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Essay

Die totale Schule..?

Hamburg

Als Kant von der Aufklärung schrieb, brachte er etwas zur Sprache, das heute Bildungsideologien allzu gerne verschweigen: vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit” ist da die Rede, was impliziert, es gebe auch eine unverschuldete Unmündigkeit. Diese Schwäche – wörtlich: Debilität – ist zunehmend nicht vorgesehen, jedenfalls nicht in der Schule, die als Mikrokosmos in der Welt heute zu deren versöhnlichem Abbild wird, wo also die Grenzen, die es gibt, nicht beachtet und schon gar nicht bearbeitet werden. Soziale Ungerechtigkeit wird durch hier wirksam werdende Bildung nicht mehr derart relativiert, daß die Unterprivilegierten Knigge lesen oder, was aufs Selbe hinausläuft, ihren Habitus mit Bourdieu reflektieren und entwickeln, das Kapital des Wissens sich aneignen und nach Hegels „Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft”, diese Theorie natürlich auch in ihrer gesellschaftlichen Virulenz verinnerlichend, lernen, einen Aufstieg nicht zu erträumen oder zu simulieren, sondern vielleicht wirklich zu vollziehen.

Nein, stattdessen wird qua Inklusion alles der Schule einverleibt, mit Euphemismen bedacht, deren Summa sich dann Pädagogik schimpft, und der dauer-animierte, gerade darin passive Schüler letztlich zur allerdings nichts mehr besagenden, irrelevanten Reife geführt, was immerhin für den Begriff Abitur spricht: die, die fortgegangen sein werden… Die Schule, die total ist, gestattet immerhin dies.

Schule kann nicht, was da suggeriert wird, leisten, manche Ungerechtigkeit der Evolution ist irreparabel, manche der Gesellschaft wird es so allerdings auch – und man darf mutmaßen, das sei auch Programm. Statt einer Emanzipation ist heute die Vermittlung guten Betragens (oder, noch schlimmer: Verhaltens) der Kern der Schule, worin ansonsten eine Ausbildung vermittelt wird, die der restlos Inkludierte dann ohne Irritation der zunehmend feudalen Verhältnisse anwendet: „(D)er Sklave ist genau derjenige, der die Fähigkeit besitzt, den Logos zu verstehen, ohne die Fähigkeit des Logos selbst zu besitzen […], der Sklave ist derjenige, der an der Gemeinschaft der Sprache teilhat einzig in der Form des Verstehens” (Rancière)… Die Frage, ob sich die erwünschten Absolventen – Experten, die doch verblendet sind – so züchten lassen, beantwortet die Gegenwart, man darf Schlimmes befürchten.

Sklaven der Unbildung, das sind die Ausgebildeten heute, geschult zum Segen derer, die einzig der so generösen Einschließung entgehen, indem sie das gymnasiale System absolvieren, worin genau jene Herrschaftspraktik, jene Gouvermentalität, die man den meisten als verstaubt schlechtredet, gelehrt wird: den künftigen Aristokraten, oder vielleicht doch: Oligarchen. Diese werden in der lebensfernen und weltfremden Schule schon früh über über den Skandal der Vernunft selbst aufgeklärt, eben nicht vernünftig distribuiert zu sein. Der Zyniker, der dies ausspricht, ist freilich eigentlich der Kyniker, der die Parrhesia verficht, der wahre Zyniker im heutigen Wortsinne empört sich indes längst über diese zugemutete Realität, pragmatischer Vertreter einer lähmenden Scheinmoral reagiert er mit einer verläßlichen Betroffenheit.

Er will glückliche Kinder, was ja schön klingt; aber: glückliche Kinder eben, die früh lernen, mit dem, was ihnen bescheiden beschieden ist, auszukommen, als Teil eines (Schein-)Ganzen, weshalb als erlesene Perfidie der Nachwuchs der Unter- und Mittelschicht nicht nur moralisiert wird, sondern auch Glückskompetenz lernen soll. Ist Moral nicht an sich, aber bei strategischem Gebrauch ihrer Sätze rasch eine Lüge, so eben auch dieses ideologische Glück. „Das größere Glück, das Glück der Fülle, umfasst immer auch die andere Seite, das […] Schmerzliche und »Negative«, mit dem zurechtzukommen ist.” Wer wollte sagen, daß das – aus W. Schmids Buch Glück – falsch ist? Wer aber andererseits hält es für zumutbar, daß in einem vom Neofeudalismus initiierten Klassenkampf 2.0 den Dominierten schon in der Schule beigebracht wird, sie seien dafür zuständig, an sich Modifikationen vorzunehmen, weil ihr Unglück zuletzt doch stets an mangelnder Glücksfähigkeit liegen müsse..?

Dagegen ist anzugehen. Vielleicht ist es obszön, über die nichtlustig-Bebilderung der conditio humana zu lachen, wonach manch einer eben „dum” 1ist. Aber Schule zum trügerisch-versöhnlichen Bild einer Ideologie zu machen, die Bildung als höchst fluides Kapital unter dem Vorwand, das nicht hinzunehmen, für nur mehr wenige zugänglich machen will, ist ungleich obszöner. Die Gesamtschule verheißt, daß jeder in ihr Platz habe – um welchen Preis...? Leibniz, der kühnen Spekulationen über eine vernünftige Welt nicht eben abhold war, fragte dies im Rahmen der apokatastasis (panton), der Allauferstehung: selbst Gott eine solche letztlich nicht zumutend, die Lehrer und Begleitlehrer in scheinbar säkularen Zeiten offenbar leisten können.

Der Preis ist die Bagatellisierung des Möglichen zugunsten einer Verklärung des Realen; Schule war zunächst vor allem ein Herrschaftsinstrument, ihr Supplement, nebst Ausbildung auch Bildung jedenfalls zuweilen zu vermitteln, ließ sie aber zu mehr werden, zur Perversion dieses Zwecks, darin fast human, es sind ja, wie Blumenberg annotiert, stets „Umwege […], die der Kultur die Funktion der Humanisierung des Lebens geben”..: Schule machte, daß der Kapitalzuwachs die Experten, derer die Feudalherrschaft bedurfte, an deren Seite stellte, das Wort Geldadel meint, was Schule da zu bewirken begann. Diese Emanzipation und Partizipation zur Demokratie zu universalisieren war und blieb schwierig, doch Momente dieser Utopie sind in der Schule, wo sie keine bessere Parallelgesellschaft zu sein vorgibt, gegeben. Noch.

Soll man zulassen, daß dies für schöne Bilder einer unschönen Gesellschaft zerstört wird, soll man für die Behaglichkeit eines die Untertanen fürsorglich bevormundenden Feudalismus einen zugegebenermaßen prima vista kälteren Kapitalismus, der indes doch vitaler und chancenreicher ist und die demokratische Idee, eine „Herrschaft des nicht Herrschenden” (Rancière) zu ermöglichen, nicht völlig zur Farce verkommen läßt, opfern? Soll es also die Pointe der Postmoderne sein, die Utopie der Aufklärung dieser zu opfern und abgeklärt zu werden, Schule statt nach dem Maße der Realität sie nach dem Maße derer, denen das Reale (vorgeblich) gehört, aufzuteilen..?

Kapitalismus, Demokratie und Bildung haben gemein, andauernde Desillusionierung zu betreiben, ja: zu sein. In unserer neofeudalen Zeit aber herrschen Bilder; „mühsam, glanzlos, unheroisch” ist, wie Peter von Matt schreibt, das, was aus ihnen befreite – und der allererste Feind darum eine Schule, die als Sekundärtugend den Umgang mit dem Mühsamen, Glanzlosen und Unheroischen lehrte. Nicht das Sich-darein-Finden, sondern den Umgang damit, wie auch mit der Langeweile. Goethe formulierte: „Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so könnten sie Menschen werden.” Die Reversibilität eben dessen ist womöglich in Arbeit. Komplement der Unfähigkeit zur Langeweile in einer (fast) alle unterhaltenden Schule, die die züchtet, die tatsächlich den Feudalen qua Gehorsam diese Unterhaltung als Unterhalt vergelten, ist jene Angst, die zwänglerische Anpassung einfordernd sich als „Moral” und Pflicht zur Zufriedenheit geriert…2 Für alle ist gesorgt, bloß sprachlos sollen sie sein – wer kann sagen, ob Tierrechte nicht zugleich eine Bagatellisierung dessen sind, was Menschenrechte einmal waren..?

Man verzeihe mir, daß hier nun kein feuriger Appell folgt; er entspräche nicht der Unaufgeregtheit, die Schule so dringend benötigt. Schule könnte wieder zum kontemplativen Ort werden, worin nicht alle irgendwie teilhaben, sondern jenes Kapital wohlfeil zu haben ist, das zu nutzen aber Begabung und Fleiß fordert. Das Interesse kann man wecken, wenn es dämmert, trotzdem ist es nicht durch Dauerstimulation zu ersetzen; und Begabung mag zuweilen zu entdecken sein, doch nicht zuverlässig legt, wer ent-deckt, immer Begabung frei. Die, die schließlich können und wollen, verdienen womöglich eine reale Schule statt einer Institution, die für einen breiten Querschnitt der sozial Benachteiligten Permeabilität sozialer Schichten simuliert, während im Gymnasium das, was über die neben der Bildung beiden anderen Kapitalarten – Beziehungen und finanzielle Mittel – verfügt, diese Simulation aus der Position einer unerreichbaren Elite mit sardonischem Lächeln verfolgen mag. Durchmischen wir diese Elite mit dem intellektuell Besten, was alle Schichten haben, investieren wir in Lehrer, die nicht sozialintegrative Dompteure, sondern kompetente Proponenten ihres Fachs und seines Wissenstandes samt seiner Paradigmen sind, so ist das die Logokratie, die als möglicher Funke des Demokratischen der Feudalherrschaft, der Plutokratie, die man auch Kleptokratie nennen könnte, entgegensteht; sie ist häßlich genug, aber besser als die Inszenierung, die die Schule substituieren soll: Gesamt, aber kaum mehr Schule.

Feuriger muß es nicht sein; statt eines gar pathetischen Schlusses sei zuletzt zur Schule noch eine geradezu demütige Bitte riskiert: Natürlich darf jeder über sie laut nachdenken; bloß ist man, weil man vor 30 Jahren Schüler und „sogar Schulsprecher” war, wie mir eine M.D. in einem Leserbrief mitteilte, nicht schon hinreichend informiert, und zwar weder über den Status quo oder die Begriffe (Ganztags- und Gesamtschule sind zweierlei, verehrte Leserin), noch über Bildungstheorie – zur Befundung fehlt da bei all dem Durchlittenen vielleicht doch schlicht die Expertise, wie auch eine Einweisung in die Psychiatrie nicht zwingend Jahrzehnte später in neurologische oder psychologische Kompetenz mündet oder diese eine frühere Einweisung gar erfordert.

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