Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

DER HORIZONT DER ANRUFUNG

Hamburg

(Über Gregor Laschen – ein Blick aus Petersburg) - Ein kleiner poetologischer Essay von Igor Bulatovsky (Sankt Petersburg); aus dem Russischen übertragen von Daniel Jurjew

Richten Sie den Blick auf die Kimmlinie, den Horizont am Meer. Diese Linie wird weiß und zittrig werden wie das Blatt Papier, das parallel zur Erde gedreht und angehaucht wurde. Ein weißer Feuerschein wird anfangen sich über dieser Linie zu erheben, bei der kleinsten Bewegung Ihrer Pupille verschwindend und dann wieder aufflackernd. Der Himmel wird anfangen sich zusammenzurollen. Dort wird etwas geschehen, sich vorbereiten, schließlich wird etwas von dort losziehen ... Wenden Sie den Blick davon ab. In der Ferne, nämlich am Horizont, wird der Raum bekanntlich zur Zeit. Und zwar zur Zukunft, genauer gesagt zur biblischen Vor-Zukunft. Zum Tempus jener Weisheit, die „mit Ihm“ war und sich freute, als Er die erste „Weltlandschaft“ erschuf: Als er die Himmel bereitete, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er dem Meer seine Grenze setzte (Sprüche, 8:27–29). Diese Weisheit ist das erste und das letzte Welt-Bild. Das erste, weil eben sie der plötzliche, die persönliche Kultur gebärende Blick auf die Welt ist, der Blick aus der Mitte des Kreises, unter der Zirkelnadel hervor, der Blick, der zum Panorama ausgeweitet wurde von der Angst vor dem Tod, die die einzige Eigenschaft der Zukunft ist. Das letzte, weil eben sie der kreisende Blick der entweichenden Seele auf ihre „ästhetische“ Umgebung in der Welt ist, auf ihre (der Seele) Landschaft, auf das, womit die Seele sich hat verbinden können in der Welt. Am Horizont wird der Raum zur Prophezeiung. Das Sichtbare zum Sprechenden. Eben der Horizont ist die seitliche, der Dicke ledige Projektion des „Blattes Papier“, auf dem schwarz auf weiß, mit schwarzer Flamme auf weißer Flamme, die persönliche Zukunft niedergeschrieben ist – der persönliche Weltuntergang (die Verdunkelung). Insbesondere der Horizont am Meer: Die Steinbrüche auf Patmos können dies bezeugen. „Aber vom fast schon vergessenen Rand der Welt her / kommen die Schatten der großen Wörter zurück / uns abzumessen, kurz vor dem Eingang / in die wieder aufgeräumten Leichenkammern“, sagt Gregor Laschen darüber in „Die andere Geschichte der Wolken“ (1983). In demselben Buch zitiert er Hölderlin: „Die Zeit ist buchstabengenau“. In „Anrufung des Horizonts“ (1985) presst er diese Gedanken in die Hieroglyphe der Horizont-Linie als „Augenlippen“. Gregor Laschen betrachtete viel zu lange, ohne den Blick davon abzuwenden, diese prophetische Gerade auf der Spitze von Grenen, im Städtchen Skagen, dem äußersten Punkt Dänemarks an der Grenze von Nord- und Ostsee. Dort sind die Meerengen „Kattegat und Skagerrak ineinsgetrieben. Und die Zeiten wechseln eben nicht“. Skagen selbst, ein Fischer- und Kurort, der Andersen, Ibsen, Brandes, Holger Drachmann und die dänischen Künstler, die versuchten, „das Licht darzustellen“, gesehen hat, kommt in „Anrufung des Horizonts“ nicht vor. Man sieht es nicht hinter den Uferdünen. Die Spuren menschlichen Wirkens sind in dieser Dünengegend karg und belehrend. Hier ist Tilsandede kirke – der sonnengebleichte Turm einer mittelalterlichen Kirche, die „bis zum Nabel im Sand“ steht, unter dem knorrige Holzengel und „schwergewordenes“, auf knarrigen Bänken „kniefällig ausgesessenes Leben“ schlafen. Hier ist eine alte Schmiede, in der rostige Geräte hängen, „die ungeschriebenen Buchstaben der Arbeit“. Hier ist Drachmanns Grab unter einem zweifüßigen Findling und „deutschem Beton“, das „langsam, nach Art der Ewigkeit“ ins Meer geht. „Die Wüste unserer Heimat, Sand, viel Sand, nichts als Sand“ (Drachmann über Skagen). Hier ist ein Wegweiser, „besetzt mit Kleingetier“, im Nachbardorf Kandestederne. Hier sind Klumpen von „Werfttagen“. Hier ist ein abgebranntes Gehöft, um das herum seine „abgeflämmten“ Laute und obdachlosen Wörter wandern. Aber all das sind nur Anlässe, um den Blick auf andere, nichtbelehrende Spuren umzulenken und als „Himmelschreiber“ mit der Erfassung des eigenen Weltkreises zu beginnen, des „leeren Gehörgangs des Traums“, und in ihn, in diesen Gehörgang, zu sprechen: über die Gesichter der Steine, Hecht-Wolken, die rote Wolke, die ein „Gelenk des Lebens“ ist, das die Bewegung des ganzen Bildes erlaubt, die alte Wolke „aus hellem Blei“, „die um die Welt zieht“, Wolkenmandeln, Seehaferspitzen, Treibholz auf Wellen. Diese Erfassung kehrt zur Erfahrung des „schmalen Leibs“ des vorzeitlichen Nomaden zurück; dieser Nomade versteckt sich vor dem feindlichen Raum hinter Symbolen („Säule des Wals“ und „der Schamteile Natur“ für Horizont, das „gefiederte Rad“ des Lebens für von den Zähnen des Windes angenagte Steine, Sand, der „das Meer füttern“ geht, für Brüste und Bauch der Dünenriesin Råbjerg Mile). Diese Erfassung erhebt sich über jegliche Erfahrung und versucht, die überpersönliche, nicht-metaphorische Sprache des Gesprochenen zu sprechen, die „Sprache“ des Erdbodens („die schön geschichtete Häufung von Gelb“, „Ruhestellung einer zweifarbigen Fläche“, „mitten zwischen Blau und Braun mit Resten Schwarz und Blut“), die in das Meer hineingezogen wird, von „Erde, Schwemmsand, Kreide, Asche“. Diese Sprache des Gesprochenen wird in derselben Zusammensetzung auch auf den Sprechenden angewendet und verwandelt ihn in einen „nervösen Ausläufer“, ein „zu Ende gekommenes Signal“ der Landschaft. Der Sprechende hat nicht mehr die Möglichkeit, nicht zu sehen, ihm bleibt nur noch, zuzusehen. „Was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild war die Düne, das aber, wohinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Youngs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm[en], zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären“, gestand Kleist vor Caspar David Friedrichs „Der Mönch am Meer“. Dieses Bild ist die letzte Grenze, das Ultima Thule der europäischen „Weltlandschaft“, die irgendwann ihre braun-grün-blaue Flagge in Jan van Eycks „Die Verehrung des Lamm Gottes“ gehisst hat. Die ersten Bewohner dieser Landschaft, die Madonnen und heiligen Märtyrer, vermischten sich bald mit den wahren Landschaftsherren, den sündigen Bürgern, sodass man bei Joachim Patinir nicht mehr auseinanderhalten kann, wer nach Ägypten flieht und wer nicht. Die Landschaft wurde immer unikonischer, verbarg (auch vor protestantischen Bilderstürmern) kleine Heiligenfiguren und zeigte eher das tremendum wegen ihrer Anwesenheit als die Anwesenheit selbst. Manchmal uferte es aus. 1497-1502 malte Hans Leu der Ältere für das Züricher Großmünster die Heiligen Felix, Regula, und Exuperantius, Märtyrer aus der Thebäischen Legion, die der Überlieferung nach in Turicum (dem späteren Zürich) hingerichtet wurden. Die Figuren der Heiligen und ihrer Peiniger wurden vor dem Hintergrund Zürichs gemalt. Zwinglis Bilderstürmer schabten nicht nur die Heiligen, sondern auch die Henker vom Bild herunter. 1566 wurde Leus Bild restauriert, wobei alle Figuren übermalt wurden und bloß das Stadtpanorama (die Limmat, Boote, Brücken, Waschkähne, die Wasserkirche, das Rathaus, das Großmünster und Berge) übrig blieb. „Ihr hohen Pappeln — Menschen dieser Erde! / Ihr schwarzen Teiche Glücks — ihr spiegelt sie zu Tode“ (Celan). Die Landschaft spiegelt den Menschen, selbst den Heiligen, zu Tode. In seiner Antwort auf Celans Gedicht „Zürich, Zum Storchen“ scheint Laschen auf die Geschichte von Leus Bild anzuspielen: „An den Rändern liegen die Waschkähne. / Schlaflosigkeit, dickgewordene Finger wie / die Kirchtürme ringsum, gebeugt übers Papier, wäscht / uns den zähen Leib ab / bis auf die Knochen, wo die Wörter sitzen / in Trauben“ („Die andere Geschichte der Wolken“). In „Anrufung des Horizonts“ geht er noch weiter und durchdringt die Wörter bis zu den Knochen, bis zu ihrem Mehl, Schwemmsand, bis zu ihrer Erde, Asche. Kleist nannte den Mönch, der am Meer steht, den „einsamen Mittelpunkt im einsamen Kreis“. Die Heiligen sind verschwunden, ebenso die Landschaft, geblieben ist bloß das tremendum, die Erwartung. Von hier holt uns Friedrich zur Wörtlichkeit des Utrechter Psalters zurück, zu den Bettchen schlafloser Psalmensänger, die inmitten von flatternden federnen Hügeln und Schluchten stehen; dort sind das zitternde Bäumchen am Rande des Ikonenhügels und das zitternde Wort am Rande des Bewusstseins identisch. „Immer die eine, die Pappel / am Saum des Gedankens“ (Celan). Bei Laschen ist die Erwartung beendet, es bleibt allein ein „Punkt ohne Ränder, von innen beleuchtet“. Das ist keine Anrufung des Horizonts mehr, sondern ein Horizont der Anrufung. Der Himmel ist zusammengerollt und die Lebenslinie (oder vielleicht der Rest eines alten Schiffstaus) wird bis zum Ende im neuen sprechenden Sichtbaren abgerollt, das Tier schläft noch: „zwei Rücken, bunte Köpfe kreuzen“, aus der Ferne ähneln sie Wetterballons. Der entblößte, genauer gesagt, der (wieder) zum homo nudus gewordene Mensch ist ein “weißer Sprung am Rande des Wassers“.

Erschienen in Ostragehege 66– II/2012, 53–4

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge