Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Literatur und Demokratie

Über den Versuch, ein Gedicht auf Kim Jong Un zu schreiben.
Hamburg

Literatur muss aus dem Wollen entstehen. Wo sie erzwungen ist, wirkt sie konturlos und fad. Erzwungen wird sie vom Autor selbst, nicht von der Gesellschaft – sehen wir von Huldigungsgedichten an den nordkoreanischen Staats- und Parteiführer Kim Jong Un ab. Dem Gedicht kommt in der Demokratie eine besondere Bedeutung zu, weil es das reinste Wollen ist. Es hat das Poetische selbst zum Gegenstand. Ein Gedicht auf Kim Jong Un hieße, das Unmögliche zu wollen.

Der Literatur sind in der Demokratie ansonsten keine Schranken gesetzt. Sie liegen allenfalls in der Einbildung des Autoren, sein Schaffen sei so und nicht anders erwünscht. Ein Spannungsverhältnis zwischen Wollen und Können besteht in der Demokratie immer fiktional, während es in einem gesellschaftlich-repressiven System real besteht. Wir müssen in der Demokratie von individuellen Maßstäben reden, wenn wir von Literatur reden. Wann gab es in der Demokratie schon einmal eine Massendemonstration für ein Gedicht? Andererseits: Hätte der Autor es einfacher, wenn sein Können von der Gesellschaft vorbestimmt wäre? 

Der Raum, auf dem man es in der Demokratie nun abstellt, wenn man von Literatur redet, hat eine gewisse Flüchtigkeit. Es ist die Stimme des Autors. Die Demokratie wartet ab und lauscht. Das ist ihr vornehmes Recht. Eine Literaturdemonstration meint in der Demokratie nicht das Protestieren auf der Straße, sondern das Präsentieren einer Autorenstimme. Auch hier ist das Gedicht die reinste Form. Eine Probepackung Literatur.

Alle anderen Formen sind in der Demokratie nur Wucherungen und Verwässerungen der Autorenstimme. Sie sind beliebter als das Gedicht, weil sie mit gesellschaftlichen Massenritualen einhergehen, dem Gang ins Theater oder dem Klick beim Online-Buchhändler. Außerdem ist die Demokratie selbst eine verwässerte Form, die aus diesem Zustand eine Tugend macht. In Nordkorea ist die Ungleichheit der Genres aufgehoben. Huldigungsgedichte erleben Massenauflagen. Die Wucherung besteht im immer gleichen Gegenstand: Kim Jong Un.

Was gibt die Demokratie dem Autor also vor? Ein Formdenken vor dem Stoffdenken, das Ausformen der eigenen Stimme, die sich dann an alle möglichen Gegenstände heften kann, und in Kleinst- oder Massenzüchtungen freigesetzt wird. Wirkt Literatur in der Demokratie überhaupt in die Breite? Ja, eben als zartes Echo des Massengeschmacks. In der Demokratie ist der Leser stets unsicher, ob er sich den Namen eines Autors länger als fünf Jahre merken soll. In Nordkorea muss der Leser den Autor lieben.  

Aber nicht nur der Autor steht permanent vor der Gewissensfrage. Der blinde Fleck der Demokratie ist sie selbst. Was sie massenhaft freisetzt, hat sie morgen schon wieder verdrängt. Das Forum, auf dem man eben triumphal demonstriert hat, wird am Morgen schon wieder gekehrt. In der Demokratie ist der Autor von heute der vergessene Autor von morgen. In Nordkorea ist der vergessene Autor von heute der tote Autor von morgen. Der demokratische Zustand hat sein Gutes. Er bringt eine stetige Weiterentwicklung mit sich. Der Autor aus Spanien muss auf den Autor aus Belgien reagieren, und dieser auf den Autor aus Dänemark. Der Autor aus Nordkorea muss auf den Machtwechsel von Kim Jong Il zu Kim Jong Un reagieren. 

Entsteht gleichzeitig nicht eine moralische Harmlosigkeit? Zumindest ist es in der Demokratie kein Vorteil, wenn eine Stimme fest mit einem Gegenstand verbunden ist. Die Politiker werden von der Tagespresse begleitet. Was in den demokratischen Zeitungen zu lesen ist, das ist kein billiges Huldigen, sondern ein merkwürdiges Bestreiten von Abhängigkeiten. Unparteiisch ist auch in der Demokratie niemand, nur die Journalisten müssen es täglich betonen. Autoren haben es einfacher. Mit dem Poetischen selbst haben sie die schweigende Minderheit zum Gegenstand.

Das ist auch die Tücke. Für wen schreibt der Autor: Nur für sich? Dann hört der Spaß schnell auf. Ein Massengeschmack existiert auch in der Demokratie. Der unpopuläre Autor ist ein Widerspruch in sich, und eine prekäre Existenz. Ich will ein Gedicht auf Jean-Claude Juncker versuchen, den Vorsitzenden der Euro-Gruppe. Sollte es mir gelingen, habe ich mich wirksam in die Demokratie eingebracht. Warum sollte man nur in Nordkorea für die Massen schreiben?

Erster Versuch, ein Gedicht auf Jean-Claude Juncker zu schreiben

Du Sohn eines Hüttenwerkspolizisten
Und stolzer Lenker der Euro-Gruppe
Mit 49 Preisen geehrt
Verteidige die Währungsunion
In diesen stürmischen Tagen
Gib uns sicheres Geld
Der wir dir unsere Stimme geben
Dass nicht nur Luxemburg
Sondern ganz Europa Steueroase wird
Dafür wählen wir dich und
Rufen deinen klingenden Namen
Jean-Claude Juncker

Da laufen Rehkitze über die grünen Januarfelder. Sie wären die Erlösung vom demokratischen Agitprop, den ich geschrieben habe. Warum nicht über diesen zarten Naturgegenstand dichten? Nein, ich will der Demokratie ins Angesicht blicken. Ich will nicht schon wieder ein Gedicht über Rehkitze schreiben. Ob das Rehkitz eine Allegorie für Jean-Claude Juncker ist, macht in der Demokratie keinen Unterschied aus. Ob das Rehkitz eine Allegorie für Kim Jong Un ist, macht in Nordkorea Leben oder Tod des Autors aus.

Das Schreiben von Gedichten über die Demokratie scheint dem Kabarett vorbehalten zu sein. Wenn das Rehkitz Jean-Claude Juncker auf den Kleinkunstbühnen zu Schenkelklopfern verarbeitet ist, bleibt für den Autor nur ein leicht säuerlicher Gegenstand zurück. Die Melancholie. Nicht jedermanns Sache. Der Autor hat in der Demokratie eine Positionierungsnot, die ich in diesem Essay untersuchen möchte. Schreibt er über Rehkitze, gilt er als melancholisch. Schreibt er über Kim Jong Un, gilt er als experimentell. Es wäre geschickt, die Rehkitze und Kim Jong Un in einem Gedicht zusammenzufassen. Aber ich bin noch lange nicht soweit.

Was habe ich gegen Kabarettisten? Immerhin scheuen sie sich nicht vor der Zerlegung eines so spröden Gegenstands wie Jean-Claude Juncker und dem entstehenden Verwesungsgeruch. Der Sieg des Formalismus in der Demokratie bedeutet, dass der Autor sich um die Gerüche sorgen muss, bevor er mit dem Zerlegen beginnt. Die Demokratie lässt über sich schreiben, indem sie nicht über sich schreiben lässt. Sie macht das nicht mit repressiven Härten, sondern indem sie ins Grobstoffliche ausweicht.

Viele Gedichte über Rehkitze machen die Demokratie. Das ist negative Dialektik. Über das Ausgeschlossene wird in einer Synthese das Eingeschlossene hergestellt. Es kann dauern. Und die Demokratie ist geduldig. Derweil zieht der Autor längst Lehren fürs Leben. Wie weit kann man den Formalismus treiben? Bis zu der Behauptung, die Literatur sei eine Installation? Dann könnte Kim Jong Un auch behaupten, Nordkorea sei eine Installation. Und vielleicht tut er das auf privaten Empfängen.

Demonstrieren die Massen in der Demokratie nach dem Besuch einer Kleinkunstbühne? Nein, sie passen gar nicht hinein. Und nein, sie gehen danach lieber ins Fußballstadion. Die Demokratie spielt über Bande. Die Literatur kann dieses Trickspiel nur mitvollziehen, indem sie formalistische Antworten findet. Die Brüchigkeit der Form ist der entwickeltste Reflex auf die Demokratie. Sie bereitet dem Autor aber ein käsiges Gesicht, wenn er sie nicht auf dem Forum demonstrieren kann. Und dort nimmt man nur große Mengen an.  

Dem Autor steht dieses Gesicht nicht gut. Er ist ein Mensch, der sich das Träumen nur nachts und in seinen Texten gestatten sollte. Humor tut auch ihm gut. Parodie ist ein möglicher Formalismus. Doch was tun, wenn das Kabarett die Demokratie bereits in großen Mengen ausschlachtet? Statt Rehkitzen fordere ich einen politischen Kopf als Gegenstand der Literatur. Ich will ihm diesmal nicht blind huldigen. Ich will versuchen, mich dem Gedicht mit dem Stilmittel der Parodie zu nähern. Aber mir soll kein Kabarett passieren, auch wenn das Forum sich dafür weit öffnet.

Zweiter Versuch, ein Gedicht auf Jean-Claude Juncker zu schreiben

Du Besitzer eines Blackberrys
Und stolzer Lenker eines BMW
Mit einem GPS-System ausgestattet
Halte die Streckenführung ein
In diesen stürmischen Tagen
Schalte dein Iphone aus
Um in den Airbus zu steigen
Der nicht nur Luxemburg
Sondern ganz Europa durchfliegt
Mit mächtigen Triebwerken
Die deinen Namen rufen
Jean-Claude Juncker

Noch beißen sich formaler und inhaltlicher Anspruch. Schade, denn das Forum öffnet sich wirklich. Wir erleben die Rückkehr von demokratischen Formen der Öffentlichkeit, von Protestcamps und Spontandemonstrationen. Die Stimmung ist aufgekratzt. Menschen in den Demokratien bangen und weinen, aber nicht, weil der große Staatsführer Jean-Claude Juncker verstorben wäre. Sie bangen und weinen um die Werte der Demokratie. Wo ist die Literatur in diesen stürmischen Tagen, in der behaglichen Stube oder draußen im Protestzelt?

Anders: Wer rettet uns vor dem Gedicht über Rehkitze? Es hat seine Konjunktur, aber nur in Zeiten der stagnierenden Demokratie. In Zeiten der aufbrechenden Demokratie muss der Autor die Stimme verstärken. Weg von der bürgerlichen Melancholie, weg von dem Interieur der Rehkitze und Ikeamöbel. Negative Dialektik treiben. Den blinden Fleck der Demokratie erhellen. Das geht nur mit Ketzerei, weshalb ein gutes Gedicht auf Jean-Claude Juncker kein schlechter Anfang wäre. Eines, das nicht im Kabarett landet.

Rehkitze werden noch lange über die Felder rennen. Wenn nicht, hat die Demokratie etwas falsch gemacht. Es gibt dringendere Gegenstände. Und es gibt Formalismen, die diesen Gegenständen angemessen sind. Zum Beispiel Naturbilder. Das Rehkitz trifft Jean-Claude Juncker. Was passiert? Ein Schuss. Das Rehkitz ist tot. Das Rehkitz trifft Kim Jong Un. Was passiert? Ein Schuss. Das Rehkitz ist tot. Der Raum der Fantasie ist geöffnet. Haben wir keine Angst vor Küchengerüchen!

Können wir demokratische Fragen wirklich nur in Fernsehdebatten und Wahlterminen lösen? Auf der einen Seite steht der hymnische Ton des Gedichts. Auf der anderen Seite steht Jean-Claude Junckers Stimme in einer Pressekonferenz. Müssten diese Antithesen nicht zusammenfinden? Oder braucht es auch in der Demokratie erst Massendemonstrationen? Sind wir propagandistisch nicht weiter als Nordkorea? Es ist Zeit, die Machtfrage zu stellen.

So haben die ersten Autoren, auf die wir uns berufen, die Autoren des antiken Griechenland, über nichts anderes als die Macht geschrieben.

Das war lange vor der Griechenland-Pleite. Die Atome von Literatur und Demokratie waren noch ungetrennt. Nur dieses eine Gedicht auf Jean-Claude Juncker, dann bin ich mit der Demokratie versöhnt. Ich könnte auch Rehkitze suchen. Nur: Wenn der Autor sich nicht positioniert, werden die demokratischen Massen über seinen Kopf hinwegschreiten. Zum Fußballstadion. Er muss um sie kämpfen, sonst wird er zum behagliches Interieur.

Dritter Versuch, ein Gedicht auf Jean-Claude Juncker zu schreiben

Du Mann auf der Straße
Das Rehkitz am Feldrand erblickend
Schreitest mit der Demonstration
Den Kopf aufrecht haltend
In diesen stürmischen Tagen
Gehst du mit dem Volk
Da die Euro-Gruppe schweigt
Weicht das Rehkitz davon
Rufst du gerechte Forderungen aus
Und verlangst kein Wunder
Nur eine Antwort von
Jean-Claude Juncker

Warum ist dieses Gedicht noch kein Statement für die Demokratie? Weil es an die Gefühle appelliert. Ich bin im Sentimentalen gelandet, mein Bild von Demokratie hat nicht in meinen Kopf gefunden. Bertolt Brecht hätte damit kurzen Prozess gemacht. Ein Drama auf die Demokratie, und ein Gedicht auf das Rehkitz. Diese Arbeitsteilung geht auch in der Demokratie an. Gleichwohl kann man sich Brecht heute nur in Nordkorea vorstellen. Bei dieser Vorstellung überkommt mich Melancholie.

Wir reiben uns nicht mehr an anderen Systemen. Wir erleben die ständige Wiederkehr des Gleichen im Schlechten. Die Demokratie ist die jüngste Siegerin der Geschichte. Aber sie bestraft ihre Autoren mit Plumpheit. Der Gegenwart fehlt die dialektische Spannung. Sie wird pseudohaft durch Krisen erzeugt. Plumpheit heißt: Träumten die Autoren des antiken Griechenland vom perfekten Staat, müssen wir vom Rehkitz dichten. Ein Exil im Forst hätte Thomas Mann bestimmt nicht behagt.

Literatur und Demokratie stehen somit in einem Feindschaftsverhältnis, das produktiv gemacht werden muss. Die Demokratie muss sprechen, die Literatur darf dichten. Nicht umgekehrt. Ein Gedicht auf Kim Jong Un ist eine Chiffre der absoluten Fremdheit, der Beliebigkeit der eigenen Stimme in der Demokratie. Nordkorea als Allegorie unserer Zeit. Das Ungleichzeitige oder Georges totgesagter Garten als Schrecken wiedergekehrt. Wer kennt diesen Schrecken nicht am eigenen Leib? Statt Nordkorea könnte ich auch das A-Team oder Baywatch als Chiffre einsetzen. Der erste Text, den ich schreiben wollte, hieß tatsächlich: Der Gang durch Pjöngjang. Er gelang mir nicht. Ein Rätsel ist das gleichwohl nicht. Ich habe damals lange Baywatch geschaut.

Über das Absolute kann man nur absolut dichten. Nordkorea als Allegorie ist so flüchtig wie eine atomare Verbindung. Wir haben Gegenstände en masse, das weite Feld zwischen Rehkitz und Pjöngjang. In Prosa und Drama ist die erzählerische Aufgabe damit erfüllt. Einen glaubhaften Menschen zu schreiben ist schon ein Beitrag für die Demokratie. Das Gedicht gibt sich widerborstiger. Es bewahrt als Erinnerungsspeicher das Rehkitz der Antike auf.

Mein Feind ist die Melancholie als Dekor. Sie ist nirgendwo zuhause, nur im Biedermeier. Und da erscheint die Melancholie verfälscht. Prosa und Drama können ihre Formen wie ein Proteusgewand wandeln. Das Gedicht scheidet den Formvorrat aus, zum Beispiel die hymnische Staatsdichtung. Nicht in Nordkorea, aber bei uns.

Wenden wir uns damit von Jean-Claude Juncker ab, der uns ob seiner spröden Gegenständlichkeit vielleicht verwirrt hat. Ich möchte in einem Akt negativer Dialektik über das kollektiv Vorgegebene in der Demokratie schreiben, und zwar in der Form des Gedichts. Versuchen wir ein demokratisches Gedicht auf Kim Jong Un. Es wäre die Befreiung aus dem apolitischen Korsett, die nach den bisherigen Gedichtversuchen stets im Kabarett mündete.

Erster Versuch, ein Gedicht auf Kim Jong Un zu schreiben

Du Mann im Sarg
Pechschwarz das Haar hochtoupiert
Empfängst die schreitenden Massen
Wie ein Schlafender
In leichenblasser Haltung
Liegst auf dem Altar des Volks
Der Zartheit der Verwesung ergeben
Und träumst von Floridas Stränden
Mit fremden Worten
I’ve never been to Florida
Let’s finally get out of Pyongyang

Kim Jong Un erscheint hier in der Pose seines Vaters Kim Jong Il oder seines Großvaters Kim Il Sung, also aufgebahrt im Mausoleum zu Pjöngjang. Für einen nordkoreanischen Autor würde dieses Gedicht, ob gut oder nicht, den Tod bedeuten. Damit behaupte ich noch nicht, der parodistischen Falle entkommen zu sein. Nur Jean-Claude Juncker wegzulassen, reicht noch lange nicht aus. Und Shakespeare schrieb über seine eigenen Regenten. Goethe schrieb nur aus Rücksichtnahme vor den Deutschen nicht über Napoleon. Schiller schrieb ein Drama über den Ahnherrn der Demokratie Wilhelm Tell. Dramen über ostasiatische Despoten findet man nur bei Peter Hacks.

Warum schreiben wir keine Dramen auf Willy Brandt oder Jacques Delors? Warum überlassen wir Helmut Kohl dem Fernsehspiel? Seit wann interessieren wir uns nicht mehr für unsere Herrscher? Können wir uns diese rehkitzhafte Starre erlauben? Ich möchte den Kern des Konflikts darauf zurückschmelzen, dass wir in der Demokratie verlernt haben, in Strophen zu sprechen. Der Alltag ist nur trivial, insofern wir diese Kulturleistung aufgegeben und uns dem Reden der Herrscher verpflichtet haben. Brauchen wir Romane und Theaterstücke, um die Schönheit eines Gedichts zu begreifen?

Frei nach Brecht: Machen Sie Licht, sagte Keuner. Es ist dunkel. Augenblick, sagte der andere. Ich zünde ein Feuerwerk an.

Ob dieser Gedanken sind die Rehkitze von den Feldern verschwunden. Ich glaube an ein Wiedersehen, unter diesen Umständen: Das Wollen der reinen Form ist das Gedicht. Die absolute Metapher der Gegenwart ist Nordkorea. Ein Ausgleich dieser Antithesen ist herzustellen. Der direkteste Weg wäre ein glaubwürdiges Gedicht über Nordkorea. Es wäre die negative Kritik der Demokratie. Es würde zeigen: Dem Geschmack sind Grenzen gesetzt. In der Literatur dürfen wir ihn exekutieren. Dieses Spiel nennt Schiller die ästhetische Erziehung des Menschen. 

Literatur ist eine Münze mit zwei Seiten. Die Exekution des reinen Wollens und die Exekution des gesellschaftlich Vorstellbaren. Wo diese beiden Seiten aufeinandertreffen, leben wir. In der Demokratie. So reflektiert der Autor mit seiner Stimme auch immer die Entstehungsgründe dieser Stimme mit. Selbst dem Gedicht auf die Rehkitze ist ein Gesellschaftsmodell eingeschrieben. Kitschromane können sich über die Zeiten gleichen, doch sie tragen die Zeichen ihrer Herrschaftsform in sich. Kim Jong Un liebt das Mädchen aus dem Volk, das zur geliebten Führerin wird. Jean-Claude Juncker liebt die Sekretärin der sozialistischen Fraktion des Europaparlaments, und muss zurücktreten.

Literatur und Demokratie sind ein Paar wie Faust und Mephistopheles. Sie brauchen einander, auch wenn sie voneinander lassen wollen. Ja, selbst ein demokratischer Arztroman kann Demokratiedefizite aufdecken, und gerade er hat eine vorbildliche Agitprop-Wirkung. Der Schock der Massen über das Schundpotenzial der Gegenwart könnte zu Spontandemonstrationen führen. Eine Reportage über Nordkorea würde die Massen vorzeitig mit ihrer Lebenswelt versöhnen.

Auch Schiller schrieb schließlich Agitprop. Seine Dramen sind voller spruchreifer Sätze, die eine schwäbisch-softe Variante des Kulturstalinismus sind. Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt. Solche Sätze finden Absatz. Sie sind hymnisch und wahr. Der Gegenentwurf zu Nordkoreas Literatur ist nicht das Rehkitz, sondern Schiller. Man müsste die innere Auflösung Nordkoreas mit dem Abwurf Schillerscher Dramen hinbekommen können.

Poesie ist kein Massengut, aber gut für die Massen. Die Demokratie ist gut beraten, von der Literatur keinen Gebrauchswert zu verlangen, wie sie es von Duschköpfen verlangen kann. Wichtig ist, dass der Autor auf die freiheitliche Güte des Mäzens Demokratie nicht melancholisch reagiert. Er darf Rehkitze in Gedichten parodieren, aber nicht aus dieser Laune heraus zu Kim Jong Un überlaufen. Der Vorrat des Gedichts ist so unerschöpflich wie die Demokratie selbst. Hier ist der Punkt, an dem sich Literatur und Demokratie treffen können. Platte Verhältnisse kehren auf der Bühne als Pappkameraden wieder. In der Prosa kehren sie als Arztroman wieder, und im Gedicht als brüchigste Melancholie. Diese Arbeitsteilung gilt es, aufzubrechen.

Letzter Versuch, ein Gedicht auf Kim Jong Un zu schreiben

Du Rehkitz
Von fleckiger Güte
Stehst bepelzt auf dem Acker
Und starrst den Bussard müde
In diesen stürmischen Tagen
Willst du Schlange sein
Mit Gift im Zahn
Lauerst du murmelnd
Und gerissen wie der Fuchs
Auf das Einsetzen des Regens
Der Bussard wispert leise
Kim Jong Un

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