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Essay

Die vom Mond oder Die Orthodidakten

Hamburg

Richard Adams Locke: NEUESTE BERICHTE VOM CAP DER GUTEN HOFFNUNG ÜBER SIR JOHN HERSCHEL’S HÖCHST MERKWÜRDIGE ASTRONOMISCHE ENTDECKUNGEN, DEN MOND UND SEINE BEWOHNER BETREFFEND.

Richard Adams Locke So heißt einer der vier Bände, mit denen der Verlag „Das Kulturelle Gedächtnis“ sein Programm startet. Ziel dieser Reihe ist es offenbar, vergessene oder fast vergessene Texte der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen, die aus ihrer Zeit ein Licht auf ein heute aktuelles Problem werfen. Dieser nur fast vergessene Text, Arno Schmidt z.B. spielt auf ihn in Kaff auch Mare Crisium an, ist zumindest lange nicht auf Deutsch gedruckt worden, überdies gibt die erste deutsche Ausgabe von 1836 die Fakenews-Artikelserie nicht vollständig wieder. (Schmidt dürfte der Text als Beispiel für seine Erzählform „Längeres Gedankenspiel“ im Sinne von seines Essays „Berechnungen II“ interessiert haben.) Die Herausgeber der aktuellen Ausgabe haben den letzten Artikel neu aus dem Englischen übersetzt. Dazu kommt weiteres Material, ein Vorwort von Herausgeber Peter Graf, ein Brief des echten Herschel über seine Forschungen an Nebelflecken, die naturgemäß in Gegenstand und Herangehensweise stark von dem Lockeschen Bild dieses Astronomen abweichen und ein Essay von Edgar Allen Poe. Poe läuft, wie immer wenn es eine Fälschung zu entlarven gilt – man denke etwa an seinen Text zum Menzelschen Schachspieler - auch hier zur Hochform auf.

John Herrschel Aber zur Historie: Sir John Frederick William Herschel , wie sein Vater, der den Uranus entdeckte, erstmals Nebelflecken teleskopisch in Sternansammlungen schied und die mächtigsten Fernrohre seiner Zeit schuf, ebenfalls ein fähiger und berühmter Astronom, war 1834 nach Südafrika aufgebrochen, um dort den Sternkatalog seines Vaters auf die südliche Hemisphäre zu erweitern. Die Abwesenheit des Forschers von fast allen Kommunikationsverbindungen nutzt der Journalist Richard Adams Locke aus, um sich in einer ab dem 25.8.1835 erscheinenden Serie von sechs Artikeln die Aufmerksamkeit seines Publikums und das Überleben seiner Zeitung New York Sun zu sichern.

Laut Adams macht Herschel die bemerkenswertesten Entdeckungen: „… der zweifüßige Biber. Er gleicht unserem Biber in jeder Hinsicht, bis auf den Mangel eines Schwanzes und seiner fortwährenden Gewohnheit, nur auf zwei Füßen zu gehen. Er trägt seine Jungen im Arme, gleich dem Menschen, und bewegt sich mit leicht dahingleitendem Schritte; seine Hütten sind besser und höher gebaut, als diejenigen manches Stammes menschlicher Wilder, und aus dem fast in allen bemerklichen Rauch lässt sich schließen, dass den Bewohnern der Gebrauch des Feuers bekannt sei … nie wurde das Tier anders als am Ufer von Seen und Flüssen gesehen, in welche man es sich mehrere Sekunden lang tauchen sah.“1

Ob der koloniale Blick dieser und anderer Stellen einfach der Entstehungszeit geschuldet ist, oder eher jener ist, den Adams einem Berichterstatter als Bürger einer Kolonialmacht eigens um der Glaubwürdigkeit willen in den Mund legt, wage ich nicht zu entscheiden.  Jedenfalls stilisiert Adams seinen Herschel auch anderswo sehr britisch, lässt ihn  immer wieder Vergleiche mit der Welt von dessen Heimat ziehen: „den Basaltgebilden auf Staffa ähnlich ...“ „Wir konnten diese haarige Bedeckung ganz deutlich erkennen; ihre Gestalt war genau so, wie der Stirnumriss der den Damen nicht unbekannten Haube der Königin Maria von Schottland, und mittelst der Ohren bewegbar“  „Die Bäume … waren … von einer und derselben Art und allen von mir bis jetzt gesehenen, die großen Eibenbäume auf Englands Kirchhöfen, denen sie einigermaßen nahe kommen, etwa ausgenommen, ganz und gar unähnlich.“ Der Autor hat  auch durchaus stilistische Verve, wenn er den Fortschrittsglauben zeitgenössischer Forschungsberichte in ihrer Gravität für seine Zwecke so parodiert: „Die Beantwortung der interessanten Frage, ob dieses Licht, das seine Strahlen über den feierlichen Wald, über die verräterische Wüste und über den dunkelblauen Ozean ergießt; ob dieser Körper, den der einsame Turm, den das aufblickende Auge auf dem verlassenen Schlachtfelde erschaut, den alle Pilgrime, die – sei es in Liebe und Hoffnung, sei es in Elend und Verzweiflung – die Täler und Hügel dieser Erde seit Jahrhunderten ihrer ungeschriebenen Geschichte bis zu denen ihrer bändereichen Urkunden, durchwanderten, - die Lösung dieser herzerhebenden Frage, ob dieser Gegenstand der Anschauung aller Menschenkinder von den Tagen Edens bis zu denen Edinburghs, bewohnt sei oder nicht, beruhte lediglich auf Schlüssen, oder auf der ernsten Erzählung, dass er von dem eisgrauen Einsiedler gehalten werde, den der Kriminalcodex der Ammenstuben dort oben hinverbannt hat, um Feuer zu sammeln zum jüngsten Gerichte“

Soweit zunächst zu Lockes Fiktion. Poe beharrt in seinem Text über Locke, der 14 Jahre später entstand auf seiner Priorität, für einen derartigen Hoax. Er hatte geringe Zeit vor Erscheinen von Lockes Mystifikation mit dem Hans Pfaall selbst eine Mondreisegeschichte publiziert. Er tut Locke aber sichtlich unrecht, wenn er ihn abfertigt, als hätte der nur einen schwächeren Aufguss seiner Idee geliefert.

Poe erklärt  dazu gleich auch noch die Zeitungsente zu einer Erfindung seiner Zeit und beweist damit nichts als die merkwürdige Vergesslichkeit der Autoren aller Zeiten für die Literaturgeschichte der Fiktion im Kleid der Sachprosa.2  Dies sich immer erneuernde Staunen über solche Novität ist wohl eher ein Beleg für die sich im Laufe der Moderne immer mehr etablierende Faktion-Fiktion Grenze.3  Poe weist genüsslich darauf hin, dass Lockes Erfindungen späterhin auch unter seiner Autorschaft kursierten und setzt fein ironisch hinterdrein: „Wenngleich ich den Fall nun in dieser Form dargelegt habe, möchte ich Mr. Locke Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem ich erwähne, dass er verneint, meinen Artikel vor seiner eigenen Publikation gelesen zu haben – und bin fürderhin auch geneigt hinzuzufügen, dass ich ihm glaube“

Und ebenso dürfen wir vielleicht Poe nicht für bare Münze nehmen, wenn er fortsetzt „Als sich diese Entdeckungen in der Öffentlichkeit verbreiteten, wuchs das Staunen der Bevölkerung ins unermessliche; doch diejenigen, die den Wahrheitsgehalt der ‚Sun‘ in Frage stellten … waren deutlich in der Minderzahl: Und ich bin gezwungen, diese Tatsache als das viel größere Wunder zu betrachten, als irgendeinen Fledermausmenschen“.  Zwar findet er auch solche schlagenden Argumente gegen Lockes Fiktion, an die vielleicht nicht jeder selbst skeptische Leser sofort denken mag: „… was würde in einem solchen Falle als allererstes die Aufmerksamkeit eines Beobachters von der Erde auf sich ziehen? Sicher sind es nicht Form, Größe oder andere Besonderheiten dieser Tiere, sondern ihre bemerkenswerte Position; der Eindruck würde entstehen, als gingen sie mit den Köpfen nach unten und den Füßen nach oben, wie Fliegen an der Zimmerdecke. Der wahre, mit Vorkenntnis ausgestattete Forscher hätte dieses Problem beschrieben“4.  Aber als das zentrale Glaubwürdigkeitsproblem der Mystifikation macht er das erforderliche Beobachtungsinstrument aus: „… die Annahme eines außergewöhnlichen Teleskops. Ich erkannte, dass so eine Erzählung vollkommen davon abhing, ob der Leser solche Fakten für glaubwürdig hielte.“

Er historisiert Locke über Gebühr wenn er schreibt: „Dass sich die Öffentlichkeit hat täuschen lassen, wenn auch nur für kurze Zeit, führt nichts weiter vor Augen, als die gravierende Unwissenheit, die vor 13 oder 14 Jahren in Bezug auf astronomische Belange noch herrschte.“  Dass Poe hier zu weit geht, sieht man schlicht daran, dass er selbst sich bei seinem entscheidenden Einwand gegen das von Locke beschriebene Instrument kräftig vertut: Er stellt zwar richtig fest, dass die maximal sinnvolle Vergrößerung eines Fernrohres von seinem Objektivdurchmesser begrenzt wird, vermischt dieses Problem im Folgenden aber mit einem ganz anderen, dem des athmosphärischen Streulichts, wenn er in einem  Atemzug fortsetzt: „Es ist bereits unschwer nachgewiesen worden, dass, wenn das von einem Himmelskörper abgestrahlte Licht so diffus wird, dass es nicht mehr stärker ist, als das natürliche Licht der Gesamtheit der Sterne in einer klaren, mondlosen Nacht – dass dann der Himmelskörper für alle praktischen Anwendungen nicht mehr sichtbar ist.“5  Dieser Lapsus erklärt sich leicht, nimmt man an, dass Poe sich hier nicht die Gesetze selbst zu eigen gemacht hätte, auf denen seine Argumente fußen, sondern einfach der Expertise seines Freundes John P. Kennedy getraut hat.6  Jenseits aller wissenden Überheblichkeit ist das deswegen interessant, weil Lockes Bericht den Zusammenhang  zwischen Objektivdurchmesser und maximal nutzbarer Vergrößerung nicht verschweigt, sondern  bereits ohne einen Lapsus wie Poes und damit strenggenommen sogar richtiger referiert. (Locke legt in seiner Formulierung allerdings beiläufig nahe, dass es sich lediglich um ein Spezialproblem bei der Beobachtung vergleichsweise naher Objekte handele.) Der Herschel im Bild Lockes ist also nicht so naiv, wie Poe unterstellen muss, wenn er ihm dies Problem entgegen hält. Der Einwand ist blockiert, insofern jener fiktive Herschel eine Möglichkeit für sich beansprucht, dieses Problem zu umgehen, was insofern plausibel ist, als nicht mal sein Gegner es vollständig auch nur durchdrungen hat.7 Besser ist Poe zweifellos da, wo er die Angaben Lockes nachrechnet, nur muss Poe dazu Angaben stillschweigend richtigstellen.8  Lockes Zahlen sind offenbar bewusst undeutlich um Einwände zu blockieren.  Wenn sonst alles schlüssig scheint, übergehen wir ja gern einen klaffenden Widerspruch wenn er nur banal genug scheint, indem wir denken: So etwas Dummes passiert einem so klugen Text nur aus Versehen (weil es nebensächlich ist) oder wir hätten etwas entgegen dem Anschein noch nicht ganz richtig aufgefasst.

Genau da unterscheidet sich nämlich Poes Vorläufer Hans Pfaall deutlich von Lockes Mystifikation. Während Poe einfach einen Spaziergang auf dem Mond als Gedankenspiel erträumt und nur insoweit Belege der Wahrscheinlichkeit bereitstellen muss, als man verpflichtet ist, dem Leser bei einem abweichenden erzählerischen Weltentwurf deren logische Konsistenz einigermaßen nachzuweisen, muss Locke seinem Publikum den Bären erst noch aufbinden und es macht viel vom Reiz seines Textes aus, wie genau das geschieht. (Mich interessiert das jedenfalls mehr als seine Fledermausmenschen.) Klar ist es mehr oder weniger plausibel, dass es auf dem Mond Einhörner9  gibt (wo sonst?) aber anders als der fiktionale Erzähler, der um Plastizität und Überraschendes ringt, muss Locke sich gerade umgekehrt um so etwas wie Sprödigkeit bemühen und muss dem Leser vor allem das bieten, was dieser meint vorher schon gewusst zu haben.

Zudem ist nicht ausgemacht, ob die Geschichte der Mondbewohner wirklich für so viele Menschen letztlich glaubwürdig war, und ob sich Poe nicht als früher Zweifler auf Kosten derer inszenieren möchte, die den Wahrheitsgehalt der Geschichte zumindest in Erwägung zogen. Heute zumindest hält sich ja die Dümmlichkeit von Verfechtern, sagen wir mal: unorthodoxer Theorien mitunter die Waage mit der Naseweisheit ihrer Widerleger am grünen Tisch. Wie andere vielleicht gerne an Mondmenschen glauben, möchten wir vielleicht bloß gern glauben, dass der Mondhoax den Zeitgenossen aufging, wo wir doch schon enttäuscht einräumen mussten, dass die Menschen bei Ausstrahlung von Krieg der Welten gar nicht massenhaft panisch auf die Straße eilten?10  Immerhin ist selbst Poe sofort bereit zuzugestehen, dass auch Locke es eher um ein Spiel ging, als um einen regelrechten Betrug seiner Leser.11

Dennoch sei der Glaubwürdigkeitslogik von Lockes Text hier weiter nachgespürt. Zunächst: Dass es menschliches Leben auf dem Mond geben könnte, schien ungeachtet des Umstandes, dass man damals bereits wissen konnte, dass der Mond zumindest keine stark ausgeprägte Atmosphäre haben kann, vielen Autoren dennoch plausibel.12  Peter Graf ziert sein Vorwort mit einem Auszug aus einem Beispiel von 1824.13 In dem sicheren Wissen, dass den Leser ein Thema wie Leben auf dem Mond packt, langweilt Locke ihn in der ersten Folge seiner Artikelserie zuerst mit einer ausschweifenden pathetischen und quasi geisteswissenschaftlichen Vorrede: „Es haben Dichter gesagt, die Gestirne des Himmels wären ein erbliches Regal des Menschen, als des intellektuellen Beherrschers der animalischen Schöpfung; mit noch stolzerem Bewusstsein seiner geistigen Überlegenheit darf er sich von nun an in die Falten des Tierkreises hüllen“ usw. 

Anschließend folgt eine ausschweifendere Beschreibung des Wunderfernrohres, mit dem diese Entdeckungen gemacht worden seien.14   Zwar finden sich auch einige Sätze, die man mit Grundkenntnissen der Optik schnell als Unsinn entlarvt: „Das dazu bestimmte Material war eine Mischung aus zwei Teilen besten Kron- und einem Teile Flintglases, in deren getrennter Anwendung bei Vergrößerungsgläsern für achromatische Fernrohre die große Entdeckung Dollonds besteht. Aber durch genaue Versuche hatte man gefunden, dass die Mischung selbst jegliche achromatische Schwierigkeit vollkommen beseitigt.“ Man erfreut sich aber dennoch der freigeistigen Frechheit des Versuchs, denn man muss auch bedenken, dass die Zeitung auf einen Leser rechnete, der in der Schule höchstens einen summarischen Naturkundeunterricht genossen hatte und seine naturkundliche Neugier aus Journalen befriedigte, deren Verfasser oftmals die Naturwissenschaften ebenfalls nur vom Hörensagen kolportierten. Man entsinne sich, was z.B. zur Zeit des Eyjafjallajökullausbruchs selbst von weit besser vorbereiteten Autoren alles an Merkwürdigkeiten über Geologie oder die Funktionsweise von Düsentriebwerken reich gespickt mit Fremdwörtern in den Gazetten zu lesen war.15  Und so dürfte der kluge Leser von damals bereits von den Fortschritten Dollands, nebst den verschiedenen Gläsern gehört haben, ihm dürfte bekannt sein, dass der alte Herschel gerade deswegen so riesige Instrumente bauen konnte, weil er auf zusammengesetzte Optiken zugunsten einfacher Objektive verzichtete. Der Leser lebte aber in einer Zeit, in der durch das Wirken von Leuten wie Frauenhofer die Linsenfernrohre trotz ihrer durch die höhere Komplexität ihres Aufbaus beschränkten Größe, zunehmend wieder durch Entdeckungen auf sich aufmerksam machten,16 während die gigantischen Spiegel von Herschel und Ross zwar ebenfalls beeindruckende Ergebnisse erbrachten, sich aber insgesamt als so unpraktikabel erwiesen, dass man  diesen Weg des Instrumentenbaus nach Ross für ein halbes Jahrhundert eher vernachlässigte.

Was müsste dann, so simpel wie naheliegend, ein einfaches Linsengerät mit Spiegel zu leisten im Stande sein? Und genau dies bietet Locke seinen Lesern an17 und packt noch einen Clou drauf: Die Camera Obscura. (Die Fotografie, eine Errungenschaft über alle Fantasie war gerade geboren worden und lässt sicherlich viel Spielraum, sagenhafte weitere Fortschritte zu erhoffen).18 Das Gerät, das Locke seinen Lesern nahelegt, ist ein großes Teleskop, dessen vorerst allen von Poe genannten Limitierungen unterliegende Abbildung auf eine Glasscheibe geworfen wird. Dieses Bild wird nun mit separatem Licht durchleuchtet und offenbar als wäre es ein Dia nochmals vielfach vergrößert an einen Projektionsschirm geworfen.19  Erst dieser Trick soll das leidige optische Limit austricksen, Lockes Text bleibt hier schlitzohrig konkret-unkonkret und deutet hier nur das Problem eines geeigneten Recipienten (und die Suche danach) für das Primärbild an. Die Möglichkeit zu entscheiden, ob der Bericht ein Bluff ist oder nur zu vage über etwas vollkommen Neues  berichtet,20 dürfte  den Zeitgenossen Lockes mit in physikalisch- technischen Fragen notorisch schwachbrüstigen damaligen Bibliotheken21  nicht leicht zur Verfügung gestanden haben.22  Sie konnten ihr Unverständnis mithin immer auch auf ihr geringeres geistiges Fassungsvermögen schieben. Hinterhältiger Weise verunsichert Locke seine Leser weiter, indem er in späteren Teilen immer wieder auf diesem Punkt herumreitet: „Wahr ist es, dass die ausgelassenen Stellen Facta enthalten, die völlig unglaublich für diejenigen Leser sein würden, die nicht sorgfältig die Grundzüge und die Fähigkeit des Instruments untersuchen“ „… und hielten wir deshalb die erklärende Beschreibung des Teleskops vorauszuschicken wichtig.“

Auch wenn Lockes Beschreibung notgedrungen Mängel aufweisen muss, weil er Unmögliches nahelegt, bekommt man über die technische Ausführung des Instruments doch weit genauere Auskunft als sie die heutige Wissenschaftspresse z.B. über die Instrumente zum Nachweis des Higgsboson gibt. Ich fürchte, hier ist der heutige Leser so recht in der Position des Orthodidakten, also eines Menschen, der einem schriftlich niedergelegten Argument unabhängig von dessen Qualität eher traut als seinem Sachverstand.23

Eine zweiseitige Münze. Erst Lockes größere Genauigkeit, soweit sie sich durch eine Flut von scheinbar präzisen aber teils widersprüchlichen Daten und Fakten nicht ganz ersticken lässt, macht auch Poes Zweifel erst möglich. Vielleicht ist es jedoch für uns dennoch vernünftig, an die Existenz eines Higgs Bosons zu glauben?24  Wie unheimlich und wenig glaubwürdig selbst Wissenschaftsjournalisten das Treiben der Astrophysiker offenbar ist, ersieht man ja schon daraus, wie sie jeden neuen Beleg der Einsteinschen Theorie als den nun endgültigen (und offenbar also vorher noch ausstehenden?) Beweis ihres Grundgedankens begrüßen. 

Wenn Locke Herschel bei seinem Instrument auf den Tubus verzichten lässt, zeugt das im Gegensatz dazu von Sachverstand  - genau dieser Weg wurde bei Großinstrumenten später und bis heute dann ja auch beschritten.25 Ebenso Einsicht in die Materie zeigt der Umstand, dass die vage Beschreibung der Aufhängung  eine azimutale Montierung nahelegt, wie sie heute bei größeren Instrumenten gern verwendet wird.26  Die Lagerung des Instruments um einen drehbaren Mittelzapfen mit außen herumgeführtem doppeltem Spurkranz für die Drehung erinnert an eine Lösung, die Schröter in Lilienthal für Großinstrumente gefunden hatte.27 Kluger Weise stellt Locke diesen wie ähnliche Zusammenhänge nicht selbst her, sondern überlässt sie im Zweifel dem kenntnisreichen Leser. Gerade er soll sich im Gefühl der wissenden Sicherheit wiegen. Denn das ist eine alte Wahrheit: Wer sich als Experte (in seinem Kenntnisreichtum selbst noch über seinen Berichterstatter) herausgehoben fühlen darf und „glaubt, als einziger die Wahrheit erkennen zu können, ist am leichtesten zu täuschen.“28

Nach dieser langwierigen Einführung ins Instrument folgen über weite Strecken dröge Flurvermessungen usw., die mäßig spektakuläre und im Rahmen eines Wissenschaftsfortschritts einigermaßen erwartbare Ergebnisse referieren.  Wenn der Leser schon meint, nun seien wenigstens Artefakte der Zivilisation in den Blick geraten, lässt Locke Herschel mit seiner ganzen Autorität dies bestreiten und zu Naturphänomenen erklären: „aber Herr Dr. Herschel bemerkte schlau, dass, wenn die Mondbewohner 30 bis 40 Meilen lange Strecken mit Monumenten wie diesen bebauen könnten, wir unfehlbar schon früher andere von weniger zweideutigem Charakter entdeckt hätten.“ Dies ist klug, denn frühere Theorien von Mondbewohnern mussten sich auf die Behauptung riesiger architektonischer Artefakte stützen.29  Locke stützt also die Glaubwürdigkeit seines Berichts dadurch, dass er die Unglaubwürdigkeit jener betont. Wenn Sir Herschel schon so ein Skeptiker ist, dann dürfen wir am Ende doch erst recht an die Mondmenschen glauben, wenn er uns dessen versichert! Lockes Herschel verfolgt nämlich gar nicht die These, dass es auf dem Mond Leben gibt, hat gar nicht den Ehrgeiz, eine solche Behauptung zu beweisen, sondern beugt sich nur der Gewalt der Tatsachen und möchte nach London eigentlich viel wichtigere Dinge über den Zustand der Saturnringe etc. berichten und nur sein Sekretarius zieht hier einige dieser Informationen beiläufig zusammen, weil sie das Interesse eines breiteren Publikums erregen könnten und das eigentliche Staunen gilt ostentativ ganz anderen Beobachtungen: „Da der letztere langsamer rotiert als der Planet, ist seine Zentrifugalkraft geringer, und entsprechend ist auch der Abstand zwischen beiden Ringen zehnmal kleiner als der Abstand zwischen dem inneren Ring und der Oberfläche des Saturn. Indem er die eigens ermittelte durchschnittliche Dichte der Ringe mit derjenigen des Planeten ins Verhältnis setzte, gelang Sir John Herschel die folgende staunenswerte Beweisführung. [Die hier ausgelassen wird, weil sie für das allgemeine Verständnis zu mathematisch ist.  Anm. der Redaktion]“ Dieser Sekretär bewahrt ebenfalls meist seine skeptizistische Scheu, bei dem, was sich alles auf dem Mond findet: „Das Ganze glich mehr einer Schöpfung orientalischer Phantasie, als einer fernen Abweichung der Natur“ ruft der angesichts einer Kristallformation aus, die der Leser schulterzuckend hinnimmt, damit der Leser diesem Sekretär um so mehr traut, wenn er mit der größten Selbstverständlichkeit über Bauwesen oder Kulturgebräuche der Fledermausmenschen parliert: „ … und es sind ohne Zweifel unschuldige glückliche Kreaturen, obgleich einige ihrer Vergnügungen sich nur schlecht mit unseren irdischen Ansichten vom Decorum vertragen“

Locke entzieht sich im übrigen ebenfalls jedem Verdacht einer Angeberei, etwa dem, er wolle sich aufwerten, indem er mit den Großen seiner Zeit Umgang pflöge. Er gibt an, die Texte aus einem Supplement des London and Edinburgh philosophical Magazine and Journal of Science entnommen zu haben. Locke lässt sich nicht lumpen: Auch dieses hat er erfunden – geschickt erfunden, denn der zeitgenössische Leser konnte bei den vergleichsweise zahlreichen astronomisch relevanten Publikationen von dort leicht die Übersicht verlieren. So gab es im Edinburgh Journal of Science, in dem Ross publizierte, das Edinburgh Philosophical Journal, das von Herrschels Freund Brewster ebenso herausgegeben wurde wie die Transactions of the Royal Society of Edinburgh und die Edinburgh Encyclopedia, ein Konkurenzunternehmen zur berühmteren Encyclopædia Britannica, die zufällig ebenfalls in Edinburgh erschien. (In Zeiten des Internets kann der Journalist freilich nicht mehr so frech sein, aber man kann immerhin ein Journal ohne Pear Review als angesehene wissenschaftliche Quelle verkaufen.)30  Locke beschränkt seinen eigenen Beitrag zur Sensation „bescheiden“ auf einige Fußnoten wie etwa der zu Gerüchten über den Preis der in Drucklegung begriffenen Darstellung der wissenschaftlichen Ergebnisse von Herschels eigener Hand.

Locke lullt also seinen Leser systematisch ein, legt ihm die schmalen Bretter in der Reihenfolge hin,  in er am ehesten gerade noch bereit ist, darüber zu gehen. Garniert wird das Ganze durch einen scheinbar souveränen Umgang mit Fachterminologie und er enthält der Sensationsgier ostentativ die letzte Befriedigung vor, denn auch der bequemste Leser ahnt sicher damals schon, dass er in einem wissenschaftsjournalistischen Artikel am Ende nicht ganz das bekommen wird, was die werbekräftige Schlagzeile behauptet: Während sich der Leser in die Erwartung eingeschaukelt hat, dass ihm jeder Artikel, sobald er sich durch den spröden wissenschaftlichen Kram hindurch gearbeitet hat, neue Sensationen findet, enttäuscht ihn Locke im letzten Beitrag der Serie nochmals gezielt, indem er darin nahezu nichts vom Erhofften anbietet.

Lockes Text verlässt sich auf seine technische Fantasie, beachtet dabei aber stets, wie Hörensagen und gefühltes Bildungswissen Plausibilitäten beeinflussen können und schätzt überdies die Bequemlichkeit seiner Leser im Nachschlagen und Selberdenken richtig ab. Das ärgert den  hemdsärmliegen Pragmatisten und Südstaaten-Selfmademan Poe, der durchglüht ist von der Idee, dass sich Wissen im praktischen Schließen bewähren muss. Aus Propagandagründen für seine Herzensache haut er den armen Locke deshalb etwas arg in die Pfanne. Immerhin räumt Poe freimütig ein, dass es ihn wurmt, Lockes Konzept für seinen Hans Pfaall auf Anraten seiner Freunde aufgegeben zu haben: „… und das Ergebnis dieser Gespräche war, dass die Schwierigkeiten mit der Optik beim Bau eines solchen Teleskops, wie für meine Zwecke erforderlich , so unverrückbar und allgemein bekannt waren, dass der Versuch, meiner Erzählung auf Basis eines solchen Teleskops Plausibilität zu verleihen, vollkommen vergebens wäre. Deshalb gab ich widerwillig – denn ich hielt die Öffentlichkeit für weitaus leichtgläubiger als meine Freunde – den Gedanken auf.“ Auch wenn uns Poes Haltung näher sein mag, sollten wir nicht als Orthodidakten dem Text Poes aufsitzen,31  (selbst, wenn er in dieser Ausgabe fett gedruckt ist) und stattdessen das Vergnügen, was uns Lockes Bericht macht, nicht nur als eine Folge der zeitgebundenen Vorurteilslage eines Autors längst vergangenen Zeit betrachten, sondern auch die dafür notwendige kompositorische Leistung seines Verfassers ernst nehmen. Denn ob Poe zu der erforderlichen geschmeidigen Mischung aus Frechheit und Einschwingen auf die Bildungsvorurteile seiner Mitmenschen überhaupt fähig gewesen wäre, bleibt angesichts seines rational nüchternen Furors fraglich.

Sehr hübsch ist auch die Bebilderung dieser neuen Ausgabe, die einem italienischen Abdruck32 jenes Hoax entnommen scheint. Die Bilder bringen nicht nur all die possierlichen Wesen, die das Buch beschreibt, sondern spinnen auch aus, was die wohl treiben mögen, während sie nicht gerade von Herrn Herschel dabei observiert wurden. So formieren sie sich zu Pallisaden aus abwechselnd stehenden und kopfüberhängenden Fledermauswesen. Oder, besonders irritierend, sie betreiben Luftfahrzeuge für Menschen, die zusätzlich auch noch über eine ballon- oder fallschirmartige Konstruktion verfügten. Diese Bebilderung lässt an eine Praxis von mittelalterlichen Illustratoren denken, an die Italo Calvino erinnert33: Zwar fanden sie in Marco Polos Text keine Antipoden und keine Einfüßer erwähnt, setzten aber dennoch hinzu, was man laut allgemeiner Erwartung in jenen Weltgegenden hätte sehen müssen, und was Marco Polo offenbar nur sozusagen übersehen oder zu beschreiben vergessen hatte: Diese hier vom Bildgestalter erfundenen Fahrzeuge gleicht sehr jenen von Vögeln gezogenen und von Ballonen getragenen Himmelsreisemitteln, die vorherigen Besuchern fremder extraterrestiriecher Welten beigegeben waren. Leider fehlen dafür konsequenter Weise die Zeichnungen der Saturnringe von Herschels Hand, die die New York Sun in Aussicht gestellt hatte.

Insgesamt also ein vergnügliches Buch voller Charme und ein schönes Versprechen auf die nächsten Bände der Reihe „Das kulturelle Gedächtnis“.

 

Richard Adams Locke: NEUESTE BERICHTE VOM CAP DER GUTEN HOFFNUNG ÜBER SIR JOHN HERSCHEL’S HÖCHST MERKWÜRDIGE ASTRONOMISCHE ENTDECKUNGEN, DEN MOND UND SEINE BEWOHNER BETREFFEND · 14 × 21,5 cm · 128 Seiten · gebunden · mit Kopffarbschnitt und Prägung Euro 20,00 (D) / 20,85 (A)
Verlag Das kulturelle Gedächtnis 2017

 

 

  • 1. Die in den Zitaten hier durchgeführte Angleichung der Rechtschreibung an heutige Gebräuche stammt von mir.
  • 2. Neben der glatten Fälschung gab es immer schon das bewusste Spiel: Auch die Leser von Laßwitz, Hans Pasche oder Lem hielten deren fiktive Sachtexte immer wieder für eine neuartige Idee ihrer Autoren, obwohl schon Richardson genau um dieses realistischen Effekts willen den Briefroman erfunden hatte. Die Versicherung der Echtheit der erzählten Geschichte und ihr Beleg mit fiktiven Dokumenten gehört zum rhetorischen Rüstzeug des Romans um 1800. Wahrscheinlich - aber das ist hier nicht Thema - lässt sich die Tradition der Fiktion in Sachprosa bis zu den alten Griechen zurückführen.
  • 3. Indem die Übertretung dieser Grenze dann als ein immer radikalerer und jeweils erstmals so radikaler Eingriff in das Gebäude der Schreibkonventionen betrachtet wird. Eine Grenze, die sich leicht als von Kritikern und Literaturwissenschaftlern erschaffene erweist. Der „naive“ Zeitungsleser braucht nämlich nach wie vor keine Nachhilfe von der postmodernen Theoriebildung, um sein Blatt auch als unterhaltsame Erfindung zu lesen. Wie oft beginnen Pausenplaudereien selbst unter Bildlesern mit etwa folgenden Worten: „Ne, was die hier wieder schreiben für einen Quatsch!“?
  • 4. Seine weiteren Argumente sind zwar durch ihren sicheren Kenntnisreichtum über Selenografie bemerkenswert aber für uns heute wohl weniger spektakulär, weil man sie in Astronomiebüchern nachlesen kann.
  • 5. Dieses Problem existiert zwar auch, verhindert aber -zigfach lichtstärkere und damit höher auflösende Instrumente nicht, und schon gar nicht das von Locke postulierte für seine Zeit allerdings gewaltige und heute immer noch beeindruckende Instrument, mit einem Objektivdurchmesser von über 7 Metern.
  • 6. Man kann sich unschwer vorstellen, wie ein Astronom zur Zeit Poes, weil der Aufwand für große Instrumente schnell eskaliert, die Trauben für sauer befindet und aus einer Abwehrhaltung alle Argumente und darunter auch die bloß möglichen, gegen ein solches unterschiedslos anführt. Zumal die wissenschaftlichen Möglichen auch viel kleinerer Instrumente damals auch bei weitem noch nicht ausgereizt waren. Überhaupt wird sich der Zusammenhang zwischen Objektivdurchmesser und Auflösung eines Teleskops damals auch Fachleuten eher als eine eherne mathematische Faustregel, als ein klar begründetes Gesetzt dargeboten haben. (Sonst hätte Ernst Abbe einige Jahrzehnte später ja wenig zu tun gehabt.)
  • 7. Unabhängig von der Sache fällt hier Poe rhetorisch in eine Position desjenigen zurück, der mit veraltetem Schulwissen eine neue Theorie angreift.
  • 8. So gibt Poe richtig an, dass man bei einer 42000fachen Vergrößerung einen gedachten Abstand vom Objekt von 5 5/7 Meilen gewinnt, während sich bei Locke die Angabe 7 Meilen findet. Aus anderen Zahlen Lockes errechnet sich eine Vergrößerung von lediglich ca. 30000. Dennoch muss man schon ziemlich viel blättern, um zu sehen warum Poes Auswahl nicht beliebig ist: Er gesteht Locke jeweils die günstigsten Werte zu, um seine Widerlegung desto sicherer zu führen. Ein weniger sorgfältiger Leser wird immer den Verdacht haben, Poe habe beliebig Angaben ausgewählt, die ihm zu Pass kommen. Die großen Fakenewsschleudern von heute verlassen sich ebenfalls gar nicht darauf, dass man ihre alternativen Tatsachen im Einzelnen glaubt. Es reicht vollkommen, dass man über die Wahrheiten der gegnerischen Partei im Wust der umlaufenden Behauptungen unsicher wird.
  • 9. „Es war bläulich beigefarben, von der Größe einer Ziege, mit Kopf und Bart wie diese, und einem einzigen, ein wenig nach vorn gekrümmten Horne. Das Weibchen hatte weder Horn noch Bart, aber einen viel längeren Schwanz … ein munteres und lebhaftes Geschöpf, das mit großer Schnelle sich bewegte, gleich einem jungen Lamme oder Füllen und unter unzähligen Possen, gleich einem Lamme oder Füllen, über den grünen Rasen dahinsprang. Dieses schöne Tier machte uns unbeschreibliches Vergnügen.“ - und uns ebenfalls!
  • 10. Wir glauben eben gern, was zu unseren vorgängigen Erwartungen passt: Ähnlich sickerte das „Jus primae noctis“ wohl aus der musikpädagogischen Tradition auch in meinen Schulgeschichtsunterricht herüber, obwohl das wesentliche Dokument dazu (eine Urkunde zu einem Gerichtsurteil von 1302) bereits 1881 als Fälschung entlarvt worden war. Und auch die berühmte Geschichte von der Putzfrau, die einen Fettfleck aus Beuys Kunstwerk entfernte, hat sich in Wirklichkeit anders zugetragen, als Kunstpädagogen sie gern erzählen.
  • 11. Werner Fulds doch recht umfassende „Lexikon der Fälschungen“ das ansonsten nicht zimperlich ist, wenn es gilt, aus einem simplen Spaß eine ausgewachsene Fälschung herauszudestillieren, verzeichnet Lockes Schwindel nicht. Siehe auch Fußnote …
  • 12. Nicht zuletzt Poe selbst nutzt in seinem Hans Pfaall sehr spitzfindig das Induktionsproblem um solche Erkenntnisse über die Atmosphäre für seinen Text außer Kraft zu setzen.
  • 13. … das in seiner rührenden Naivität heute natürlich attraktiv ist. Aber statt sich auf unserer inzwischen erworbene Klugheit auszuruhen, könnten wir auch erschrecken: Sein Autor ist ein befähigter Astronom, der insgesamt weiß, was er tat und über gute Instrumente verfügte.  Vielleicht sollten wir eher ins Phantasieren geraten, in welchem Maße wohl viele unserer Ansichten den Nachgeborenen naiv erscheinen mögen, oder ob da alles in zweihundert Jahren noch ebenso haltbar ist, wie der Essay Poes.
  • 14. Die alte deutsche Ausgabe unterstützt diese rhetorische Strategie noch, indem sie einen Griesbreiberg von positionsastronomischen Erkenntnissen zur Mondbewegung in Form eines Brockhaus-Eintrags dem Text zur Einführung zusätzlich vorschaltet.
  • 15. Siehe z.B. „Asche auf ihre Häupter“ in Message – Internationale Zeitschrift für Politik 3/2010
  • 16. Struve beobachtet nicht nur Doppelsterne in Dorpat, er beginnt auch schon Fixsternparallaxen zu berechnen. Er erbringt mit der Erfüllung ihrer Vorhersage damit den letzten noch ausstehenden großen Beweis für die Richtigkeit der kopernikanischen Idee, die sich freilich längst ohnedies praktisch durchgesetzt hatte.
  • 17. Während Poe zwar den riesigen Spiegel von Ross kurz erwähnt, aber ansonsten stoisch über Refraktoren redet, ignorierend, dass Lockes Herschel auch hier wieder mit ostentativer Präzision eine sichere Konkretion unterläuft. Einerseits werden seine Geräte als „Reflektoren“ bezeichnet, wird der Rohling seines Objektivs ausdrücklich in einem Metallofen gegossen, zwei Sätze später jedoch als „ wunderbare Linse“ von „14826 Pfund“ bezeichnet.
  • 18. Überdies arbeitete Herschel tatsächlich mit Talbot, dem Erfinder des Positiv- Negativ Prozesses zusammen, entwickelte einen Fixierprozess und weitere fotografische Verfahren.
  • 19. Das Hydrooxigenmikroskop, das uns als Wort heute selbst wie ein Hoaxbegriff anmutet, war ein damals durch seine Leistungen Furore machender Projektor für mikroskopische Bilder. Die Analogie zwischen Fortschritten des Mikroskops und jenen des Teleskops die Locke hier nahelegt, dürfte für den informierten Zeitgenossen besonders schlagend gewesen sein, weil die ersten achromatischen Mikroskope tatsächlich für die Nahsicht adaptierte Linsenfernrohre waren. (Die Herstellung der dafür nötigen weniger winzigen Linsendoubletten war leichter beherrschbar.)
  • 20. Die auf denselben Grundgesetzen fußende und mithin ähnlich sichere Auflösungsgrenze, die Ernst Abbe für das Mikroskop später errechnete, ließ sich durch bestimmte Tricks für eine große Zahl von Fällen letztlich ebenfalls unterlaufen, ohne dass sein Gesetz damit die prinzipielle Gültigkeit verlor.
  • 21. Eine erste Hausse des populären Sachbuchs im Gegensatz zur spekulativ naturphilosophischen oder journalistischen Aufbereitung setzt erst einige Jahrzehnte später ein, als mit Dingen wie der Eisenbahn die technischen Erfindungen merklicher in den Alltag eindrangen und den Bedarf daran fühlbarer machten.
  • 22. Und wer geht schon um einen Zeitungsbericht zu prüfen aus dem Haus: Haben Sie z.B. eine gute Mondkarte in Ihrem Bücherregal zur Hand?
  • 23. Die von Mittelstraß herausgegebene „Enziyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie“ zeichnet die lange Geschichte der Beobachtung dieser generellen Neigung von Alphabeten nach, angefangen bei Anselm von Canterbury über die Experimente von J.J. Feinhals im logopädischen Teil seiner Grammatik von 1729 - Bei näherem Hinsehen erweist sich jedoch dieser Artikel des Lexikons selbst als ein Hoax.
  • 24. Wer ahnen will, wie fragil und wenig selbstverständlich solche Ergebnisse sind, kann sich in den Schriften z.B. Alexander Unzickers belesen, die lehrreich sind, auch wenn man seiner scharfen These von einem grundsätzlichen und systematischen Scheitern der Big Science nicht anschließen mag. (Man braucht sich solcher Lektüre nicht zu schämen, denn er wird auch von Astrophysikern durchaus gern gelesen und zu Konferenzen eingeladen.)
  • 25. Während selbst der vom Earl of Ross 1845 in Betrieb genommene Leviatan durch einen solchen zusätzlich erschwert wurde. (Allein sein Spiegel von 1,83 Meter Durchmesser wog bereits 3,8 Tonnen.)  Nötig wurde er im nassen Irland allein deshalb, weil Ross das Instrument freistehend installierte, obwohl sein Instrument ohnehin nicht frei schwenkbar eingerichtet war, sodass man nur einer recht einfachen Kuppel bedurft hätte.
  • 26. Auch wenn dieser Weg damals nicht beschritten wurde, weil es damit schwierig war, das Instrument an gleich zwei Achsen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten der scheinbaren Himmelsbewegung nachzuführen. Vor allem bei den erforderlichen langen Belichtungszeiten der aufkommenden Astrofotografie war das ohne Rechnersteuerung ein Problem.
  • 27. Wenn Locke sie mittels eines Verweises auf den Sextanten beschreibt, stellt er seinen Diskurs nochmals in einen Assoziationskreis, den der Leser mit schwer durchschaubarer aber unerbittlich genauer Präzision verbunden haben wird.
  • 28. Fuld „Lexikon der Fälschungen“
  • 29. Dies ist auch bei jener im Vorwort erwähnten Spekulation von Franz von Paula Gruithuisen aus dem Jahre 1824 der Fall.
  • 30. So machte es z.B. kürzlich der Stern vom 09. September 2016 09:16 Uhr in seinem Bericht über neue Zweifel am Hergang des Einsturzes der Twintowers. Alan Sokals berühmte Parodie postmodernen Philosophierens „Transgressing the boanderies -Toward a Transformative Hermeneutic of Quantum Gravity“ erschien in einer sozialwissenschaftlichen Zeitschrift. Deren Redakteure durften unterstellen, dass Ihre quantenphysikalische Expertise nicht an die eines profielierten Physikers heranreicht. Sokals „Bloßstellung“ stellt also zumindest auch den guten Brauch (und seinen Missbrauch) des Vertrauensverhältnisses zwischen angesehenem Autor und Redaktion bloß und nicht lediglich diskursive Bräuche der Postmoderne, wie deren Verächter und seine Anhänger meinen
  • 31. Wie es nach meinem Begriff Brigitta Lindemann vom WDR tut.
  • 32. Bzw. offenbar der Fortsetzung des Schwindels Delle scoperte fatte nella luna dal Sig. Herschel mit dem Titel: Leopold Galluzo: Altre scoverte fatte nella luna dal Sigr. Herschel, Napoli 1836
  • 33. Oder war es Umberto Eco gewesen? Was meinen Sie?

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