Essay

Shakespeare’s Sister oder die Kartierung des Kosmos

Hamburg

In Ein Zimmer für sich allein (1929) fragt sich Virginia Woolf, was gewesen wäre, hätte Shakespeare eine ähnlich talentierte Schwester, Judith, gehabt. Diese ambitionierte junge Frau, so spekuliert Woolf, mag Williams Beispiel gefolgt und nach London zur Bühne gegangen sein, doch hätte sie eine andere Wirklichkeit vorgefunden: Verunglimpfung, Gespött, Schwangerschaft, Abgleiten in Melancholie und Suizid. Woolf zeigt auf, dass die imaginäre Judith doppelt gefesselt war, von klassischer Bildung ausgeschlossen, keine Chance Homer, Ovid, Grammatik und Logik zu studieren und darauf getrimmt, die beengenden gesellschaftlichen Normen zu akzeptieren. Ein Ausbruchsversuch galt als wahnwitzig.

Caroline Herschel ist ein reales Beispiel einer dieser zahlreichen cleveren Schwestern, die zurückgelassen wurden, während die Brüder ihren Weg in der Welt gingen. In einer Welt der männlichen Dominanz bahnt sie ihren Pfad, der von Hannover nach Bath und Windsor in den Kosmos und zurück nach Hannover führt. Sie wird die erste professionelle Astronomin mit einem Gehalt, entdeckt acht Kometen, zahlreiche Nebelflecken, katalogisiert und kategorisiert, war Sopranistin und Hutmacherin und eine unermüdliche Korrespondentin, die ihr privates und berufliches Leben in Tagebüchern, Notizbüchern, wissenschaftlichen Observationen und schließlich zwei Memoiren für die Familienmitglieder festgehalten hat. Diese geben einen Einblick in den komplexen Charakter dieser bildungshungrigen, intellektuell rastlosen und geistreichen Frau.

Im Frühjahr 1787 wartet die 37jährige Caroline Herschel auf die Veröffentlichung ihres ersten wissenschaftlichen Artikels in den Philosophical Transactions of the Royal Society, der zweitältesten Fachzeitschrift der Welt. Als Frau ist es ihr nicht erlaubt, ihre Entdeckung persönlich vor den Gentlemen der Royal Society vorzutragen, so verliest ihr Bruder William am 9. November 1786 Carolines Brief vor der Gelehrtengesellschaft. In zurückhaltendem Duktus schildert ihr Schreiben, wie sie am 1. August 1786 beim ‚Durchkämmen‘ des Himmels einen neuen Kometen identifiziert habe. Sie wolle keine Mutmaßungen anstellen, aber der Wissenschaft zuliebe ihre Beobachtungen kommunizieren. In einer Fußnote bestätigt William die Schilderung seiner Schwester. Caroline Herschels Abhandlung war die erste Schrift einer Frau, die in der Royal Society vorgetragen wurde - eine der ersten wissenschaftlichen Publikationen von Frauen auf der Welt, ein bahnbrechender Moment. Lange bevor es einer Frau erlaubt war, Mitglied in der Royal Society zu werden oder einen Universitätsgrad zu erlangen, findet Caroline Herschel einen Weg, ihre astronomischen Entdeckungen in ein häusliches Umfeld einzupassen und auf eine Art zu präsentieren, die sozial akzeptabel war.

Nichts in der Kindheit und Jugend der Caroline Herschel deutete darauf hin, dass sie eine Wissenschaftspionierin werden würde. Von Pocken entstellt und im Alter von elf Jahren beinahe dem Typhus unterlegen, bekam sie von den Eltern gesagt, sie sei zu hässlich zum Heiraten. Das Typhusfieber hatte ihr Auge dauerhaft beschädigt und ihren Wuchs eingeschränkt, sie blieb eine zarte Elf von 1,30 m. Es ist eine Aschenbrödelgeschichte. Sie selbst beschreibt in ihren Memoiren, wie sie nach der Heirat der älteren Schwester kochen und die Familie bei Tisch bedienen muss. Lernen darf sie nur Lesen und Schreiben, sie schreibt der Mutter und den Nachbarsfrauen die Briefe, wenn die Männer im Krieg sind, Französisch- und Tanzunterricht sind tabu. So kommt nicht einmal eine Gouvernantenstelle in Betracht. Wie wissbegierig die jüngere Schwester ist, begreift allein der Lieblingsbruder William. In der Rolle des rettenden Prinzen befreit er Caroline aus häuslicher Maloche und holt sie ins englische Bath, wo er Organist und Komponist ist, Musikunterricht erteilt und Konzerte organisiert. Der Bruder Alexander hatte Caroline auch singen gehört und ihre ungeschulte Stimme für vielversprechend gehalten. Sich vorzustellen, dass diese kleine, unscheinbare junge Frau aus einfachen Verhältnissen vor dem adligen Publikum im modischen Bath steht und englische Arien singt, muss ein großer Vertrauensvorschuss gewesen sein. Der älteste Bruder Jacob, nach dem Tode des Vaters, der Haushaltsvorstand, mokiert sich, ist aber glücklicherweise mit seinem Orchester unterwegs, die Königin von Dänemark unterhalten, als William am 2. August 1772 in Hannover ankommt, um die Sache zu regeln. Die Mutter stimmt erst zu, nachdem ihr William Geld für eine Magd zusicherte. Caroline, die vorgesorgt und für den Herschel-Haushalt einen Sockenvorrat für zwei Jahre gestrickt hatte, trifft die lebensbestimmenden Entscheidungen zugunsten des Aufbruchs nach Großbritannien. Die Geschwister nehmen die Postkutsche von Hannover an die holländische Küste, sechs Tage und sechs Nächte Sturm, dann die hohe See, der Mast des Schiffes bricht, bevor die Passagiere am Montag, den 24. August 1772 trockenen Boden unter ihren Füßen erlangen. Die tropfnasse, seekranke 22jährige Carolina Lucretia Herschel findet sich an der Küste des Landes, dessen Sprache sie nicht beherrscht, welches aber für die nächsten 50 Jahre ihr Zuhause werden würde. Die stürmische Reise geht weiter, das Kutschpferd geht durch, Caroline landet im Graben, gottlob trocken und alle Glieder intakt. Glücklicherweise auch hier ein rettender Reiter zur Stelle, der die Geschwister sicher zu einer Herberge in London geleitet. William, seit 1757 in Großbritannien sesshaft und die englische Variante seines Namens angenommen, erledigt Geschäfte in der Hauptstadt. Caroline leiht sich einen Hut von der Wirtin, da ihr eigener im holländischen Kanal gelandet war, die Geschwister besuchen St. Paul’s Cathedral, die Bank of England und einen Optiker. Am Abend steigen sie in die Postkutsche nach Bath. All das ist in Carolines Memoiren zu lesen. Auch beschreibt sie, wie beklommen sie sich fühlte, „in a strange Country and among straingers“ [sic] und bei der Ankunft „almost annihilated“ (ausgelöscht) nach zwei Wochen ohne richtigen Schlaf. Am Nachmittag des folgenden Tages ging’s los: noch bevor das Frühstück beendet war, gibt William ihr ersten Unterricht in Englisch, darauf folgt eine Stunde Arithmetik. William war streng, wenn beim Dinner der Winkel des Puddingstücks nicht korrekt bestimmt wurde, gab’s keinen Nachtisch. Und dann natürlich der Gesangsunterricht. William begleitet die Schwester am Cembalo, sie singt mit einem Korken im Munde, wie es von der Musikdidaktik im 18. Jahrhundert empfohlen wurde. Als Entspannung in den Pausen unterhalten sich die Geschwister über Astronomie. Die Herschels waren eine musikalische Familie. Vater Isaak, der Regimentsmusiker, darauf bedacht, allen Söhnen Musikunterricht angedeihen zu lassen und sie in der Regimentskapelle unterzubringen, hatte aber auch Freude daran, mit den Söhnen die Gestirne zu beobachten. William, als 14jähriger Oboist dem Regiment des Vaters beigetreten, bleibt ab 1756 in England, wo das Regiment im Siebenjährigen Krieg kurzfristig stationiert war. Als die Franzosen Hannover besetzen, kehrt er, als Deserteur geltend, nicht zurück und beginnt ein Wanderleben als Musiker und Musiklehrer im Norden Englands. Wenn er auf seinem Pferd von Landhaus zu Landhaus reitet, kreisen seine Augen den Himmel ab und seine Gedanken das Universum. Über die Musiktheorie findet er zur Mathematik. Das erste Buch, das er sich in England leistet, ist John Lockes Ein Versuch über den menschlichen Verstand, später trifft er den schottischen Philosophen David Hume. Eine Stellung als Organist in mondänen Kurort Bath, dem Tempel eleganter Vergnügungen und pulsierender High Society, etabliert ihn in der feinen Gesellschaft und verschafft ein gutes und stabiles Einkommen. Der Appetit auf Konzerte ist im England des 18. Jahrhunderts enorm, in Kirchen, Konzerthallen, Theatern, Lustgärten und Salons erklingen die Oratorien.

Damit sie Buchhaltung und den Haushalt führe, erteilt William seiner Schwester Rechenunterricht, dann werden die „little lessons for Lina“ abstrakter, „A little Algebra for Lina“, A little Geometry for Lina”. Neben Carolines linguistischer und musikalischer Schulung geht es auch darum, wie sie sich präsentiert – auf Konzerten und vor betuchten Klienten. William schickt Caroline zum Benimmunterricht bei einer feinen Dame in London und organisiert Tanzstunden. Ob es genau dieses erworbene Fingerspitzengefühl ist, welches sie später ihre astronomischen Ergebnisse so präsentieren lässt, dass diese von einem Frauenzimmer kommend von der Wissenschaftswelt akzeptiert und honoriert werden? Als Sopranistin feiert sie Erfolge, bekommt ein Engagement in Birmingham angeboten, welches sie ausschlägt, denn im Haushalt Herschel verschieben sich die Interessen in Richtung Astronomie. William entwirft Geräte mit sensationeller 2.000 - 6.000facher Vergrößerung, montiert Teleskope, entwickelt das von Newton erfundene Spiegelteleskop weiter. Die aus Metall gegossenen Spiegel müssen stundenlang poliert werden. Caroline, die Haushälterin und Sekretärin - sie kopiert Williams Kompositionen und Arrangements, die dem Bruder „die Speisen bissenweise in den Mund“ führt und aus Don Quixote und den neuen Romanen des Henry Fielding vorliest, findet sich als „assistant-astronomer“ ausgebildet. Die Bemerkung kommt in ihren Memoiren ohne großen Enthusiasmus daher, denn sie vermisst ihre Gesangskarriere. Nächtelang assistiert sie dem Bruder, notiert seine Instruktionen und Observationen, liefert exakte Aufzeichnungen und Berechnungen. Am Tage schreibt sie die Beobachtungsergebnisse in prägnanter, luzider Prosa auf, kreiert einen Katalog, den die Royal Society 1802 in den Philosophical Transactions unter Williams Namen veröffentlicht. Dem astronomischen Fachausdruck „sweeping the sky“ verleiht Caroline eine häusliche Vertrautheit, neben „gründlich Absuchen“ bedeutet sweep fegen und kehren. Caroline, die heavenly Hausfrau, die die Sterne gründlich putzt. 

Williams Entdeckung von Uranus am 13. März 1781 ist eine Sensation. Den ersten neu entdeckten Planeten seit der Antike benennt er König George III. zu Ehren Georgium Sidus; es ist später Johann Elert Bode, der im Einklang mit der antiken Tradition den Namen Uranus wählt, welcher in der englischen Aussprache bei Generationen von Schulkindern Gekicher hervorruft. Die beiden Hannoveraner, William Herschel und George III. treffen sich in Windsor, fachsimpeln auf Englisch, der Monarch bietet William Herschel die Position des Hofastronomen an, mit einem jährlichen Salär von £ 200 pro Jahr (das gleiche Gehalt, das eine Generation vor Herschel sein Landmann Händel als königlicher Musiklehrer erhalten hatte), nebst £50 für Caroline als Assistentin.  Die Geschwister Herschel lassen das pulsierende Bath und ihre musikalischen Karrieren endgültig hinter sich und ziehen in die Nähe von Windsor, zuerst ins Dörfchen Datchet an der Themse, dann nach Slough. Caroline arbeitet zunehmend unabhängig vom Bruder, der 1788 heiratet. Sie initiiert ihre eigenen Observationen, führt eigene Berechnungen durch und schreibt Notizbücher voller astronomischer Daten, sie entdeckt zwischen 1786-1797 acht Kometen, wird zu einer der gewissenhaftesten Beobachterin des Himmels und als Kometenjägerin in Europa berühmt. Sie empfängt illustre Besucher, die sie kennenlernen und durchs riesige 40 Foot (12m) Teleskop schauen wollen, welches das größte der Welt ist und als eines der Wunder des Zeitalters gilt. Die Schriftstellerin Fanny Burney feiert Carolines Komet als „the first lady’s comet“ und durch Europa schwappt eine Welle der Kometenbegeisterung. Zeitgenössische Karikaturen finden reichlich Potential für Satire der öffentlichen Himmelsobsession. 

Zum ersten Mal außerhalb der Grenzen Österreichs verbringt Joseph Haydn 1791-92 achtzehn Monate in London. Mit immenser intellektueller Neugier lässt er sich auf die neue Welt ein und dokumentierte seine Exkursionen und Begegnungen in seinem Londoner Tagebuch. Als ein Höhepunkt ist sein Besuch bei den Herschels am 15. Juni 1792 verzeichnet. Der berühmte Komponist besucht seinen Musikerkollegen und Astronomen William Herschel in dessen Observatorium in Slough. Die Legende besagt, Haydns Blick in den Kosmos war die Inspiration für sein großartiges Oratorium Die Schöpfung. Laut seiner eigenen Aufzeichnungen ist William Herschel im Mai und Juni 1792 auf Reisen in England, Wales und Schottland, wo er in Glasgow die Ehrendoktorwürde verliehen bekommt. Er ist also gar nicht daheim, um den berühmten Komponisten zu empfangen. Seine Schwester Caroline, die einstige Sopranistin, die Erfolge mit Händels Messias gefeiert hat, ist die Gastgeberin, der Besuch ist in ihrem Gästebuch vermerkt. Haydn zeigt sich beeindruckt von den verschiedenen Teleskopen sowie vom straffen Arbeitsprogramm der Herschels, die nach wie vor nächtliche Observationen durchführen. Vermutlich, dies ist im Detail nicht überliefert, spricht er mit Caroline Herschel über die Sterne, die Planeten und über Musik. Es mag also die musikalische Astronomin Caroline Herschel gewesen sein, die Haydn zu Die Schöpfung inspirierte.

Als William 1822 stirbt, ist Caroline 72 Jahre alt und zieht zu ihrem jüngeren Bruder Dietrich und dessen Familie in ihre Geburtsstadt zurück, eine überstürzte Entscheidung, die sie später bereut. In Hannover erregt sie Aufsehen, erhält Einladungen und Medaillen, fühlt sich aber nicht heimisch. Ihr wichtigster Bezugspunkt ist Williams Sohn, John Herschel, selbst ein berühmter Astronom und Universalgelehrter, der die „dear aunt“ als eigenständige Forscherin schätzt. Sie fährt fort, Massen an astronomischen Daten zu sortieren, ihre computermäßigen Berechnungen fehlerfrei, ihre Handschrift glasklar, bevor sie kurz vor ihrem 98. Geburtstag friedlich verstirbt. John Herschel, der 1839 den Begriff Photographie prägt, fällt es zu, die Monde des Uranus zu benennen. Die ersten beiden, von seinem Vater 1787 entdeckt, bleiben ein halbes Jahrhundert ohne Namen, bevor zwei weitere Monde 1851 identifiziert wurden. John Herschel bricht mit der Tradition der antiken Namen und ruft Shakespeares magische Geister als Paten an, auf dass diese Uranus, den Gott des Himmel, umtanzen: die Elfenkönige Oberon und Titania, Luftgeist Ariel und Erdgeist Umbriel aus Alexander Popes komischen Versepos Der Lockenraub. Die Shakespearesche Tradition wird beibehalten und die im 20. und 21. Jahrhundert entdeckten Monde des Uranus heißen Miranda, Mab, Puck, Perdita, Juliet, Portia, Desdemona.

Shakespeare nannte sein Theater an der Themse The Globe und vermaß in einem Zeitalter der Weltumseglungen und der ‚Entdeckung‘ neuer Kontinente die menschliche Psyche. Zweihundert Jahre nach Shakespeare durchmaß Caroline Herschel, deren Geburtstag sich am 16. März 2020 zum 270. Male jährt, mit nur einem gesunden Auge den Kosmos und bahnte den Weg für Shakespeares Schwestern.

 

 

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