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Essay

»Wir sind wahnsinnig unkompliziert geworden«

Sascha Lobo hat ein Buch erfunden. Lesen lässt sich das zwar nicht, die Tatsache seiner Erfindung aber schon. »Cybris« ist eine überfällige Erinnerung daran, dass die Welt viel komplexer ist, als wir sie gerne denken.
Hamburg

Der Journalist Stefan Niggemeier ist eher dafür bekannt, sich aufzuregen, an einem unschuldigen Tag Ende September kurz nach zwölf Uhr mittags indes wunderte er sich vor allem. »Kann mir jemand den Text von Sascha Lobo im neuen Literaturspiegel erklären? «, fragte er auf Facebook. » Er bespricht ein Buch, das man nirgends bestellen kann, geschrieben von einer angeblich netzaffinen Frau, die auf Twitter sechs Follower hat, herausgegeben von einem Verlag, der sich nicht ergoogeln lässt, übersetzt von jemandem, über den ich auch nichts finde.« Umso merkwürdiger, dass sich der nicht ergooglebare Verlag, wie Niggemeier herausstellte, zu allem Überfluss Verlag der Illusionen nannte.

Sascha Lobo im Gespräch mit Weidermann Ein Bluff? Dagegen sprachen die Existenzbeweise: Zum einen war da Lobos Rezension im brandneuen LITERATUR SPIEGEL. Welche Heftbeilage würde schon mit einer Ente ihren Auftakt nehmen? Außerdem existiert sogar ein auf Video festgehaltenes Gespräch zwischen Lobo und LITERATUR SPIEGEL-Chef Volker Weidemann zu Cybris, so der Titel des rätselhaften Buchs. »Vermutlich mache ich mich hier gerade zum Vollhorst, aber: Kann mir jemand den Witz erklären? Bzw. ggf. warum es sich gar nicht um einen handelt? «, endete Niggemeiers Facebook-Post mit einer Prise Verzweiflung angesichts so vieler loser Enden.

Mittlerweile wissen er und wir alle immerhin so viel: Das Buch, die Autorin und der Verlag sind alle erfunden. War das alles also nur ein Witz? Eine weitere Fußnote für den Wikipedia-Eintrag zum fiktiven Roman?

Ein Fest der Uneindeutigkeit

Niggemeiers Unsicherheit, die eventuell genauso gespielt war wie das stockige Gespräch zwischen Lobo und Weidemann, spiegelt wiederum das wider, was Lobo in seiner Rezension zum Buch der nebulösen Carol Felt schreibt. Als »digitales Fest der Uneindeutigkeit im Reich der Nullen und Einsen, das eigentlich geschaffen wurde aus den beiden eindeutigsten Polaritäten«, feiert der seine eigene Kopfgeburt.

Es ist gleichermaßen einleuchtend wie paradox, dass im Laufe der Digitalisierung binäre Denkstrukturen mittlerweile die öffentlichen Diskurse bestimmen. Einleuchtend ist es, weil alles Digitale auf den Oppositionen beziehungsweise Dichotomien von Nullen und Einsen beruht. Paradox ist es, weil die Digitalisierung dazu beigetragen hat, unsere sowieso schon komplexe Welt noch zu verkomplizieren. Die Reaktionen darauf allerdings tragen dem keine Rechnung, sondern messen die Welt noch mittels Nullen und Einsen aus. Es gibt nur mehr Entweder-Oder-Fragen. Existiert Cybris – oder doch nicht?

Mit fast platonischer Rigidität wurde auf die zunehmende Digitalisierung und Technologisierung des Alltags geantwortet. Wir würden unser  Leben und zuvorderst unsere Erinnerungen outsourcen, wurde gewarnt und gemeint war damit nicht wie noch bei Platon die strittige Erfindung der Schrift, sondern vielmehr die Mobilgeräte, mit denen wir mittlerweile durchs Leben navigieren. eBooks? Keine echten Bücher. Laptopmusik? Aber bitte, wie kann Knöpfchendrückerei schon kunstwertig sein? Überhaupt Kunst: Wer bitte hängt sich den Ausdruck eines InDesign-Projekts an die Wand?

Die Trennlinie verläuft in dieser Argumentation zwischen realer und virtueller Welt, sie hat sich zwischenzeitlich nur verbreitert. Paradoxer Weise wird jedoch vor allem online in diese Kerbe geschlagen, über beschriftete Facebook-Bildchen etwa wie das eines Bleistifts neben einer Kassette: Wir kennen noch den Zusammenhang zwischen den beiden. Medienfortschritt triggert reaktionäre Mediennostalgie.

An eben jener Nostalgie entzünden sich wiederum jene, die sich Digital ist besser auf die Fahne schreiben, mitbefeuert von der Idee, sie würden einer paradiesischen Zukunft entgegenreiten. Warum ein Buch mit sich rumschleppen, wenn ein Kindle tausende Texte versammeln kann? Wer braucht schon noch Gitarre lernen, wenn es für jeden Sound ein Preset gibt? Wieso in weitab gelegene Museen pilgern, Schlange stehen und mitten im Gedränge für ein paar Minuten auf eine Leinwand starren, wo das jederzeit verfügbare Archiv nicht nur mehr Auswahl bietet, sondern sich jegliche Kunst sogleich abspeichern und archivieren lässt? Sowieso: Kassetten? Wo lebt ihr eigentlich? Zukunftsglaube als Distinktionsmerkmal einer vermeintlichen Avantgarde.

Die einfachste Antwort auf beide Argumentationen lautet, dass wir im Hier und Jetzt, also der aufregendsten aller Zeiten leben. Weil alle Zeiten so leicht zusammengestaucht werden können, sich in der Ähnliche Videos-Abteilung von YouTube allein eine historische Fülle synchron und friedlich zusammenfindet. Wer Tapes hören möchte, bekommt heutzutage einen Download-Code gleich mitgeliefert, verrauschte Analog-Patina und hochauflösende FLAC-Version existieren gleichzeitig. Die Gegenwart ist so divers, wie es weder erinnerte Vergangenheit noch antizipierte Zukunft kaum sein könnten.

Die komplexere Antwort auf beide Argumentationen lautet, dass die Welt sich eben nicht in Nullen und Einsen aufbröseln lässt, sondern beide – und auch das ist eben Grundlage alles Digitalen – ineinandergreifen. Dem gegenüber stehen aber verhärtete Fronten, die eine Denkweise spiegeln, die in der realen politischen Situation Deutschlands auf anderer Ebene zu beobachten sind: Hier herrscht die Ablehnung gegenüber dem Neuen und Fremden, dort werden mangelnde Bildung, konditionierte Xenophobie und blanker Hass zu eins zusammengestrichen und verlacht.

Was beiden fehlt ist Empathie. Den advocatus diaboli für diesen Mangel spielt Weidemann im Gespräch mit Lobo: Eine Welt, die er sowieso nicht verstünde, werde ihm in Cybris noch verdoppelt. Es ist einfach, das Unverständliche abzulehnen. Es ist einfach, auf den auf uns zugeschnittenen Informationsfluss zu vertrauen, zu sagen: Das verstehe ich, damit stimme ich überein. Die Algorithmen speichern das und sorgen dafür, dass es immer so weiter geht. Wer der »Lügenpresse« keinen Glauben schenkt, bekommt ein eigenes mediales Umfeld um sich aufgebaut. Andersherum genauso. Filter bubbles können dieser Tage schrecklich hart werden.

Die Möglichkeit des Unmöglichen

Vor diesem Hintergrund ist das eigentlich Deprimierende an Cybris nicht, dass es nicht geschrieben wurde. Sondern die sich automatisch stellende Frage, ob und wer überhaupt es gelesen hätte. Wenn es sich um einen Witz handelt, dann höchstens um einen bitteren darüber, dass die Welt ganz offensichtlich nicht bereit für ein Buch wie dieses ist.

Was sich aber über Cybris nicht so einfach sagen lässt: Dass es nicht existieren würde. Lobo hat es in die Welt gesetzt, nicht allein virtuell mit einem Twitter-Account oder einer Verlagshomepage, sondern auch physisch mit einer gedruckten Rezension dazu und einem Gespräch darüber, das zwar nur online abzurufen ist, aber zwischen zwei Menschen in Fleisch und Blut stattfand und sich nun im Feuilleton weiterschreibt. Aller Unmöglichkeit zum Trotz wurde Cybris möglich.

Zeitgleich zum (Nicht-)Erscheinen des (nicht-)existenten Buches Cybris, sogar als gedruckter Dummy von Lobo und Weidemann in die Kamera gehalten, wurde um einiges zurückhaltender ein anderes veröffentlicht. Es findet sich als sehr reales Objekt im Buchhandel und trägt den Titel Black Transparency. The Right to Know in the Age of Mass Surveillance.

Bei Black Transparency handelt es sich um eine historischen beziehungsweise theoretischen Abriss über die Entschleierungsmechanismen von WikiLeaks bis Edward Snowden, die unser Vertrauen und unsere Hoffnungen in die Digitalisierung fast haben kollabieren lassen. Herausgegeben vom aktivistischen Design-Kollektiv Metahaven ist Black Transparency gleichsam als Manifest für eine »radikale Form von Informationsdemokratie« zu lesen: Wir wollen wissen, was ihr über uns wisst. Die Medien werden rückgekoppelt, die Überwachenden zu Überwachten.

»I know that you know me better than I know me«

Metahaven jedoch sind, ähnlich wie Lobo, keinesfalls naiv genug, zu denken, dass die Dinge so einfach wären. Schon der Titel allein trägt der tragischen Tatsache Rechnung, dass das Heilmittel gegen die von Byung-Chul Han proklamierte Transparenzgesellschaft nur mehr Transparenz lautet. »Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei«, erkannte lange nach Platon und verhältnismäßig kurz vor der Digitalisierung Paracelsus. Im Fall von Transparenz bedeutet das der Black Transparency-Logik zufolge, dass eine Überdosis her muss. Technologie mag ein Gift sein, allein die Dosis macht’s. Und wer sie zu welchem Zweck verwendet.

WikiLeaks, Edward Snowdon, Chelsea Manning – sie haben uns Informationen darüber verschafft, wie viele Informationen über uns beschafft werden. »I know that you know me better than I know me«, singt Holly Herndon in ihrem Song »Home« und starrt im dazugehörigen, von Metahaven produzierten Video durch einen Regen von bunten Fake-Logos stur in die Kamera, die schon Paul Virilio als Medium des Rasenden Stillstands identifizierte.

Von Virilios Dromologie ist es kaum einen Schritt zu Mark Fishers bewegungslosen Depressionen zu Unzeiten der ziellosen Raserei. Fisher skizziert in seinem viel diskutierten Buch Capitalist Realism schon nicht mehr allein die Überwachungsgesellschaft an sich, sondern auch deren eigene Mitglieder. Massenüberwachung ist das Eine, massenhafte Selbstüberwachung das Andere.

Nacktsein oder Nichtsein

Die Transparenzgesellschaft lässt sich nicht ohne Weiteres in Oben und Unten aufgliedern. Höchstens, wie bei Holly Herndon in you und me auf Augenhöhe.

 

 

Mitschuldig an der Misere nämlich sind ebenfalls all jene, die ihren datensammelnden Mobilgeräten vertrauen. Mitschuldig sind aber auch jene, die das nicht tun. So oft und laut sie auch mahnen mögen, am Ende kann sich niemand so weit der Digitalisierung versperren, als dass eine Partizipation am Geschehen völlig ausgeschlossen ist. Das Internet der Menschen hat sich um das Internet der Dinge weiterentwickelt, selbst das der Tiere ist im Aufbau – und sowieso führen alle Wege in die Cloud. Eine Konsequenz der kapitalistischen Durchdringung jeglicher Lebensaspekte, Fortschritt und Stagnation zugleich.

Nur Carol Felt, erfundene Autorin des erfundenen Buchs, muss sich diesem Problem nicht stellen. Oder?

So oft dieser Tage von Giorgio Agambens Homo Sacer die Rede ist, tut sich auch hier eine Binarität auf: Es scheint kaum eine Wahl zwischen dem Nacktsein und dem Nichtsein zu geben. Felt hat zum Zeitpunkt von Niggemeiers Facebook-Post nur sechs Follower_innen auf Twitter, die aber bezeugen noch keine Existenz. Auch ihre vermeintlichen Aktivitäten als Theaterkritikerin und LGBTQI*-Aktivistin lassen sich nicht belegen – zumindest nicht mit einer Google-Recherche, die wie jene nach dem Übersetzer von Cybris und zuerst beim Verlag der Illusionen ins Leere führt. Wer keine digitale(n) Identität(en) hat, hat gar keine. Oder?

So einfach ist es eben nicht: Denn Lobo hat Felt in diese komplizierte Welt gesetzt, ebenso ihren Übersetzer und den dahinterstehenden Verlag. Sie sind jetzt bei Google zu finden. Carol Felt, im Übrigen ein Anagramm des verfremdet auf dem Buchcover abgebildeten Mems Trollface, hat mittlerweile schon 40 Follower_innen. Die meisten von denen werden keine erfundenen Menschen sein.

Es könnte alles so einfach sein

Die Genese der – im außermoralischen Sinne gesprochen – Cybris-Lüge ist ein Fallbeispiel dafür, wie schwarze Transparenz funktionieren kann. Niggemeiers Ratlosigkeit, wenn es denn je eine war, wird schnell vorüber gewesen sein. Cybris deswegen aber als Witz abzutun, wäre unangemessen. Vielmehr lädt dieses (nicht-)existente Buch, das nie jemand lesen wird, umso mehr dazu ein, über die Komplexität einer Welt nachzudenken.

Diese Welt mag zwar auf Nullen und Einsen basieren, kann jedoch nicht ohne Weiteres mit binären Denkstrukturen erfasst werden. Die Grenze zwischen realer und virtueller Welt, die bei Platon (schon nicht) existierte, wurde mit Cybris, ja, transparent gemacht. Überwunden wurde sie indes schon längst. Es wird Zeit, dass das Denken dem endlich Rechnung trägt.

Gleichzeitig bedeutet dies keine Leugnung ganz simpler Oppositionen und Dichotomien, wie sie durchaus existieren und die Lebensrealitäten vieler Menschen bestimmen. Die internationale pay gap zwischen Männern und Frauen wird keinesfalls dadurch geschlossen, im Gaza-Gebiet wird weiterhin zwischen Israelis und Araber_innen unterschieden, in den USA werden weiterhin viel wahrscheinlicher Schwarze als Weiße erschossen und PEGIDA wird dadurch erst recht nicht aufhören, die Straßen Deutschlands zu blockieren.

Es gilt, eben genau diese Zustände und die darin einwirkenden ebenso wie die daraus resultierenden Positionen mitzudenken. In Zeiten, zu denen binäres Denken  den Diskurs bestimmt, bedeutet Empathie einen radikalen und dringend notwendigen Akt. Kein rein virtueller, denn nicht nur ist die Grenze zwischen virtueller und realer Welt schon längst überwunden, auch resultiert Denken zwangsläufig in Handeln.

Was folgt aus all dem? Das Buch Cybris kann nicht gelesen werden, der Akt seiner Erfindung schon. »Wir sind wahnsinnig unkompliziert geworden«, zitiert Weidemann gegenüber Lobo im Gespräch den ersten Satz des Romans und der findet diesen schön, weil er so wahr und unwahr zugleich sei. Das klingt widersprüchlich und bringt es gerade deswegen auf den Punkt: Es könnte alles so einfach sein, wenn wir nur komplizierter denken würden.

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