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Essay

Drei Arten Krieg

Hamburg

Die Welt scheint zunehmend lauter geworden zu sein und diejenigen, die am lautesten schreien bekommen dabei noch die meiste Aufmerksamkeit. Eigentlich können die lumpigen 12,6 Prozent der Alternative für Deutschland ziemlich egal sein. Klar, nun fließt mehr Geld in die Kassen und natürlich bedeutet der Einzug in den Bundestag für die blaubraune Partei einen allemal symbolischen Legitimationsgewinn. Wo sie allerdings schon lange vorher unverhältnismäßig dominanter waren, das ist die öffentliche Wahrnehmung und vermutlich zählt das – zumindest in ideologischer Hinsicht – weit mehr. Denn die drittstärkste Partei Deutschlands ist schon lange die klickstärkste.

Ob Hashtags wie #FuckAfD oder #87Prozent, ob fatale Lippengeständnisse von links und rechts an eine härtere Linie in der Einwanderungspolitik: Der politische Diskurs gruppiert sich mittlerweile um die Partei herum und macht ihr damit vermutlich die größten Zugeständnisse. Im medialen Handgemenge läuft es für die krude Mischung aus Alt- und Neu-Nazis, Rechtspopulisten und -extremen sowie ihre Heerschar von Politik-Trolls noch besser: Es wird über sie gesprochen, sie erhalten das Wort. „In Relation zur Standfläche haben wir die meiste mediale Aufmerksamkeit“, protzte Antaios-Verleger Götz Kubitschek auf der Frankfurter Buchmesse. Er hat leider Recht. Oder weiß hier jemand, was die linken Verlage drum herum im Herbstprogramm anboten?

Der große Hype um die sogenannte Neue Rechte ist nicht allein Indikator für ein gesellschaftliches Problem, das immer schon da und nunmehr lediglich transparent geworden ist, sondern ebenso für eine mediale Misere bisher unbekannten Ausmaßes. So sehr in den letzten Jahren von rechts auf die „Lügenpresse“ eingedroschen wurde: Es waren und sind eben jene etablierten Medien, die maßgeblich zur Sichtbarkeit und damit auch dem Erfolg der neuen Rechten beitragen, ob es nun um die AfD, den Brexit oder Donald Trump geht. Denn wie verlockend die Verschwörungstheorien von Russland-gesteuerten Bot-Angriffen oder gezielter Propaganda per Facebook-Algorithmus durch skrupellose Datenfirmen wie Cambridge Analytica auch sein mögen, leistet das dauerempörte Zentrum schon beste Arbeit. Keine verbale Entgleisung, keine Anschuldigung, kein ungeheuerlicher Tweet bleibt unkommentiert.

Die irren Empörungswellen im öffentlichen Diskurs – anno 2017 heißt das vulgo: „Netz“ – sind allerdings nicht allein Reaktion, sondern auch Treibstoff dieses Phänomens. Für die Rechnung einer Tageszeitung etwa gestaltet sich das recht simpel: Jede noch so kleine Meldung über die AfD zieht mehr Klicks und damit in letzter Konsequenz Werbeeinnahmen auf sich als jedes labbrige Interview mit dem zum deutschen Bernie Sanders/Jeremy Corbyn hochgejazzten Martin Schulz. Soll heißen, Rechtsclickbait hat unbedingte Priorität. Es entspinnt sich ein Teufelskreis: Je mehr sich über die AfD aufgeregt wird, desto lohnenswerter ist es für die Medien, darüber zu berichten. Bevor überhaupt an eine faschistische Diktatur zu denken ist, erledigt der Markt bereits denselben Job.

Transgression ist zunehmend zum Kapital geworden in diesem aufmerksamkeitsökonomisch durchorganisierten Diskurs und wenn die Neue Rechte etwas kann, dann ist es genau das: Grenzen überschreiten. Paradox scheint das nur, weil sie doch am liebsten mehr Grenzen aufziehen würde. Aber das macht ihre Transgressionsleistungen eben aus – sie sind zutiefst widersprüchlich. Eine lesbische Spitzenkandidatin, die sich gegen die sogenannte „Ehe für alle“ ausspricht? Das geht deshalb, weil die Neue Rechte durch die Bank weg auf Identitätspolitik (Mann, Frau, Ehe, Christentum, Volk, Binnenwirtschaft, kurzum: Blut und Boden sowie alles dazwischen) setzt und zugleich verstanden hat, dass die heißen Themen die größten Effekte versprechen, wenn ohne Rücksicht auf Verluste in sie eingedrungen wird. Die feministischen und queeren Diskurse sind dermaßen verworren und kontrovers geworden, dass sie dafür genug Konfliktpotenzial bieten. Wer dieses geschickt (das heißt: möglichst plump) ausnutzt, bekommt die Oberhand (das heißt: die meiste Aufmerksamkeit).

In ihrem neuen Buch Kill All Normies spricht die irische Journalistin Angela Nagle nicht ohne Grund von einem „Kulturkrieg“, wobei in ihrem extrem lesenswerten Rechercheband nichts von dem historischen Konflikt zwischen Staat und Kirche im deutschen Sprachraum gegen Ende des 19. Jahrhunderts mitschwingt. Worauf sich Nagle stattdessen fokussiert ist die sogenannte Alt-Right oder auch, in ihrer gemäßigten Form, Alt-Light, eine diffuse rechtskonservative bis –extreme Bewegung, die eine kulturelle Hegemonie anstrebt, um sich ebenso gesamtgesellschaftlich wie politisch als politische Kraft zu etablieren. Der Weg ist das Ziel: Vom Netz erst in die Köpfe und dann ins Parlament – in den USA ist das schon längst bittere Realität. Vom Trumpschen „grab ‘em by pussy“ hin zum Trans Ban ging und geht es in der Tagespolitik immer wieder um Fragen geschlechtlicher und sexueller Identität, was seinerseits wiederum kaum mehr als ein grelles Echo schwelender Brände in öffentlichen Diskussionen ist.

Nagle untersucht vor allem das Image-Board 4chan als Brutstätte der auf allen Plattformen über Memes und Shitposting durchgeführten Zynismuskriege, nimmt aber auch zugleich Medien wie Breitbart ins Auge, die das geschafft haben, woran die Linke in den letzten Jahren gescheitert ist: Ein eigenes mediales Ökosystem zu erschaffen, eine gigantische ideologische Filter Bubble, deren Dynamik sukzessive in den Mainstream herüber gestreut ist.

Breitbart-Vorzeigeschreihals Milo Yiannopoulos nimmt in Nagles Ausführungen eine zentrale Rolle ein. Yiannopoulos wurde zum Posterboy der rechten Bewegung, weil er alles in sich vereint, was diese stark macht: Er hat die medialen Dynamiken durchschaut und scheut keine Konfrontation, erst recht aber keine politischen Unkorrektheiten. Er ist vor allem auch genauso widersprüchlich wie die unheilige Allianz blaubraunen Gedankenguts: Ein schwuler Mann mit jüdischen Wurzeln, der den Nazis zuarbeitet, kann von rechts gut vorgeschoben und von links schlechterdings demontiert werden, ohne dass dabei linke Argumentationsstrukturen (Homophobie, Antisemitismus) zur Verteidigung gereichen.

Es ist bezeichnend, dass sich die dangerous faggot (na klar: Selbstzuschreibung) erst dann ein Bein stellte, als er in einem Interview Sex zwischen minderjährigen Jungen und älteren Männern lobte. Yiannopoulos flog bei Breitbart raus und verlor seinen Buchdeal mit Simon & Schuster. Erst dort, wo der Minimalkonsens durch alle Parteien hindurch verletzt und ein allgemeines Tabu gebrochen wird, ist heutzutage also Schluss. Sonst aber ist alles erlaubt und je heftiger es dabei zugeht, desto besser. Nagle sieht im sogenannten „Gamergate“ einen entscheidenden Diskurswendepunkt im Netzgeschehen. Weil Journalistinnen, die sich wie Feminist Frequency-Betreiberin Anita Sarkeesian gegen sexistische Strukturen in Videospielen aussprachen, einen bisher nie gekannten Backlash aus Morddrohungen, Vergewaltigungsfantasien und Beleidigungen jeder Art ertragen mussten einerseits. Und andererseits, weil sich damit erstmals eine anti-feministische Front medial organisierte. Yiannopoulos‘ Karriere und damit auch Breitbarts Stellung als Zentralmedium der Unheiligen Allianz nahmen hier endgültig ihren Anfang, der Rechtsaufschwung und Sexismus sind miteinander verflochten.

Nagle schreibt als linke Feministin über diese Phänomene, hat allerdings an der eigenen Seite ebenso einiges auszusetzen hat. Parallel zu denen sich neu gebildeten Strukturen auf rechter Seite wirft sie ebenso einen Blick auf das, was eigentlich die Linke im Netz so macht und findet reichlich wenig oder zumindest ziemlich viel Beklopptes. Die Plattform, die Nagle analog zu 4chan ins Zentrum ihrer Analyse stellt, ist Tumblr, ein meist für die Verbreitung von Bildinhalten verwendetes Blogsystem. Dort findet sie eine konzentrierte und zugleich dezentralisierte Ballung von identitätspolitischen Haltungen vor, wie sie innerhalb der Linken in den letzten Jahren zunehmend zum globalen Zankapfel geworden ist. Feminismus, so lässt Nagle durchscheinen, wird auf Tumblr bestenfalls als intersektional und schlechterdings als begriffliches Ringelpiez ohne Anfassen betrieben. „Genderale – Ein Gender das schwer zu beschreiben ist. Steht überwiegend mit Pflanzen, Kräutern und Flüssigkeiten in Verbindung“, zitiert Nagle beispielweise aus dem Stimmgewirr von schwer nachvollziehbaren Genderkonstrukten. Nicht selten scheint Nagles Prognose eine gewisse Larmoyanz zu implizieren, einen Hauch linker Melancholie revisited: Einerseits werde dem Gegner so doch Zucker statt Saures gegeben, und andererseits – ist die Art von Identitätspolitik nicht ähnlich irreführend?

Nun ist es allerdings keinesfalls so, als würde sich die Linke im Kulturkampf 2.0 völlig der Selbstzerfleischung widmen, sich der kompletten Atomisierung überlassen oder sich ins Innere Exil verkriechen. Es wird weiterhin kräftig gegen den braunen Mief angestunken. „Falls ihr es noch nicht bemerkt habt: Es tobt ein Krieg, und das Schlachtfeld ist die menschliche Phantasie“, schreibt Laurie Penny im Vorwort ihres neuen Sammelbandes Bitch-Doktrin. Penny muss es ja wissen, sie steht schon seit quasi Anfang in den nicht-mehr-ganz-so-Neuen Medien an vorderster Front und damit auch am Scharnier zu den eigentlich-auch-nicht-so-Neuen Rechten.

Tatsächlich wäre Pennys Karriere ohne LiveJournal, Tumblr, Facebook, Twitter und die dort sich entfaltenden Dynamiken vermutlich kaum denkbar: Die Britin kann zwar toll und pointiert schreiben, sonderlich viel sagt sie aber eher selten. Zumindest aber eins kann sie: Diskussionen lostreten, die Aufmerksamkeitsökonomie umverteilen und die Leute mit ins Boot holen. Penny ist eine Gallionsfigur des linken Meinungsjournalismus, soll heißen hart umstritten und damit immer auch auf der Empfängerseite von dem, was Nagle auf der rechten Seite an siffiger Trollpower festmacht.

Über weite Strecken von Bitch-Doktrin verweist Penny wieder und wieder auf die neu gefundenen Möglichkeiten hin, die dem Feminismus in seiner dritten beziehungsweise vierten Welle vom Internet bereit gestellt wurden. Mit all diesen Plattformen und Nischen kamen neue Diskurse auf, durch die weltweiten Verbindungsmöglichkeiten änderten sich auch die Inhalte. Die Diskussionen wurden komplexer, die Positionen differenter. Wo Nagle noch Kritik an der ihrer Auffassung nach überzogenen Identitätspolitik in feministischen und queeren Kreisen übt, betont Penny deren Möglichkeiten und mahnt genauso daran, darüber nicht andere Problem zu übersehen. Da wäre struktureller und gelebter Rassismus auf der einen, das ist das Grundübel Kapitalismus auf der anderen Seite.

Penny setzt sich so bisweilen ideologisch zwischen die reichlich vielen Stühle, über die sich die Linke im Plenarsaal verteilt hat. Obgleich sie dezidiert als Feministin und Stimme einer queeren Community ebenso auftritt wie als Verfechterin für die Rechte marginalisierter people of colour, bleibt sie dennoch einem traditionellen Verständnis linker Kritik einigermaßen treu und versucht mal mehr, mal weniger überzeugend, das alles unter einen Hut zu bringen. Dass ihr das nicht immer gelingt, sieht sie selbst ein, und dass sie dabei unter anderem Schulterschlüsse wie mit dem Bündnis BDS („Boycott, Divest, Sanction“) eingeht, einem Sammelbecken für israelkritische und dezidiert antisemitische Positionen, halten ihr Teile der linken Szene ebenso nach wie ihre mehr als intensive Beschäftigung mit genau jenem Milo Yiannopoulos, der als Alt-Light-Ikone für die Alt-Right den Fuß in die Tür der Weltöffentlichkeit stellte.

Ein Blick auf die bewegte Karriere Pennys zeigt das Bild einer Bloggerin, deren aufrührerisches Potenzial schnell von Magazinen und Tageszeitungen wie dem New Statesman und dem Guardian erkannt wurde und die seitdem ständig im Netz und also am Polarisieren ist. Ihre Berichterstattung von der US-Wahl und ihre Porträts von Yiannopoulos Campus-Tour, die auch in Kill All Normies eine zentrale Rolle spielt, reihte sich unversehens in dieselbe Dynamik ein, die ihren Gegenständen jenen Aufschwung verleiht, dem sie sich als Linke eigentlich entgegenstellen sollte und möchte. Umso besser, dass die mitfühlenden Schilderungen von den „verlorenen Jungs“ im Gefolge Yiannopoulos in Bitch-Doktrin ausgespart werden. Der Schaden ist aber angerichtet, die Widersprüchlichkeiten der Neuen Linken (wenn es so etwas gibt) liegen wie eine Wunde offen da.

So wie Yiannopoulos selbst ein Symptom dafür ist, wo für die explizit menschenverachtend agierende angebliche Neue Rechte die letzte Grenze verläuft, so markiert Penny die Glasdecke aller emanzipatorischen Demokratisierungsfantasien. Ja, der Austausch in der Linken im Allgemeinen und die feministische Theorie wie Praxis haben von der zunehmenden Vernetzung profitiert, die inneren Differenzen scheinen aber transparenter denn je. Wer wie Penny eines Tages mit dem Diskursgeschäft das täglich Brot verdienen will, scheint sich dennoch denselben Dynamiken nicht entziehen zu können, die das Zentrum schon lange erfasst haben. Das lässt sich indes nicht, wie das auf rechter Seite geschieht, zum eigenen Zweck instrumentalisieren. Derweil die Linke sich beispielsweise über die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln in der Vermittlung zwischen Anti-Sexismus und Anti-Rassismus selbst kannibalisierte, entdeckte die Rechte plötzlich ihre feministische Ader: Der weibliche deutsche Volkskörper wurde zur neuen Grenze gegen Immigration hochstilisiert. Ganz egal, dass er sonst herzlich wenig wert ist.

Die Suche nach Besserem scheint in der Politik derweil höchstens knapp links vor der Mitte Halt zu machen. Bernie Sanders, nach deutschem Verständnis so eine Art ungekämmter SPD-Hardliner, hat in den USA den Kürzeren ziehen müssen und Jeremy Corbyn zumindest in der britischen Parlamentswahl das Segel noch herumgerissen, nicht aber das Schiff gekapert. Es bleiben in der westlichen Welt mit Emmanuel Macron, Angela Merkel oder Justin Trudeau Figuren übrig, die entweder dem reinen Neoliberalismus oder der Parteilinie, schlimmstenfalls aber beidem verpflichtet sind. Wenn sich Trudeau beispielsweise zur Pride Parade in Toronto mit Socken ablichten lässt, auf welche die Worte „Eid Mubarak“ gestickt sind, mögen das Liberale als schöne, friedensstiftende Geste feiern. Es ändert indes nichts daran, dass die kanadische Flüchtlingspolitik nicht grundlos von CSU und AfD als modellhaft gepriesen wird – worunter, nebenbei gesagt, insbesondere queere Menschen leiden dürften.

Zwischen dem Kulturkampf, den Nagle mit Blick ins Netz ausmacht, und dem Schlachtfeld, welches Penny in unser aller Phantasie verortet, gibt es noch eine andere Art Krieg, die im rechten Backlash gegen Feminismus und intersektionale Identitätspolitik nicht in Vergessenheit geraten darf. Es ist ein institutioneller. Als Queer Wars bezeichnen die beiden Politikwissenschaftler Dennis Altman und Jonathan Symons das, was sich weniger im Hypertext Internet als vielmehr in Gesetzestexten (und ihrer tatsächlichen sozialpolitischen Realität) niederschlägt.

Altmans und Symons‘ ebenso nüchterner wie ernüchternd geschriebener Band seziert den Status Quo von nichts Geringerem als internationalen Menschenrechten und rührt damit noch viel eher an den Konsequenzen feministischer und queerer Bemühungen der letzten Jahrzehnte als Nagle und Penny. Anders als die beiden Autorinnen gehen Altman und Symons den Weg über die Legislative, schauen sich die rechtlichen Gegebenheiten in Uganda oder Südkorea an und wägen vorsichtig zwischen Ursachen, Konsequenzen, Hürden und Chancen ab. Es ist ein unbedingt lesenswerter Überblick, der die realitätsprägende Rolle von Kultur – wie etwa die südafrikanische Serie Dynasty, die mit der Einführung einer schwulen Figur maßgebliche gesellschaftliche Konsequenzen bewirkte – nicht ausklammert, obwohl sie wiederum betonen, dass der Einfluss gerade seitens der Pop-Kultur begrenzt sei.

Im Vorwort zur deutschen Ausgabe des im letzten Jahr erstveröffentlichten Bandes der beiden Australier jedoch lässt der Journalist und Autor Daniel Schreiber dann die schlagenden Begriffe fallen: Um „Fake News“ geht es bereits im ersten Satz, genauer um die laufende Verfolgung schwuler tschetschenischer Männer in der autonomen russischen Republik. Alles Propaganda? Alles Propaganda! – Das behauptet zumindest das russische, na ja, Propagandaorgan Russia Today, weiß Schreiber zu berichten. Und fährt fort: „Die Verbreitung neuer Wahrheiten ist bekanntlich nur das vordergründige Ziel von Fake News. Ihr eigentliches Ziel ist, dafür zu sorgen, dass niemand mehr so richtig weiß, was wahr oder falsch ist.“ Solange der ideologische Schaden angerichtet und nebenbei noch ein paar Klicks kassiert werden können, passt das schon. Schreiber sieht ähnliche wie Nagle als Teil eines, genau, „Kulturkampfs“, „in dem sich die autokratische Rechte als Widerstandskraft gegen die Globalisierung und das Bewahrerin ‚traditioneller‘ Werte inszeniert“, wie Penny es auch insistent betont.

Entlang der drei Arten Krieg, wie sie Altman und Symons, Nagle und Penny jeweils für sich ausformulieren, entfaltet sich ein verworrenes Schlachtfeld voller Widersprüchlichkeiten und Widersprüche. Die Neue Rechte, ihrerseits eine identitäre Bewegung, setzt genau dort und insbesondere im links debattierten Themenfeld zwischen Feminismus und Queerness an und ein. Die Ergebnisse sind ebenso eindeutig wie beklemmend: Die Rechten sind effektiver darin als die Kritik, welche ihr im Stundentakt auf dem Fuß folgt. Und während sich die Politik bunte Socken mit freundlichen Slogans, nicht aber die Kampfmontur anzieht, bleibt die Frage, wer überhaupt in die richtige Richtung unterwegs ist. Das Internet ist, wie Nagle und auf ihre Art auch Penny zeigen, zumindest nicht mehr die demokratisierende Utopie, für die es einst gehalten wurde. Und Altman und Symons machen im selben Zug transparent, dass es anderswo auf dem staubigen Boden der Tatsachen noch viel schlimmer steht.

Es lässt sich angesichts dieser Misere nun viel fordern: Mehr Eingreifen und Regulationen seitens der Regierenden, die allerdings ihre Fahnen auch nur nach zweierlei Wind wehen lassen beziehungsweise sich eben eine Socke rechts und die andere links herum aufziehen. Oder mehr Engagement der sozialen Netzwerke, die wiederum von mehr Hassgeblubber und Kontroversen ebenso profitieren wie die klassischen Medien – und überhaupt, wer will den Zuckerbergs und Jacks dieser Welt eigentlich die Politik anvertrauen? Es wird auch wenig damit geholfen sein, die Zeitungen und Magazine dieser Welt zur Räson bringen zu wollen, denn Vernunft verkauft sich eben nicht und verheerender noch als staatliches Eingreifen in die vierte Gewalt kann ihre Auslöschung durch kapitalistischen Sozialdarwinismus sein, sprich wenn das Medien-Establishment eines Tages pleitegeht.

Wenn die drei Arten Krieg zu einer gesamtheitlichen Schlacht vereint werden sollen, dann kann das nur auf neuem Boden geschehen: Unabhängige Kritik braucht unabhängige Plattformen und unabhängig müssen diese in allererste Linie von ökonomischen Fragen sein. Der erste Schritt zu einer neuen Infrastruktur muss dabei zwangsläufig über die Finanzierung gehen. Denn jetzt hat die sexistische, queerfeindliche und rassistische Neue Rechte das (aufmerksamkeits-)ökonomische Monopol auf ihrer Seite. Das kann am ehesten durchbrochen werden, wenn die grundlegenden medialen Strukturen umverteilt werden.

*

Bücherliste:

Dennis Altman (Hg.), Jonathan Symons (Hg.)
Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung
Mit einem Vorwort von Daniel Schreiber
Aus dem Englischen von Hans Freundl
Wagenbach 2017 · 160 Seiten · 18 Euro
ISBN 978-3-8031-3670-1

Angela Nagle
Kill All Normies. Online Culture Wars From 4chan and Tumblr to Trump and the Alt-Right
Zero Books 2017 · 136 Seiten · etwa 12 Euro
ISBN 978-1785355431

Laurie Penny
Bitch-Doktrin. Gender, Macht und Sehnsucht
Aus dem Englischen von Anne Emmert
Edition Nautilus 2017 · 320 Seiten · 18 Euro
ISBN 978-3-96054-056-4

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