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Essay

Hinter der Scheibe

Notizen zu Elke Erb
Hamburg

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Es gehört sich, zum Lobe von Dichterinnen zu sagen, dass sie poetisches Denken formulieren. Der Begriff des Denkens soll aus dem eng umzäunten Laborbezirk der Naturwissenschaften herausgelöst und in der freien Wildbahn der Phantasie aufgewiesen werden. Vom Abglanz des Denkens erstrahlt dann das abstrakteste wie das konkretste Werk wie ein verstandenes Experiment am Teilchenbeschleuniger. Es wird schwierig, das Preisenswerte anders hervorzuheben, als durch Bezüge zur Krone der Naturwissenschaften.


Wenn Gedichte Mathematik sind, dann sind Elke Erbs Topologie. Die Lehre von offenen Mengen, von Umgebungen, von Kompaktheit. Unbekanntes Terrain für Geisteswissenschaftler, zweifelsfrei, wo schon die Wurzel aus -1 zu höchst amüsantem ___STEADY_PAYWALL___Austausch zwischen Mathematiker und Geisteswissenschaftler führt (vgl. Alexander Kluge, etwas aus dem Esoterik-Untergeschoss formulierend in: „Der Russland-Kontainer“). Schwierig? Nicht wirklich. Wann, so fragen Topologen des Sprachraums, sind zwei beliebige Wortpunkte durch offene Umgebungen disjunkt trennbar? Wann hat jede Überdeckung eines Sprach-Objekts mit offenen Umgebungen oder Sätzen eine endliche, also bestimmende Teilüberdeckung? Topologie, Mengentopologie ist nicht das attraktivste Feld der Mathematik. Und doch grundlegend, schiebt sich unten durch bis in die konkretesten Anwendungen der Quantenmechanik.

»Kommt man mit der S-Bahn von Mahlsdorf über Kaulsdorf und Biesdorf nach Friedrichsfelde-Ost, sieht man zwischen Biesdorf und Friedrichsfelde-Ost links immer diese Neubauten, aus deren hunderten Fenstern man die S-Bahn zwischen Biesdorf und Friedrichsfelde-Ost immer vor sich sieht.« 

Dieser Text hat sich als Eingangstor in die Erbsche Poetik etabliert. Man muss den Ort, der Friedrichsfelde-Ost benannt wird, nicht kennen. Es ist klar, dass dort Schluss ist mit Dorf, mit Kaul und Bies und Mahl. Dort sind hundertfach Fenster, Reflexionen, sieht der Mensch nicht mehr nach draußen auf etwas, was ums Dorf herum Natur sein mag: er sieht sich selbst, gespiegelt und überdeckt im neu Gebauten. Stadt als Ort, in dem man sich selbst als Masse sieht, überdeckt mit hundertfachen Kopien. Der topologische Blick macht den Unterschied: das Geworfensein des Menschen ist ein sehr anderes, wenn man statt im Dorf in der Stadt - gar wenn man auf Plattenbauten aufschlägt. Ob die Liebe der Interpreten zu diesem Text, der sich so wohlfeil verwenden und aufdröseln lässt, auch die kleine Bissigkeit enthält, dass Elb das Dörfliche anhafte, als ob sie ihre Biographie in ihren Texten ausbreite, wie eine mit  Schlüsselblumen bestickte Tischdecke?

II
Erb taucht nicht in die Dinge ein – zu groß sind die Vorbehalte, zu stark die kritische Distanz, das Misstrauen: jederzeit ist sie sich der Trennung von den Dingen bewusst, sie, ebenso der Leser ihrer Texte, empfindet sich hinter einer Scheibe. Hinausgreifen zu können mit einem Wort, die Sache beim Wickel haben – wie kann das gehen? Das richtige Nomen wählen, das richtige Prädikat beilegen – ein simpler Prozess. Wer stellt die Richtigkeit fest – hier beginnt die Machtfrage, hier beginnt Politik. Hier beginnt Eigentum, in-Besitznahme, ja Raub: denn der Bezeichnende greift über, schafft sich mit dem Begriff das von ihm angeeignete Objekt in seinem eigenen Verstand, wenn es denn noch der eigene ist – nicht schon der vom Sprachgebrauch, von der Konvention überformte? Die sehr gern als Setting gewählte Fahrt im Zug ist archetypisch: das distanzierte Vorbeigleiten der Geschehnisse ist die poetische Position, aus der sie die Welt – wenn das Konzept ›Welt‹ überhaupt Sinn macht? – betrachtet. 

Thema

werkeln: Da bist du die Dinge. Raub.
Nimm dich in acht, sonst fährt dein Auge
mit dem Werkeln heraus aus dir.

Augenlicht: Laterne. Steht draußen.

Gut für die Nacht. Und Personenverkehr.

(...)

Verschmelzen mit den Dingen, wie es manch naiver Lyrik-Liebhaber erwartet, eine emotionale Hin- oder Aufgabe der Autorin in das Sujet ist bei Erb nicht zu befürchten – eher verschmilzt sie mit der Scheibe, die sie zwischen sich und ›Welt‹ wahrnimmt, als mit den Dingen. 

III
Elke Erb glaubt nicht an stetige Gedankenläufe, an Definitionen, Fixationen. Stetigkeit ist ein topologischer Begriff (eine Abbildung heißt stetig, wenn die Urbilder offener Mengen wieder offen sind). Sie schreibt aus einer tiefen, fast grundlosen Skepsis gegen die Werkzeuge, die sich als Physiker-Verstand gerieren. Und hält inne. Lässt diesen ihren skeptischen Verstand den Wahrnehmungs- und Bezeichner-Wagen einen Schritt weit ziehen, um ihm sofort in die Zügel zu fallen. 
Eine aus der Reflexion eingegebene Dialogik, ein inneres Befragen und hin- und herwenden konstituiert den inneren Sprachfluß. Nicht der Augenblick der Wahrnehmung ist interessant: nein, es ist jener innere Dialog, wenn das Notierte, Erinnerte, Angedachte sich in den Scheiben des Neubaus zeigt. Das Gedicht zeigt sich erst der Rekonstruktion. Es ist eine Überdeckung seines Sujets mit Beobachtungen, Assoziationen, Vorstellungen, die zwar häufig von Stopps, Bedenken und ebenso häufigen Aha!s durchsetzt ist, aber doch nie die Stufe erreichen darf/soll, in der man (oder: Mann?) von Denken im klassischen Sinn sprechen möchte. 
Ein Begriff, der nicht greift, ist nicht begriffen. Und greifen lässt sich ansehen wie eine Kollision, ein zurückprallen im Kopf am Ding, ein Zurückgeworfensein auf das Selbst.

»Man könnte sich unterhalten über das Bewußtsein als Kontroll-Instanz. Es stört. Es führt zu unkontrollierter Vorgaben-Bedienung. Es kontrolliert nicht redlich. Lügt sozusagen. Bewegt sich untergeordnet, statt frei & produktiv«

So in einem (schriftlich geführten) Interview auf Signaturen. Sie lebt in einem Haus mit einem listigen Betrüger – denn auch die reflektierende Instanz, die jenes ›Bewusstsein‹ der Lüge zu überführen trachtet, ist ja das Bewusstsein selbst. Nicht zufällig folgt auf jenen Hinweis das Gedicht vom geträumten Fuchs:

        Liege im Gebäude, träume
    einen Fuchs,

        und bin im Hause wohl die feine
    Füchsin heimlich

IV
Eine unaufhebbare Doppelrolle, in der als finale Instanz der Event, ein in Zeit und Raum spezifisch eingebettetes Ereignis steht. Die Kategorien, das Fixieren mit quasi wissenschaftlicher Präzision exakt datierbare Moment des Notierens bietet einen Halt. Oder ist es doch der Augenblick der Reflexion, der mehr Relevanz hätte, der wichtiger festzuhalten wäre? Sobald sich diese Frage stellt, verliert die Authentizität ihre Rolle. Sie war ein Überbleibsel aus der Zeit, als im Westen die Nabelschau-Poetik der Neuen Subjektivität Gedichte in die Buchhandlungen spülte und die Lyrikbücher der Befindlichkeiten in 100.000er Auflagen konsumiert wurden. Bei Erb ist das völlig anders (in beiden Hinsichten). Der Augenblick, das datierbare Notat steht für sich, als eine Wahrnehmung, in Worte gekleidet. In den Farben der Worte, in den Umgebungen, die sie mit sich tragen, manchmal knapp am Wort selbst entlang, manchmal an den Umständen des Notierens sich sammelnd. 
Was also, so ist zu fragen, hat diese Worte für jenen Anlass in Dienst genommen? Mit welchem Recht und mit welchen Mitteln hat die Sprache die konkrete Wahrnehmung besetzt? All das ist nicht Kant geschuldet, freudig überspringt das sich im Hinterfragen setzende Ich den ursprünglich kritischen Impuls in ein verortbares Staunen – jene Sorte Staunen, die nicht der Anfang, sondern das Ende der Philosophie im klassischen Sinn ist – der Philosophie also im Sinn einer Männerkonstruktion, einer Staatsaktion, eines Strukturierungs- und Zähmungsmolochs. 

V
Braucht das Ich den Neubau? Braucht es die Spiegelung in vielen Scheiben, vielen Umgebungen? In der Auseinandersetzung des sich fremd Seienden mit dem sich Gleichen, also in der Kontraposition des A=A mit dem Nicht-A konstituiert sich das Ich. Jedoch nicht wie bei Fichte als die als Einfachheit gedachte Einheit, sondern als umgreifendes, sich in vielen Scheiben spiegelnde Einheit, als vielschichtiges Wesen, in dem mehr als die Dimension der Reflexivität das Wesen-Gebende ist.

Im Diskurs, der ihr Schreiben bildet, unterscheidet Erb zwischen dem ›unterschwelligen‹ Ich, das in Notaten aktiv ist, vom reflektierten Schreib-Ich, jener zweiten Instanz, der sie die Trennung von Lüge und Wahrheit zutraut, nicht jedoch die Unmittelbarkeit des Ersten. Ein Topos, der bei ihr nie an Präsenz verloren hat –

daß ich das Ich nicht vorauszusetzen
(als Erzähler-Ich, in seiner Freistellung
zwittrig: black-box und Weißes Schaf),
sondern Ort für Ort zu erkunden hatte

(Kastanienallee, Kommentar zum ›Stundenplan‹)

So ist die Präsenz gespalten durch den Fluch des Bewusstseins – das Denken packt zwar die Denkende, aber nur an ihrer Peripherie. Wissen zieht sie ab von ihrem Zentrum. 
Man möchte sich am Zweifel halten wie am Rockschoß der Mutter, doch daran lässt sich nicht festhalten. Denken duldet keinen Denkenden, keine Denkende. Immer wieder haben Philosophen am Staunen innegehalten – angeblich – doch das inne gefiel ihnen selten. Waren ja meistens Männer; und sobald sich ein lose liegender Anfangsfaden fand, wickelten sie ihn auf ihr Spulchen und eilten ihm nach. Erb, scheints, bleibt dem inne und dem Anfang treu. Keine Spur von Rocket-Science, keine umfassenden Theoreme liefert die Topologie. Doch leistet sie es, jenes Wechselspiel von Staunen, Reflektieren, in Worte fassen, den Wortgehalt in Zweifel ziehen und zu sich selbst zurückkehren:

Bist du erlöst, wenn dein Blick
in der freien Natur, also außerhalb
dich et-wen oder -was antreffen läßt in wem?

Nach Art einer einmal getroffenen Einrichtung, es heißt
Möbelstück. Möbelstück. Es heißt M.

(Anonym, 8.11.06, S. 72)

Die hier hinterfragte Vergegenständlichung wird in der Sprachwahl vorexerziert: die ›getroffene Entscheidung‹ metamorphosiert sich in die ›getroffene Einrichtung‹, ein Wort, das sowohl platt Stühle, Tische bezeichnet, als auch die Objektivierungen oder Zurechtrückungen, mit denen man es sich in seinem Leben eingerichtet hat. Nicht untypisch für Erb, dass der schillernde ›erlöst‹-Begriff wie eine Karikierung der Überwindung jener naiven, vor-philosophischen Gegenstandshörigkeit verwendet wird. 

Der Morgen graut an der Balkontür. Es war ja nie 
unterschieden, kam er aus der Welt oder war
          die Welt hier?

So bleibt das stehen, jener Morgen, der sich wie inkognito vielleicht aus der Dorf-Zeit in die Stadt-Zeit schiebt –auch er darf das Ich nicht überwältigen, eines, das sich treu ein Leben lang sagt: ich will mich nicht vom Verstehen überwältigen lassen, ich werde nie sein Knecht werden, nie so verstehen, wie es gelehrt wird. Und am Ende des Lebens zu sagen: immerhin das ist geglückt. Mag jeder sich selbst fragen, ob das wenig ist.
 

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