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Essay

Abermals Blau

Rebecca Solnit – Joan Didion – Maggie Nelson
Hamburg

Ich weiß wohl, dass es zahllose Aufsätze, Essays und breit angelegte Studien zur Bedeutsamkeit und Symbolik der Farbe Blau in verschiedenen Kulturen, in der Literatur, vorzugsweise im Gedicht, gibt. Interpretationslinien zeichnen sich ab über den blauen Stunden allein nur bei George, Benn und Bachmann. Mir ist nicht danach, auch nur eine ihrer Deutungshoheiten anzurühren. Sie mögen ruhen in Frieden. Wenn ich an blaue Stunden denke, an l‘heure bleue, dann erfreue ich mich an meiner Erinnerung an die erste der Episoden aus Eric Rohmers Film Quatre Aventures de Reinette et Mirabelle (1987) und an der stillen Kraft der Musik des österreichischen Jazz-Trompeters Franz Koglmann auf seinem Album L‘Heure Bleue (1991).

Woran ich mich hier versuchen möchte, sind drei Prosa-Arbeiten von Frauen, US-Amerikanerinnen, die mit dem emotionalen Index (oder Haushalt) der Farbe Blau zu schaffen haben. Der Index (Haushalt) der Farbe Blau grundiert, punktiert die Texte oder richtet sie aus. Es sind jüngere Texte, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts erschienen sind.

I.

Rebecca Solnit, die in Deutschland vor allem durch ihre Kulturgeschichte des Gehens, Wanderlust (2001/ dt. 2019), bekannt ist, stellte nach dem Erscheinen dieses Buches u.a. einen Essay-Band zusammen unter dem Titel A Field Guide to Getting Lost (2005/ dt. 2009). Ich bin mir nicht sicher, ob Judith Schalansky mit diesem Buch vertraut war, als sie ihr Verzeichnis einiger Verluste (2018) komponierte, denn auch Joseph Matthias Hauer, um nur ein Beispiel zu nennen, entwickelte aus Goethes Farbenlehre eine Art Zwölftonsystem, ganz unabhängig von der Koryphäe der Zwölftontechnik, Arnold Schönberg. Teilstücke aus Schalanskys Verzeichnis jedenfalls erstehen mir als palimpsestartige Gebilde aus Folien der praktischen Anleitung, sich zu verirren.

Joan Didion, die älteste der drei Frauen, hat vielleicht in Deutschland am ehesten durch ihr Trauer-Buch The Year of Magical Thinking (2005/ dt. 2006), das in den USA zum Bestseller avancierte, auf sich aufmerksam gemacht, obwohl schon früher etliche ihrer Romane und Sachbücher auf Deutsch erschienen waren. Mir ist es hier um ihre Memoir Blue Nights (2011/ dt. 2012) zu tun, auch das ein Buch der Trauer und der Selbstbefragung, das in seiner Schicksalsträchtigkeit das Jahr des magischen Denkens fortschreibt.

Die Jüngste aus meinem Trio ist Maggie Nelson, deren die Genres übergreifender Familienessay u.a. über die Genderfluidität ihres Lebensgefährten und ihre In-vitro-Fertilisation, The Argonauts (2015/ dt. 2017), in den USA den National Books Critics Circle Award erhielt und auch in Deutschland für einiges Aufsehen sorgte. Ihr weniger bekannter, früherer philosophisch-diaristischer Traktat namens Bluets (2009/ dt. 2018), der sowohl eine deutliche Affinität zu Wittgensteins Elementarsätzen als auch zu seinem Interesse an den Farben, das er in seinem späten Werk Bemerkungen über die Farben bekundet hat, aufweist, soll meine Ausführungen beschließen.

II.

Das Blau ist in Solnits Essays der Ferne und dem Verlangen nach dem Entfernten eingeprägt. Dass die Welt an ihren Rändern und in ihren Tiefen als blau erscheint, sieht sie in einem essentiellen Verlust begründet, darin, dass das Licht am Ende des Spektrums nicht die ganze Strecke von der Sonne bis zu uns hin zurückgelegt hat und eben verloren gegangen ist. Die Farbe Blau hängt, abgesehen von physikalisch dingfesten Erklärungsansätzen, in der Schwebe und ruft in der äußeren Wahrnehmungswelt, mehr noch zu Land als zu Wasser, Gefühle von Verlust, Stimmungen der Verlorenheit und Unerreichbarkeit hervor, denen allerdings eine Lust der Wehmut eignet, mit der die Autorin hausieren geht. Dass Solnit die Dialektik des Blaus, die mehr an die Qualen des Tantalos erinnern soll als an die des Sisyphos, an Naturerfahrungen aufzeigt, kommt nicht von ungefähr. Was der mythischen Erzählung nach sich als aussichtslos geriert, versteht Solnit als geradezu hoffnungsfrohe Wendung, wenn sie, wie in eine der Figur des Chiasmus gehorchende Sentenz verpackt, notiert: „Some things we have only as long as they remain lost, some things are not lost only so long as they are distant.“ Man könnte hier ernsthaft fragen, was denn mit diesen und jenen Dingen gemeint sei, doch ich will zu den Naturerfahrungen zurück, von denen ich sagte, sie kämen nicht von ungefähr. Blau, sagt Solnit, sei die Farbe der Sehnsucht nach der Ferne, in der man nie ankommt. Passend zu dieser romantizistischen Replik liest sich der Eintrag im etymologischen Wörterbuch: „The term blue comes from an old English word for melancholy or for sadness, blue moods, blue devils, the blues, first tracked to 1555 in my etymological dictionary.“ Nicht von ungefähr: Auch wenn Solnit in ihrem Buch Kulturgeschichten der Verirrung oder des Verlorengehens von anderen erzählt (etwa dem spanischen Forscher Cabeza de Vaca oder dem amerikanischen Dichter Lew Welch), oder auch von der Obsession Yves Kleins zur Farbe Blau, so steht nach meiner Lektüre doch ein anderer Essay im Zentrum der Sammlung, der nämlich mit dem Titel Abandon, der von den Erlebnissen der Autorin in ihren zwanziger Jahren kündet, von der Freundschaft zu Marine, dem Abschied aus dem urbanen Raum, der Öffnung zur ‚Natur‘ und damit dem beginnenden Werdegang als Schriftstellerin. Diese Kehre, so meine Vermutung, führte dazu, dass Solnit sich mit der Arbeit an ihrer kulturhistorischen Studie Wanderlust den Raum der ‚Natur‘ schreibend aufzuschließen und kulturtheoretisch zu unterfüttern gesucht hat. Doch zurück zu Marine. Schon der Name trägt Maritimes aus. Marine ist der Name einer Frauenfigur, für die das 19. Jahrhundert eine Blaupause parat hält. Mir fällt dazu Marianas tragische Geschichte ein, wie sie Margaret Fuller in einer Art autobiografischer Novelle in ihre Reiseerzählung Summer on the Lakes (1843) eingeschrieben hat. Dieser Name wiederum, Mariana, führt zurück auf Goethes Figur der Mariane aus dem ersten Meister-Roman. Beide Frauenfiguren, Fullers Mariana wie Solnits Marine, werden von den Ich-Erzählerinnen als ihre rebellischen, sich selbst verzehrenden Freundinnen ausgewiesen, an die sie sich, Jahre nach ihrem Tod, erinnern. Und beide Erzählerinnen stehen doch abseits, geraten erklärtermaßen nicht in den Sog der dunklen Welt der Freundinnen. Für Fuller war Mariana ein autofiktionales Selbstporträt, sie war sehr wohl den Gefahren ihrer Figur, die sie an ihrer Statt sterben ließ, ausgesetzt. Für Solnit indes ist Marine Teil der eigenen Biografie im San Francisco der 1980er Jahre. Punk, Sex, Drogen und die schreckliche Vorstellung von einem trostlosen künftigen Erwachsenenleben, das von Geld, Macht und Technologien regiert wird, bahnen der Todesfantasie eines gegenüber den gesellschaftlichen Zwängen nicht als lebenswert erachteten Berufslebens den Weg. Der rätselhafte Tod Marines habe in den Folgejahren, in denen auch ihr Vater starb, alles für sie verändert, so Solnit. Ein neu ausgerichtetes Leben, ein Unabhängigkeit versprechender neuer Beruf. „Though I think of the 1980s as my most urban phase, Marine and I, who had both grown up in that suburban county of beautiful hills, kept one foot in the rural or the wild, for that direction was also an escape.“ Ein Ausweg also, ein Fluchtweg, fort aus dem urbanen Raum ins Offene der Landschaften und Orte, wo man kilometerweit in die Ferne schauen kann, ins Blaue hinein, „the blue of distance“.

III.

Gleich zu Beginn, in ihrer Vorbemerkung, geht Didion auf ein meteorologisches Phänomen ein, das dem Buch sowohl seinen Titel gibt als auch einem Leitmotiv gleich den Text durchzieht. Der Ort, New York, Central Park. Die Zeit, Ende April, Anfang Mai. Ich zitiere die Stelle ausführlich, weil, wie mir scheint, in ihr die Matrix der Trauerschrift versinnbildlicht ist, weil in ihr die blaue Stunde als Metapher der Lesbarkeit fungiert. Man stelle sich einen Spaziergang vor, zu jener Jahreszeit, an jenem Ort.

„You pass a window, you walk to Central Park, you find yourself swimming in the color blue: the actual light is blue, and over the course of an hour or so this blue deepens, becomes more intense even as it darkens and fades, approximates finally the blue of the glass on a clear day at Chartres, or that of the Cerenkov radiation thrown off by the fuel rods in the pools of nuclear reactors. The French called this time of day l‘heure bleue. To the English it was the gloaming.“

Das Wort gloaming (Dämmerung, Zwielicht), das gegenüber der poetischen und schicksalsträchtigen heure bleue so profan daherkommt, taucht später im Text nicht mehr auf, denn nichts darin soll den Eindruck des Profanen oder gar Banalen erwecken. Michel Pastoureau spricht in seiner kulturhistorischen Studie zur Farbe Blau vom „bleu de Chartres“, und die Interferenz des intensiven, dunkelnden Blau mit dem Blau der Kirchenfenster von Chartres an einem sonnigen Tag, die Didion imaginiert, zeugt von einer wenn auch nur augenblicklichen Transzendenz über die blaue Flutung des Lichts. Ein Augenblick der Glückseligkeit, womöglich. Antithetisch aber zu einem Blau der Kirchenfenster inhäriert dem Blau vom Central Park auch die Vorstellung der Tscherenkow-Strahlung in Abklingbecken von Atomreaktoren. Es geht gar nicht darum, göttlich tingierte Fenster gegen das Gefahrenpotential einer leuchtenden Technik von Brennstäben auszuspielen, vielmehr erstreckt sich zwischen beiden Polen das Didion‘sche Spektrum der Farbe Blau, ein Spektrum aus Heil und Unheil. Was Verheißung war, verkehrt sich unweigerlich in Verhängnis: Vergehen, Verlust, Krankheit und Tod. Anders als bei Solnit ist die Sehnsucht, die der Farbe Blau angedacht ist, ausgelöscht, und auch die Erinnerung an das, was verloren ging, entpuppt sich als Quälerei. Und doch speist sich das Schreiben ja aus der Erinnerung, über Fotos vor allem, auf denen Quintana, die verstorbene Adoptivtochter, abgebildet ist und ihre Schriftstücke, die Didion neu zu lesen und zu deuten sucht. Einmal sogar schreibt sie das Unheil der Stadt New York zu. Die Jahreszeiten in Südkalifornien, dem früheren Wohngebiet, hätten zwar etwas Gewaltsames mit sich geführt, nicht aber den Tod. „Seasons in New York“, bekundet sie, „ – the relentless dropping of the leaves, the steady darkening of the days, the blue nights themselves – suggest only death.“ Die Nekropole New York entlässt die Schreiberin freilich nicht aus ihrer Verantwortung. Fragen, die sich verantwortungsbewusste Eltern stellen, wenn ihre Sprösslinge auf die schiefe Bahn geraten oder vorzeitig sterben, bleiben auch hier nicht aus: Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich übersehen? Da sind die Alpträume der Schutzbefohlenen und das Gedicht von Keats, ein Sonett, das er 1818 verfasste und das Quintana Angst eingeflößt hat. „When I have fears that I may cease to be“, heißt es da zu Beginn, und diese existenziellen Ängste münden in die Vorstellung vom Versinken alles Weltlichen, vorab Liebe und Ruhm, im Nichts. Die unselige Affinität zu Keats‘ Gedicht, die Didion ihrer Tochter zuschreibt, grundiert letztlich ihr eigenes Vorstellungsbild von Alter, Krankheit und Tod, wenn sie notiert: „Vanish, pass into nothingness: the Keats line that frightened her. Fade as the blue nights fade, go as the brightness goes. Go back into the blue.“ Zurück ins Blau. Quintana litt unter Depressionen, war Alkoholikerin. Ein Vierteljahr nach dem Tod ihres Ziehvaters, Didions Mann John G. Dunne, kollabierte sie auf dem Flughafen von Los Angeles. Auf die Diagnose einer Hirnblutung folgten Krankenhausaufenthalte mit teilweiser Lähmung, schließlich einer akuten Pankreatitis. Sie starb im Alter von 39 Jahren. Nur ein einziges Mal ist im Text von der Farbe Blau die Rede, ohne dass sie mit der blauen Stunde assoziiert wird. Unverhofft – „out of the blue“ – ist sie es, Quintana, die in einem Krankenhaus von Santa Monica von Didion und Dunne als Baby zur Adoptivtochter ausgewählt wird. Sie, die eher zufällig den Namen eines Territoriums im Südosten Mexikos, Quintana Roo, einer terra incognita, zugesprochen bekommt. „Out of the blue“, ins Leben hinein, haltlos, und so wieder zurück, aufgelöst ins Unbestimmte, Namenlose, „back into the blue“. Die Erinnerungsfigur Quintana, als die Didion sie verschriftet, lässt sich in ihrer Unergründlichkeit als ins Spektrum der Farbe Blau getaucht lesen, der blue nights, die so sehr Verheißung und Warnung zugleich ausstrahlen. Ich weiß nicht, ob Didion Walter Benjamins kurze Prosa über Madame Ariane gekannt hat, wo er von ultravioletten Strahlen spricht, gleich denen die Erinnerung „im Buch des Lebens“ eine unsichtbare Schrift zeige, die prophetisch den Text glossierte. Didions Text, ihre Memoir, kommt selbstredend zu spät, denn er ist sichtbar, lesbar. Er kündet vom Versäumnis der Geistesgegenwart nach dem Leben, einer in Worte verwickelten Selbsttäuschung. Ein anderes Gedicht fällt mir schließlich noch ein, knapp fünfzig Jahre später verfasst als das von Keats. Emily Dickinson schrieb die Zeilen: „Presentiment – is that long Shadow – on the Lawn – / Indicative that Suns go down – / The Notice to the startled Grass/ That Darkness – is about to pass – .“ Sie könnten als Motto gelten für Blue Nights.

IV.

Von Euphemismen und gelegentlichen Unstimmigkeiten, mit denen Jürgen Goldsteins „Wunderkammer“ der Farbe Blau aufwartet, ist Nelsons Bluets nicht infiziert. Auch wird kein Anspruch erhoben auf irgendwelche „korallen-, rhizom- und archipelartigen Bedeutungsnetzwerke“, die dann bloß in einem Potpourri von Aufsätzen mit blauen Flecken aufgehen. Nelsons Buch, dessen Titel auf Joan Mitchells Gemälde Les Bluets [dt. Die Kornblumen] (1973) zurückgeht, reicht da schon eher an eine Wunderkammer, besser noch an ein Schatzkästlein heran. Ein Logbuch, ein Traktat, ein Brouillon. Was Nelson von Solnit und Didion unterscheidet, ist das Fehlen einer Fixierung auf Natur- oder Wetterphänomene. Es ist eine geradezu allumfassende Liebe zur Farbe Blau, deren Wirkmächtigkeit Nelson befragt. Was ihre Notate mit den Ausführungen Solnits und Didions wiederum gemein haben, sind, wenn auch nicht ausschließlich, Reflexionen über Verlust und Tod im Konnex mit der Farbe. Der Schmerz ist es, generell krisenhafte Lebensphasen sind es, die einen zur Beschäftigung mit Farben führen. Nelson nennt unter anderen Goethe, Wittgenstein und Derek Jarman. Sie selbst bildet keine Ausnahme. Da ist einmal die zerbrochene Liebesbeziehung zu einem Mann, der gelegentlich als „prince of blue“ apostrophiert wird. Hier, wie auch bei einer Freundin, die nach einem Unfall querschnittsgelähmt im Krankenhaus liegt, richtet die Sogkraft der Farbe Blau das Zentrum des Schreibens aus. Die Füße der Kranken etwa sind über die Zeit blau und glatt geworden, weil sie außer Gebrauch waren. „I think they look and feel very strange and beautiful.“ Und auch der Geliebte scheint mir vor allem eine Objektivation jener Liebe zum Blauen. Goethes Ausführungen zu den Farbempfindungen sind Nelson bekannt, folglich auch seine Auffassung, dass die Menschen sich gerne das Blaue ansehen, „nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.“ Dieses Ziehen, die sinnesphysiologische Wahrnehmung der blauen Farbe, erfährt bei Nelson eine derartige Steigerung, dass sie einem Bekenntnis gleich festhält: „Sometimes I worry that if I am not moved by a blue thing, I may be completely despaired, or dead. At times I fake my enthusiasm. At others, I fear I am incapable of communicating the depth of it.“ Eingangs habe ich auf Nelsons Affinität zu Wittgenstein hingewiesen. Die Schwierigkeit der Kommunikation über die Affektion der Farbe Blau ist geknüpft an die Frage, ob denn die Farbe den jeweiligen Objekten selbst eigne oder ob der Begriff ‚blau‘ lediglich aus der Wahrnehmung resultiere. Farben seien nicht Dinge mit bestimmten Eigenschaften, so Wittgenstein. Wenn sich die Frage der Bedeutung, etwa der Farbe Blau, stellt, so lässt sich wiederum nur auf Dinge zeigen, die diese Farbe tragen. Eine Erklärung der Bedeutung ist das nicht, und Nelson ist auf eine Festlegung auch nicht aus. Allerdings verwehrt sie sich gegen eine strikte Trennung zwischen blauen Dingen und den Worten, die sie bezeichnen. Damit widerspricht sie der Einstellung von William Gass, der auf der Prävalenz einer Wortwerdung des Fleisches gegenüber einer Fleischwerdung des Wortes beharrt. „The blue we bathe in is the blue we breathe. The blue we breathe, I fear, is what we want from life and only find in fiction.“ Die Aufwertung der Fiktion gegenüber der außersprachlichen Wirklichkeit, wie Gass sie betreibt, kann man, finde ich, je nach Lebenseinstellung, für gut heißen oder verwerfen. Was prinzipiell die Frage des Schreibens angeht, hat Nelson nüchtern festgestellt, es sei reiner Zeitvertreib, verändere die Dinge nicht, wenigstens nicht „very much“, aber eben doch ein wenig, mutmaße ich, (erst recht, wenn sich etwas Geld damit verdienen lässt), sonst wäre es ohne jegliche Relevanz. Um noch einmal auf Goethe zurückzukommen: Er hatte in seiner Farbenlehre im Blauen einen Widerspruch von Reiz und Ruhe ausgemacht. Der Reiz im Anblick wiederum mache „unruhig“. Auf diese Unruhe bezüglich ihrer gescheiterten Liebesbeziehung rekurriert Nelson, wenn sie fragt: „Is to be in love with blue, then, to be in love with a disturbance? Or is the love itself the disturbance?“ Erneut eine Frage, die in Unbestimmbarkeit mündet. Im Übrigen dürften weder Solnit noch Didion die Gelassenheit teilen, mit der Nelson über Blau als Farbe des Todes spricht, als einer beruhigenden Vorstellung nämlich vom Herannahen einer sich zu einer blauen Wand auftürmenden Welle. Wie sehr immer schon Licht und Dunkelheit in der Farbe Blau zusammenwirken, zeigt die wiederholte Kontemplation einer Flamme, in der Didions „blue nights“ kondensiert aufscheinen. „I have spent a lot of time“, schreibt Nelson, „staring at this core [of fire] in my own ‚dark chamber‘, and I can testify that it provides an excellent example of how blue gives way to darkness – and then how, without warning, the darkness grows up into a cone of light.“ Ungeachtet der chemischen Reaktionen, die sich im Feuer abspielen, und auch ungeachtet der möglichen Assoziation der „dark chamber“ mit der Dunkelkammer der Fotografie zielt die Notiz auf eine Metapher der Flamme für die „blue devils“, das delirium tremens der Depression. Nicht zufällig steht dieser Abschnitt in der Nachbarschaft zu Bemerkungen über Billie Holiday, ihren Blues, den Alkoholkonsum und die Depression. Gesättigtes Blau, das in die Dunkelheit führt. Das Licht dürfte dann kaum als Hoffnungsschimmer am Ende des Tunnels zu lesen sein. 

 

 

***Kleines Literaturverzeichnis:

  • Rebecca Solnit: A Field Guide to Getting Lost. Viking Penguin, New York 2005. [dt. Die Kunst, sich zu verlieren. Ein Führer durch den Irrgarten des Lebens. Übers. Michael Mundhenk. Pendo Verlag, Zürich 2009].

  • Joan Didion: Blue Nights. Alfred A. Knopf, New York 2011. [dt. Blaue Stunden. Übers. Antje Ravic Strubel. Ullstein Verlag, Berlin 2012].

  • Maggie Nelson: Bluets. Wave Books, Seattle/ New York 2009. [dt. Bluets. Übers. Jan Wilm. Hanser Berlin, Berlin 2018].

  • Angelika Overath: Das andere Blau. Zur Poetik einer Farbe im modernen Gedicht. Metzler, Stuttgart 1987.

  • Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.

  • Margaret Fuller: Summer on the Lakes, in 1843. Univ. of Illinois Press, Urbana and Chicago 1990.

  • Michel Pastoureau: Bleu. Histoire d‘une couleur. Le Seuil, Paris 2002. [dt. Blau. Die Geschichte einer Farbe. Übers. Antoinette Gittinger. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2013].

  • John Keats: The Complete Poems. Penguin Classics, London 1973.

  • Walter Benjamin: Einbahnstraße. Werke und Nachlass. Kritische Gesamtausgabe, Band 8. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2009.

  • Emily Dickinson: Final Harvest. Emily Dickinson‘s Poems. Little, Brown and Company, Boston/ New York/ London 1964.

  • Jürgen Goldstein: Blau. Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2017.

  • Johann Wolfgang v. Goethe: Zur Farbenlehre. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 13. DTV, München 1982.

  • Ludwig Wittgenstein: Bemerkungen über die Farben. Über Gewissheit [u.a.]. Werkausgabe, Band 8. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1984.

  • William Gass: On Being Blue. A Philosophical Inquiry. New York Review Books, New York 1976.

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