Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

“Ein Loch in der Mauer der Gegenwart”

Hamburg

Zum siebten Mal nun hebt Peter Kurzeck mit Der vorige Sommer und der Sommer davor zu seinem hinreißenden Gesang an, der in seiner Gesamtheit Das alte Jahrhundert heißen und zwölf Romane umfassen sollte.

“Solange man erzählt, solang ein Mensch erzählt, solang die Menschen nicht aufhören zu erzählen, kommt immer ein nächster Tag.”

Wir befinden uns im siebten Jahr nach Peter, und seine Bücher werden weder schlechter noch schmaler. Peter Kurzeck dachte immer, solange er an einem Buch schreibt, könne ihm nichts passieren. Aber auch mehrere angefangene Bücher konnten nicht verhindern, dass er wenige Monate nach seinem siebzigsten Geburtstag von der Oberfläche der Welt gewischt wurde. Das war 2013. Von der Oberfläche vielleicht, aber nicht aus der Erinnerung seiner Leser. Ungeduldig wartete man nach dem ersten Buch aus dem Nachlass, Bis er kommt, das 2015 erschien, auf das zweite, dessen Erscheinungsdatum immer weiter nach hinten verschoben wurde. Stroemfeld/Roter Stern, Kurzecks hochverdienter Hausverlag seit seinem ersten Buch 1979, versprach es uns zuerst für 2017. Dann war es für die Leipziger Buchmesse im folgenden Jahr angekündigt. Spätestens aber im Herbst, hieß es daraufhin. Kurz vor der Fertigstellung verließen dann auch noch den Verlag die Kräfte  Die Rechte wiederum sicherten sich Schöffling & Co., die seit diesem Jahr alle Bücher Kurzecks vertreiben und teilweise neu auflegen. Diesen Sommer kam dann endlich Kurzecks Sommerbuch (und jetzt ist schon lange Herbst: auch meine Rezension hätte längst erscheinen sollen).

Anders als bei den anderen beiden großen deutschsprachigen autobiographischen Romanzyklusautoren, die mir in den Sinn kommen, wenn vom “Chronisten seiner Zeit” die Rede ist, anders also als bei Walter Kempowski und Hermann Lenz, deren Romane uns ebenso genau und detailreich vom Alltag ihrer jeweiligen Zeit erzählen wie die von Kurzeck, erzählt dieser nicht chronologisch. Peter Kurzecks Verstand ist ein Jojo. Ausgangspunkt all seiner Romane des Alten Jahrhunderts sind die Jahre 1983 und ’84. Der Urknall: die Trennung von seiner langjährigen Freundin, mit der er eine zu diesem Zeitpunkt vierjährige Tochter hat (falls sich ein Leser wundert: Alles in Kurzecks Büchern, den Interviews mit ihm und Publikationen über ihn legt nahe, dass der Ich-Erzähler mit dem Autoren gleichzusetzen ist, es keine Trennung zwischen Mann und Werk gibt und alles so beschrieben ist, wie es sich wahrheitsgetreu zumindest in seiner hyperaktiven Wahrnehmung abgespielt hat.). So erzählen die ersten drei Bücher des Zyklus vom Winter des untröstlichen, immer in Geldnot sich befindenden und jeden Tag seine Tochter besuchenden Schriftstellers bis in den Frühling hinein, bevor Kurzeck mit den nächsten beiden Romanen in der Zeit zurückgeht, in den Herbst vor der Trennung, und von dort aus sein Jojo mal bis ins Jahr davor, mal bis in die fünfziger Jahre hinein schnellen lässt, ins Dorf seiner Kindheit.

Auch in den ersten Büchern Kurzecks, die vor seinem Romanzyklus erschienen sind, war die meiste Zeit Winter. Dabei war es der Sommer, den Kurzeck über alles liebte. Immer wieder, auch schon in den vorigen Büchern, bedauert er, dass der Sommer nun doch wieder vergangen ist, wünscht er sich endlich einen Sommer, der nicht vergeht. 1

Das macht nun Der vorige Sommer und der Sommer davor zu demjenigen der sieben Bände des Alten Jahrhunderts, das die unbeschwertesten Momente beinhaltet. Wieso nenne ich es nicht einfach sein “unbeschwertestes Buch”? Weil man auch die früheren Bücher nicht deprimiert zuschlägt. Weil man auch in Übers Eis, also im tiefsten Frankfurter Winter und in der Zeit der schlimmsten Verzweiflung Kurzecks, und in Als Gast, als das Schlimmste zwar überstanden, aber noch längst nicht alles wieder gut ist, auf jeder Seite eine Detailfülle findet, charmanten Witz, Beschreibungen von glücklichmachender Achtsamkeit (ein Modewort, das Kurzeck nicht ohne Ironiebesteck verwendet hätte) und Sätze voller verdrehter Komik und, nennen wir’s: Wortslapstick (z. B. Verdrehungen von Floskeln zu Witzen: “die eine oder andere eigene Meinung”). Oft, als hätte er die magische Phase der Kindheit  nie verlassen. Moment, probieren wir’s aus, ich öffne Als Gast an einer beliebigen Stelle: Seite 203, der Autor spricht zu seiner Tochter von einem Kater:

“Er wird schon warten. Vielleicht begegnen wir ihm vor der Haustür. Oder er hat es eilig, geht unter der Küchenuhr auf und ab und kann die Aufschriften und Abbildungen auf den Dosen schon auswendig. Und auch das Gelächter des Dosenöffners. Oder mußte dringend weg und hat uns einen Zettel geschrieben.”

Aber auch weil Kurzeck, Peta, wie er von seiner Tochter Carina genannt wird, ein Getriebener ist, ist dieses Buch im Ton dann doch nicht so verschieden von den Winterbüchern und bei aller Unbeschwertheit weiterhin voller Zwänge und Ängste. Ein Mensch, der nichts vergessen will, ja, nichts vergessen kann, wie er behauptet, ist dieser Peter. Seit er mit drei Jahren aus seiner Heimat Böhmen flüchten musste und die Erfahrung machte, dass alles, was man kennt, von einem auf den nächsten Tag für immer verschwunden sein kann, will er sich alles so genau wie möglich merken. Und das zieht dann auch später in der schönsten Zeit den Zwang nach sich, alles zu inventarisieren. So manisch wie er kettenrauchend einen Espresso nach dem anderen trinkt (nur noch zwanzig am Tag, nicht mehr so schlimm wie früher, wie er seiner Freundin Sibylle gegenüber beteuert), so manisch hält er jeden Lichteinfall, jede Nebenstraße, jede Begegnung beim Trampen fest. Manchmal scheint er in der Gegenwart schon neben sich zu stehen. Neben sich und allen anderen und neben dem Moment, in einer fernen Zeit:

“Sie fingen eben an, Schluß zu machen für heute. Feierabend. Und schon ist mir, als ob ich mich jetzt schon reden höre, wie ich in zehn Jahren mit Sibylle und Carina über Saint-Péray und uns und den heutigen Abend sprechen muß ... Ein Abend, den es wirklich gegeben hat. Alles wirklich. Lebendige Menschen! Wer? fragt Sibylle.”

 

“Mit ihr zusammen sind meine Selbstgespräche dann doch keine Selbstgespräche.”

Und so manisch er an allem festhält, so zärtlich tut er das auch. Was heißt zärtlich? Ist ein Kleinkind zärtlich, das jeden Käfer vorsichtig aufhebt, lange anschaut und dann in den Mund steckt? Eine manisch-zärtliche Art der Weltaneignung. Da man schreibend nie und nimmer sein gesamtes Leben festhalten kann (zumindest nicht so, wie Kurzeck das tut), ohne verrückt zu werden, tut Beschränkung not. Nahe lag für ihn die Beschränkung auf die persönliche Zeitenwende 83/84, weil sie mit der Trennung von Peter und Sibylle auch für seine Tochter eine Wende bedeutete (auch wenn er von dort aus, die wenigen Monate als archimedischen Punkt, wiederum, so sein bescheidener Anspruch, “die ganze Gegend, die Zeit” erzählen wollte).

Indem er sie jeden Tag besucht und mehrmals anruft, sich Zeit mit ihr lässt, verhindert er, dass seiner Tochter ähnliches wie ihm in diesem Alter passiert. Und indem er ihr Jahre später alles aus dieser Zeit aufschreibt, geht er auf Nummer sicher. Denn alle Bücher des Alten Jahrhunderts sind ihr gewidmet. 2 Und Kurzeck verwendet nur einfache Wörter, die jedes Kind verstehen kann (als er begann, an dem Zyklus zu schreiben, war die Tochter immer noch ein Kind). Er baut keine langen Sätze, oft lässt er die Verben weg, die man zum Verständnis nicht braucht. Dafür ist alles Rhythmus bei Kurzeck, jeden Absatz kann man singen. Es empfiehlt sich, ihn wenigstens einmal lesen gehört zu haben, dann hat man seine Stimme im Kopf, wenn man selber liest, seine daktylische Sprachmelodie. Kinder, heißt es, sollen bei seinen Lesungen ebenso andächtig gelauscht haben wie die Älteren.

 

 

Außerdem schafft er es wie niemand sonst, allem, was er sagt, einen positiven Twist zu geben, ohne verlogen zu sein. Eine trotzige Lebensbejahung spricht noch aus jeder Erzählung von Angst und Panik. Schafft es der Trotz nicht, übernimmt die Übertreibung, wie hier, als er die Post und den Anruf vom Arbeitsamt fürchtet:

“Schnell den Briefkasten auf! Keine Post? Man sieht es ja auch durch den Schlitz. Durch den Einwurfschlitz und die Sichtöffnung, aber doch lieber aufschließen! Sicherheitshalber! Ordnung! Auch wenn man sieht, daß man sieht, daß nichts drin ist! Aufschließen! Aufschließen und hineingreifen! ... Daß das Telefon nicht geklingelt hat, aber jetzt hast du keine Zeugen, die das als Zeugen bezeugen könnten! Auch daheim jederzeit mit Jacke, Schuhen und Behördengesicht, damit du gewappnet bist! Könnten sie nicht ab und zu anrufen und sagen, daß alles in Ordnung ist?”

Aus ständiger Kombination von rhythmisierter Sprache und Übertreibungen wie in diesem Beispiel, aber auch Alltagssprache, Floskeln oder angedeuteten Floskeln (in einer Kneipe: “So jung hier nicht nochmal. Du auch nicht.”) und Amtssprache entsteht ein Witz, der den Text luftig hält.

 

“Schon immer gewußt, als Kind schon gewußt, daß ich der Schönheit nicht widerstehen kann! Und daß das auch richtig ist so!”

Neben dem Jojo bietet sich die Metapher des Senkers an, des Stecklings oder Ablegers. Anfangs hatte Kurzeck vier Romane für sein Altes Jahrhundert geplant. Wie später aus Oktober und wer wir selbst sind der Tausendseiter Vorabend hervorgegangen ist, so ist bereits zehn Jahre bevor Vorabend erschien, also im Jahr 2001, aus dem zweiten Teil (Als Gast) dieser Sommerroman, zumindest der größte Teil, gewuchert. Als kurze Rückblende geplant, wuchs er immer weiter an und passte nicht mehr in den ursprünglichen Roman, der nur erzählen sollte, wie Peter es durch den Winter 84 schafft. Schon immer habe er der Schönheit nicht widerstehen können, sagte Kurzeck sowohl in Interviews als auch in seinen Romanen. So kann man jetzt auch noch zu Beginn des Buchs ein Kapitel lesen, wie es wortwörtlich schon in Als Gast steht. Von dort aus, also vom Jahr 1984 aus, geht es matrjoschkahaft, eine Erinnerung innerhalb einer Erinnerung innerhalb einer Erinnerung usw., die Jahre zurück, erst in den Herbst 83, dann in die Sommer 83 und 82. (Im Nachwort der Lektoren und Herausgeber Rudi Deuble und Alexander Losse wird darüber aufgeklärt, dass Kurzeck diese vorläufige Erzählsituation sicher noch vereinfacht hätte, wie er das bei Vorabend ja auch getan hat, so dass am Ende nicht so viele Erinnerungen ineinander gesteckt hätten. Schade. Sonst ließe sich trefflich darüber spekulieren, inwiefern der Erzähler einer Scheherezade ähnelt, die, Geschichten in Geschichten verpackend, um ihr Leben erzählt. Und darüber, wie geschickt auch, fast unmerklich, aus einer Rückblende Gegenwart wird.) “Wie ein Schiff, wie das Meer, wie die Zeit selbst, so rauscht sie [eine Waschmaschine] und stampft und keucht. Eine heilige Zeitmaschine.” Auf den ersten Seiten kündigt sich öfter mit Vergleichen und Metaphern schon im Winterteil des Buches das Kommende, d. h. das Vergangene, an.

Es ist die Erzählung des Sommers vor der Trennung. Und innerhalb dieser Erzählung, der Titel verrät es, die Erinnerung an den Sommer davor. Beide Sommer hat die kleine Familie in Frankreich verbracht, in der Provence. Beide Male sind sie hin und zurück getrampt. Wir hören die Geschichten, die die Menschen ihnen erzählen, mit denen sie trampend unterwegs sind. Offenbar haben die unterschiedlichsten Menschen Kurzeck gern ihre Lebensgeschichte anvertraut. Wir sind dabei, wenn ihre Freunde Jürgen und Pascale versuchen, ein kleines Restaurant in der Provence am Laufen zu halten. Wir erleben die Sonne im Süden, wir spüren mit Peter jedem Grashalm nach, auf dem er liegt, wir gehen mit ihm und seinem Kind einkaufen am Morgen und in die “Rennfahrerkneipe”, in der er an seinem Manuskript für sein drittes Buch (Kein Frühling) arbeitet. Zwischendurch, auf Spaziergängen oder Gewaltmärschen, bleibt er leitmotivisch stehen und macht sich Notizen. Im Laufe des Sommers kommen sie wieder nach Frankfurt zurück. Zu Fuß durch die Stadt, und wie immer fallen ihm vor allem die Bettler und Penner auf (“Total überlaufen in Frankfurt die Branche.”). Er ist jetzt, glaubt er, für sie “jeden Tag der arme Arbeitslose mit dem Kind. Wie bei Fallada.” Die Angst vor dem Arbeitsamt nimmt grotesk-komische Züge an, aber es ist zum Glück immer noch Sommer. Der allerdings schließlich doch vergehen muss. Und das ist das Schöne und Tröstliche an diesem Buch: dass man als Leser die Zeit ebenso schmerzlich vergehen sieht und nicht allein ist damit. Man schaut mit dem Erzähler, der sich und seine Freundin und seine Tochter an den doch eben erst gewesenen Urlaub erinnert, wehmütig zurück: “Grüne und goldene Käfer. Wild und süß riecht am Morgen das Büffelgras. Und erzähl mir wieder das Meer!”

 

”Ein Streifenwagen, zwei Polizisten zu Fuß. Dealer, Nachtdealer, Diebe, Trickdiebe, Taschendiebe mit guten bis sehr guten Fremdsprachenkenntnissen, Einbrecher auf dem Weg zur Arbeit. Hehler, Nutten und Zuhälter finden Sie ganz in der Nähe am Allerheiligentor, wo die Kneipen die ganze Nacht aufhaben. Und natürlich in unserem gemütlichen alten Frankfurter Bahnhofsviertel. Taxifahrer, Frankfurter Griechen, und Frankfurter Jugos und Offenbacher und alte Frankfurter aus Frankfurt und aus Sachsenhausen. Alle auf dem Heimweg, aber noch Durst!”

Das Besondere an Kurzecks Büchern, man ahnt es, ist nicht der Plot. Es ist auch nicht die Psychologie der Figuren, die steckt höchstens zwischen den Zeilen. Die Saiten zu Emotionen werden angeschlagen, den Resonanzraum muss der Leser selber mitbringen. Dadurch kann man sie, wie das bei guter Dichtung so ist, immer wieder und immer neu lesen. Was man anderen Büchern nicht verzeihen würde, ist hier eines der Hauptvergnügen beim Lesen: man schweift ab. Ich lese nicht nur von einem Frankfurter Straßenmusiker in den 80ern, der Bob-Dylan-Songs spielt, und denke dabei an den Leipziger Straßenmusiker, der 2019 Bob-Dylan-Songs spielt (den gibt es). Ich beginne, auch andere Details in der Fußgängerzone wahrzunehmen, den Kurzeckton noch im Kopf. Was hat es zum Beispiel mit den liegenden Sandhunden auf sich, die man in jeder größeren Stadt Deutschlands, aber auch in Marseille sehen kann? Hunde aus Sand, meine ich. Immer sind sie fast fertig, der Künstler verpasst seiner Skulptur nur noch den letzten Schliff. Daneben ein Schälchen für Spenden. Man kommt immer ein bisschen zu spät, um zu sehen, wie der Sandhund entsteht. Gibt es Sandfigurentutorials auf Youtube, und der liegende Hund ist Lektion Nummer eins und das einzige vollständige Video, für alle weiteren muss man hier klicken und bezahlen usw.? In diese Richtung gehen die Gedanken. Nie werden sie bösartig oder zornig 3:  Ist nicht dieses grüne Notizbuch viel schöner als das, das mir in Marseille geklaut wurde, in dem meine ganzen Notizen für den Kurzeck standen? Und steht mir viel besser, das neue Notizbuch, noch nie hatte ich ein grünes, ich hätte es ohnehin sofort benutzen müssen. (Oder ich hätte es nie gekauft und für immer vermisst, ohne zu wissen warum.) Im Grunde ist es ein Glück, dass mir das alte geklaut wurde, das grau war, zu steif und ganz unpraktisch, endlich bin ich es los. Und jetzt darf ich den Kurzeck gleich noch ein zweites Mal lesen, diesen großartigen Roman, hier in der Provence, wo er ja auch spielt. Es ist die gleiche Sonne. Der gleiche Wind auch.

Wenn man nämlich nicht gerade ein Gedächtnis wie Kurzeck hat, ist man auf Notizen angewiesen, will man über einen seiner Romane reden. Wie soll man jemandem, der ihn nicht kennt, begreiflich machen, was ihn ausmacht, ohne die Details, einzelne Momente, bestimmte funkelnde Sätze? Die man niemals wiederfindet, wenn man das Buch bloß überfliegt, und die oft auch nur im Kontext wirken. Also von vorn!

 

“Ich laß mich gern hinreißen und jede Obsession ja auch eine Bereicherung. ... Was denkst du, wie anstrengend es für mich ist, daß ich immer ich bin.”

Allerdings ist auch das wahr. Und liest man nun Kurzeck zu lange oder zu schnell zu viel und ist sonst eigentlich nicht der obsessive Typ, ist man auch froh, seine Bücher für eine Weile wieder zur Seite legen zu können. Sonst liest man und liest, als würde man in einem vollen Café, während man versucht, sich zu unterhalten, ein Stück von Philip Glass hören: als störendes Hintergrundgeräusch. (Den Vergleich mit minimal music finde ich übrigens ganz angebracht. Kurzecks Sprachmusik scheint mir ähnlich zu funktionieren.4 Ein Buch also von, sagen wir W.G. Sebald muss her, um runterzukommen. Sätze mit Nebensätzen und Hauptverben und langem Atem. Und vielleicht ein, zwei, aus aktuellem Anlass, von Handke. Den frühen Peter Handke allerdings, den der 70er-Jahre, der im Gewicht der Welt etwas geschafft hat, wovon der späte Kurzeck in einem Interview träumte: ein Roman nur aus Notizen. Kurzeck wollte einen solchen schreiben, wenn er die Bücher, die er ohnehin schreiben müsse, geschrieben habe (er unterschied zwischen Büchern, die er schreiben muss, von denen auch noch dauernd neue hinzukamen, und solchen, die er zudem noch schreiben will). Das Buch-aus-Notizen wäre für die Leser bestimmt, die seine anderen Bücher schon kennen. Ohne Story, ohne ausgeformte Charaktere, ohne explizite Hintergrundinformationen des wahrnehmenden Ichs. Ich kann mir vorstellen, dass der Wunsch dazu entstand, als Kurzeck ahnte, dass ihm vielleicht doch nicht genügend Zeit bleiben würde für alles, das er festhalten wollte. Sein Stil würde immer knapper werden müssen, um die Bücher immer schneller schreiben zu können. Dem Leser seiner Romanfragmente 5 erlaubt die Kenntnis dieses Wunsches, die Notizen im hinteren Teil der beiden posthum erschienen Bücher wie ein solches Wunschbuch zu lesen (und sicher auch die folgenden, die zu einem noch größeren Teil Fragment sein werden als diese). Die Vorstellung Kurzecks von einem Buch, das mit einer noch weiter verknappten Sprache arbeitet als seine bisherigen Bücher, im Hinterkopf, lesen sich diese Notizen, die er sich über Jahre hinweg gemacht hat, aber nicht mehr zu Sätzen und Kapitel umformen konnte, nun nicht mehr (sagen wir: zumindest nicht alle) wie bloße Fragmente. Sie werden zu einer eigenen Kunstform, bei der man als Leser größere Leerstellen ausfüllen muss, aber auch große Schönheit findet. Einige der Notizen bestehen aus nur einem der in allen seinen Büchern motivhaft wiederholten Sätze; manche wiederum kann man lesen wie Haikus; bei anderen muss man überlegen, was sie im Kontext dieses Buches bedeuten; bei einigen davon kommt man vielleicht nie drauf und darf spekulieren; in vielen stehen Anweisungen des Autors an sich selber und Pläne, wie der Roman weitergeführt werden soll. Es lohnt sich, sie nicht einfach zu überblättern. Im Gegenteil, man liest sie am besten langsamer als den übrigen Text. Ich jedenfalls würde auch ein ganzes Buch solcher Kurzecknotizen lesen.

"je mehr man sieht, umso schöner und anstrengender und umso länger auch gibt es die welt in die Zukunft hinein. Also immer

...

Nov. Dez. Januar, Februar März. Wildgänse, Weihnachtslichter, Schnee, Schneeglöckchen und im März die Märzdämmerungen und die Amsel, bald Veilchen erst schon alles im Text und zuletzt nochmal mit Beschleunigung in weitem Bogen alles wiederholen, bis ich dann wieder bei ihm sitze und er sagt: wie müde du eben etc. - s. Notizen!

...

jordanstraße. lang nach mitternacht. schlaflosigkeit. die fixe idee. jetzt einen apfel essen, dann einschlafen und so käme mein leben endlich in ordnung. + wußte nicht gleich, ob Äpfel da + deshalb im Halbschlaf die letzten Tage rekonstruieren + mein Leben

...

wie schön die verschiedenen Wetter, die Gesichter der Tage, Tages- und Jahreszeiten, wenn bloß die Vergänglichkeit nicht, sagte ich zu Sibylle und Carina. Aber was dann? Alles gleichzeitig oder wie?

...

mein ganzes leben schon in gedanken und meistens langsam gegangen - seit der trennung jetzt schnell. nie mehr ruhe.

...

mittags im Kinderladen. Auch wenn kein sommer ist. wenn du heimkommst. entweder die sonne scheint oder es ist, als ob sie eben noch hier drin war.

vielleicht jeden abend. immer im letzten licht.

 ...

Carina: und ich? wo war ich? du warst noch nicht auf der welt! wieder nicht! sagt sie.

...

die Sibylle sagen wir (gibt nur eine) und manchmal auch: Sibylle Silberlilie! Carina und ich. Und manchmal ein schmetterling, der von den Blumen kommt + vergeblich versucht, mit den bunten tischtüchern und papierservietten ein gespräch anzufangen

...

Carina - weil sie so umständliche Eltern hat

...

Nach dem Sommer Jürgen Wie hältst du das aus? Ich halt es nicht aus, sagte ich"

Ebenso wie Kurzeckbücher ist das Buch von Handke, um noch einmal kurz darauf zurückzukommen, voller alltäglicher Details. Um nun aus Handkes Denken herauszufinden, das die Welt des Autors, was ihn umgibt und die Welt in seinem Inneren überscharf ausleuchtet, dem Leser aber auch den Blick auf die Welt mit einem grünen Dunst aus passiver Aggressivität und Weltekel überzieht, bietet sich als Gegengift wieder der andere Peter an. Man kann Kurzeck nicht immer lesen, aber immer wieder. Nach ein paar Monaten war ich also wieder soweit.

 

“Wären auf dieser entlegenen Straße fast in die falsche Geschichte hineingeraten.”

Nun ist also geklärt, warum das Buch so lange liegenbleiben musste und die Rezension sich jetzt als Essay zu Kurzecks Todestag verkleiden muss (schon wieder zu spät 6). Aber warum blieb das Manuskript so viele Jahre unvollendet liegen? Warum waren Kurzeck andere Teile des Zyklus wichtiger? Es lässt sich nur spekulieren, warum er gerade diesen Roman nicht schon eher vollendet hat und erst die anderen, die Winter- und Herbstromane schreiben wollte (oder musste), ehe er sich wieder dem Sommer hätte zuwenden können. Vielleicht war er als eine Art Belohnung gedacht. Für den geduldigen Leser, aber auch für den Schriftsteller selber. Das Kostbarste zum Schluss. Mit dem Wissen aus den früheren Romanen bekommt die Sommeridylle auch etwas Schmerzliches, das es sonst nicht hätte. Es ist die Gegenwart, die die Vergangenheit beeinflusst, und nicht umgekehrt. Die Momente, in denen Spannungen zwischen Sibylle und Peter zu spüren sind, bekommen ein ganz anderes Gewicht, wenn man von der späteren Trennung weiß. Das wiederholte “Jetzt schreibst du wieder” Sibylles klingt mit jedem Mal bedrohlicher. An einem Punkt macht ihr Peters Schreiben und wie er davon spricht regelrecht Angst. Allerdings sind die Sommerkapitel im Vorigen Sommer alle überarbeitet, erst wo es wieder auf den Winter zugeht, wird der Roman zum Fragment. Ein Blick in die Notizen verrät, dass Kurzeck in diesem Roman zum ersten Mal ganz nah an die Trennung heran-, vielleicht sogar über sie schreiben wollte. Alle anderen Romane spielten entweder davor oder danach. Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist zu entscheiden, wie nah man dieser Leerstelle kommen soll, ohne hineinzufallen:

“Trennung: nach Mitternacht jede Nacht aus Matratzen ein Bett für mich allein. Selbstgespräche? Nicht einmal Selbstgespräche! in mir ist es totenstill! und ob man bei jeder katastrophe denkt, man hätte es vorher schon eh und je gewußt: das mußte so kommen! trotzdem fassungslos! nach sechs wochen immer noch fassungslos!

...

Carina die im November vor der Trennung schon immer öfter vom Weihnachtsmarkt spricht! der dann sind wir nicht hin

...

Jürgen, der es nicht fassen konnte, nicht glauben daß wir uns getrennt haben. Und wie er mit meinem Mantel geht und wäre fortan ich!

...

sib. krank und wie sie erschöpft - und ich? was ist mit mir? wie ich für sie einkaufte und glühbirnen mitbrachte und sie sich erst bedankte und dann später sagte, will nicht. etc. und von ihrer mutter.

und wie ich erschrak, weil wir nie mehr zusammen lachen.

 

wie Carina im dez. 83 krank (krankheit?) und sib. ging leute treffen, um ihren trennungsentschluß zu verkünden. Carina mit roten flecken im gesicht. sib und ich im flur bei der wohnungstür. und Carina krabbelt zum flurspiegel. ich bin eine katze! und ich irrsinn und schreien. ..."

Was auch immer der Grund gewesen sein mag: Die früheren Romane gewinnen bei einem Wiederlesen - und man bekommt gleich Lust, sie alle wiederzulesen - durch das Wissen der späteren: Man erfährt im 2015 erschienenen Bis er kommt mehr über Peters Freund Jürgen. Und im Vorigen Sommer bekommt Sibylle endlich ihre Hintergrundgeschichte, wir erfahren mehr über ihren Charakter, ihre Kindheit. Idealerweise betrachtet man die einzelnen Romane wie die Teile eines großen Bildes, dem man sich von allen Seiten nähern kann.

 

“Seit sie auf der Welt ist, hab ich nie mehr Rückenschmerzen.”

Zu den schönsten Stellen in Kurzecks Büchern gehören die Szenen mit seiner Tochter Carina. Wie, um Himmels Willen, schreibt man, selbst mit einem für alles offenen Kinderblick ausgestattet, ohne damit zu kokettieren, über ein Kind und gibt dessen Sprache wider, ohne dass es peinlich wird? Peter Kurzeck kann ich alles abnehmen, weil er (anders als ein später Handke, der uns seine Unverkäuflichkeit, eine poetische Scheinnaivität, Außerweltlichkeit und Heiligkeit andrehen will), wirklich nichts zu verkaufen hat, selbst da, wo er vom Schreiben spricht. Er will uns von keiner Wahrheit überzeugen. Ebensowenig sieht er es ein, sein Kind zu ermahnen oder zu gängeln. “Aber sooft du aus deiner Versunkenheit heraus: Komm! zu ihr sagst, wird sie dir geistesgegenwärtig antworten: Komm du auch!” Wunderbare Szenen, wie er mit ihr morgens einkaufen geht, den Einkaufszettel nicht nur geschrieben, sondern auch vom Kind gemalt. Die ganze Seite 135! Ich möchte aus ihr zitieren, weiß aber nicht, wo aufhören. Darf man ganze Seiten zitieren? Es ist eine ganz magische Seite, auf der so viel gleichzeitig passiert: eine Erkenntnis, die Peter als Vater hat; Schönheit im Alltäglichen; wunschhaftes Denken und wie es unsere Zukunft beeinflusst - oder ist es der Autor aus der Distanz von siebzehn Jahren, wie er auf diesen Moment zurückblickt (ein motivartig wiederholter Satz: “Sind doch wir, die hier gehen?”)? Und wer lernt hier von wem diese kindliche Art zu wünschen? Das bleibt in der Schwebe. Ich zitiere mal nicht. Selber lesen!

Überhaupt scheinen Carina und Peter öfter zu einer Person zu verschmelzen. In Sprache und Wahrnehmung nicht voneinander zu unterscheiden. Beide können lange staunen, sich schwer für etwas entscheiden. Oft sind sie in Gedanken, und der/die andere passt auf und holt ihn/sie in die gemeinsame Gegenwart zurück. Wie hier, als sie beide in einem Café sind und sich Peter in Gedanken das Leben der dortigen Fischer ausmalt. In seine Gedanken hinein: “Schriebtest [sic] du dir jetzt nichts? fragt Carina. Und gleich fallen die Wörter und Bilder in meinem Kopf wie Muschelgeld, Glasperlen, Spielkarten, Zuckerstückchen und Dominosteine durcheinander. Dann gib mir den Kugelschreiber! Kugelschreiber und Einkaufzettel. Sie streicht nicht durch, was wir eingekauft haben. Sie rahmt es ein. Eher Kringel als Rahmen. Kinder können lange keine Rechtecke.” Und mit den letzten beiden Sätzen ist er wieder ganz bei ihr.

Später spielt sie mit einem anderen Mädchen, Carina schreibt deren Namen, Elaine: “das E in die falsche Richtung (muß zurückblicken).” Das ist unscheinbar, aber virtuos. Sogar wo er etwas typisch Kindliches beschreibt, wird es erstens nicht süßlich und peinlich. Er kann zweitens auch selber glaubhaft und unprätentiös in seinem magischen Weltverarbeitungsmodus dieses E betrachten. Das ist die Quadratur des Kreises beim Schreiben über Kinder! - Und dann, wenn er den Kindern, die jetzt Pferde sind, Hafer füttert: “Der Hafer ist unsichtbar.” Ein Satz, der wie der mit den Rechtecken wirkt, wie sinnierend vor sich auf den Tisch stierend gesprochen. Er ist an Peter selber gerichtet, das Kind, das er war, und an sein eigenes Kind. Und wenn Carina sich ein Spiel aussuchen darf, ist es das gleiche, das ihr Vater später schreibend jahrzehntelang spielen wird: “Was spielen wir? Jeder sich selbst und daß heute Abend ist! Daß wir sind!”

Noch ein Beispiel für die produktiven Verschiebungen von Erzählperspektive und Fokalisierung. Da Kurzeck über sich selber meistens in der ersten Person, ab und zu nur in der dritten, öfter aber in der zweiten schreibt, ergibt sich manchmal eine reizvolle Unschärfe aus diesem Du. Wie hier, als er sich an Carinas dritten Geburtstag erinnert. Nach einer Seite voller Aufzählungen - wie der Tag beschaffen ist, der Flora rundum, der Geschenke - spricht er mit dem Du seine Tochter direkt an, sich erinnernd aber auch sich selber: “Drei Kerzen. Jetzt bist du drei! Geburtstagskind, in Staufenberg sagt man Geburtstagskind. ... Wenn ein Geburtstagskind Geburtstag hat, das sieht man ihm an. Auch daß du drei bist.”

Ein paar Seiten weiter taucht dieses Du dann noch einmal ganz unverhofft in einem indefiniten Pronomen aus dem Text herauf wie Anna Karinas Blick in die Kamera in Godards Vivre sa vie 7: Peter, Sibylle und Carina sind alle drei im Bett. Es ist eine Idylle: “Erzähl, Peta, erzähl! ... Schon mit jedem Wort langsamer die Geschichten. Die Erdbeermilch, die ein Mensch werden will, hat im Nachtzug nach Nîmes ein Bett. Die jungen Füchse schlafen in ihrer Höhle dem Abend entgegen. Carinas Abend. Sibylles Hand auf mir. Dein Bein an meinem Bein.” Da ist es! Wer ist es, die hier so unverblümt unverwandt (Dein Bein) angesprochen wird? Sibylle? Weiß man aus diesem und den vorigen Büchern von der Trennung und dass dies ihr letzter gemeinsamer Urlaub ist, gerät man unweigerlich ins Schluchzen, wenn man diese Stelle liest.

Zumal Kurzeck immer auch Zeichen der Vergänglichkeit und des Todes im Text gestreut hat. Tote Tiere am Wegesrand, die genau betrachtet werden, und eine motivisch erwähnte “Schrift an der Wand” z. B. kann man leicht überlesen. Sie erinnern einen aber auch daran, dass wir es mit einem poetischen Text mit Anspielungen  zu tun haben. Es gibt diese Omen auch am Ende des Sommers, nach den glücklichen Ausflügen in die Umgebung von Frankfurt, die sie zu dritt unternehmen und dann auch zu zweit, bloß Peter und Sibylle, die wie Frischverliebte wirken (“Als ob wir uns eben erst kennenlernen. Wie aus dem Jenseits noch einmal ins Leben zurück.”). Ein seltener Tag zu zweit, und stehen dann in ihrer stillen Wohnung. Hier weiß der Erzähler Peter Kurzeck aus der Zukunft mit seinem Kommentar schon mehr als er selbst in der Gegenwart der Erzählung 8: “Sind kaum mehr als einen halben Tag weggewesen, Sibylle und ich, und die Wohnung im späten Licht jetzt so still und verlassen, als ob wir schon nicht mehr hier wohnen. Als sei unsre Zeit hier vorbei.”

 

“Erst war ich der liebe Gott, dann haben sie mich in die Schule geschickt und von da an konnte ich mich nicht mehr um alles kümmern!”

Dieser Text, der ein Setzling ist und wie ein Jojo mal hier und mal dorthin schnellt, ist auch ein gutes altes Gewebe. Wären Themen und Motive Fäden in verschiedenen Farben, stünde man staunend vor diesem, sagen wir: Wandteppich. Für eine große Wand, und man müsste nah herangehen, um erkennen zu können, wie fein hier die einzelnen Farben ineinander gewebt wurden. Ganz prima ließe sich hier anschließen mit der Untersuchung anderer Motive, die in den Text eingewoben sind, wie dem des Sich-selber-Erfindens (“Ich denk mir mich und mein Leben schon eh und je selbst aus.”) oder der Wiedergeburt, aber ich bin ja nicht auf Vollständigkeit aus. Ich bin mir sicher, dass jedem Leser andere Details ins Auge springen werden, je nach eigenem Lebensabschnitt. Oder, besser: Die Details, die einem nicht schmerzhaft ins Auge springen, sondern sich in einem entfalten, in einem zünden, mit etwas reagieren - japanische Papierblume, Proustsche Madelaine, Badekugel im Vollbad ... In einem Vater im Peta-Alter mit sehr kleinem Kind leuchten natürlich Sätze wie die folgenden besonders hell und beschwören mindestens zwanzig Abende und Nachmittage herauf, an denen man - also ich, und meine Frau auch - müde auf dem Sofa sitzt und sich auf dem Handy Fotos vom Kind zeigt: “Man bringt sie ins Bett. Dann ist man froh, daß sie schläft. Und dann fehlt sie einem.” Ganz oft denke ich an diesen Satz: “Auch wenn wir das manchmal vergessen: es gibt Kinder, die dürfen nicht alles!” Und dann Vorfreude auf solche Situationen: “Sie sagt immer fahrscheinlich. Es hat damit zu tun, daß man nie weiß, ob man auch wirklich ankommt mit sich selbst und mit seiner Zeit und den Plänen ...”

 

Will man sich übrigens einen Überblick über die vielen Motive verschaffen - man findet sie auch schon in Peter Kurzecks Mein Bahnhofsviertel. Das alte Jahrhundert, hat er öfter gesagt, sei aus diesem kleinen Buch entstanden, das keine 80 Seiten hat und großzügig gesetzt ist. Erst ein Zeitungsartikel und dann ein kurzes Buch, zu dem er gern noch ein Nachwort geschrieben hätte, um alles genauer zu erklären. Aus dem Nachwort wurden dann schließlich die Bücher seines autobiographischen Projekts, die bis jetzt über 3300 Seiten zählen.

Wir finden im Bahnhofsviertel bereits die Gespenster und Stimmen, aus denen die noch früheren Bücher Kurzecks zu bestehen scheinen (besonders sein Erstling Der Nußbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst wurde aus diesem Stimmengewirr komponiert. Ein Buch, an dem man sich besoffen lesen kann.). Man liest auch hier schon, wie der Erzähler oder Autor sich fragt, ob es Orte eigentlich noch gebe, wenn er nicht mehr dort ist; von seinen mehreren Leben; vom Vergehen der Zeit (natürlich); vom Schlafmangel; von der Vorstellung, sich die ganze Welt selber ausgedacht zu haben; von der Abneigung zum Spießertum und der Sehnsucht nach der weiten Welt. Ein lesenswertes Büchlein, von dem immer noch (wie vom Nußbaum) die Erstauflage erhältlich ist.

In den Büchern des Alten Jahrhunderts hat sich aber der Ton geändert. Während im Bahnhofsviertel z. B. noch Sätze wie diese stehen: “Als ob die hiesige Menschheit seither das Wünschen verlernt hätte! Sowieso inzwischen eine Angelegenheit der Medien und Agenturen! Und müssen wir diese toten Großväter in ihrer Walzerseligkeit nicht auch noch beneiden? Nicht um ihre Ersparnisse, sondern um ihre Selbstgerechtigkeit ...”, also eine handelsüblich zynische, direkte Gesellschaftskritik, gerät sie in den späteren Büchern nur indirekt an die Oberfläche. Oder schmerzlicher. Im Sommerbuch spricht Peter zu Sibylle vom Schreiben: “Man darf sich nicht schützen.” Und genau so schreibt er dann auch seine späteren Bücher. Er arbeitet immer noch mit Ironie und Übertreibungen, aber sich selber schont er nicht mehr, wie er es mit der früheren, zornigeren Schreibweise tat. Im Sommerbuch machen er und Sibylle und Carina einen Ausflug, sie sind auf der Suche nach einem Zimmer für eine oder zwei Nächte:

“Mindestens drei Häuser mit privaten Fremdenzimmern. Preiswert. Nicht teuer! Kein Auto? Wo steht denn Ihr Auto? ... Im Flur steht ein Gummibaum, der mit zur Familie gehört. Die Möbel glänzen. ... Und jetzt wir mit sechs zugereisten schlampigen Schuhsohlen immer wieder auf diese Treppe. ... Und nachts als Privatfremde im Privatfremdenzimmer. Das ehemalige Kinderzimmer oder gab es einmal eine Schwiegermutter und woran und warum am Ende verstorben? ... Hinter der Wand die Vermieter in ihrem unsinkbaren mächtigen Ehebett. Und jetzt weißt du nicht mehr, wie man atmet. Husten hingegen geht ganz von allein. Wenn man aber die Luft anhält, stöhnt das Bett und knarren die Dielen. ... Gleich mein Schreck und diesen Schreck schnell mit Sibylle und Carina teilen (verdreifachen).”

Hier ist nicht einfach von Peters Verachtung für das Spießertum der BRD die Rede, sondern von seiner Angst, keinen Platz in dieser Gesellschaft zu finden, einer wirklichen Bedrohung und was diese in seinem Inneren anrichtet. Hier geht Kurzeck an die Quelle seiner Gefühle. Und das macht Der vorige Sommer und der Sommer davor und die Vorgängerbände so wertvoll: Hier schreibt einer über sich, voller Witz und Aberwitz, ohne seine eigenen Schwächen und Ängste zu verschweigen.

 

***Literaturliste

Peter Kurzeck:  Der vorige Sommer und der Sommer davor, Das alte Jahrhundert 7; Übers Eis,  Das alte Jahrhundert 1; Als Gast, Das alte Jahrhundert 2; Oktober und wer wir selbst sind, Das alte Jahrhundert 4; Vorabend, Das alte Jahrhundert 5; Bis er kommt, Das alte Jahrhundert 6, Romanfragment; Mein Bahnhofsviertel; Der Nußbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst. Die Idylle wird bald ein Ende haben!;
Alle Bücher sind im Schöffling Verlag erhältlich.

 

  • 1. Lange bevor sein Sommerbuch erschien, hat er in dem Hörbuch Ein Sommer, der bleibt, das es nur als mündliche Erzählung gibt, auf seine unnachahmliche Weise den Sommer seiner Kindheit festgehalten. Im Vorigen Sommer und dem Sommer davor gibt es übrigens eine Stelle, die man als Poetologie seiner mündlichen Erzählungen lesen kann. Kurzeck beschreibt, wie er überlegt, an welcher Stelle in einem Gespräch er eine Anekdote anbringen kann und wie er sie erzählen könnte. Im Inneren finden seine “Sprechproben” statt. Immer wieder ist er sich nicht sicher, ob er jetzt schon etwas gesagt hat oder nicht. So wiederholt er seine Geschichten ganz oft und formt sie dabei. Lieber hat er sie einmal zu oft erzählt als zu wenig, denn:

    “Immer noch bei der Probe? Das Stichwort verpaßt? Noch nicht dran? Oft in der Nacht, oft auch am nächsten Tag, manchmal Wochen und Jahre danach noch alle Wörter und Sätze zu mir zurück! Sie kommen und suchen mich heim! Das ganze Zeug, das ich hier und dort unbedacht rede. ... Schon immer mehr und du wirst es nicht los! Wirst es nie mehr los! ... Und genau so schlimm auch die anderen Wörter, die ungesagten! Versäumt! Unterblieben! Veruntreut! Und fehlen jetzt auf der Welt! Was fehlt, fehlt für immer!”

  • 2. Nur in den posthum erschienenen Büchern fehlt die Widmung: Für Carina. Doch man kann davon ausgehen, dass Kurzeck auch diese wie die fünf Vorgänger ihr gewidmet hätte.
  • 3. In Zeiten des Internets machen solche Überlegungen freilich viel weniger spaß.
  • 4. Ein anderer Vergleich: die Tagebuchfilme von Jonas Mekas. Die einzigen anderen Kunstwerke, die die gleiche hypnotische, mich für die Welt sensibilisierende und, ja, glücklichmachende Wirkung auf mich haben.
  • 5. Unter den Titel von Bis er kommt setzte der Stroemfeld Verlag noch “Romanfragment” als Gattungsbezeichnung. Schöffling nun verkauft Der vorige Sommer und der Sommer davor als Roman. Mir sind noch weitere Unterschiede bei der Herausgabe der Bücher zwischen den beiden Verlagen aufgefallen. Bei Stroemfeld ging man mit Erscheinung des ersten Bandes des Alten Jahrhunderts dazu über, auf dem Buchcover nur den Nachnamen des Autoren zu führen, wie in alten französischen Filmen die größten Stars in der Titelsequenz auch keinen Vornamen mehr brauchten. Man wusste, wer gemeint ist. Schöffling setzt dem Kurzeck wieder sein Peter vor. Besonders schade finde ich, dass im neuen Band keine Faksimiles der Notizzettel abgedruckt sind wie im Vorgänger, in dem man Kurzecks wilde Handschrift auf Kassenbons und sogar Teebeuteln bewundern konnte. Außerdem gab es in den letzten Stroemfeldbüchern einen Editionsplan der Kurzeckbücher, der nun fehlt. Ich hoffe sehr, dass auch in den nächsten Jahren die übrigen Romanfragmente erscheinen werden. Meine Hoffnung geht sogar noch weiter: Briefbände!

     

    Frankfurt Brief, Quelle: homepage von Aulbachs

    In seinen Briefen - einer an seine Tochter ist auch im Anhang des Sommerbuchs abgedruckt - ist Kurzeck ja ebenso hinreißend wie in seinen Romanen.

  • 6. Warum? Das ist eine andere Geschichte.
  • 7. Bei 1:40
  • 8. Ich vermute, das ist auch der Grund, warum alle Inquit-Formeln außer Peters im Präsens stehen, Peters aber im Präteritum. Oder hat jemand eine andere Erklärung dafür?

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge