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Essay

Pingpong - Meditation über Grünbeins Traumkartei

Hamburg

Eine zentrale Aussage  von Grünbeins Poetik entdecke ich in einem Satz seiner das Buch eröffnenden „Fußnote zu mir selbst“, der Dichtung als Selbstgespräch sieht, als Zwiesprache mit sich selbst unter Einbeziehung eines Dritten, des Lesers. Er führt dort aus: „Die poetische Wirklichkeit ist eine andere als jene, die uns unterm Namen Realität immer neu verkauft werden soll. Sie ist zugleich flüchtiger und dauerhafter als diese. Sie legt sich nicht mit ihr an, warum auch? Sie sieht das Fadenscheinige jeder Realität, die menschlichen Konstruktionen dahinter und überwinded sie spielend mit Hilfe der Kommunikation. Sie erzieht den, in dem sie erwacht, zum permanenten Widerstand gegen den Fatalismus der Fakten und ist damit politischer als jede Politik.“

Ich halte inne. Etwas stört, es ist die Auftrennung der Realität. Das Schreiben an sich ist keine andere Realität als das Geschirrspülen oder Mountainbiken: eine situationsadäquate Tätigkeit, in der ich mich einbringe und beweise. Die Situation sammelt in mir alles, was ich brauche, um einem selbstgesteckten Ziel nahe zu kommen: dem sauberen Geschirr, dem Bestehen der Strecke, dem guten Gedicht. Und formt so mein Handeln, meine Anwesenheit in der Welt. Real ist, daß ich da bin und dichte. Das, was ich dichte, verändert mich und die Welt, weil ich plötzlich etwas nachschlagen muß, womöglich eine Pause brauche, ein paar Schritte im Laub, einen Schluck frischen heißen Tee. Die Welt enthält mich und mein Dichten ziemlich real und das Gedichtete realisiert Weltgeschehen ebenso, sobald sich ein Mensch lesend über das Buch beugt, aufblickt an den Spiegelungen des Zugfensters vorbei und übers Land streicht, als würde er mit seinen Gedanken ein Butterbrot schmieren. Auch Lesen ist eine ganz reale Sache.

Der Satz von Grünbein wird erst dann wahr, wenn man sagt, das Geschriebene enthalte eine andere Realität – in ihm manifestiere sich ein alternatives Weltgeschehen, das gleichfalls wahr ist oder gar als Korrektur zu verstehen ist zur nichtgeschriebenen Realität. Weil diese, so Grünbein, fadenscheinig sei, und er sieht „die menschlichen Konstruktionen dahinter und überwindet sie ...“ Diese Position ist beliebig: wenn Realitäten als menschlich konstruiert gelten müssen – und da bin ich d'accord – dann müssen auch die geschriebenen als solche gelten und dürfen nicht überhöht oder alleingültig gestellt werden. Das poetische Geschehen in einem Text ist genauso menschlich konstruiert, wie der klappernde Auspuff eines Militärfahrzeugs. Beides sind Weltbeiträge und die Welt bedankt sich weder bei dem einen noch bei dem anderen für seinen Beitrag, sondern harrt der faktischen Folge der Dinge: was löst der Text in seiner Welt aus und was bewirkt der tuckernde Heerestruck. Beide Geschehen können Welten und Leben verändern. Es gibt einige Gedichte, die mein Leben verändert haben. Es ist auch mehr als denkbar, daß ein Militärfahrzeug, das akustisch auffällt, in einem etwaigen Feindgebiet schneller ausgemacht und beschossen wird und deshalb Leben beendet oder Erfahrungen schafft, die Leben komplett verändern. Vielleicht geht aus so einem Beschuß ein Mensch hervor, der späterhin als Politiker sich für Frieden einsetzt und am Ende gar den Friedensnobelpreis erhält. Wir wissen es nicht. Weltbeiträge sind zunächst wertfrei, und, da hat Grünbein Recht, sie werden erst durch unsere Konstruktionen zum willkommenen oder unwillkommenen Event. Es ist unsere Entscheidung, welche Weltbeiträge der Mensch leisten soll/darf/muß. Und diesen Moment der Entscheidungsfreiheit meint Grünbein wohl, wenn er schreibt, die Poesie erziehe den, „in dem sie erwacht, zum permanenten Widerstand gegen den Fatalismus der Fakten und ist damit politischer als jede Politik.“ Kein A-Sager muss zwangsweise auch B sagen. Wir sind in unserem Weltbeitrag immer frei und zwar jeden Moment neu frei. Wir richten etwas an und können sehen, was wir angerichtet haben, und können es sofort und gleich wieder anders tun, wenn wir sehen, daß es nicht gut werden wird. Das ist übrigens auch ein bißchen die Art wie man malt, komponiert, dichtet. Poesie, sagt Grünbein, „verdeutlicht das Lebensprinzip, dem jeder Mensch, wie verstrickt und von den Umständen korrumpiert er auch immer sich durchwindet, in der Sehnsucht doch folgt, ob er nun schreibt oder nicht.“

Ich möchte an dieser mir fast versöhnlich zukommenden Stelle die Stimme Jean Pauls einbringen, der gegen Ende der Flegeljahre anläßlich eines Maskenfestes sagt: „Ein Ball en masque ist vielleicht das Höchste, was der spielenden Poesie das Leben nachzuspielen vermag. Wie vor dem Dichter alle Stände und Zeiten gleich sind und alles Äußere nur Kleid ist, alles Innere aber Lust und Klang: so dichten hier die Menschen sich selber und das Leben nach ...“

Auch hier begegnen wir der Idee der Vermummung, aber in der Form, daß erst in ihr der echte Mensch erscheint, weil er dann losgelöst vom Ernst wahrhaftig werden kann, was nicht „wahr“ in einem wissenschaftlichen Sinn heißen soll, sondern authentisch, menschlich. In der Maskerade findet der Mensch Kraft und Inspiration das Echte sein oder zeigen zu wollen. Darin entdeckt Jean Paul die Poesie, angst- und barrierefrei dem Ungeschönten hinterher und das tut auch der Schriftsteller, er läßt sich vom Äußeren nicht täuschen, vom  Wirklichen, da es nur ein Nachhall eines viel tieferen Klanges ist, der wie die Lust aus einem unbekannten Innen kommt.

Bringen wir beide Ideen zusammen, die Andersartigkeit der poetischen Wirklichkeit Grünbeins, die jenseits der bürgerlichen Vermummung (mit einer angeblich unausweichlich faktischen Welt) anhebt neue Gültigkeit zu haben und das Poetische des Wirklichen bei Jean Paul, das sich gerade in der Maske ungeschönt zeigt, dann landen wir vor meinem Grünbein-Problem: bringt der Mensch die Poesie in die Welt oder ist das Geschehen selbst poetisch (und damit die Poesie der Niederschlag eines Weltprinzips)? Ich neige dazu zu sagen, die Welt ist per se poetisch, weil bezogen auf. Wie alle Dinge miteinander sind, hat Poesie. Und wir entdecken sie, indem wir das Miteinander der Dinge betrachten oder nachstellen oder neu arrangieren. Wir entdecken das Gedicht, weil ein Miteinander von Dingen dichtet. Die Eigenschaftlichkeit der Weltdinge sorgt dafür, daß jedes Geschehen poetisch in dem Sinne ist, wie es Wirkungen einander abzuhorchen befähigt, Wirkungen innerhalb des Geschehens, die immer ganz gekoppelt an die Beschaffenheit auftreten, aber immer auch mehr sind als nur ein einfaches Summenspiel und ein eigenes Außen bilden. 

Hier ließe sich fragen, ob wir das tatsächlich naturgesetzlich fixen können, oder ob es eher zu tun hat mit einer fundamentalen Beschränkung im Gewinnenkönnen von Information und einer spätestens auf subatomarer Ebene einsetzenden Unmöglichkeit von Dingen wissen zu können, ohne mit ihnen in eine Beziehung zu treten, die sie verändert.

Ich finde allein das schon poetisch: wenn ich von einem Weltding etwas wissen will, muß ich mit ihm in Beziehung treten und verändere dadurch die Welt. Ich kann nicht außen vor sein und/oder verschont bleiben. Es gibt keine Maske, die mich davon befreit, von der Welt erkannt zu werden und mir die Beziehung erspart. Ich gebe der Welt, was ich bin oder glaube zu sein.

Das sich aus Weltbegegnungen zwangsläufig poetische Weltgeschehnisse entwickeln, daß es unvermeidbar ist, im Spiel von Bemerkung und Bewirkung ein Mehr entstehen zu sehen, läßt mich vermuten, daß die Freiheitsgrade entsprechend und mehr als umfassend sind. Das Umfassen des Dings scheitert an der Unfassbarkeit, nicht weil das Ding unerreichbar wäre, sondern, weil es reagiert. Die Welt läßt sich begreifen, aber das Begreifen verändert die Welt. Diese mäandernde Unendlichkeit der Welterzählung, die noch dem kleinsten Atemzug Bedeutung gibt, löst aber in vielen Menschen statt einem tröstlichen eher ein bedrohliches Gefühl aus, weil es den Rahmen der eigenen Reichweite sprengt und in einen Ozean entläßt, in dem nichts einzuholen ist, und so sehnen sich manche eine vertrauensbildende Endlichkeit herbei, die mit ihrem abgekürzten Faktenmaterial ein stabilisierendes Mythenmanagement ermöglicht, das (beispielsweise) den Menschen in die Nachbarschaft Gottes rückt und Sinnhaftigkeiten etabliert, die es so nicht gibt. Auf diese Weise rennt man Religionen hinterher und politischen Glaubenssätzen und gegen diese Drift fühlt sich Grünbein immunisiert, weil die Poesie als kommunikatives Geschäft Antworten nur als Basis einer nächsten Frage nutzt.

Das von Grünbein Gesagte spielt in mir Pingpong und ich entwickle ein mißtrauisches Gefühl: Ist der Traum wirklich am Ende? Wie kann bei Grünbein etwas, das meines Erachtens kein Traum ist, nämlich die Poesie des realen Geschehens (oder das reale Geschehen der Poesie), für so eine Frage herhalten müssen? Für ein widersprüchliches Arrangement: hier die so called Realität und dort die Traumhaftigkeit, das Andersreale des Geschriebenen. „Der Dichter muß seiner eigenen Traumwirklichkeit folgen, nicht selten auch seiner abgründigen Psyche, wie es alle die Zerrissenen taten, die sich ins goldene Buch der Menschheit eintrugen ...“

Nein, muß er nicht. Er kann und darf träumen, aber das ist nicht seine Aufgabe als Dichter, er hat sich träumen zu lassen, er hat zuzulassen, daß sein Träumen, seine Fähigkeit zu Träumen, im Dienst der Kunst steht und nicht, daß das Geträumte der Pol sein soll, dem er und alle andren nachstreben. Und dann bitte nicht sein Träumen, sondern sein ganzes Denken und schließlich sein Wesen sollten offen sein für das, was an Poesie möglich ist im Beziehungserleben der Welt. Die von Grünbein als Darstellungstool erwählte Unterscheidung zwischen Alltagsrealität und Künstlerrealität empfinde ich als ebenso konstruiert, wie die von ihm beanstandeten offiziellen Lesarten der Welt.

Ich möchte zunächst nicht rein in sein Buch. Es bietet mir eine Denkumgebung, die mir Schluckauf macht. Schon der Hinweis auf das mit Abgründen erkaufte Künstlertum ist mir zu plakativ. Obgleich er dem Anschein nach viel zu oft stimmt, befasst er sich in Wahrheit doch nur mit einem in Erscheinung tretenden Muster, dem etwas anderes zu Grunde liegt als ein „Künstlerverschulden“. Der Grund für die Andersartigkeit des Schreibenden ist nicht seine gepeinigte, abseitige Seele, sondern das Schreiben. Es mag so sein, daß viele der Schreibenden lange und große einsame Kämpfe im Abseits mit sich selbst und mit ihrer Umwelt führten, aber es kann auch so sein, daß dieses Kämpfen vielleicht sogar eine Folge des Schreibens ist und nicht seine Ursache. Es ist ein Tun, das sich freiwillig dem Geschehen der Poesie aussetzt und uns darin positioniert.

Grünbein selbst bekennt auf S.97: „Ich liebe den Zeilenbruch als Bruch mit der Wirklichkeit, die mich immer umgibt.“ Ich möchte diesen Satz umformen, sodaß er für mich stimmiger scheint:  Ich liebe die Art, wie ein Zeilenbruch wirklich ist. Ich sehe in ihm nicht die Gewalt, die einer anderen Wirklichkeit etwas antut, sondern das Wirkliche, das dem poetischen Weltprinzip folgt. Ich denke, in einer ruhigeren Minute würde das Grünbein auch unterschreiben, denn in ihm zeigt sich immer wieder in den vorliegenden Texten der Rebell, der mit all seinem Sein dem Be- und Überstimmtsein durch eine staatliche Autorität entgegenstrebt. Die „Realität“ stets vordekliniert bekommen zu haben, macht sich bei ihm bis heute in Abgrenzungsgebärden bemerkbar. Die Fluchtbewegung, die ihn einst ins Reich der Poesie geführt hat, das Fliehen vor dem Vorgefundenen, ist allenthalben spürbar in seinen poetologischen Texten, aus denen mir plötzlich doch ein versöhnlicher Satz entgegenhüpft: „Verse sind ein hochauflösendes Darstellungs-mittel der Existenz.“

 

Durs Grünbein
Aus der Traum (Kartei).
Aufsätze und Notate.

ISBN 978-3-518-42853-5 
28 Euro
Suhrkamp
Berlin 2019

 

 

 

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