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Wir reden über Literatur
Essay

Tuba Miron. Białoszewskis Requiem für Warschau

Hamburg

Alle fünfundzwanzig Jahre sollten Übersetzungen kanonischer Literatur generalüberholt werden. Im Gegensatz zu Originalen altert ihr Vokabular, ihre Satzgelenke verlieren an Geschmeidigkeit, Sprachrhythmus und Tonfall rosten (im besten Fall patinieren sie), besonders da, wo es sich um geschriebene Umgangssprache, also um inszenierte Mündlichkeit handelt. Dass jede Übersetzung, und sei sie noch so gelungen, mit der Zeit revisionsfähig wird, bewies unlängst Frank Heibert mit seiner Neuübertragung von Raymond Queneaus Zazie dans le métro, indem er die zwar phantasievolle, jedoch verschleißintensive Vergossung des Deutschen durch Harig/Helmlé (1986) auf findige Weise nach- und neu justierte.

Auch die Übersetzung des 1970 veröffentlichten Buches Pamiętnik z powstania warszawskiego von Miron Białoszewski (1922–1983) verlangte zuletzt, wenngleich vor anderem Hintergrund, nach einer solchen Aktualisierung. Esther Kinsky, die für beide anschließend zu Wort zu gelangenden Verdeutschungen zeichnet, hatte sich diesen dynamischen, ästhetisch anspruchsvollen Bericht eines Zivilisten vom Warschauer Aufstand bereits in den 90er Jahren vorgenommen und publizierte das Kultbuch des seinerzeit im deutschsprachigen Raum noch gänzlich unbekannten polnischen Dichters, Prosaikers, Theaterautors und Schauspielers unter dem Titel Nur das was war. Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand 1994 im Frankfurter Verlag Neue Kritik. Dort seit Langem vergriffen, ist die Neuübersetzung heuer unter verknapptem, dem Original näheren Titel als Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand bei Suhrkamp erschienen 1.

Die Übersetzung des Pamiętnik war, wie es in Esther Kinskys Nachwort heißt, eine ihrer ersten Übersetzungen überhaupt. Es scheint, als habe die seitdem maßgeblich selbst als Schriftstellerin hervorgetretene Autorin das Werk beim zweiten Übersetzen tatsächlich von Grund auf neu übertragen und sich nicht der eigenen Vorlage bedient. Anlass für Kinskys Wiederaufnahme des Textes war dabei nicht so sehr ein etwaiges Ungenügen an den translatorischen Lösungen von damals, als vielmehr das Erscheinen der erweiterten Neuauflage des Originals (PIW 2016), im Zuge welcher die zuvor der Zensur anheimgefallenen Textpassagen ergänzt und die bei letzter Textdurchsicht 1976 vom Autor eingearbeiteten Korrekturen mitberücksichtigt wurden.

Über zwei Jahrzehnte liegen nicht nur zwischen den zwei Übersetzungen, deren jede für sich eine Feuerprobe in Sachen Übersetzbarkeit darstellt. Bis die Zensur das Original zur Restitution der gestrichenen Textstellen freigab, um unter der Ägide Adam Poprawas, Lektors mit sprechendem Namen („poprawa“ = „Verbesserung, Berichtigung“), besagte Neuauflage in die Wege zu leiten, vergingen gut fünfundzwanzig Jahre. Ebenso lange sollte es dauern, bis Miron Białoszewski seine Erlebnisse jenes für die Stadt Warschau so verheerenden Sommers 1944 aufzuschreiben sich im Stande fühlte, um daraufhin Heft um Heft mit seinen Erinnerungen zu füllen.

(c) Muzeum Literatury, Warschau

Initiiert von der AL, der Volksarmee, und der AK, der Heimatarmee, hatte der Aufstand 63 Tage gedauert, bis er, wie schon sein Vorgänger – der hinsichtlich Ausmaß und Tragödie ebenso entsetzliche im Warschauer Ghetto aus dem Vorjahr – auf brutalste Weise von den Nazis niedergeschlagen wurde. Binnen kürzester Zeit waren tausende von Menschen ermordet worden und die Stadt – der zweite Aufstand bedeutete den Todesstoß – endgültig dem Erdboden gleich gemacht. Białoszewskis Aufzeichnungen setzen 1967 ein, nach Jahren des Haderns um Ausdruck und Angemessenheit der Schreibweise:

Przez dwadzieścia lat nie mogłem o tym pisać. Chociaż tak chciałem. I gadałem. O powstaniu. Tylu ludziom. Różnym. Po ileś razy. I ciągle myślałem, że mam to powstanie opisać, ale jakoś przecież o p i s a ć. A nie wiedziałem przecież, że właśnie te gadania przez dwadzieścia lat – bo gadam o tym przez dwadzieścia lat – bo to jest największe przeżycie mojego życia, takie zamknięte – że właśnie te gadania, ten to sposób nadaje się jako jedyny do opisania powstania.
Zit. n. Muzeum Literatury Warszawa, Blog

Zwanzig Jahre lang konnte ich nicht darüber schreiben. Obwohl ich es so sehr wollte. Und ich redete. Vom Aufstand. Mit so vielen Leuten. Verschiedenen. Oftmals. Und dauernd dachte ich, dass ich diesen Aufstand beschreiben müsse, ihn doch irgendwie  b e s c h r e i b e n. Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass es genau dieses zwanzig Jahre andauernde Reden darüber war – denn ich redete ja zwanzig Jahre lang drüber, da es das größte, in sich geschlossene Erlebnis meines Lebens ist – dieses Reden eben, das sich als einzige Art und Weise eignete, den Aufstand zu beschreiben.

Miron Białoszewski redet vom Aufstand. Und er redet schwatzend und schwafelnd darüber, im Plauderton, andernorts schier schwadronierend, labert und faselt davon wie von etwas ganz Alltäglichem, Gewöhnlichem, dabei mir nichts dir nichts den Aufstandssommer zu einer einzigartigen „gadanina“ à la Białoszewski verflechtend, das heißt: zu einer meisterhaften, trotz der geschilderten blutigen Umstände durchweg federleicht und wie mühelos erzählten Darstellung von Ereignissen, wie er sie als 22-jähriger (damals gerade Student der Polonistik an der Untergrunduniversität) am eigenen Leib erfuhr. Und es ist ein Wunder, dass wir seinen Bericht überhaupt lesen können – erst auf Polnisch, jetzt, zum zweiten Mal, auf Deutsch; dass er als Homosexueller im damaligen Kriegspolen durchkam, kein Deutscher ihn erwischte; dass er durch keinen „Goliath“ starb oder von einer „Kuh“ oder „Berta“ zerrissen wurde („Das waren – soweit ich mich erinnere – Dreivierteltonner [...] und die kamen nicht von oben, sondern von der Seite“, MB/EK 2019 227), wie es das Schicksal so vieler der von ihm im Pamiętnik verewigten Personen und Persönlichkeiten gewesen war.

Swen, Bałtarowiczs, Zbyszek, Onkel Stefan, Frau Wawa mit den lila Wimpern, Radosław, Frau Rymińska, Białoszewskis Mutter und Zenon, sein Vater, Zocha, Halina, Celinka, Lusia, Henio, Nanka, Roman, Stefa, Sabina, Tante Józia, Frau Jadwiga, Miecio, Frau Alfreda, Familie Szu., Janek Markiewicz, Zdzich Śliwerski heißen die Protagonisten dieser seltenen Dokumentation. Die meisten der Helden und Heldinnen jenes Alltags unter lebensfeindlichen Bedingungen sind allerdings namenlos geblieben, wie die Sanitäter und Sanitäterinnen, denen der junge Mirek im Verlauf des Buches begegnet, um ihnen manchmal, wo die Situation es zulässt, zur Hand zu gehen.

Die namentlich Identifizierten treffen wir in den feuchten Kellern der zerbomten Häuser an, in den engen Unterschlüpfen, den Luftschutzräumen, den Kanalisationen der Stadt, verwundet auf Bahren liegend, an den Händen ihrer Mütter, auf den Straßen der Stadt unterm Brandbombenhagel, zwischen den aus Beichtstühlen gebauten Barrikaden einander Ziegel reichend, Altbrotreste im Licht der Karbidlampen teilend, schlafend im Schweiß, „jeder in seinem Sessel, Kinderwagen, auf dem Mantel, der über den Asche- und Schutthaufen gebreitet war“ (MB/EK 2019 153), ausgehungert, zwischen den Zeilen Hunde und Katzen verspeisend; und immer wieder betend, zu Gott, zu Jesus, Maria, Christophorus. Ihrer Abwesenheit begegnen wir im Bild der irgendwo im Textinneren vergessenen, dort einfach stehen gelassenen Schuhe, ausgezogen kurz vor der Deportation.

Das Ghetto während der Okkupation. Aus dem Nachlass Białoszewskis

„Können Sie davon sprechen?“, höre ich in einer anderen Gedächtnisecke der in Weltliteratur übergegangenen Erinnerung erlebter Schrecken einen vor Leid und vergeblichem Warten wundblau gewordenen Mund sich an die Achmatowa wenden: – „Ja.“

Białoszewskis „Sprechen davon“, seine „gadania“, sind ein unrequiemhaftes Requiem, wie geschöpft aus der leeren Karbidtonne, die zum Eimer umfunktioniert wurde „für die Köpfe, Arme und Beine“ (MB/EK 2019 172), dem blechernen Klang – „Man soll sich da nicht wundern. Das war damals ganz gewöhnlich.“ (ebd.), heißt es – der Beine Zdzisios und Rysieks, die darin landeten, vor dem Hintergrund des Lärms der Geschosse  – Tuba mirum, Tuba Miron:

buuuuu — słychać było znów powstanie na górze — buuuu — uuu — uuuuuu — uu... [...]
Odgłosy bomb, pocisków, czegoś, co i raz, nieskończone:
bu-u-u-uu-uuu-uuuuu...
[...]
I uu-uu-uu-uu-uu...
wjuuumm-uu-u...
wiiijjjjjuuuuuu-uuu-trzask!
wiiiiiii...jjuuu-... trzask
.2

Buuuuu – hörte man wieder den Aufstand oben – buuuu -uu -uuuuu – uu [...]
Der Widerhall von Bomben, Geschossen, was auch immer, immer wieder, endlos: bu-u-u-uu-uuu-uuuuu ...
[...]
uu-uu-uu-uu-uu ...
wiuuuumm-uu-u ... wiiijjjjuuuuuu-uuu-krach!
wiiiii-jjuuuu- .…krach!

                                   (MB/EK 2019)

Wie von einem Dichter nicht anders zu erwarten, kennt Pamiętnik trotz all der markerschütternden Grausamkeiten, die vermeintlich teilnahmslos dahererzählt werden, auch lyrische Stellen. Dank Kinskys Übersetzungen hallen bis heute die in das Buch eingegangenen Gesänge, Litaneien und Fürbitten nach, wie sie 1944 unter den Trümmern von den Bürgerinnen und Bürgern Warschaus gesungen und hergebetet wurden. Aus dem Text erfahren wir, dass sie von Białoszewski und seinem in verschiedenen Situationen immer wieder im Buch angetroffenen Freund Swen, einem Schauspieler, komponiert wurden:

Od bomb i samolotów — wybaw nas, Panie,
Od czołgów i goliatów — wybaw nas, Panie,
Od pocisków i granatów — wybaw nas, Panie,
Od miotaczy min — wybaw nas, Panie,
Od pożarów i spalenia żywcem — wybaw nas, Panie,
Od rozstrzelania — wybaw nas, Panie,
Od zasypania — wybaw nas, Panie...

                                                           (MB 1970/2016)

Wie seltsam, dass dies nach alldem auch auf Deutsch gesagt und obendrein noch wiederholt gesagt werden kann:

Von Bomben und Fliegern – verschone uns Herr;
Von Panzern und Goliaths – verschone uns Herr,
Von Schüssen und Granaten – verschone uns Herr,
Von Minenwerfern – verschone uns Herr,
Von Feuer und lebendigem Verbrennen – verschone uns Herr,
Von dem Erschießen – verschone uns Herr,
Von der Verschüttung – verschone uns Herr...

                                                                                  (MB/EK 1994)

Von Bomben und Fliegern – Erlöse uns, Herr,
Von Panzern und Goliaths – Erlöse uns, Herr,
Von Granaten und Geschossen – Erlöse uns, Herr,
Von Minenwerfern – Erlöse uns, Herr,
Von Bränden und Lebendig Verbrennen – Erlöse uns, Herr,
Vom Erschossenwerden – Erlöse uns, Herr,
Vom Verschüttetwerden – Erlöse uns, Herr ...

                                                                                  (MB/EK 2019)

Wo mit den Augen Mireks erzählt, überschlägt sich, dem Geschehen ausgeliefert, die Rede. Sie entwickelt sich im Vorbeilaufen, beim Luftholen, beim Indeckunggehen. Nichts darf ins Vergessen sinken, muss heraufbeschworen werden. Eine äußerst angespannte, ja überspannte erzählerische Haltung trägt darum diesen Text, denn nicht weniger als Alles – mit Majuskel – will und muss wahrgenommen und das heißt: aufgeschrieben werden, jedes Detail, jede Farbe, jeder Geruch, jedes Gefühl (etwa das Stapfen durch Asche), jedes Geräusch:

A szept też było słychać w echach, w wydłużeniu, jak w muszli. Nie. Jak w studni. To też mało. Bo to nie tylko studnia w poprzek, bez dna. Ale w ogóle coś bez początku i końca. I nieprzeliczone. Bo rozwidlające się.

                                                                                                          (MB 1970/2016)

Auch das Flüstern hörte man als Echo, langgedehnt, wie in einer Muschel. Nein, wie in einem Brunnen. Das ist auch zu wenig. Denn es war nicht einfach wie der Querschnitt von einem Brunnen, ohne Boden. Sondern überhaupt etwas ohne Anfang und Ende. Und unberechenbar. Weil es sich gabelte.  

                                                                                                          (MB/EK 2019)

Fast kann die Sprache mit dem derart ringenden Erinnern nicht Schritt halten. Es wird etwas gesagt, das sofort zurückgenommen werden muss, weil es der Berichtigung bedarf. Dann hinkt die Sprache des Textes kurzzeitig wie ein Verletzter, muss prompt, ja fast panisch springen, wie einer, der vor einem Granatenwurf wegspringt. Und schon rast sie wieder, rennt um ihr Leben, darf einen Anschluss nicht verpassen, weshalb der Darstellung auch nur mit einem mündlichen Stil beizukommen ist, dem Stil ebenjener „gadania“, einer „gadanina“, die zugleich Erzählung wie Selbstgespräch ist.

Skandalpotential hat noch immer, und schockierte ja bereits Białoszewskis Zeitgenossen – vielleicht am meisten diejenigen, die in einem der Aufstände jemand Nächsten verloren hatten –, dass sein „mémoire“ bzw. „Memoir“, wie „Pamiętnik“ korrekterweise übersetzt werden sollte, wobei ein adäquates deutsches Wort fehlt (da es sich nicht etwa um „Memoiren“ handelt), mit einem „święto słoneczników“ einsetzt, einem „Tag der Sonnenblumen“ (EK 2019 5). Ein mehr denn bemerkenswerter Textbeginn, der deutlich macht, dass der Autor seiner Leserschaft überindividuelle Geschichtsschreibung schuldig bleiben wird, eine solche aber auch keineswegs im Sinn hat, da er uns seine Geschichte erzählen will, die private, passagenweise intime, und darum gewiss nicht dieselbe, die sich in den vor Patriotismus strotzenden Geschichtsbüchern findet. Sie setzt angesichts des tragischen Geschehens mit einer leuchtend gelben Blume ein:

1 sierpnia we wtorek 1944 roku było niesłonecznie, mokro, nie było za bardzo ciepło. W południe chyba wyszedłem na Chłodną (moja ulica wtedy, numer 40) i pamiętam, że było dużo tramwajów, samochodów, ludzi i że zaraz po wyjściu na rogu Żelaznej uświadomiłem sobie datę — 1 sierpnia — i pomyślałem sobie chyba słowami:

„1 sierpnia — święto słoneczników”.

                                                           (MB 1970/2016)

Am Dienstag, den 1. August 1944 war es bedeckt, nass, es war nicht besonders warm. Am Nachmittag bin ich wohl hinaus auf die Chłodna gegangen (damals meine Straße, Hausnummer 40), und ich erinnere mich an die vielen Straßenbahnen, Autos, Menschen und dass mir gleich an der Ecke Żelazna das Datum einfiel, der 1. August, und ich dachte bei mir etwa in diesen Worten:
»1. August – Fest der Sonnenblumen«.

                                                                       (EK 2019)

Kommt Białoszewski von „niesłonecznie“ auf „słonecznik“, von „bedeckt“ – im Polnischen wörtlich „nicht sonnig“ – auf die Sonnenblume, wie man sonst, der Bewegung von Erinnerung gleich, vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, das eine mit dem anderen verbindend? Oder ist es tatsächlich so, wie es der Dichter, nunmehr 45 Jahre alt, aus der Perspektive der Jahre schreibt, dass ihn am Tag des Aufstandes dergleichen gelber Gedanke anlachte? Fiktion scheint in diesem récit, der vor dem Hintergrund von so viel Gewalt entstand, nicht am Platz zu sein. Aber wie sehr verwundern doch diese überaus belanglosen Blumen, die alles andere an Bildern zu evozieren scheinen, als einen Krieg an seinem Höhepunkt? Provoziert Białoszewski damit bewusst, indem er nach Art der Namens- und anderen Festtage ausgerechnet einen „Tag der Sonnenblumen“ in der polnischen Geschichte einzurichten suggeriert? Wo, fragten sich die Kritiker von damals, bleibt das Trauma der Nation? Oder ist es die Unbeschwertheit der Jugend, auf die angespielt wird und die in ihrer Blüte von Krieg, Tod und Zerstörung heimgesucht wird? Jedenfalls stehen die Sonnenblumen programmatisch für den Redegestus des Autors, der seiner Leserschaft gleich zu Anfang vermittelt: „Hier wird nicht Geschichte geschrieben, wie ihr sie kennt“.

Ich möchte noch einen Augenblick bei dem blumigen Ingress verweilen. Nicht erst seit Van Gogh ist die Sonnenblume mit ihrer von einem schrillgelben Blattkranz umgebenen Schwärze kein Sinnbild banaler Heiterkeit. Mit ihrer reichen Kernernte symbolisiert sie Vergänglichkeit, Vergeblichkeit und Tod. Ihre eng im Blütenkorb beieinander sitzenden Körner, ihr dem Himmel zugekehrtes Gesicht, das mit der Reife schwerer und schwerer wird, bis es, unhaltbar geworden, da zusehends von der Last der beherbergten Saat bedrängt, sich endlich zu Boden neigt, wie ein Hoffnungsloser, den Blick vom Offenen abgewandt und unfähig, ihn erneut zu erheben. Die Nennung des Sonnenblumentages antizipiert mit dem sich augenblicklich einstellenden Bild dergleichen späten Blütenstandes das im Buch beschriebene Gedrängtsein der Menschen in den Kellern. Es nimmt die 3000 in der Kirche zusammengepferchten Flüchtenden vorweg, weist mit ihrem dunklen Gesicht symbolisch auf die Trauer um die Sterbenden und Toten, welche, Vogelnahrung gleich, aus der dichten Körnermasse des blattgesäumten Kreises herausgepickt werden – dies nicht etwa von hungrigen Vögeln, sondern von todeshungrigen Todesvögeln, Bombenfliegern, die sich willkürlich einen, zwei, hunderte Menschen herauspicken und töten. Eine Saat, die nie mehr aufgeht.

63, die Zahl der Aufstandstage – Quersumme 9: Klytia. Weinende, endlos trauernde Klytia, von Apollon verschmäht und aus Eifersucht zur Schwesternmörderin geworden, bleibt mit ihrer unerwiderten Liebe allein und wird, auf einem Fels ausgesetzt und neun Tage lang reglos in die Sonne starrend, in eine Sonnenblume verwandelt. Der Tag der Sonnenblume ist auch der Tag der Klytia und ein Tag der Trauer, Tag der Verwandlung eines Körpers in ein Symbol, einer Stadt in einen Aschenhaufen, eines Alltags in Geschichte. Es ist der Tag des Schwesternmordes hinsichtlich zweier Nationen. Aus Literaturperspektive ist dieser Sonnenblumentag zumal der Tag der Verwandlung eines Warschauer Zivilisten in einen Erzähler von Weltrang, von Mirek in den Dichter Miron Białoszewski.

Manchmal scheint der Text fast gemalt zu sein mitsamt des Widerscheins der geschundenen Ikonen aus den zerstörten Kirchen; ein barockes Interieur nach niederländischem Vorbild, ein Kircheninterieur, ist hier zum profanen Kellerinterieur unter Ruinen verkommen. Eine ungewöhnliche Topologie der Stadt, die stets von unten gesehen, abgehorcht, berochen und meistens in Windeseile unter Granatendonnern und Staubschauern durchquert wird. Hier und da finden sich Schlüsselstellen hinsichtlich der viel später entstandenen Gedichte Białoszewskis, wie diese Passage:

Zosia Romanowska 8 września 39 roku pojechała na Grochów, do siostry i szwagra, i jeszcze zabrała ze sobą Norę, bratową, po to, żeby zatrzasnęły im się drzwi i żeby nie mogli wymanipulować kluczami, jak nadlatywały samoloty, i zanim co, to już spadli do piwnicy, ocalała tylko jedna osoba, Hanka (na górze i pod gruzami), siostrzenica Zosi, która trzymała za rękę małą dziewczynkę sąsiadki, już nieżywą, sama była przysypana [...].

                                                                                              (MB 1970/2016)

Zosia Romanowska hatte sich am 8. September nach Grochów aufgemacht, zu Schwester und Schwager, und sie nahm auch Nora mit, ihre Nichte. Ihnen fiel die Tür ins Schloss und sie hatten keine Zeit mehr, mit den Schlüsseln herumzumachen, denn die Flieger kamen schon, und ehe sie sich versahen, waren sie schon im Keller gelandet, nur eine einzige Überlebende gab es, Hanka (oben lag sie, unter Trümmern), auch eine Nichte von Zosia, die noch die kleine Tochter der Nachbarin an der Hand hielt. Die war schon tot, sie selbst war verschüttet gewesen [...].

                                                                       (MB/EK 2019)

Die Geschichte Hankas etwa diente als Vorlage für folgendes später berühmt gewordenes Kriegsgedicht:

MITY WOJENNE

            trzy

Jedna uciekła.
Druga uciekła.
Trzecia
zacięła się w drzwiach.

 

            jeden
Ukucnął pod stół
i ocalał.

                        (MB Utwory zebrane I Warschau PIW 1987 184)

 

KRIEGSMYTHEN

            drei

Die eine floh.

Die zweite floh.

Die dritte

verhakte sich in der Tür.

            einer

Hockte sich unter den Tisch
und blieb verschont.3

                                  

Der „eine“, verschonte, war Miron.

 

***
Miron Bialoszewski
Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand
Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Esther Kinsky
Erschienen: 15.07.2019
Bibliothek Suhrkamp 1508, Gebunden, 344 Seiten
ISBN: 978-3-518-22508-0
26 Euro

*

Nur das was war:
Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand
von Miron Bialoszewski (1994)
Nur noch antiquarisch, z.B. hier!

 

 

  • 1. Miron Białoszewski, Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Esther Kinsky, Berlin, Suhrkamp, 2019; falls nicht anders vermerkt, gekürzt als „MB/EK 2019“ bzw. „MB/EK 1994“, wo es sich um Nur das was war. Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand, Frankfurt, Verlag Neue Kritik, 1994 handelt.
  • 2. Miron Białoszewski, Pamiętnik z powstania warszawskiego, Warschau, PIW, 1970 u. 2016, künftig zit. als MB 1970/2016.
  • 3. Miron Białoszewski, M'ironien. Gedichtauswahl, übersetzt von Dagmara Kraus, Schupfart, roughbooks, 2019.

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