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Essay

Vogelkunde für Städtebewohner

Dann ist es schon wieder Oktober ...
Hamburg

Ein Vogelkonzert am frühen Morgen, mit Rotkehlchen, Buchfink und Mönchsgrasmücke. Was gibt es Schöneres? Walther Lembeck, Vogelstimmensammler und Rentner, lässt fünf verpackte Leberwurstbrote in den Stoffbeutel gleiten, auf dem eine nistende Heckenbraunelle abgebildet ist. Der Star, ein ausgesprochener Langschläfer, war noch nicht zu vernehmen. Dafür haben Amsel und Hausrotschwanz ihr schönes Lied zu singen begonnen. In der Brutzeit kann der Städtebewohner besonders viele Vogelstimmen hören. Es sind die gesangsbegabteren Männchen, die Weibchen anlocken wollen, und ihr Revier gegen Konkurrenten abgrenzen. Das Wort Nuttensafari, von seiner Nachbarin Frau Sperling für den Morgenspaziergang erfunden, dreht die Vogelwelt allerdings auf den Kopf. Von fleischlichen Gelüsten ist Walther Lembeck befreit. Das hätte Frau Sperling wohl gern so.

Da ist zum Beispiel gleich auf seinen ersten Schritten das Kix des Buntspechts zu hören. Ein Standvogel, der schon einmal in ein infernalisches Trommeln ausbrechen kann, wenn ihm der Stadtlärm zu bunt wird. Ein Auto rumpelt über die Kopfsteinpflasterstraße. Da, ein letztes Kix, und der Buntspecht ist verschwunden. Das Trommeln kommt allerdings von oben. Es ist Frau Sperling, die ausgerechnet jetzt ihren Balkon mit einem Besen fegen muss. Der frühe Vogel fängt den Wurm, heißt es. Nichts wie weg also.

An der Kreuzung ist Vorsicht geboten. Schon öfters musste Walther Lembeck einer geschwungenen Lederhandtasche ausweichen, die nicht ihm, sondern einem Weibchen des Nebenreviers galt. Heute verharrt das Biotop reglos. Man könnte von einem Wachsfigurenkabinett der Prostituierten sprechen, das er jeden Morgen auf dem Weg zu den Stadtvögeln durchstreift. Und so weit reicht Frau Sperlings Blick vom Balkon. Dann zieht sie sich vermutlich zufrieden und bestätigt in ihre Wohnung zurück. Schau an, hört er Frau Sperling sagen. Walther Lembeck macht wieder Nuttensafari.

Eine neue Vogelstimme ist zu hören. Walther Lembeck geht flink weiter. Der Buntspecht kann es nicht sein, der ist abgeflattert. Walther Lembeck hört aufmerksam hin. Natürlich, es ist das durchdringende Twiht des Kleibers. Hier in den ausgefaulten Astlöchern der Straßenbäume liegen seine Brutplätze. Sie sind das erste Ziel seines Morgenspaziergangs. Ausgerechnet hier an der Kreuzung streift der schnurrende Jäger umher, den sich Frau Sperling hält. Als hätten die beiden sich verabredet. Walther Lembeck scheucht Frau Sperlings Katze mit einem beherzten Tritt auf die Kreuzung. Autoreifen quietschen. Da fliegt der Kleiber fröhlich auf das Astloch zu, im Schnabel klumpenweise frisches Baumaterial. Der zweite Standvogel des Tages, und das dritte Exemplar einer Art, der sich Walther Lembeck selbst zuschreibt. Dem gefiederten Flaneur, der unter widrigen Bedingungen in der Stadt ausharrt.

Denn was lauert am Stadtrand? Die Langeweile. Der Stadtvogel dagegen zeigt, wie man inmitten all des Lärms sein eigenes Biotop bestellen kann, trotz der gackernden Gegenwart von Städtebewohnern wie Frau Sperling. Und der Stadtvogel weiß sich zu wehren, indem er die Städtebewohner imitiert. Er dreht, nicht anders als Frau Sperling, die Lautstärke auf. So hört Walther Lembeck es jeden Morgen mit eigenen Ohren, das Trommeln des Buntspechts, das Teck-Teck des Gartenrotschwanzes, das Tsiwit der Rauchschwalbe, das weiche Hui des Fitis, in zehnfacher Lautstärke. Die Stadtvögel haben ihr Biotop gefunden, nur wissen es die Städtebewohner noch nicht.

War das eben das Dschäd der Blaumeise, das Walther Lembeck aus seinen Gedanken riss, dort vom Dach des Möbelhauses her? Er wickelt das Leberwurstbrot in die Aluminiumfolie zurück, lässt es wie einen Torpedo in den Stoffbeutel mit Heckenbraunelle sausen, und marschiert los. Die wartenden Damen blicken ihm nach, ein Aah kommt aus ihren Mündern, sie haben die Blaumeise ebenfalls vernommen. Womöglich ist er in seiner Suche nach einer städtischen Lebensform nicht allein, denkt Walther Lembeck. Er steht an der Verladerampe des Möbelhauses. Hier hat er die Blaumeise eben gesichtet, doch sie ist weitergeflattert.

Da tönt wie aus dem Nichts ein Möbellaster. Walther Lembeck muss zur Seite springen, der Lasterfahrer schimpft wie ein Rohrspatz. Der Blaumeise ist es zu viel geworden. Auch ihre Robustheit kennt Grenzen, zumal sie unablässig von stärkeren Vögeln aus ihrem Biotop verdrängt wird. Alle Städtebewohner stecken mit Frau Sperling unter einer Decke, denkt Walther Lembeck. Dann räumt er die Verladerampe. Es bringt nichts, sich aufzuplustern. Der Kerl ist zwei Köpfe größer. Und plötzlich versteht Walther Lembeck die Stadtrandvögel, die leisen Brüter und stillen Flatterer, die sich im Biotop der Zartbesaiteten versammeln.

Wann fährt die nächste Stadtbahn? Eine Landpartie zu den schwachen, aber klugen und sensiblen Vogelexemplaren, zu den Dichtern und Denkern unter dem Gefieder, das sich nicht mit Frau Sperlings Katze abgibt, sich nicht mit ausgefaulten Astlöchern in Straßenbäumen bescheidet, sondern in den frischen jungen Bäumen wohnt, dafür auf Widerstandskraft verzichtet. Sein Blick fällt auf die Auslage des Möbelhauses. Die Modellsitzecke Grünfink. Tisch und Sofa haben gebogene Stahlteile, demnach sind sie die Schnäbel der Grünfinken, die gegen den Natursinn zu grässlichen Verletzungen einladen. Während der Tisch aus reinem Stahl gehalten ist, also das Grünfinkenmännchen darstellt, schmückt sich das Sofa mit einem mattbraunen Bezug, es ist also das Grünfinkenweibchen. Walther Lembeck meint bereits, das Dschwüid und Gigigi der Grünfinken zu hören.

Aber was ist das? Frau Sperling springt im Möbelhaus umher, schrill und gackernd, ein geschminkter Paradiesvogel, der einen neuen Brutplatz inspiziert. Jetzt wälzt sie sich genüsslich auf dem mattbraunen Grünfinkenweibchen. Der Vogel gibt seinen sozialen Druck an das nächste Vogelexemplar im Biotop ab. Demnach ist die ganze Stadt eine Stressgemeinschaft, und nur das vitalste Männchen im Biotop hat ein stressfreies Leben. Zurück zur Kreuzung. Jetzt schauen die wartenden Damen erwartungsvoll und leicht säuerlich her, als würden sie Walther Lembeck für das Verschwinden der Blaumeise verantwortlich machen. Immerhin sind sie aufgewacht. Dabei würde eine Fahrt mit der Stadtbahn ausreichen, um ihnen gleichsam neues Leben einzuvögeln. Dort sind sie alle, weiß Walther Lembeck. Amsel, Drossel, Fink und Star. Die ganze Vogelschar.

Insgeheim ahnt er, wo sich die Blaumeise herumtreibt. Er muss das Dschäd, Tui oder Tscherretetet der Blaumeise gar nicht hören. Der gefiederte Flaneur hat sich in den Lüftungslöchern des Möbelhauses eingerichtet. Dschäd Dschäd. Gewusst wie. Doch Walther Lembeck ist auf dem Rückzug. Sein Morgenspaziergang hat eine bedrohliche Wende genommen. Es sind die gereizten Tschts der wartenden Damen, es ist der einsetzende Bindfadenregen, es ist Frau Sperlings überfallartiges Auftreten in der Nähe der Blaumeise, das ihn plötzlich das häusliche Nest aufsuchen lässt.

Und es ist eine tiefe Vogelverwandtschaft, die Walther Lembeck jetzt spürt. Dem gefiederten Flaneur ist das häusliche Nest am wärmsten. Ihm versagt niemals die Peilung zu dem einen Ort, den er inmitten all des Lärms zu seinem Zuhause erwählt hat. Wie behaglich dem Vogel sein Nest erst in der Großstadt wird. Vielleicht bleibt Zeit für ein Vogelkonzert bei offenem Fenster, bis Frau Sperling aus dem Möbelhaus zurück ist. Vielleicht wird plötzlich, wie im letzten Oktober, der Zilpzalp an seinem Fenster erscheinen, der kurz vor dem Abflug nach Nordafrika sein scharfes Fiet mit dem weichen Füid alterierte…

Die Sichtungen waren mager. Nur Buntspecht und Kleiber, von der Blaumeise ein einsamer Ruf. Er trägt ein Dschäd in das Vogelstimmenbuch ein. Da hört er Schritte aus Frau Sperlings Wohnung. Flatternde Stimmen, ein hartes Tek wie vom Zaunkönig. Die Möbelpacker tragen die Modellsitzecke Grünfink herein. Walther Lembeck fühlt sich nicht gestört. Das Tek kennt er, denn jeden Tag kauft Frau Sperling neue Möbel. Sie wird eines Tages in ihrem Nest ersticken, ganz sicher. Die Pastorale von Beethoven ertönt. Das wird ein Gezeter geben. Ja, gleich wird Frau Sperling infernalisch mit dem Besenstiel gegen die geteilte Wand trommeln. Doch ein Freigeist wie er hat vorgesorgt. Walther Lembeck setzt die Ohrenschützer auf, die er aus zwei Meisenbällen und einem dicken Einmachgummi gebastelt hat. Er ahnt wohl, dass er mit diesem eigensinnigen Gerät kein Weibchen in sein Nest locken wird. Aber die Ohrenschützer lassen die Vogelstimmen durch, und halten Frau Sperlings Gezeter ab. Auch von Beethoven ist kaum etwas zu hören. Gewusst wie. Dschäd Dschäd.

Ein hartes Schack springt über seine Lippen. Walther Lembeck reißt die Aluminiumfolie mit dem Ruf der Elster auf, und beißt in das erste Leberwurstbrot. Man kann nicht genug von der Elster lernen, denkt Walther Lembeck. Sie ist der widerstandskräftigste gefiederte Flaneur der Stadt, der sogar den windigen Gemüsehändlern an der Kreuzung zusetzt. Ein lautes Scheck, und die Tomate ist weg. Weiterhin hält die Elster nach überfahrenen Katzen Ausschau, sie klemmt sich an jeden Mülleimer, und leert ihn auf der Suche nach Fettstücken, Knochen oder anderem Abfall aus, sie plündert fremde Nester, um Junge oder Eier zu fressen. Die Elster treibt es für Walther Lembecks Geschmack genau richtig. Und wer sie diebisch nennt, hat rein gar nichts begriffen, oder sein Hauptwerk, die Vogelkunde für Städtebewohner, nicht gelesen. Er wird sie eines Tages zu Papier bringen. Alles, was ihm als Kijak und Chwäh bei seinen Morgenspaziergängen durch den Kopf geht. Noch beschränkt sich Walther Lembeck auf das Vogelstimmensammeln. Nur manchmal sehnt er sich nach einem viel weicheren Geräusch als dem Scheck der Elster, das nur selten in der Stadt zu hören ist. Es ist nicht das glucksende Lachen eines Weibchens in Walther Lembecks Nest, sondern das weiche Füid des Zilpzalp. Und plötzlich träumt Walther Lembeck von Nordafrika.

Dann ist es schon wieder Oktober, Brutsaison um Brutsaison vergeht, und in den kalten Wintern kauern Frau Sperling und Walther Lembeck an den beiden Seiten der geteilten Wand, um nach einem Lebenszeichen zu horchen, einem Prrt oder Schrrip, wie es die Mehlschwalbe ausstößt, wenn sie die Sahara überquert und sich der Stadt nähert. Aber kein Prrt oder Schrrip ist zu hören, nur manchmal ein leises Weh. Weihnachten steht vor der Tür, und der Nachwuchs ist noch immer nicht bestellt. Frau Sperling liegt starr auf dem mattbraunen Sofa der Modellsitzecke Grünfink, ihre Katze ist verschwunden. Walther Lembeck kauert lustlos am Boden, die letzten Standvögel haben sich verabschiedet, und die wartenden Damen an der Kreuzung tragen plusternd dickes Gefieder.

An einem dieser Tage reißt Walther Lembeck die Ohrenschützer herunter, und horcht in die menschenleere Stille. Dann beißt er in die Meisenbälle. Ein letztes Schack, und der Rest mag eines Tages in der Morgenzeitung stehen. Rentner nach Nuttensafari gestorben. Frau Sperling wird es lesen und laut zetern: Ich habe es immer gesagt. Und während Walther Lembeck bis zur nächsten Brutsaison reglos in seiner Wohnung liegt, wird der Zilpzalp am Fenster erscheinen und einen letzten Blick auf den gefiederten Flaneur werfen, der nicht mehr zappelt, bevor der Zilpzalp mit einem weichen Füid davonflattert.

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