Fixpoetry

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Essay

Ein bisschen Meeresleuchten

Gedanken über eine sprachliche Figur der Gegenwart
Hamburg

Lohnt es sich überhaupt, eine essayistische Betrachtung über einen so flüchtigen sprachlichen Dreizeller wie ein bisschen zu schreiben? Nur dann, meint der Autor, wenn sich der Dreizeller gleich einem Algenteppich auf unser schön lumineszierendes Sprachmeer legt und zu einer wahren Massenplage wird. Irgendwann, behaupte ich, wird mir der Dreizeller ein bisschen die Lust am Baden im Sprachmeer verleiden, und das wäre doch schade. Oder übertreibe ich ein bisschen?

Als Meeresleuchten bezeichnet man Lichterscheinungen im Meer, die durch eine Ansammlung von Einzellern erzeugt werden. Die Algen oder Dinoflagellaten senden bei Berührungsreizen in der Brandung blaue und grüne Lichtsignale aus. So gesehen, ist alles schön. Ab und zu ein bisschen in unserer Sprache leuchtet schmuckreich auf. Doch was ist geschehen? Hören Sie bewusst hin, lesen Sie bewusst mit. Der Dreizeller ein bisschen grassiert.

Es war ein furchtbarer Sommer, der erst in den letzten Augusttagen zu seiner gewohnten Form auflief. Falsch wäre es, zu sagen: „Der Sommer war ein bisschen enttäuschend.“ Dennoch ist das der Satz unserer Wahl. Der Autor will also in diesen letzten Sommertagen untersuchen, warum wir so selten ein wenig oder zu einem geringen Teil sagen, dagegen massenhaft ein bisschen. Woher kommt diese Algenplage? Warum leuchtet das Sprachmeer nicht mehr so schön?

Ich begebe mich in die Rolle des Sprachwächters, um das Sprachmeer wieder funkeln zu lassen, um es zu lumineszieren, so wie ich es liebe. Und dabei stört mich der Dreizeller ein wenig, weil ich ihn in jedem zweiten Satz treffe. Ich will nur ein bisschen maunzen, und auch so unterhaltsam wie möglich, dann soll es im Tagesgeschäft weitergehen.

Zum ersten Mal fiel mir das häufige Auftreten der sprachlichen Figur ein bisschen in der Filmwelt auf, also dort, wo man möglichst lebensecht und alltagsnah sprechen will. Natürlich geht das schief. Die Figuren sind Papier, und so häufen sich Dialoge à la: „Sie können heute ein bisschen früher gehen, Schwester Hedwig.“ „Aber nein, Herr Doktor. Ich bleibe, bis sich das Wartezimmer ein bisschen gelichtet hat.“

Kann sich ein Wartezimmer ein bisschen lichten? Eher kann es leuchten, wenn Schwester Hedwig schöne Worte verwendet. Den Autor interessiert, warum die Drehbuchautoren, immerhin Kollegen vom Fach, uns mit dieser sprachlichen Figur einen Geschmack von Alltag geben wollen − und weiterhin, ob die resultierende Stereotypie (alle Filmfiguren sagen ein bisschen statt ein wenig oder zu einem geringen Teil) gewollt ist oder bloß ein Betriebsunfall.

Dem Alltag steht die abgeschwächte Mittellage gut. So ein matt leuchtender Dreizeller wie ein bisschen ist ein Partikel unseres Alltagslebens, und als solcher hat er ein Recht. Immer ist ein bisschen zu wenig Geld da, immer sehnt man sich nach ein bisschen mehr Erfolg oder Anerkennung, und immer geht man sich in der Zwischenzeit ein bisschen die Beine vertreten. Gehen Sie sich ein wenig die Beine vertreten − das klingt schon komisch erhaben! Aus der Genresprache von Filmfiguren ist in den letzten Jahren eine sprachliche Figur zu uns herübergewandert, die nach Meinung des Autors mehr Fiktion als Wirklichkeit transportiert. Zum Sprechen gehört das Leuchten, nicht die permanente Mittellage: „Sie können stehenden Fußes gehen, Schwester Hedwig.“

Wie wäre es mit einer empirischen Auswertung der Verwendung von ein bisschen in Filmen zwischen 1950 bis heute? Der Autor wagt die These, dass es eine steil ansteigende Kurve ist. Die nach der Wirklichkeit kopierte Erfindung wird zur erfundenen Wirklichkeit. Seine zweite Vermutung ist, dass alles mit der neuen Innerlichkeit der 70er Jahre begann, als die Menschen auf einmal die große Sehnsucht nach ein bisschen mehr Lebensechtheit in Film und Literatur hatten. Salz auf unserer Haut. Kann sich noch jemand an den Männertyp des Softies erinnern? Und sang Nicole nicht damals von ein bisschen Frieden?

Heute sind es keine Filmfiguren, sondern die Bionade-Mütter vom Prenzlauer Berg, die den Ruf des ein bisschen in die Welt tragen. Der Dreizeller ist mutiert, seit die Softies ausgestorben sind. Ja, die sprachliche Figur leuchtet nicht mehr cremefarbig oder lachsrot, sondern irgendwie matt schimmernd oder neutral. Niemand fordert heute mehr ein bisschen Frieden, wie es Nicole in ihrem legendären Song tat. Dagegen hört der Autor oft folgenden Satz: „Das fand ich ein bisschen unverschämt von ihm.“ Hat Patient Daniel heimlich einen Brief an Schwester Hedwig geschrieben? Oder kam es zu einem handfesten Schäferstündchen? Der Berührungsreiz hinter ein bisschen ist heute rätselhaft, er kann alles sein.

Grundsätzlich ist die sprachliche Figur ein bisschen im Bereich der Nahrungsaufnahme zu Hause. Der Biss steckt in ihr, die Assoziation zur Sättigung. „Ja gern, Herr Doktor. Ich nehme noch ein bisschen Gemüse.“ Das heißt, Schwester Hedwig hat den Hauptgang schon hinter sich. Es handelt sich um den Nachschlag. Wir sind satt geworden und haben die sprachliche Figur aus ihrem angestammten Kontext entfernt. Das ist legitim, und kann ein schönes sprachliches Leuchten hervorrufen. Warum leuchtet der Dreizeller ein bisschen aber nicht? Weil der Autor ihn selten beim Gemüse vernimmt, dafür oft bei Unverschämtheiten.

Aus den lebensechten Algen der Softies, die recht unschuldig und putzig im Sprachmeer schwammen („Gib mir noch ein bisschen Zeit, Marita“), sind matt schimmernde Dreizeller geworden, die kleinen gespornten Wurfsternen gleichen („Das ist doch jetzt ein bisschen anmaßend von dir, das einfach so zu behaupten, Daniel!“). Es war in den alten Zeiten einmal schön, ein bisschen mehr zu wollen − Liebe, Gemüse oder Frieden. Heute steckt ein falscher Freund dahinter, den wir Zeitgeist nennen. Der Alltag hat über die Drehbuchautoren gesiegt. Oder ist den Script Doctors ihr Experiment, die sprachliche Figur ein bisschen in Massenzüchtung als Alltagspartikel zu verkaufen, aus der Hand geglitten?

Wir haben nicht genug abbekommen, so lautet das matte Leuchten, das heute in dem Dreizeller steckt, politisch korrekt aufgehellt: „Das ist doch ein bisschenzu einfach gedacht, Daniel.“ Der Zeitgeist, den wir als grün stinkende Biomasse umsetzen, ist die mangelnde Sättigung. Übersetzbar mit: „Ich bin nicht satt geworden und finde dich blöd.“ Der Gang zu den Bionade-Müttern hat sich gelohnt. Wir sehen, dass der Zeitgeist nicht in einer Flasche steckt, sondern in den Mündern von Alltagsmenschen, als Engel der Geschichte. Ein bisschen Meeresleuchten ist da schon ein frommer Wunsch.

Dem Autor geht bei dieser Feststellung die Puste aus. Will er doch wie jeder Schöngeist eine abwechslungsreiche Sprache hören, wie wir uns eine gute Ernährung wünschen. Damit der Zeitgeist ins Sprachmeer kam, muss mehr als der Tod der Softies geschehen sein. Oberflächliche Qualitäten müssen gesiegt haben, das Sprachmeer gab leichtsinnig der Verklumpung durch luftige Organismen nach, sein Leuchten erlosch.

Weswegen wir so gern in die sprachliche Figur ein bisschen hereinbeißen, muss andere Gründe besitzen. Wir kommen zur rhythmischen Qualität. Sprechen Sie es einmal laut aus: ein bisschen. Das sind drei helle sprachliche Sprungsteine, mit denen wir den Raum des Gesagten um drei Silben erweitern. Nicht wenig in einer Zeit, in der es wichtig ist, sich möglichst aufzublasen. Dabei schafft der Dreizeller etwa soviel Spannung wie eine laut geblasene Vuvuzela. Man kann es über eine große Distanz hinweg rufen: „Schwester Hedwig, der Tupfer.“ „Ein bisschen lauter, Herr Doktor.“ Lassen Sie Schwester Hedwig folgende Dreizeller rufen: „O Wälder.“ − „Herr Doktor.“ − „Kanone.“  

Der Autor beobachtet auch das Verschwinden der tragischen dunklen Vokale o und u aus der Alltagssprache. Das Sprachmeer funkelte schön, als es diese Vokale noch häufiger zu hören gab. Ein Begleitflackern, das nicht zu unterschätzen ist. Wir werden immer mehr zu einer Kaugummisprache hingelenkt, vielleicht weil alles um uns herum so laut und so weit weg ist. Wir sprechen immer mehr, als wären wir in einem Film, der uns in einem Einkaufszentrum zeigt, um uns herum mehrere hundert Menschen, die ihren Einkäufen folgen, zwei Stockwerke über uns an einer Balustrade ruft jemand: „Können Sie noch?“ „Ein bisschen.“

Rufen Sie in dieser Situation: „O Dunkler.“ Niemand würde Sie verstehen. Dagegen folgender Satz: „Gehen wir ein bisschen zu dir?“ Das versteht jeder. Das Äußerste ist gemeint. Trotzdem sagt niemand: „Wir könnten kurz deine Wohnung aufsuchen.“ Was treibt uns zu diesem klanglosen Freund, den wir aus der sprachlichen Figur der Sättigung gebildet haben?

Ist es wirklich so, dass uns immer weniger Menschen mit immer weniger Zeit zuhören? Aber wir reden doch so viel wie nie! Ich glaube, ein bisschen ist ein Stresssymptom der Sprache. Wittern Sie jetzt keine Verschwörungstheorie! Wir wollen ab sofort mit einem lauteren Gewährsmann auf die Sache blicken, mit Roland Barthes. Nicht, dass er sich zur sprachlichen Figur ein bisschen konkret geäußert hätte. Das geht nicht, der französische Philosoph starb im Jahr 1980. Aber er hat zahlreiche Leuchtspuren im Sprachmeer hinterlassen, denen wir folgen können.

Zum Beispiel schreibt Roland Barthes, dass alle vom Zartgefühl geprägten Verhaltensweisen ein Einspruch gegen die Herabsetzung der Individuation sind. Will heißen: Der Autor fühlt sich durch die sprachliche Figur ein bisschen in seiner Individuation herabgesetzt. Sie geht ihm an die Luft, und deshalb erhebt er hier einen Einspruch. Ich glaube, das haben Sie auch ohne Roland Barthes mitbekommen. Um zur Sache zu kommen: Wie oft erleben wir heute, dass unsere Lust, unser Begehren, unser Kummer durch den anderen zu einem Exempel degradiert werden! Und hier haben unser Dreizeller und der Zeitgeist ihre Königsrolle: „Ich würde so gern mit Ihnen auf die Seychellen fliegen, Schwester Hedwig.“ „Ist das nicht ein bisschen übertrieben, Herr Doktor?“

Aus der sprachlichen Figur der Sättigung, aus dem kleinen Biss, ist eine Figur der Nivellierung geworden. Wir verwenden sie aus basisdemokratischen Gründen. Wir erinnern uns mit dieser Figur daran, dass keiner von uns aus dieser Zeit entkommt. Wovon soll man heute träumen, da jeder Traum schon geträumt und jeder Ort auf der Welt kartografiert ist? Aber halt: Wir träumen alle, und wir halten uns nicht aus Bösartigkeit gegenseitig vom Träumen ab. Sondern um uns zu warnen und vor Verletzungen zu schützen. Der Dreizeller ist eine soziale Alge, auch wenn er matt leuchtet.

Auch die Bionade-Mütter vom Prenzlauer Berg haben das stille Glück im Herz der Hauptstadt täglich gegen die andere Wirklichkeit Berlins zu verteidigen, die Boomstadt, die Problemstadt, den Moloch, den Kiez. Mit dem Dreizeller können sie signalisieren, dass alles nur ein bisschen so ist, wie es ist, und dass es vor allem anders ist. So hört der Autor heute die sprachliche Figur ein bisschen nicht in Filmen am häufigsten, sondern in Straßeninterviews. Daniel sagt dem Moderator: „Ist das ganze Thema nicht ein bisschen überbewertet?“ Der Autor übersetzt: „Sie sind nicht wirklich, Ihr Mikrofon ist es auch nicht, aber ich halte Sie der Konvention halber dafür. Sie streifen nur mein Bewusstsein, die Stadt ist hektisch und laut. Und die Fragen, die Sie hier sammeln, verwursten Sie in Ihrem Einheitsformat. Was war Ihre Frage?“

Mit Roland Barthes wissen wir, dass wir Aussagen gar nicht verneinen können. Selbst das klare Nein ist eine Affirmation. Wir müssten also schweigen. Und ich bekenne, dass ich bei einem Straßeninterview einmal als Antwort schwieg. Diese Antwort wurde natürlich nicht ausgestrahlt. Ich muss den Dreizeller an dieser Stelle loben, denn er drückt das gereifte Bewusstsein von Sprechern aus, die mit Roland Barthes darum wissen, dass man einer Frage in Straßeninterviews nicht ausweichen kann, im Alltag schon gar nicht − dass ein Nein aber auch keine Antwort ist. Der geniale Clou: „Ich finde es immer ein bisschen überflüssig, solche Fragen zu stellen.“ Eine ausweichende Figur, durch die Zurückhaltung zustande kommt, ohne dass wir ins Mikrofon schweigen müssen und vor Verlegenheit rot anlaufen.

Aber warum in jedem zweiten Satz? Ist unser Lebensgefühl heute ein konstant ausweichendes? Und wovor weichen wir aus? Vieles ist denkbar, zum Beispiel die schiere Übermacht von Fakten, Meinungen, Innovationen, Trends. Der Dreizeller ein bisschen wird in dieser Zeit zur relativen Redewendung schlechthin, die wir nicht mit Scheu vor uns hertragen, sondern geradezu ostentativ gebrauchen. Ein Standardpartikel im Sprachmeer, der aber knisternd und leuchtend aufgeladen ist, auch wenn dem Autor die Leuchttöne nicht gefallen.

Was ist der Dreizeller für ein Organismus? Ernährt er sich aus der Sättigung einer Nachkriegsgesellschaft, aus unserer kollektiven Verunsicherung, aus dem Wissen, dass unsere Individuation eingeschränkt ist? Oder pulsiert der Dreizeller aus rhythmischen Gründen? Ein Straßeninterview mit Schwester Hedwig: „Ich finde diese Talkshows immer ein bisschen überflüssig.“ Sie hat Recht. „Ich finde diese Talkshows überflüssig.“ Das sagt Schwester Hedwig. Aber sie sagt es mit der abschwächenden Figur ein bisschen.

Würden wir ein bisschen aus dem Sprachkatalog streichen, erhielten wir überraschend klare Aussagen. Man nehme Nicoles Hit: „Ein bisschen Frieden.“ Dann wäre die Ware allerdings roh und ungenießbar. Frieden, was ist das schon? Das Adjektiv ist nach Roland Barthes eine Ware, die abwägt oder qualifiziert. Wir setzen ein bisschen oft vor ein Adjektiv. Das heißt, wir schränken die Ware ein. Das findet der Autor interessant. Hier scheint das Uneigentliche unserer Warenbeziehungen auf. „Was haben Sie, Herr Doktor?“„Der Joghurt schmeckt ein bisschen künstlich.“ Das heißt: ziemlich künstlich! Möglich, dass wir die sprachliche Algenplage loswerden, wenn wir Joghurt wieder selbst produzieren. Können Sie sich etwa einen Bauarbeiter vorstellen, der folgenden Satz ausspricht: „Der Presslufthammer hat meine Hände ein bisschen aufgeraut.“ Undenkbar! Vielleicht ist alles ein Problem der arbeitsteiligen Gesellschaft.

Aber das Rad der Geschichte zurückdrehen? So eine nervöse sprachliche Figur sollte man genauso wie einen Tick abstellen. Probieren Sie es aus! Ein Tag ohne ein bisschen ist wie ein Tag ohne Ihre Lieblingsmarotte. Verflucht schwer und verflucht einfach. Sie könnten sich auch vornehmen, die Vokale o und u öfter in Ihre Rede einzuflechten. Der Autor bekennt, dass er das aus schöngeistigen Gründen tut, und auch, dass er statt ein bisschen alterierend ein wenig oder zu einem geringen Teil in seine Rede einflicht. Dem Zeitgeist entkommt er damit nicht.

Der Zeitgeist und seine sprachliche Algenpest haben nämlich gute Gründe, uns zuzusetzen. Wir leben in einer Zeit der Indifferenz, wir nehmen die Welt vorwiegend in der Fiktionalen von Medienberichten und Filmen wahr. Das ein bisschen der Filmfiguren war ein Frühindikator, wohin die Reise gehen sollte. Individuen wie Schwester Hedwig und ihr Doktor drücken so eine Individuation ohne Aussicht auf Individualität aus. Will heißen: Wir sind Filmfiguren. Das Sprachmeer ist nicht wirklich, wir verkraften die Leuchtenttäuschung mit der abschwächenden Figur ein bisschen. Ein Dilemma, das uns alle betrifft. Das Aushängeschild der verkappten Individuation ist ein bisschen. Sie planen eine Weltreise? Ihre Freunde werden aufstöhnen. „Ist das nicht ein bisschen altmodisch?“

Ja, ein Weltreise ist altmodisch. Stimmen Sie Ihren Freunden zu! Bitten Sie sie gleichzeitig, die Aussage ohne ein bisschen zu wiederholen. Es könnte ein interessantes Gespräch werden. Wir erinnern uns: „Bleiben und Stille bewahren, das sich umgrenzende Ich.“ Hat Gottfried Benn mit dieser Formel vor einem halben Jahrhundert unser Lebensgefühl auf den Punkt gebracht? Wir meinen längst nicht mehr, dass Zürich eine tiefere Stadt ist. Aber Neutralität im Sinn der Bennschen Reisezurückhaltung ist nicht mit Indifferenz zu verwechseln.

Gottfried Benn sagt: „Ach, vergeblich das Fahren! Spät erst erfahren Sie sich: Bleiben und Stille bewahren, das sich umgrenzende Ich.“ Patient Daniel sagt im Straßeninterview: „Manchmal träume ich von ein bisschen mehr Freiheit.“Da haben Sie beide Lebenshaltungen! Welche Lebenshaltung dem Alltagsmenschen von heute näher steht, muss nicht geklärt werden.

Doch so einfach können wir es uns nicht machen. In einer Zeit, in der durch Analyse und Interpretation alles ins Gegenteil dessen verkehrt wird, was wir meinen, ist das Leuchten des Sprachmeers wichtiger denn je. Schon damit uns kein Moderator aus der Werbung verkündet: „Gönnen Sie sich ein bisschen mehr Freiheit.“ Denken wir an die Sehnsucht des Doktors nach den Seychellen, und wie durch den kleinen algenhaften Wurfstern ein bisschen ein Klischee daraus wurde.

Sie glauben der Werbung nicht. Denn ein bisschen mehr Freiheit ist eindeutig ein falscher Freund. Ich möchte Sie vor ihm warnen, wie vor jedem falschen Freund. Denken Sie an die französische Revolution! Sie kannte nicht ein bisschen Freiheit. Sie kannte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie sagen, Befreiungsbewegungen spielen sich heute vorwiegend im arabischen Raum ab? Richtig: Seit wir ein bisschen sagen können, haben wir uns aus der Gläubigkeit an große Institutionen befreit. Galilei würde man heute auf seine These lapidar antworten: „Schon gut, die Erde dreht sich um die Sonne. Aber ist das nicht alles ein bisschen vermessen?“

Der Dreizeller ist eine nervöse Ausweich- und Austeilalge. Der perfekte mitteleuropäische Wurfstern aus sprachlicher Biomasse. Aber ich plädiere: Weg damit! Jeder See, der umkippt, ist irgendwann einmal tot. Betrachten Sie den Eriesee in den USA. Auch das Sprachmeer ist endlich, selbst wenn Autoren darin unendlich gern baden. Erfinden Sie neue funkelnde Dreizeller, die sich dann algenhaft verbreiten. Und denken Sie daran: Die Dinoflagellaten leuchten am schönsten!

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