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Essay

Horror vacui – zur Gegenwart

Hamburg

1. Universelle Aufklärung – Aufklärung aller?

Wer die letzten zwei Jahrhunderte besieht, kann nur zum Schluß kommen, daß die Paradigmen der Aufklärung einen Triumphzug durch alle Gesellschaftsschichten antraten; bloß: Genau das mag ihr Problem sein.

Aber präzisieren wir: Sie durchdrang die Gesellschaftsschichten nur als reduzierte, nämlich als Technik, die zuhanden ist, mit der man kompetent verfährt, die aber nicht als Idee durchgreifend bestimmend wurde – wer ist denn schon von jener eigentlichen Technologie fasziniert, die sich in jenem, was zu faszinieren vermag, oft unbeholfen genug ausdrückt? Wer verstünde und liebte also die Möglichkeiten von Integral- und Differentialrechnung, und zwar von jenen, die das mobile oder gar smart phone, das dieser Mathematik ja bedarf, quasi als existentiell betrachten?

Dabei durchdrang sozusagen die Ideologie, alles sei durchdringlich, alle Schichten. Während der Gebildete dieser Ideologie nicht so sehr beim technischen Gadget erlag – wobei Technikfeindlichkeit und -vergötzung sich auf demselben Niveau bewegen, das ist hier nicht gemeint –, erlag er ihr gesellschaftlich, jedenfalls dort, wo er sich den Zynismus verbot. Alles sollte an der Aufklärung teilhaben, ein säkularer Missionswille entfaltete sich.

Nun sei nicht diskutiert, ob jene, die die Moral als Herrschaftsfunktion entweder analysierten oder doch denunzierten, in der Sache Recht haben. Nicht vernünftig war womöglich, diese und das, was sie zu fundieren schien – mit einem Wort: GOtt – allgemein erodieren zu lassen. Sie wollten befreiend wirken, was ja ein durchaus edles Motiv der Aufklärung ist, befreien von Denkvoraussetzungen und -verboten zumal, bloß ist, was das Denken zuletzt kennt, erstens das Interessante; oder zweitens: das, was zu denken gibt. Während die zweite Option stets vorläufig ist und darin der via negationis ähnelt, also Dekonstruktion als Quasitheologie, deren (Selbst-)Suspension eine große Geduld erfordert, um es vorsichtig zu formulieren, ist die erste niemals absolut. Schon Schlegel umkreiste den Sachverhalt, daß „es kein höchstes Interessantes gibt.”

Wir haben also Menschen, die über Technik verfügen, ohne ihren Geist zu verstehen; und an einer Leere leiden, die Gott erst meinen könnte. Diese Leere füllten seit Beginn der Aufklärung die Erben der geschwächten Religion aus – Religionen nämlich, die das Religiöse indes unterboten, indem sie sich diesem Denken verschlossen, also zu Quasi-Religionen verkamen, zu Fundamentalismus und/oder Ideologie. Noch die prima vista einigermaßen sympathischen Bildungsreligionen des Bürgertums sind eben nicht mehr Bildung und ebensowenig Religion, sondern Immunisierung gegen beides: Halbbildung bestehe, so schreibt Adorno, „aller Aufklärung und verbreiteten Information zum Trotz und mit ihrer Hilfe”; und sie beginnt, wo „Bildung […] sich selbst setzt und verabsolutiert”…

Den Nationalsozialismus oder den Islamismus verbindet ihr pseudoreligiöses Moment mit diesen harmlos sich ausnehmenden (und heute wohl unendlich harmloseren) Eigenheiten des Bürgertums1 – und gar nicht überraschend, überzeugte Salafisten wie Nazis, die sich dieser Ideologie nicht aus populistischem Kalkül – quasi als Ressource – bedienen, sind mißglückte Kleinbürger.

Hurra, die alten Despoten fallen!, so hieß es allenthalben erst jüngst wieder, im Irak, in Syrien, wo nicht einmal das ganz stimmte, und sonst noch in manchem Lande. Dann wiederholte sich, was in der Geschichte noch immer Emanzipation zum Spottgebilde machte:

„Durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem Despotism und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zustande kommen; sondern neue Vorurteile werden, ebensowohl als die alten, zum Leitbande des gedankenlosen großen Haufens dienen.”

Dieser Satz Kants bezeichnete die Revolutionen seit der Aufklärung, die seelischen wie die politischen, so ließe sich sagen.

Das psychische Interieur betreffend ließe sich auf Simmel oder Freud verweisen, die vom zwischen Triebinstanzen einerseits und andererseits den internalisierten Sadismen, die angeblich eine Moral konfigurieren sollen, eingekeilten Ich gleichermaßen befanden, es sei wohl nicht „Herr im eigenen Hause” – im Grunde ist es eher ein Untermieter, der zuweilen vernehmlich und stets verzweifelt diplomatisch sein mag: dessen Seele sich mit Simmel müht, „wenigstens zwischen ihrem Innersten Leben und dem, was sie als Impersonale Inhalte […] aufnehmen muß, eine Harmonie in Bezug auf Höhe, Sinn und Rhythmus” herbeizureden… Vielleicht ist das Ich die Hypostasierung jener Spannung zwischen Trieben und sozialem Anspruch, der sich aus dem Überlebenstrieb empfiehlt, aber eben die Suspension der Erfüllung mancher Triebe erfordert, sowie deren Moderation. Nimmt man jedenfalls das Über-Ich weg (und zwar mit dem vielleicht durchaus richtigen Verweis, daß Moral für kleine Leute bestimmt diese klein halte, wie es Rudolf Burger festhielt)2, so bleiben Triebinstanzen, dazu eine vakante Stelle (oder: noogene Neurose, Sinn – so nochmals Burger – bedeutet zuweilen und jedenfalls im Fundamentalismus, daß „die Intransigenz der Praxis […] die Richtigkeit der Ideen” beglaubigt, er ergibt sich als Aufwandsrechtfertigung; als dialektische Selbsterhaltung, die an sich irre wird, trifft sie das Wort vom Todestrieb nicht schlecht) und schließlich ein wahrscheinlich noch immer nicht souveränes Ich – bonne chance..!

Nicht anders ist es, wenn Politik sich dem Volke zuwendet, dessen Begriff ernstnimmt, also keine Gelehrtenrepublik imaginiert, sondern Demokratie wagt, aber es verabsäumt, sich und ihre Autonomie in einer Wählerschaft wohl zu begründen, die auch tatsächlich autonom ist.3

2. Eigendynamik der Technik: Halbbildung

Kants Einwand gegen die Revolution stellt vor eine Wahl: Metöken Metöken sein zu lassen; oder sie zu durchbilden. Der Zwischenzustand ist das Riskante, weshalb Adornos Rede von der Halbbildung so genau trifft und Liessmanns Versuch, ihn mit einer Theorie der Unbildung zu überbieten, unterbietet: Unbildung wäre keine Krise, wenn Krise auch Entscheidung meint, wie es der, der des Griechischen mächtig ist, dem Wort noch ablauschen kann. Man mag nun einwenden, daß es der Technik inhärent war, daß es bei Metöken nicht blieb.

In der Tat war es schwer geheimzuhalten, was – wie gesagt: aus einem missionarischen Furor – über GOtt gesagt ward: „(W)ie, wenn Gott eben nicht die Wahrheit wäre”..? Hierbei kann man Gott gerne kursivieren, um ihn von Gott zu scheiden, aber eben auch Gott als solchen zur Lüge erklären, zu etwas, das auf nichts sich bezieht. Es war gesagt, dazu Plakativeres wie der Satz vom Tod Gottes:

„Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?”

Den Trost ahnen wir: Gott wurde ersetzt; durch Heilslehren wie salafistische Religionsschwundstufen mit Happening-Charakter oder durch schwächliche Ich-Vergötzungen, denen das Ich abhandenkam, weil dieses in einer bestimmten Egozentrik ja nur ein Schatten ist, der Bedeutungsloses akkumuliert. Gerade jene Ich-Süchtigen verlieren sich schließlich gar nicht so verblüffend doch in trivialen Fassungen eines Absoluten, agieren ihre gekränkten Seelen in verkrampft-verklemmten Formen von Narzißmus wie dem Jihad aus, der so prall von Egomanie ist, daß darin für Allah kein Raum mehr bleibt. Hier berühren einander die Beschädigungen der Religion.

Mitleidlos wird in der Folge vollstreckt, was aus falschem Mitleid dargetan wurde:

„Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das Kreuz, an das der genagelt wird, der die Menschen liebt?”
„Mitleid beruht nicht auf Maximen, sondern auf Affekten; es ist pathologisch. Das fremde Leiden steckt uns an, Mitleid ist eine Ansteckung.”

Dennoch empfindet der, der dies sagt, Mitleid, er formuliert seine Sentenzen, um nicht allein sich zu befreien, so darf man unterstellen; und er ist darin eben ein verquerer Christ, der mit dem Leidenden, dem sein Leid gar nicht bewußt sein mochte, sympathisiert. Also gibt er diesem eine Chance, christlich wie monumental aufklärerisch: Hat er nicht gerade so zu der „grauenhaften Ethik des Völkermordes aus Mitleid”, die er antizipierte, beigetragen..?

Wäre es klüger gewesen, zu schweigen, vielleicht zumindest manche Aussagen hinter einem Titel zu positionieren, der gewährleistet, daß jene, mit denen Mitleid zu haben riskant ist, ihn nicht lesen, etwa: Horror vacui..? – „Reif war der florentinische Renaissance-Bürger, der vorm Kirchgang zu seiner Frau sagte: »Also, machen wir dem populären Irrtum unsere Reverenz! «” (Th. Mann) Die Schrift indes impliziert womöglich eine Wahrhaftigkeit und – noch schlimmer – deren Streuung, ist eine Parrhesia, selbst wo ihr Verfasser nicht will, daß sie dies werde. Technik ist hier wie immer nicht nur dienend, sie löst Krisen mitunter, indem sie sie durch andere ersetzt.

3. Ungeschehenmachen

Der darum oft programmatisch illiterat erscheinende Neofeudalismus4 ist nun der verzweifelte Versuch, ungeschehen zu machen, was da geschehen ist: der Versuch, die Metöken, die sich neue Fetische, Götzen und Führer suchen, wieder zu kontrollieren; was zunächst nicht moralisch ist, sondern ein Interesse der Herrschenden, die von der Aufklärung profitierten, als jene noch christlich zu sein schien. Vielleicht war sie es damals, und zwar notwendigerweise, weil Kapitalismus, wenn er nicht von der Wucht noch geringer Verzinsung erdrückt werden soll, Unternehmen impliziert, und zwar im Plural, inklusive Vernichtung von Kapital mit Aussicht auf dessen mögliche Vermehrung bis zum Qualitätssprung. Bedarf es einer Permeabilität der Schichten, so auch der Bildung als dem fluidesten Kapital – und einer Form von Transzendenz, auf daß nicht einst erfolgreiche Kapitalisten zu Feudalisten werden und das System, dem sie das (dann: Ex-)Kapital und gleichsam sich verdanken, kollabieren lassen. Kapitalismus ist eine intelligentere Transformation von Religion, mit dieser momentan kompatibel. Er wird wie jede Religion nicht von jenen verstanden, die naiv an das glauben, was als sein Epizentrum Chimäre ist, doch eine, die einerseits eine Integration der Naiven gestattet und andererseits die geistige Beweglichkeit dessen, was Kapitalismus sein könnte, als solche – als verführerisches Provisorium – andeutet.

Christlich, allgemein: religiös; in der Tat ist Subsidiarität gleichsam humaner als vieles, was an ihre Stelle trat, womöglich nur ein Nebeneffekt ihrer Idee, doch realiter wirkend, im Rahmen eines Wettbewerbs, der allerdings wie angedeutet endlos wie die Gottsuche bleiben muß, ewig provisorisch auf der Suche nach dem Unternehmen schlechthin… Kompetitiv ist Kapitalismus also nur bedingt; denn ein Wettbewerb schließt an sich aus, daß er auch durch Kritik an ihm – nicht Spielsystemen und dergleichen – und seinen Regeln gewonnen werden könnte. Was also Kompetenz sei, weiß ein intelligentes System nur bedingt, wie man am Rande vermerken darf, testen läßt sich diese nur in Simulationen, die voreilige und mutmaßliche Extraktionen dessen, was das Spiel wäre, darstellen. Diese Kompetenz mißt, wie wir mit Fetischen umgehen, womöglich ist der solcherart Kompetente bloß der ambitioniert Verstockte. Hätte der (als solcher inexistente) Kapitalismus sich denn erträumt, hätte ferner Marx geahnt, daß das, was Kapitalismus sein mag, von ihm qua Kritik, die dieser integrierte, klüger, wendiger, vielleicht also: kapitalistischer werden würde? Die paradoxe Formel eines allgemeinen Kapitals oder eines „Staatskapital(s) […] ohne Kapitalisten” (MEW, 16/68) scheidet denn den Kapitalismus von der Kristallisierung und/oder Fetischisierung jener Verhältnisse, die er fundierte, aber überschreiten muß… Durchaus vergleichbar ist die Transzendenz eines Kapital-Popanz mit jener ikonoklastischen, die Gott um GOttes willen negiert, durchaus vergleichbar die kindliche Erschütterung bei Inflation jener eines zerrütteten Gottesbildes: in god we trust, Credo und Kredit besagen, daß das Sein sich denken lasse, sich füge, mit Goethes Mephistopheles, der als Teufel natürlich ein exzellenter Theologe und – heute fast klischeehaft – geschickter Bankier ist: „(M)an weiß doch, was man hat”…

Dies, was stets Intelligenz erfordert und just Kapital zum Inbegriff der Verzehrung dessen macht, was es zu sein scheint, bedroht den Besitzenden. Das ist die eine Angst, die Kapitalisten zu Feudalisten wandelt – verständlich wie auch zu Unrecht. Womöglich nicht zu Unrecht ist aber die andere Angst gegeben: Der Feudalist will die unwägbaren Risiken des Menschen, der sich bloß zu neuen Hierarchien befreit, minimieren; es könne ja die Autodekonstruktion des Kapitalismus auch in eine Barbarisierung münden. Die gepflegte Monstrosität des Neofeudalen stützt sich aber auf die Expertise derer, die die Umwegrentabilität milder Gaben errechnen: sozialer Friede und dergleichen. Und weil es dieser und noch mancher Expertise bedarf, bleibt eine Streuung der fluidesten Kapitalart, nämlich jener der Bildung, die aus Herrschaftssicht noch in der sorgsamst gestutzten Ausbildung lauert, unvermeidlich; so ist das Minimum des Risikos nicht allzu gering zu veranschlagen und vielleicht der wahre Reichtum, wo der Schein-Kapitalismus gerade risikolos verfiele: sich durch Zinslast des Kapitals, indem er dieses definiert, also finit und zu etwas, das nicht an Kapital ist, macht, erdrückte.

Das, was der Feudalismus rückgängig machen möchte und vom Feudalisten gar nicht verstanden sein mag, ist nicht minder monströs, jedenfalls in der Schwundstufe des Metöken, der mit einer beliebigen jede Haltung verlor, mit der Revolution wie gesagt einen Popanz, dessen Ziele schlecht sein mochten, durch einen, dessen Ziel jenem des Vorgängers gleicht, bloß: daß jener einerseits den sozialen Frieden seiner Umwegrentabilität wegen schätzte und andererseits damit auf Umwegen die Utopie, welche Revolutionen prozedural verraten, vielleicht ermöglichte. Diese Monstrosität ist die permanente Krise: ohne Unter- und ohne Entscheidung, aller Etymologie zum Trotz5

4. Monstrositäten – ein besserer Terror, ein besserer Terror..?

Bedrängen einander diese Monstrosität (sozusagen: des Vampirs) und jene des Mobs, der heteronom, doch dabei unzuverlässig eine andere Monstrosität konstituiert (des Zombies, der Gehirne/das Denken verzehrt, im Kontext von Isis: Menschen enthauptet), so wird man die Vakanz der Stelle des Über-Ichs beider zu sehen haben, beide sind Zerstörung der Bürgerlichkeit, die, indem sie Gerechtigkeit zum Metaphysicum hypostasierte, vielleicht irrte, aber auf diesem Umweg in der Tat der Effizienz und so etwas wie einer Menschlichkeit dienen mochte. Diese Zerstörung ist natürlich gleichsam eine auch der Infektion; ebenso wird der korrumpierte Bürger einmal gebissen zum Vampir (man denke an den Marinelli aus Lessings Emilia Galotti), wie der Bürger andererseits gerade in der Aggression des Ein- und/oder Ausschließens der Zombies – und übrigens auch des Vampirs – einer der Zombies wird: Der Bürger, der aus Angst zum beispielsweise Xenophoben wird, ist jedenfalls kein Bürger mehr; er produziert ferner Zombies, indem er anderen die Bürgerlichkeit beliebig aufgrund etwa rassistischer Zuschreibungen verwehrt. Isis als das Schreckgespenst der Rechten dient ihr, wie die Rechte dem Islamismus dient, doch dies nur am Rande.

Der Bürger ist latent sein Monster; es droht sich zu erfüllen, was Adorno nicht unpathetisch proklamierte: „Was immer am Bürgerlichen einmal gut und anständig war, Unabhängigkeit, Beharrlichkeit, Vorausdenken, Umsicht, ist verdorben bis ins Innerste.” Beide Optionen des/seines Monsters sind totalitär; doch die Festschreibung dessen, wer oder gar was das Monster (Vampir oder Zombie) sei, ist es desgleichen. Sie errettet einen fragwürdigen Schein von heilem Interieur; „das Häßliche bleibt häßlich”, so Groys, das mag sein, doch „gerade deswegen müssen wir dem Häßlichen einen prominenten Platz in unserer Kunst einräumen, weil dadurch die Wahrheit der Subjektivität gegen ihre Vereinnahmung durch den schönen Schein verteidigt wird.” Boris Groys setzt dies so fort:

„Das Schöne wird als das ontologisch Ohnmächtige gezeigt: Seine Durchsetzung ist unmöglich, auch wenn sie mit der letzten terroristischen Härte durchgeführt wird. Der totalitäre Versuch der ästhetischen Beherrschung der Welt scheitert an der unendlichen Häßlichkeit der Totalität.”

Moral ist in den skizzierten Fällen wenigstens potentiell nur mehr Herrschaftspraxis; von oben eine defensive, die die Möglichkeit dem Realen opfern will; von unten andererseits stolz erlitten – daß man Ballast abwarf, freilich nur, um einen anderen Ballast zu tragen. Bislang konnte man die falsche Antithese beider passieren; man konnte wissen, daß nietzscheanisch gesprochen die „Antithese […] die enge Pforte, durch welche sich am liebsten der Irrtum zur Wahrheit schleicht”, ist – und sie meidend das tertium vere datur formulieren, welches Bildung heißen mag.

Bloß ist eben dies gefährdet – während der Feudalist heute sich zu zügeln hat, die Restriktionen der Verteilung nicht das, was verteilt wird, zerstören darf, haben die, die nicht etwa zynisch die Vakanz des Über-Ichs ausagieren (und man müßte hinzusetzen, daß etwas des zynischen Ausagierens noch dem Über-Ich geschuldet sein mag, nämlich die verknöcherte Disziplin dessen, der eben nicht nur andere beherrscht, sondern auch sich kasteit – etwas Glückloses umflort den, der es geschafft habe), sondern noch in ihrer Egozentrik eines Ichs entbehren und als (nicht zuletzt: Todes-)Triebwesen marodieren, weder die deutliche Motivation noch womöglich die Bildung, sich ihrerseits desgleichen zu zügeln; und der Mob ist gerüstet, als unbewußter Komplize des Feudalisten, der sich über die Kontrollierbarkeit jener Heteronomie betrügen mag, wie auch dessen Widerpart zerstört er, was die Intelligenz eines anderen Widerstreits wäre. Statt sich zu emanzipieren, sich der Hand zu entwinden, deren Marionettenheer er ist, erfüllt er, was Kant prophezeite: Geschichte als Sequenz von Revolutionen wird geradezu ahistorisch; erfüllt er aber zuletzt auch, was Adorno befand: „Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe.”

Man wird konzedieren, daß Terror einst Krisen induzierte, wo der Kapitalismus zu Feudalismus gerann: ein Terror in der Funktion keines Interesses, sondern zur Wiederherstellung vom Permeabilität, ein Terror, worin sich das Volk als das, wovon alle Macht ausgehe, in Erinnerung rief, ein Terror, vor dem jene inszenierte Macht sich als virtuell erwies, die einem oder wenigen zu gehören schien – „es gibt Macht-Effekte, aber die Macht existiert nicht. Sie ist nichts.” (J.Derrida)

Just dies schien ein gewisser Terror sagen zu können. Er reagierte auf eine Statik, indem er mit der Krise Optionen induzierte, war ein oft verdammenswertes, aber immer gleichsam schon in sich interimistisches Übel, dem wie von Kant geschildert etwas folgen konnte – wenn schon nicht mußte… Doch jene Subversion droht post- wie auch praebürgerlich verloren zu werden, durch ihre Vereinnahmung, die nicht kenntlich sein muß: Doch wer glaubte, daß der sich entladende Volkszorn immer den Zorn des Volkes abbilde, zumal: einen legitimen?

5. Terror..?

Wer glaubte, die Reinigung oder Katharsis solcher Eruptionen diente nie der diffusen Entladung einer Energie, die gerichtet jene träfe, die sie so bloß generös zulassen? Wer würde verkennen, daß dies mit dem inszenierten Aufbegehren gecasteter Popstars beginnt und bei den Radikalen der noch-parlamentarischen Pseudo-Opposition enden kann, die auch Indikatoren sind, und oft mehr als Akteure..? So bleibt ein systemkonformer Terror, wie im dystopischen Film The Purge (USA 2013) unlängst wieder angedeutet wurde – und ein „fromme(r) Terror”, der, wie van Oyen in Die Religion in Geschichte und Gegenwart notiert, „dämonischer als der säkularisierte” ist; auch als dieser gleicht er sich jenem Terror an, der herrschaftlich wirkt, wie dieser verdummt und verdummend, einander verdummend, da blank Terror wider Terror steht, durch Angst verdummend und darin erodierend vor allem aber die Mitte: eine zweifache „Verhinderung jedes freien, spontanen Zusammenschlusses der Bürger” (I. Fetscher, ebenfalls in RGG), der (und den) eine andere Form von Terror womöglich einst ermöglichte.

Das commune, um das es hierbei geht, verhindert sich, indem es sich verwirklicht, strategisch, indem es aber strategisch denkt, verhindert es sich programmatisch; die Allianzen, die bleiben sind unheilig. Diese Allianzen ahnte Derrida, als er Osama bin Laden als Metonymie bezeichnete, für etwas, das scheinbar der Macht opponierend ihren Schein aufrecht erhielt, aber damit sie, da sie diese Virtualität ja ist..:

„Ich glaube, dass alle Menschen des Westens gegenwärtig direkt oder indirekt Opfer sind dessen, was geschehen ist – und gleichzeitig nicht unschuldig. Ich bin weit davon entfernt, Partei zu ergreifen für diejenigen, die diese barbarischen Anschläge verübt haben. Ich frage mich nur, ob jemand wie Osama bin Laden, wenn er es denn war – denn das ist ein Name, eine Metonymie – nicht auf derselben Seite steht wie das, was er bekämpft.”

Was für 9/11 galt, gilt für Isis. Und nun ginge es um eine – ja, worum?

Die Aufklärung ließ es zu, daß mit Gott vieles erodierte, das jenen Impetus war, die Aufklärer zu unterstützen, ohne das Projekt der Aufklärung zu verstehen: einfach, weil jene Aufklärer ihrerseits, wofern Aufklärung universelle Züge hat, jenen solidarisch war, die sie doch nicht verstanden. Vielleicht war es falsch, diese Solidarität so auszudrücken, daß man eine dann populistische Aufklärung, die also keine mehr war, allen angedeihen ließ, weil man allen zuteilwerden zu lassen sich mühte, was jener neue Segen war, nicht nur ihn vermittelt: in seinen Auswirkungen. Partizipieren an der Programmatik könnte, wer dies verstünde: „Die Ungerechtigkeit ist klar, die Gerechtigkeit ist unklar.” (A. Badiou)

Sollte man darum aber die Ungerechtigkeit verunklären, wie es jene tun, die andererseits eine klare Gerechtigkeit zu sehen behaupten? Oder jenen Propagandisten absprechen, das Wort ergreifen zu dürfen? Wer eine klare Gerechtigkeit sieht oder zu sehen vorgibt, mag verloren sein, weshalb jedoch die, die voreilig ausschlössen, wer sie sieht/sehe/sähe, schon selbst verloren sein mögen; Ratlosigkeit ist das Schibboleth der Utopie. Vielleicht … der Zweifel indes ist noch ein Hoffen auf jenen sublimen Terror, sich der Macht zu entziehen, indem man sich unternimmt, jenseits einer Ich-AG mit ihren überdeutlichen Heteronomien; ein Hoffen, daß das Wagnis der Aufklärung eine Zumutung war, deren Übermut sich erfüllen könnte, wo seine Unterbietung heute scheitern muß.

6. Universelle Aufklärung – Aufklärung aller?

Die Frage ist nun eine andere, wiewohl sie sich wiederholt…

Was zu tun sein könnte? Nein, ich wüßte keine Lösung; müßte man das Hoffnungs- und Ratlose rehabilitieren, aber auch das Hoffen, wenn die Phantasmen der Kompetenz fielen: rehabilitieren also das Gespräch..? Bestünde Hoffnung auf dem Umweg übers Hoffnungslose, konkret etwa über Bürger jenseits einer Bürgerlichkeit, die Komplize der Aufzehrung jener ist, die sie zu konstituieren scheinen..? Gilt, sich von den Umständen, die korrumpieren oder desillusionieren, mit Adorno: nicht „dumm machen zu lassen”..?

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