Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Jo Mihaly (1902-1989)

Hamburg

„Die habe ich noch gekannt …“
– Anna Rheinsberg –

Zur hundertjährigen Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs wird über uns als interessierten Lesern ein wahres Füllhorn an Sachbuchtiteln ausgeschüttet, unter denen sich auch zahlreiche Primärquellen – Tagebücher, Feldpostbriefe, etc. – befinden. Eines der sehr lesenswerten Kriegstagebücher, das bei seiner ersten Veröffentlichung einige Aufmerksamkeit erlangte und unlängst als eine der insgesamt 14 internationalen Quellen für 14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs (April /Mai 2014 auf Arte TV) herangezogen wurde, stammt von Jo Mihaly und heißt nicht ohne Bitternis nach einem Gassenhauer der damaligen Zeit … da gibt’s ein Wiedersehn!

In Renate Walls Kleinem Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1933 bis 1945 1 fiel Mihaly mir in den frühen 1990ern zuerst auch auf, weil ihr Bild – und beileibe nicht für alle der aufgeführten Autorinnen konnte ein Bild beigebracht werden – ersichtlich aus der Zeit nach 1945 stammt und eine bereits betagte Frau darstellt. Das bedeutet in diesem thematischen Kontext: eine Überlebende. Und ihr Bild ist keine PR-wirksam zurechtgemachte Aufnahme, sondern zeigt eine Frau mit weißem oder grauem Pagenschnitt im Halbprofil, das Gesicht von tiefen Furchen gezeichnet und den Blick scheu vor der Kamera gesenkt. In  körnigem Schwarzweiß lässt es an eine Kollwitz’sche Skizze denken.

Wall zeichnet ein ereignisreiches Leben in prägnanter Kürze nach. Jo Mihaly, bürgerlich Elfriede Alice Kuhr, wurde 1902 in Schneidemühl /Pila, damalige Provinz Posen, geboren und erlebte den Ausbruch des Krieges dort als Kind. Schneidemühl war Bahn- und Grenzstation zugleich, ein Umstand, der Mihalys Weltsicht auf zweierlei Weise nachhaltig prägen sollte: die Zigeunerfamilien, die beim Passieren der deutsch-polnischen Grenze tage- oder wochenlange Wartezeiten hinnehmen mussten, schlugen ihr Lager auf dem Gelände des Bauunternehmens auf, dessen Inhaber Mihalys Großvater, ein Maurermeister und Architekt, war. So wuchs Elfriede, genannt Piete, in großer Nähe und Vertrautheit mit diesen Menschen und ihrer nichtsesshaften Kultur auf, was sie schon als Kind dazu führte, sich in Rollenspielen ein zigeunerisch-ungarisches Pseudonym zu geben – Jo Mihaly.
Mihalys Großmutter leistete am Schneidemühler Bahnhof Verpflegungsdienste für die durchreisenden Soldaten, wobei die Enkelin ihr half – und alles mit eigenen Augen ansah: die Verabschiedung der einrückenden Männer unter Militärmusik und mit den üblichen Liebesgaben – Zigaretten, Schokolade, Blumen. Die Truppen- und Waffentransporte. Die immer mühsamer werdende Verpflegung der immer abgerissenen, immer hungrigeren Soldaten mit immer dünneren Suppen und schlechterem Brot. Die Kriegsgefangenentransporte. Die Transporte von schreienden Schwer- und Schwerstverletzten, von Toten auch, die auf Leiterwagen umgebettet wurden und die auf ihrer Fahrt durch die kleine Stadt Blutbäche hinterließen.

Bei Kriegsbeginn forderte Mihalys Mutter – eine Gesangslehrerin, die in Berlin eine Schule betrieb und die beiden jüngsten ihrer vier Kinder nach der Scheidung von ihrem Mann bei ihren Eltern untergebracht hatte – ihre Tochter auf, quasi als vaterländischen Akt ein Kriegstagebuch zu führen. Dem gefassten Plan blieb Mihaly alle vier Kriegsjahre hindurch treu, auch als schon längst alle vermeintliche Glorie von dem realen Kriegsgeschehen hinweggewischt worden war. Was als reine Dokumentation angefangen hatte, erhielt seinen Wert zunehmend als Auffangbecken des anders gar nicht mehr Fassbaren oder Erträglichen und mag das Mihaly jawohl angeborene Beharrungsvermögen zusätzlich geschult haben. Entstanden ist auf diese Weise ein jugendliches Zeugnis von immenser Unmittelbarkeit, das in seiner Intensität und Empfindsamkeit Anne Franks Aufzeichnungen ebenbürtig ist.
In den 1920ern studierte Mihaly, die schon früh den Wunsch nach einer tänzerischen Laufbahn verspürt hatte, in Berlin klassischen Tanz. In der Zeit nach der Inflation, die außer den heimgekehrten und seelisch verheerten Kriegsveteranen noch tausende wirtschaftlich entwurzelter Menschen als Vagabunden auf die Straßen der Weimarer Republik trieb, tourte sie – dies auf Bitte ihrer Großmutter bereits unter ihrem Künstlernamen – als Ausdruckstänzerin durch Nachtlokale, Varietés und Zirkuszelte und engagierte sich Ende der zwanziger Jahre in politisch linken Künstlerkreisen.2

1930 erschien, mit farbigen Illustrationen von ihr selbst, Mihalys pazifistischer und philanthropischer Roman Michael Arpad und sein Kind.3 . Arpad, Zigeuner (Mihaly verwendet keine andere Bezeichnung) ungarischer Herkunft, der im Weltkrieg als Soldat gekämpft hat, hat von einer kurz nach der Geburt verstorbenen französischen Krankenschwester ein Kind, das bei einer französischen Pflegemutter aufwächst. Von dort holt Arpad es ab und bringt es nach Deutschland. Aber er ist dem kräftezehrenden Leben auf der Straße nicht mehr lange gewachsen und bringt das kleine Mädchen zuletzt zu Freunden zurück, ehe er – friedvolle Reflektion des Todes zigtausender von Soldaten – allein unter freiem Himmel auf einem Feld stirbt. – Die Darstellungen der Franzosen, der Annäherung zwischen dem französischsprechenden Kind und dem ihm anfangs fremden Vater, ihrer Wanderschaft durch ein darniederliegendes Land und ihres unsteten, aber wahrhaftigen Lebens voller Begegnungen und Entdeckungen machen dieses Buch zu einem Plädoyer für Völkerverständigung und Menschenliebe über alle Widerstände von Sprach-, Völker- und Nationalgrenzen hinweg. Als Bekenntnis zur Menschlichkeit in Freiheit bleibt es nach Jahrzehnten eine ebenso anregende wie anrührende Lektüre.

Mit dem Einsetzen der nationalsozialistischen Diktatur wurde Mihaly der Aufenthalt im neuen Deutschen Reich unmöglich. Während ihr von offizieller Seite noch das Angebot gemacht wurde, sich als ‚Kulturtänzerin‘ zu etablieren, vertrieben die neuen Machtverhältnisse ihren Mann, den jüdischen Schauspieler und Regisseur Leonard Steckel, umgehend aus Deutschland. Mihaly folgte ihm mit der 1933 geborenen Tochter Anja in die Schweiz. In ihrem neuen Heimatland lebte Mihaly, unermüdlich weiter als Tänzerin und Autorin aktiv, bis an ihr Lebensende.

1942 erschien Hüter des Bruders.4  Wie auch Michael Arpad ist dieser Roman, das auf Grundlage wahrer Begebenheiten die Verfolgung einer rumänischen Zigeunersippe nacherzählt, außerordentlich lesenswert und bedeutsam als Erinnerung an den Teil unserer literarischen Kultur, der im europäischen Exil humanistische Werte bewahrte – und das Ende aller Diktaturen Europas überdauerte. Die hohe Wertschätzung, der sich Mihalys Bücher vor noch nicht allzu langer Zeit erfreuten, lässt sich daran ablesen, dass Neuauflagen beider Romane noch in den 1980er Jahren in öffentlichen Bibliotheken zur Ausleihe gelistet waren.

Mihaly stirbt in einem friedvollen Wendejahr, 1989. Ihr umfangreicher Nachlass verteilt sich auf vier Archive (Deutsches Tanzarchiv Köln, Thomas B. Schumann /Archiv und Edition Memoria in Hürth bei Köln, Walter-A.-Berendsohn-Forschungsstelle der Universität Hamburg, Akademie der Künste Berlin). 2011 erscheint eine sehr umfassende, illustrierte Biografie,5 der vom Duktus her streckenweise etwas mehr Distanz gut getan hätte, die – unter Mitwirkung von Mihalys 2011 verstorbener Tochter – aber wirklich erschöpfend Auskunft über Mihalys wechselvolles Leben und mannigfaltiges Werk zu geben vermag. In jedem Fall ist dieses sehr sorgfältig gemachte Buch beredter Ausdruck der anhaltenden Verehrung, die Mihaly in der Schweiz nicht nur vom Autor und Verleger entgegengebracht wurde und wird.

Das vergessene Original ihres Kriegstagebuches entdeckte Mihaly erst nach einem halben Jahrhundert im Nachlass ihres Bruders und Vertrauten aus Kinderjahren wieder, dessen einzige Hinterbliebene sie 1969 war. Ein Jahrzehnt später fand das Manuskript nach langer Irrfahrt endlich einen Verlag und erschien als … da gibt’s ein Wiedersehn! Kriegstagebuch eines Mädchen 1914-1918.6

Dieses Buch ist zurzeit nur noch gebraucht zu haben. Wagt es wer?

 

  • 1. Verbrannt verboten vergessen. Pahl-Rugenstein, Köln 1988.
  • 2. Siehe Yvonne Hardt, Eine politische Dichterin des Tanzes: Jo Mihaly. In: Amelie Soyka (Hrsg.), Tanzen und tanzen und nichts als tanzen. Tänzerinnen der Moderne von Josephine Baker bis Mary Wigman. Berlin, AvivA 2012.
  • 3. Michael Arpad und sein Kind. D. Gundert Verlag, Stuttgart 1930. Von Mihaly überarbeitete, illustrierte Neuausgabe mit Nachwort von Klaus Trappmann LitPol Verlagsgesellschaft, Berlin 1981.
  • 4. Steinberg-Verlag, Zürich 1942 u.a.. Neuauflage als Gesucht: Stepan Varesku. Eugen Salzer-Verlag, Heilbronn 1971 u.a..
  • 5. Niklaus Starck, Jo Mihaly und die Würde des Menschen. Porzio, Basel und Ascona 2011.
  • 6. Verlag F. H. Kerle, Freiburg und Heidelberg 1982, als Buchclubausgabe beim Bertelsmann Lesering, 1984; als Taschenbuch beim dtv, 1986.

Fixpoetry 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge