ernstfall ein. Der Ernstfall war, wenn der Tag anstrengend gewesen war, Kevin das Thema nicht gefiel oder die gegenseitige Bemühung im Übertreffen an Coolness, die in den Herzen und Köpfen von Viertklässlern ja vorkommt, sich aufgeschaukelt hatte. Andererseits stammen einige der schönsten Geschichten von Kevin, und gerade im Angesicht der Abschlussveranstaltung  im Dezember war ihm eine deutliche Begeisterung zueigen, die sich im zusätzlichen Lernen eines Gedichts sowie im guten Vortrag seines im Naumburger Dom spielenden Krimis äußerte. Vielleicht, so fiel es mir ein, sollte man den Kindern einmal in der Stunde erlauben, sich über den Boden zu kullern: ein Effekt, der sich mit dem Eintreten der wirklichen Coolness im Sekundaralter sicher verwächst. Bei Kevin, so scheint es mir, hat es in den Stunden von Zeit zu Zeit gewirkt.
 

c. Geschichten aus der Schulschreiberei

Insgesamt sind etwa 200 Geschichten entstanden: Puzzletexte, Siebensätzegeschichten, in denen man sich kurz zu fassen hatte; immer wieder flankiert von kreativen Übungen, zur Anregung von Kopf und Solarplexus gedacht: Gedichte als Lückentexte, die anhand der Ideen der Schüler durchaus ein Eigenleben entwickeln konnten, die Arbeit mit Akro- und Mesostichen, ein etwas missglücktes freies Thema wie auch ein verhaltener Versuch, einen Tag König von Laucha zu sein.

Es wurde eine kleine Kapiteldramaturgie für das gemeinsame Buch entwickelt sowie ein Konzept für die Schulschreiberlesung erarbeitet. Einmal wurde sogar über den Weltuntergang philosophiert. Natürlich wurde er vom Basiscamp Laucha aus verhindert und ging halbwegs glimpflich ab, möglicherweise auch dank des Blut- und Blutwurst-Verbots, das ich aufrechterhielt. Apropos: Ich hatte im Angesicht dieses Gebots viel über das Problem der zunehmenden Zerstreutheit und der wachsenden Befangenheit durch die Macht der Medien nachzudenken – die Dinge, die uns gerade noch wie eine Zauberei anmuteten, wie sie ganz selbstverständlich in den Köpfen der Nachfolgenden Einzug halten, der Normalfall sind. Einerseits, denke ich, soll man froh darüber sein, dass es solche Möglichkeit der Lebenserleichterung gibt, aber man kann und darf nicht übersehen, dass darin ein Verrohungs- und Verblödungskeim liegt. Bei aller Liebe für die anarchische Dingelhopperei eines Spongebob gab mir das zu denken und forderte mich im Verbund mit den Lehrerinnen, die mich unterstützten, nicht wenig heraus. Ich war mir dieses Phänomens zuvor so nicht bewusst.

Die Schulschreiberprojekte gibt es in Sachsen-Anhalt seit vier Jahren, und in der Wahrnehmung einer möglichen kreativen Arbeit mit Schülern haben sie inzwischen wenigstens mitteldeutschlandweit Aufsehen erregt. „Plötzlich fiel meine Nachbarin vom Stuhl“, das Magdeburger Schulschreiberbuch, das unter der sachdienlichen Anleitung von Ludwig Schumann entstand, durfte im Dezember letzten Jahres sogar eine der Auszeichnungen beim landeseigenen Jugendkulturpreis entgegennehmen. Stellen Sie die leuchtenden Augen der Kids vor, wenn sie erfahren, dass sie nicht nur an einem Buch mitarbeiten können, sondern für ihre Texte mit einem Preis ausgezeichnet werden! Inzwischen regt sich in Thüringen und Sachsen Interesse für ähnliche Projekte, und man möchte darauf gespannt sein dürfen.

Organisiert werden die, wenn man so will, Schulschreiberstellen durch den Friedrich-Bödecker-Kreis des Landes Sachsen-Anhalt, der sich um die Leseförderung, um die Schreibende-Schüler-Förderung und Nachwuchsbetreuung kümmert und dabei ein lückenloses Fördernetz vom Grundschüler bis zum Jungschriftsteller aufgebaut hat. In Sachsen-Anhalt, und das ist im Bundesvergleich der Bödeckerkreise recht einzigartig, hat der Verein nach der Abwicklung des letzten Literaturbüros im Land 2004 eine Reihe von Landesaufgaben übernommen, in Außenbetreuung bekommen. So realisiert er etwa eine Begegnungsreihe mit gestandenen und jungen Autoren, hat wichtige organisierende und beratende Funktion bei der Ausrichtung der Landesliteraturtage und gibt vor allem auch die einzige Literaturzeitschrift des Landes, „Ort der Augen“, heraus, die Drähte in zehn Länder geknüpft hat, im Kontakt mit der Welt ist.

Dass ich einmal Schulschreiber sein würde, konnte ich mir erst vorstellen, als ich gefragt wurde, ob ich es mir vorstellen könnte. Gleichwohl ich am Beginn der Amtszeit auf Schriftstellerweise etwas „gehandicapt“ war, ich hatte ein dreimonatiges Stipendium im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf anzutreten zunächst, bin ich heute froh, die Sache in Angriff  genommen zu haben … und erleichtert, dass alles gutgegangen ist. Bei Lehrern und Kindern weiß man ja nie. Und bei Schriftstellern erst.

Die schönsten Geschichten, das möchte ich Ihnen in diesem intimen Kreis verraten und Sie dringend bitten, dass das auch ja unter uns bleibt, da ich nicht weiß, ob es für mich spricht oder nicht doch eher dagegen … die schönsten Geschichten sind diejenigen, die die Kinder nach einer aufregenden Sitzung zum Tiger ohne Streifen oder zur Giraffe, die Husten hat, beim nächsten Mal von zu Hause mitbrachten und deren Thema weder in meiner Planung noch auf der Schwelle zum Klassenraum verzeichnet sind. Die wohl anrührendste stammt von Johann, der ein mehr und mehr schönes Timbre zwischen jungmännlicher Coolheit und kreativer Aufgewecktness zeigte und sich Stück für Stück zu einigen der interessantesten Texte des Kurses aufrappelte. Alles Weitere, wenn Sie mögen, finden Sie in dem Buch, das im April im Mitteldeutschen Verlag erscheint, die kleinen und der große Schulschreiber würden sich freuen.

Der Zauberring

Eines Tages ging Lina von der Schule nach Hause. Lina war fast immer sehr traurig, denn sie hatte keine Freunde. Doch heute sollte das sich ändern. Sie ging gerade an einer Hecke vorbei, da sah sie an einem Zweig einen Ring und an einem anderen einen Zettel. Sie dachte: „Das geht mich nichts an.“ Doch war sie zu neugierig und las den Zettel. Auf ihm stand: „Wer diesen Ring findet, kann sich wünschen, was sein Herz begehrt.“ Lina dachte: „Nein, nein, ich lass das mal lieber.“ Aber dann las sie den Zettel noch einmal. Sie nahm den Ring mit. Zu Hause angekommen, aß Lina schnell und lief danach in ihr Zimmer. Als sie dort ankam, dachte sie nach; dann legte sie sich den Ring um. Auf dem Ring war ein Edelstein, der Stein begann zu leuchten. Dann sprach sie ihren einzigen Wunsch aus. Ihr Wunsch war, einen guten Freund zu haben. Und wirklich, am nächsten Morgen war ein Neuer da. Alle hänselten ihn, genau wie sie Lina hänselten. Dann auf der Hofpause lernten sie sich kennen. Lina fragte ihn, wie er heißt. Er sagte: „Ich heiße Timo. Und du?“ – „Ich heiße Lina.“ Nach der Schule ging Lina fröhlich nach Hause und erzählte ihrer Mama, was sie für einen schönen Schultag hatte.

 

ZWEITES KAPITELL: KEIN MAMMUT MEHR DA

a. Wo der Bartel den Most holt

Die Faszination, meine Damen und Herren, für die Schönheit des Vergänglichen hält uns am Leben. Setzt diese Verlockung aus, sind wir verloren und nur noch das graue Maché, die Pappkameraden, der Unschlitt unserer selbst. Ich habe meinen ungeraden Weg als Autor in völliger Blindnis begonnen: angeekelt noch vom Gedichte-auswendig-lernen-Zwang in der Schule und doch bereits nach einem Ventil für meine Wut, meine Trauer suchend, geschah mir die Lyrik, hölzern und holpernd zunächst, aber doch schon aus Liebeskummer, was für die traurige Karriere eines Gedichtproduzenten als ein gutes Zeichen gewertet werden darf. Der Grund dieses Liebeskummers hieß Annette, die ich aufgrund meiner frühmännlichen Dusseligkeit nicht einfach in den Arm nahm, denn sie wollte mich … aber sie sagte es nicht.

Ich für meinen Teil war schon damals so schüchtern, wie Sie mich hier vor sich sehen; und als ich wenig später, in der Lehrzeit, ein anderes Mädchen schwängerte, war, das sei Ihnen versichert und bleibt unter uns, auch Bedauern dabei über den Verlust von Annette, die dann jemand woanders schwängerte, vielleicht in dem Augenblick meines Bedauerns womöglich. – Ich habe, wofür ich Sie um Verständnis bitte, diese frühen Ergüsse … also, meine frühen Texte meine ich jetzt … wenn nicht vernichtet, so doch versteckt, und ich kann Ihnen sagen, das ist auch gut so, vielleicht würde ich sie heute vernichten. Es sollte noch etwa zwei Jahre dauern, bis ein Text entstand, der bis heute Bestand hat … womit ich nicht gesagt haben will, dass ich ihn noch heute verstehe. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meinem ersten Band:

beschwerte leidschaft

ich war gewillt den vögeln
auf den grund zu gehen
nachzufliegen nachzufragen
der gemeinen dinge
räume in aufeinanderfolge traurig
ruhnder balkan jede rast das buch
zu zücken was euch hält am wegstück
nachzufragen hauch von ahnen
die zerfallenen brüste
trockenen schnäbel bis zum schluß
der reise

dort am innenraum bemalten
keinen lustfron findend
kalte striche wiederum notiert
zur fühlung eingegeben
von den allerältesten der ziehnden

so beschwert mich leidwort
brach ich auf doch brachen erst die finger
aus dem leib was überzählig
schwang ich mich auf jetzt bin ich
letztlich selber vogel

Dieses Gedicht entstand 1989 oder 1990, es erschien 1994, und es redet vielleicht über meinen geplatzten Traum, Ornithologe zu werden, oder vielmehr über den geplatzteren Traum, den Menschen, indem man sich verwandelt, entfliehen zu können. Karl Mickel, ein wichtiger Autor der Sächsischen Schule, sagt: „Die Wirklichweisen / Wenn die was sagen, sagen die: Naja“ – dieses Naja ist es, das ich einem Teil meiner frühen Arbeit, die, wie wir sehen, mit meinen Kindertexten nichts zu tun hat, sondern ausschließlich mit mir … was ich meiner frühen Arbeit entgegenhalte. Andere sehen das anders, meine vierzehn wirklichen Leser vielleicht, und der eine oder andre halbwirkliche auch. Das will ich nicht kommentieren. Was ich sehe, ist nun ein Weg von etwa zwanzig Jahren, eine Zahl, die mich ein wenig erschreckt, ähnlich wie die Tatsache, dass meine winzigen Töchter, die ich geradeso aus den Windeln geholt habe, gleich elf Jahre alt sind und ihrem werten Herrn einmal auf den sich lichtenden Kopf gucken werden. Ja, mit der Lyrik und den Zumutungen der Welt, werden das Haar kleiner, die Augenringe größer und die Mappen dicker, das ist wohl so. Apropos Mappen: Bis zu meinem ersten Text für Kinder schrieb ich insgesamt 600 Gedichte und bot sie zum wachsenden Leidwesen meiner Verleger auch zum Druck an.

Ich will zudem nicht verhehlen, dass ich gewillt war, etwas Ordentliches zu werden und bin so nach- und miteinander Rinderzüchter, Germanist und Archäologe geworden – aber es war nix zu machen, es ging auf die Schriftstellerei hinaus. Ich versuche das mittlerweile gelassen zu sehen, was in der Gegenwart der allgemeinen Bedoofeimerung nicht leicht ist … und mich an die einzige Strategie zu halten, um selbst nicht doch noch als Doofeimer zu enden: Wacker bleiben.

b. Umwege zur Kinderliteratur

Ich möchte das vorsorglich beschwören, dass ich das so nicht gewollt hatte mit dem Umweg zur Kinderliteratur. Zugegeben, meine Gedichte änderten, öffneten sich aus den schwarzen Hallräumen heraus, entdeckten schließlich sogar das Licht als Metapher – aber an Kindergedichte war vorerst nicht zu denken.
Es fing an in dem Moment, da ich registrierte, wie meine knapp zweijährigen Töchter mit mir kommunizierten. Ich hatte zuvor zwar einige hirnlose Wiegenlieder versucht zu schreiben, es aber wieder und wieder aufgeben müssen, erschreckt von dem Stuss, den ich dabei produzierte. Ich glaube, die Liebe und das Glück zeitigen auch bestimmte Formen der Dummheit, von denen man sich erstmal erholen, mit denen man erstmal umzugehen lernen muss. Dann plötzlich, zwischen Mittagsbrei und Windelwechsel, war es da und schlich mir um den Kopf. Es hatte mit vollen Hosen und dem Wunsch nach höherem Gesang nichts zu tun und ging wie folgt:

Aus dem Nilpferd-Revier

Ein Nilpferd ist ein dickes Biest,
Und zwei sind: dicke Tiere;
Und wenn du sie von hinten siehst,
Denkst du, es sind wohl viere.

Sie gleichen sich wie’s Ei dem Ei,
Und zwei sind in der Mitte –
Sechs Nilpferdbäuche gehn vorbei:
Es hallen dumpf die Schritte.

Und wenn du sie von hinten siehst,
Sei froh und jubiliere,
Weil Nilpferdzorn gefährlich ist
Für kleine Menschentiere. –

Bumm, da war es passiert. Ich hatte die Sache im Kopf, noch die Windel in der Hand, und musste sie aufschreiben. Danach schämte ich mich und versteckte die Nilpferderei für ganze fünf Jahre, bis 2006. Ich gebe zu, mein erstes Kindergedicht war mir furchtbar peinlich. Ich hatte für etwa zehn Jahre schon dem Reim abgeschworen, aus leidlicher Erfahrung, meine frühen Liebeskummergedichte waren sämtlich gereimt und hoppelten schrecklich in ihren Verstecken umher.
Zugleich aber spürte ich, wie sich mein Blick auf das Gedicht änderte bzw. schon verändert hatte. Wie eine Idee in der Welt ist, die nach der ersten Scheiterung in der Versenkung verschwindet, schlich sich der Reim in die dunkle, erhabene Welt meiner Trauer ein und kiekste und nölte, und verunsicherte mich und reimte sich. Ich bin ihn seither nicht mehr losgeworden … und ich muss gestehen, dass es einen Punkt gab, ab dem der Reim mich wieder faszinierte, indem er wenigstens eine Verdopplung meiner ausdrückerischen Möglichkeiten bedeutet.

Man kann ihn im Lakonischen, im Heiteren (ein Wort, für das ich in Bezug auf die Lyrik vor mir selbst gestorben wäre) und im Ernsten gebrauchen – er ist zuverlässig, wenn man ihn beherrscht. Heute glaube ich, sein Gebrauch fällt mit dem zeitgleichen Beginn meiner Nachdichtungsarbeit zusammen, in der ich gezwungen war, einem Text sein Gewand, das er im Original hatte, wiederzugeben, was wiederum mich um einige Wochen Schlaf brachte, sich aber lohnte. Und: sich in die Welt meiner Erwachsenen-Gedichte einschlich und sich dort einnistete, sein metrisches Unwesen trieb, kichernd an der Verknüpfung der Metiers arbeitete und sich nicht beirren ließ. Zwischen den Elogen und Episteln, den Nachtgesängen und Erhabenheiten fand sich nun plötzlich allerlei Skurriles wieder, das man im ernsten „postmodernen“ Ton gar nicht hätte ausdrücken können, und von dem ich froh bin, dass es nun da ist. Eine Reihe Ostseegedichte wäre so nicht entstanden, oder „Aquarium“ … oder das alberne „Binturong“, das mit „Pogeruch“ und Abschweifungen über die Liebesunlust einer Schleichkatze sinniert und nur deshalb nicht für Kinder geeignet ist, vom Ton her wäre es das schon. Und auch den Pogeruch hätten mir die Kinder, anders als Hans-Joachim Gelberg, nachgesehen, aber das soll nun – noch nicht ganz – Gegenstand der Erörterung sein.

Was ich eigentlich sagen wollte: Seit jenem Nilpferdgedicht ist mir das Schreiben für Kinder immer wieder begegnet, leichthin zuweilen, öfter jedoch schwierig – anders als Erwachsene sind Kinder reißwölfische Kritiker und in ihrer Welt so ausgebufft, dass man als Erwachsener dort nicht viel zu melden hat, was die Sache erschwert. Wenn ich die Geschwindigkeit meines Schreibens für Kinder betrachte, sollte und dürfte es einen gesammelten Band mit einschlägigen Gedichten vielleicht 2017 geben, einen Band mit Kindergeschichten frühestens 2023. Oder ein Jahr später.
Was mir wichtiger erscheint, ist der Fakt, dass es mir überhaupt möglich ist, für Kinder zu schreiben, das sollte schon mehr sein, als zu träumen gewagt war, und es erfüllt mich, seitdem ich es zulasse, mit einer Art dankbarer Ruhe.

Die Augen, die Alter

Das Erstaunlichste ist, seine Kinder zu lieben,
Ehe sie da sind; und genervt sein
Von der eigenen Liebe, weil sie anders
Vorausgesagt war. Dieses Leuchten
Der Lichtmeteore – jenes unverlöschliche Blau,
Welches umkippt in Blaugrau, mit
Dem Facett-Glanz zerstückter Pretiosen.
Nach der Geburt – diese schielenden
Hälftchen, unter dem Knautschlack der
Lider ins Kleine gezeichnet: die Augäpfel
Der Mutter. In fünfzehn Jahren werden
Diese Augen Männer verspeisen, und mir
Bleibt nichts weiter zu tun als ein
Nörgelnder Alter zu sein. Gottlob – älter
Dann, womöglich, als es mein werter
Herr Vater je war. Schwarz löst sich
Vom Rücken der Zeit endlich der Schatten,
Ein bärtiger Mann, der meine Züge,
Zwanzig Jahre zuvor, unglücklich trug.

c. Die Gelberg-Ereiferung

Wenn es nun mal so langsam vorwärtsgeht  mit der Kinderbuchautorenwerderei, meine Damen und Herren, muss man sich in der Zwischenzeit wohl oder übel mit etwas anderem beschäftigen … der Verfertigung komplizierter Essayistik, die einem schwer im Magen liegt und auf das Geschwür drückt, mit der Herstellung von Vorlesungen gar, von verquasten Gedichte oder, auch gut, traurigen Liebesangelegenheiten, im Leben wie der Kunst. Nein, aber dem Autor bleibt nix als zu schreiben, die Aquarien der Seele zu putzen und sein Schicksal zu beklagen; oder, anders: zu Texten verdammt sein und letztlich, das lehrt uns die Zeit im Heuschreckendoppeljahrhundert, das uns umgibt, ihren Verkauf auch noch bewachen zu müssen.

Eine andere schöne Beschäftigung für einen Schriftsteller ist es, sich ein bisschen zu zanken. Schriftsteller sind darin gut, sie haben ein natürliches Eitelkeits- und Rumzick-Gen, das hat wohl mit der Zumutung ihres Berufs zu tun. Bis ich zum Redaktionsleiter einer Zeitschrift wurde, wusste ich darüber nicht mehr als nötig, auch nicht darüber, dass der Stiefel, den ich seit meinem Coming-out als Schreiber gefahren hatte, bei weitem nicht nur existenzielle Beweggründe hatte, sondern auch Eitelkeit, Zimtzickentum und Stuten- (im meinem Fall Hengst-)Bissigkeit beinhaltete. Naja, das ist nicht ganz neu auf der Welt, dass Künstler schwierig sind, so wie Schwiegermütter und Vorgesetzte auch; aber seit ich beide Seiten kannte, war ich ein wenig schlauer, weil mit den Nöten eines Redakteurs vertraut, der neben einigen Perlen immer auch einen Haufen Mist auf den Schreibtisch geschickt und gemailt bekommt.
Es ist schizophren: Was mich als Redakteur zunehmend milder stimmt, mit der Eitelkeit, der Verletzlichkeit von Schriftstellern umzugehen, beherrsche ich das im Angesicht meiner eigenen verschickten Texte nach wie vor nicht; während ich Ablehnungen täglich aussprechen muss, trifft mich die Ablehnung meiner kleinen Heiligtümer bis heute, als hätte ich nie in der Redakteursklemme gesteckt.
Einer wie der andere ein großer Dichter auf Erden, und sei er die traurigste Wurst unter der Sonne … also auch ich? Nein, aber ich weiß, dass ich im Fall der Zurückweisung bitter und sackwalzig sein kann, und ich probiere den Effekt dieses Phänomens, wenn es eintritt, immer und immer mal wieder aus. Besonders scharfkantig werde ich, wenn ich irgendwo zur Mitarbeit eingeladen – und dann abgelehnt werde. Dass man sich über die Qualitäten oder nicht Nicht-Qualitäten eines Autors im Zeitalter der fortgeschrittenen Verkabelung nicht vorher informieren kann, was Unannehmlichkeiten beiderseits und Missverständnisse vermeiden helfen kann, ist mir unbegreiflich. Aber von vorn: Ich hatte eine Einladung von Hans-Joachim Gelberg im Briefkasten, eine neue Anthologie Gedichte für Kinder betreffend, freute mich, zögerte aber und schickte schließlich doch eine Auswahl Kindergedichte hin. Diese wurden abgelehnt … und ich möchte Ihnen die Begründung gleich mitliefern: weil sie sich reimen. Für einen wirren Moment schaute mich die Welt wie die Mumie ihrer selbst an, und ich verstand für einige Sekunden ihren post-ramessidischen Lauf nicht. Eigentlich gewarnt durch die eigene Redaktions-Arbeit, nahm ich mir vor, darauf nicht zu antworten und es gelassen zu sehen, aber, das können Sie sich vielleicht denken, ich hatte den Brief schon angefangen, und was man angefangen hat, sagt ein altes Tempelschreiberwort, das soll man auch zu Ende bringen. Ich schrieb an Herrn Gelberg und drückte mein Befremden aus.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Hans-Joachim Gelberg ist einer der bedeutendsten Editoren, was Kinderbücher betrifft, das nach ihm benannte Programm im Verlag Beltz & Gelberg ist Legende, es enthält die Bücher so berühmter und wichtiger (was nicht das Gleiche ist) Autoren wie Gudrun Pausewang und Peter Härtling. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Mangel an Demut, ja ein bisschen Größenwahn war, dass ich ihm schrieb … oder nur die Enttäuschung, in seine Anthologie wohl nicht hineinzugehören. Ich antwortete also und erklärte, dass ich sehr wohl weiß, dass der Reim eine leichte Beute für Kinder ist, weniger für den Verfasser desselben, und dass ich mir aber sehr wohl der Herausforderung und des Anspruchs bewusst sei und der sprichwörtlichen Latte, die große Reimer wie Busch oder Ringelnatz aufgelegt hatten. Leider nützte es nichts, ich konnte argumentieren und schicken, wie und was ich wollte, das Kind meiner Hoffnung war bereits im Gelberg’schen Brunnen.

Am Ende verlegte ich mich sogar aufs E-Mail-Schreiben, weil ich wusste, dass dies Herrn Gelberg alles andere als gefiel – sich mit dem digitalen Geklimper befassen. Sie haben recht, das macht man nicht, einen verdienstvollen Mann ärgern. Ich wollte allerdings als verdienstarmer Mann, wenn Sie erlauben, auch nicht geärgert sein und habe meine Arbeit verteidigt. Der Redakteur in mir sagt: Jeder nach seiner Fasson … und so wird wohl die neue Anthologie im Gelberg-Programm, von der ich fürchte, sie ist weniger für die Kinder als vielmehr für Erwachsene bestimmt, die meinen, sie wüssten, was für die Kinder gut ist, ganz ordentlich ohne mich auskommen.
Ich kann Ihnen nur sagen, lassen Sie sich am besten weder mit Schriftstellern noch mit Redakteuren oder Herausgebern ein. Es wird Ihr Schaden nicht sein. Ihr Nutzen zwar auch nicht, aber naja. Was die Gelberg’schen Selbstereiferungen betraf, so verzichtete ich auf die Teilhabe an der Anthologie, ohne je in sie aufgenommen zu sein, und hatte so früher oder später meinen gewiss vorübergehenden Frieden. Vielleicht wird es eine Zeit geben, in der ich auf solche Formen der Nichtverständigung mit einem Gedicht antworten kann und das Lachen auf meiner Seite habe, etwa so:

Faultierlied

Das Faultier hängt an seinem Baume
Wie eine alte Eierpflaume
Und denkt sich: So, wie ich hier hänge,
So selten wach und ohne Zwänge,
Arglist, Zorn und Schererein:
Da kann ich nur ein Faultier sein.

Was ich lernen will und worum es mir geht auf meinem sicher langwierigen Weg zum Kinderbuchautor, der zu werden ich bestimmt noch eine Weile in Zweifel ziehe, ist, dass es mir vorerst genügen soll, in die lachenden Gesichter von Grundschülern zu schauen und zu sehen, dass sie etwas Spaß am Wortspiel entwickeln, und dass es mir für dieses Metier genügen möchte, dass Kinder, und freiwillig, wie es in Wittenberg geschah, die Kinderverse auswendig lernen und zeichnen dazu.

Vielleicht, und das sehe ich mittlerweile anders als was ich mir von meinen ‚hohen’, ‚ernsten’ Texten erhoffe, ist es der größere Lohn, mit einer Wortakrobatesse meines Gedichtes einen kleinen Saisonhit in Laucha gehabt zu haben, dass man anlässlich einer Lesung in Laucha mit einem hundertstimmigen „Wolkenzirkus-Knatterhose“-Chor begrüßt wird und weiß, was man zu lesen hat. Möglich, dass das mein kleiner Beitrag zur Verfertigung der Welt im Kinderauge sein kann, um Phantasie zu erregen und Freude am Wort. Ich glaube, dass die Kinder selbst eine ganze Welt in sich tragen, jedes für sich, für ihre Entdeckung ist oft nur ein Anstoß nötig. Dieser Anstoß ist die einzige Handhabe, die wir als, ach vernünftige, Erwachsene haben.

 

DRITTEL KAPITELL: MARABU UND TRÖPFELQUALB

a. Wolkenzirkus Knatterhose

Ich kann Ihnen nun, liebe Freunde der höheren Weihen, das „Wolkenzirkus“-Gedicht nicht ersparen, nicht nur, weil ich hoffe, dass es an dieser Stelle meine Ausführungen schmückt, sondern weil ich nicht zu meinen letzten beiden Werkstätten nach Laucha fahren kann und einem meiner Schulschreiber, Erik, erklären muss, dass wir zwar über Laucha und unsere Arbeit gesprochen haben, nicht aber über jenes Gedicht, dessen pure Nennung bei ihm einen dieser, so ernst und heiter zugleich gemeinten, Viertklässler-Augenrollseufzer entlockt: „Wolkenzirkus Knatterhose!“: 

Im Wolkenzirkus Knatterhose
Da fliegt die lose Flatterhose.
Zwölf Lichter flirrn ums Zirkuszelt,
Es zählt bis zehn der Zirkusheld.
Drometiere, Trampelmele
Blöken aus betrunkner Kehle.

Der Affe krietscht und kreischt wie toll,
Der Clown macht sich die Jacke voll.
Der Tiger faucht den Wärter an,
Im Käfig pupt der Pavian.
Und in der Zirkuskuppel drin,
Da schwebt die Wolkentänzerin.

So geht’s im Hause Knatterhos’
Bunt zu, laut und riesengroß.
Die Elefantentanten tröten,
Dem Magier geht’s Kaninchen flöten.
Der Feuerschlucker niest, es kracht,
Das Publikum genießt und lacht.

Der Löwe brüllt, die Taube kackt,
Der Mandrill ist am Hintern nackt.
Die Pferde drehn beim Laufen durch,
Der Leopard quakt wie ein Lurch.
Die Artistenschar hopst, tiriliert,
Die Zirkus-Omi schnieft gerührt.

Das Zirkusklo ist, klar, verstopft,
Und alles teilt sich einen Topf.
Der Zirkuschef Karl Knatterhose
Verkauft ein Kilo Wolkenlose.
Wer weiß, vielleicht gewinnt man nie
In der Wolkenlotterie ...

Am Abend schließt das Flatterhaus
Mit Dschingdibumm, das Licht geht aus.
Das Zebra singt ein Abendlied,
Die Zebrafrau zeigt ihm ‘nen Piep.
Das Warzenschwein zieht’s Nachthemd an
Und rollt zum Schlafen sich zusamm’.

Es singt im Wind die Flatterhose
Im Wolkenzirkus Knatterhose.
Der Kinderpulk geht froh nach Haus,
Es streckt sich die Manegenmaus.
Der Opa schließt die Haustür zu
Und bringt die Kinder bald zur Ruh’.

Die Eule ruft, die Hörnchen knabbern,
Die Kids hört man noch lange plappern.
Sie flüstern, was nicht leicht gelingt,
Vom: Wolkentierschau-Riesending! –
Was Spaß macht, soll man öfter tun,
Drum träumen wir vom Zirkus nun.

Es ist dies, meine Damen und Herren, sicherlich kein Gedicht, das die Welt retten wird, aber das ist nicht beabsichtigt, und wenn es beabsichtigt wäre: auch das wissen wir längst, dass ein Gedicht noch nie dazu geeignet war, die Welt zu retten, und das wird es auch künftig nicht sein. Aber wenn es auch nur für einen Tag die Laune von Erik, Pia, Celine, Celina, Martin, Marvin, Lisa, Kevin, Johann, Larissa gerettet hat, will ich es vorerst zufrieden sein und keine Anklage erheben.

Entstanden ist dieses Gedicht, was man ihm nicht ansieht, aus Angst. Meine Töchter Laura und Janina waren im Winter vor etwa zwei Jahren an ihrer Schule in ein Zirkus-Projekt verwickelt; und der Höhepunkt dieses Unterfangens war eine Vorstellung für alle Familien, samt Fototermin mit Artisten, Hunden und Tauben. Sie finden sie, als Elefanten, Paviane und Zirkusdirektoren verkleidet, in diesem Gedicht wieder. Und der Höhepunkt des Höhepunkts war, als meine Zweitgeborene in der Kuppelnummer in die Spitze der Zeltpyramide schwebte und ernsthaft und beseelt zugleich mit einer Freundin ein paar, meines Erachtens halsbrecherische, Übungen machte.

Ich bin ein zartsinniger und höhenängstlicher Mensch, müssen Sie wissen, und seitdem ich weiß, dass meine löwengeborenen Töchter schwindelfrei und furchtlos sind, ist es mit der Ruhe in meinem Leben einigermaßen vorbei. In dem Moment, als meine Tochter in der Kuppel schwebte und ich zerknittert und besorgt auf meinem Stuhl hockte, tobte das Zelt wie entfesselt, und die Augen der anderen Kinder glänzten wie bei einem schönen Gedicht, und natürlich ging alles gut.
Dieser, für mich, zwiespältige Moment war zugleich die Sekunde, da mir der Anfang meines Gedichtes einfiel. Ich trug seinen Keim noch ein paar Tage bei mir, dann setzte ich mich, es war gar kein fröhlicher Tag, hin und schrieb es in drei Minuten herunter. In meinem Hang zur Wortspielerei wurde aus der Knatterhose eine Flatterhose, in der man seine Wolkenlose unterbringen konnte. „Wer weiß, vielleicht gewinnt man nie / In der Wolkenlotterie …“ Wenn Sie wollen, steckt in diesem Gedicht ein Ringelnatz’scher Ernst und eine Ringelnatz’sche Albernheit zur gleichen Zeit: indem es sich den Freuden der Begeisterung hingibt, feixend und buchstabenverliebt, und aber auch die Tatsache nicht außer Acht lässt, dass es noch etwas anderes gibt als Hanna Montana oder Zach und Cody … oder Dieters vorzeitig verglühte Popsternchen … etwas, zu dem man noch hingehen kann, auf den eigenen Füßen, und Spaß haben an den Möglichkeiten, die im digitalen Zeitalter nicht abgeschafft sind; von den begreifbaren Dingen, die nicht wie ein aufgeblasenes Brötchen im Supermarkt unsres Hirns ruh’n.

Vielleicht ist es ja doch ein Erkenntnisgedicht, dieses „Wolkenzirkus Knatterhose“, und ich weiß nur, als Erwachsener, der ich ja nunmal sein muss, nicht allzu viel darüber. Ich werde das bei meinen Kindern mal eruieren müssen …

b. Kinderlyrik – ein Ort für die Ohren

Nachdem wir nun darüber gesprochen haben, wie nahe Furcht und Freude beieinander liegen können, will ich mich langsam auf den Abschwung vorbereiten, den so eine Vorlesung ja haben muss, wenn sie nicht noch eine Pointe findet.
Was mir auffiel, ist, dass Lyrik für Kinder ein Ort für die Ohren ist, tatsächlich, denn es lässt sich selten so spielen in unserer Zeit wie in einem Gedicht, das der Phantasie-Erregung dienlich sein soll und in dem das Verqueren und Verquirlen von Worten und Sinn noch erlaubt ist. In meinen Schullesungen mache ich mir zuweilen einen Spaß daraus, danach zu fragen, wer denn heute die großen Ohren zum Zuhören mithat, und Sie werden vielleicht nicht glauben, dass bis zur Klassenstufe sechs jeder seine großen Ohren dabei hat, von der Standardausführung bis zur fünften Turbostufe, die ich immer dann, wenn doch einmal die Konzentration verloren geht, nachjustieren lasse, damit man jedes Wortspiel später ggf. noch auf der Festplatte hat.

Im letzten Herbst z. B. stand ich vor dem Problem, in Zerbst vor einer siebten Klasse zu lesen, was etwas Bauchweh bedeutete für mich. Naja, es ist so, dass ein Siebtklässler seine Begeisterung aus Coolnessgründen nicht mehr zeigt, aber die Lehrerinnen kamen nach der Veranstaltung zu mir: „Das würden die nie zugeben, dass es ihnen gefallen hat, aber da seien Sie mal ganz beruhigt.“ Ich hatte Kindertexte und auch einige Texte für Erwachsene gelesen und über die Liebe geredet, und den Rest habe ich vergessen, weil die Stunde so schnell vorbei war. In der fünften Klasse im Anschluss wollte man nicht über die Liebe reden, aber einige der Tiergedichte musste ich zweimal lesen, sie hatten für einige Heiterkeit gesorgt und offenbar war es die richtige Turbostufe, auf die die Ohren von Fünftklässlern noch gedimmt sind.

Im Erwachsenenbereich, wo der Reim und der Spaß, ich nehme mich davon nicht aus, lange verpönt war, gewöhnt man sich langsam wieder daran, dass es auch das eine oder andere Alberne gibt, das noch nicht aus dem Brunnen gehoben ist, und ich selbst habe die Überschneidungen zwischen dem E- und dem U-Gedicht in meiner Arbeit längst bemerkt und habe das auch, wie es sich für einen anständigen Lyriker gehört, lange genug im Dunkel gehalten. Ich sprach ja vorhin von einer Erweiterung der Blicke durch die Reaktivierung des Reims in der Arbeit, und so ist er mir, ernst oder heiter verwendet, wieder vertraut. Als eines der ernsten Beispiele soll das Gedicht „Sonar“ herhalten, es war ursprünglich als Zyklus geplant, bis ich bemerkte, dass in den vier Strophen, die nun davon übrig sind, alles gesagt ist. Die Leichtigkeit, mit der dieses Gedicht daherkommt, wird Ihnen auffallen, und ich kann sagen, dass sie aus meiner Beschäftigung mit dem Reim durch die Kindertexte und die Nachdichtungen herrührt; wenn Sie es sich genau anhören, werden Sie womöglich bemerken, dass es eine eigenartige und bedrohliche Balance zwischen Liebe und Stalking hält, die alles andere als leichtherzig ist, das Drohende ist durch das Metrum getarnt:

Ich suche dich, ich hab dir längst verziehen,
Ich witter dich, ich hab dich fast;
Du brauchst nun nicht mehr vor mir fliehen –
Ich spüre dich: dein Herzblut rast.

Ich orte dich, ich kann dich immer finden,
Ich sehe, fühle, hör dich gut;
Du kannst vor mir nicht mehr verschwinden:
Ich bin dir auf der Spur, sei auf der Hut.

Ich sehe dich auf jeder Lichtung,
Du tarnst dich falb in jedem Rindenloch;
Ich folge dir in jede Richtung:
Du siehst dich vor, ich seh dich doch.

Ich fasse dich, ich schau dir in die Karten,
Du weißt es, du entkommst mir nicht;
Du wirst mich bald nicht mehr verraten –
Ich spüre, rieche, atme dich.

Sie sehen, meine Damen und Herren, auch die Erwachsenengedichte, wenn man ihnen traut, sind Ohrenorte – wir sind allerdings noch viel weniger bereit als die Kinder, an den Turboeinstellungen für das, was wir hören sollen, etwas zu ändern. Daher kommt vielleicht auch, dass eine hoch verdichtete Kunst wie die Lyrik weniger Leser hat als sie an Verfassern bietet, ich weiß es nicht. Sollte es uns nicht gelingen, in den Kindern wieder einen Ort der Ohren zu installieren, könnte es sein, dass diese Künste, der Reim und das Spiel, das Kindergedicht und die Geschichte irgendwann in Vergessenheit geraten; und da Sie gewillt sind, die gute Botschaft von der Kreativität und vom Spaß auch jenseits genormter elektronischer Spielkästchen unter die Kindheit zu bringen, fordere ich Sie hiermit auf, sich dafür zu rüsten. Es wird ein Kampf ums Schweigen und Träumen, um die Bewahrung des Blicks über die Kanter- und aber Sekundensiege der Feignasen in dieser Zeit hinaus, und um den Reichtum an Schönheit, den die Welt tagtäglich, nach wie vor, an uns vergeudet.  
 
Da ein Schriftsteller nicht immer ein schöner Anblick ist – und das wird ja auch nicht von ihm verlangt – ist es ganz gut, wenn er durch die Schönheit seiner Sprache nicht versucht sein muss, abzulenken, sondern, trotz alledem, überzeugt – so er das denn beherrscht. Was die Dichter stiften, bleibt, sagt Hölderlin schon vor zweihundert Jahren, und wir wollen gern hoffen, dass er nicht irrt.

 
c. Froschlocken: Eine Zeitschrift schert aus

Was also bleibt uns zu tun? Wir können nur zusehen, dass es einen Blickwechsel gibt, einfordern können wir ihn und scheitern können wir daran und im ewigen Kleinklein verzweifeln. Man kann sich aber auch vornehmen, aus einer Sache, die gar nicht so rosig in die Welt sieht, etwas zu machen und diese Sache verfolgen. Man kann dabei zum Neuerer werden oder zum Stalker, zum Helden oder Spinner. Zum Neuerer mag man auch in der Sprache werden, es sind schon viele daran gescheitert. So einfach, wie das alltäglich erscheint, lässt sich die alte Konkursmasse aus Klang und Zauber in ernsten Angelegenheiten nicht überlisten. Für den Verleger, wenn man ihm, seine Verse unterm Arm, nachgeht, wird man leicht zum Stalker. Ein Held ist man, wenn man für Kinder schreibt, oder ein Spinner, furchtlos auf jeden Fall.

Was Mut und Gelassenheit betrifft, möchte ich Sie nicht in das Wetter entlassen, ohne auf eine halbwegs mutige Publikation hinzuweisen – es ist die neue Ausgabe von „Ort der Augen“, der sachsen-anhaltinischen Literaturzeitschrift. Sie hat sich in der letzten Nummer 2009 der Kinder- und Jugendliteratur gewidmet … und wenn Sie mögen, steht Ihnen der Blick auf vierzig Autoren aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Polen, den Niederlanden, Belgien und aus der Türkei offen in einer Weise, die mich – ich bin der Sache ja als Redakteur verbunden – bei der Drucklegung dann doch noch einmal im Nachhinein beflügelt und überrascht hat.

Eine um Ernsthaftigkeit bemühte Zeitschrift, die sich eine Ausgabe mit kinder- und jugendliterarischem Inhalt leistet? Das scheint gewagt. Und doch erschien es uns, der Zeitschriftsleitung, dem Beirat und dem Verleger als lohnend und zwingend, das zu versuchen. Die Resonanz im Autorenlager war gewaltig, letztlich konnten wir nur ein Viertel der eingereichten Texte drucken, es ist die einzige von 65 Ausgaben „Ort der Augen“, die mit sechzehn zusätzlichen Seiten in den Druck ging, und man staunt, wie weite Kreise eine Zuwahl, eine Ablehnung gerade für diese Nummer zog. Es finden sich in ihr neue Texte so bekannter Autoren wie Gunter Preuß oder Anja Tuckermann, aber auch der eine oder andere kinderliterarische Einstand und sogar einige Debüts neuer Autoren. Wir, Janko und ich, sind einigermaßen stolz darauf.

Ich möchte mich, meine Damen und Herren, liebe Beisitzer meiner Ausschweifungen, mit zwei Texten von Ihnen verabschieden, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: einerseits dem erst letzten Sonntag fertig gewordenen Gedicht „Mirabella mystica“, das an eine Begegnung und Möglichkeit in Wiepersdorf erinnert, dem Künstlerhaus, in dem ich vor meiner Zeit in Laucha drei Monate leben und arbeiten durfte, andererseits einer kleinen Geschichte, die ich mit den Schulschreibern in Laucha gemeinsam als Fingerübung an der Tafel geschrieben habe, sie heißt: „Als die Giraffe Husten hatte“ und ist die einzige Gemeinschaftsarbeit in „Das Meerschweinchen im Kartoffelsalat“ – offenbar ist und bleibt die Literatur ein Einzelkämpfermetier.

Mirabella mystica

Man darf sie nicht alleine suchen, heißt es –
Wilde Mirabellen, aus dem Äther gepflückt,
Weil ich den Baum, als ich allein ging,
Nicht fand: am Waldrand die goldenen Perlen,
Wie der Samt deiner Wangen gefärbt,
Das fedrige Schaukeln der Äste, beflaumt

Wie dein vorausgehender Leib, der mich
Nicht aufregen darf; krank noch von den alten
Geschichten ... mit erschöpftem Solarplexus
Belegt, wenn ich ein Gentleman sein will:
So, wie der Mirabellenbaum fortreist mit dir,
Werde ich einsam sein, und in Bindung.

Die Landschaften ändern die Farbe; ja, die
Tonart, seit du fort bist, das notorische Schwären
Der Trecker verschallt, ungehört, in den
Rüstern und Föhren, und ich pflücke die uner-
Sehbaren Früchte von Bäumen, die fort
Sind wie du, den kahlen Sandern entflohn:

Ob ich die Taschen voller Kienäpfel habe
Und Wald – ich will es nicht wissen ... einzig
Dein vorausgehender Leib trägt mich ins
Licht, seit du fortgereist bist und das schmale
Bäumchen mit dir, und deine mit Lachen
Besamtete Haut unter dem Himmel unsres

Märkischen Einödidylls; an den wir zurück-
Denken werden, solange der Puls seines
Errötens uns nicht in Vergessenheit bringt.
Man darf sie, heißt es, nicht alleine suchen –
Die wilden Mirabellen, nach denen uns
Lange schon ist, und die wir hier fanden,

Wo ich staunend deinen Blick, dein Lächeln
Antraf. Fort bist du, Mirabelle, nur Licht
In den Rüstern und Föhren … bald wird es
Herbst … allein, im Rücken berg ich, aus
Dem Äther gepflückt, die flaumgoldnen Perlen:
Eine Handvoll Liebesgeschenke für dich.

Und nach den Aufregungen der Mirabelle das runtergekühlte Fieber der Giraffe, die im rechten Moment den richtigen Freund benötigt und durch ein Versehen und Wunder fortan die Zumutungen der Welt nicht mehr fürchtet:

Als die Giraffe Husten hatte, musste sie auf ihre Wassergymnastik verzichten. Wegen des vielen Hustens hatte sie so gut wie keine Flecken mehr, und es wollte niemand in ihrer Nähe sein. Sie quälte sich viele Tage, bis schließlich der Elefant vorbeikam und den Doktor Storch rief. Eigentlich wollte er sie zum Straußenrührei einladen und hatte sie auch bei der Wassergymnastik vermisst. Der Doktor Storch verschrieb ihr ein Farb- und Hustenpflaster. So ging es der Giraffe bald besser. Aber der Doktor hatte übersehen, dass das Medikament eines für Nilpferde war. Nun hatte sie plötzlich lila Flecken. Das machte ihr aber nicht viel aus, und sie wurde sogar zur schönsten Giraffe weit und breit gekrönt. Wegen des Nilpferdmedikaments bekam sie nie wieder Husten, und sie lebte glücklich bis an ihr Ende.

Mögen wir alle glücklich bis an unser Ende leben.

 

Poesie-&-Poetik-Vorlesung im Institut für Grundschulpädagogik der Universität Halle

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