Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Kleines Plädoyer für die Moral

Alfred Schirlbauer zugeeignet
Hamburg

Wir leben heute in einer Zeit, die an der Moral scheitert. Dies geschieht zweifach, zum einen nämlich, indem sie bemüht wird, zum anderen, indem sie dabei (!) vergessen oder unterschlagen wird. Wir reden heute viel von Moral. Doch Moral ist zum Ideologem geworden, das bewirken möge, daß der Unterdrückte sich selbet im Zaum halte, sich bescheide, sich in bezug auf seine Normalität befrage, glücklich sei, weil er es sein müsse.

Ist das Moral? Nein, es schimpft sich bloß so. Moral mag indes fehlen, als Verantwortung, wo heute nur vernommen wird. Ein Vernehmen besteht, wenn es denn Moral gibt, auch in ihr, denn wir „erfinden, was wir antworten, nicht aber das, worauf wir antworten und was unserm Reden […] Gewicht verleiht” (Waldenfels) – doch eben diese je eigene Replik entfällt heute, sprachlos werden wir, in-fans, eine Infantilisierung ist im Gange, weil Moral eine Bereitschaft zur Assimilation an etwas ist, das normal oder auch natürlich sei.

Moral aber hat mit Normalität wenig und mit Natur noch weniger zu tun; und doch werden diese Kategorien irrational aufgeladen zu Leitsternen, die freilich beim genaueren Hinsehen nur ideologische Funzeln sind. So wird das, was diese Moral als Unmoral denunziert, zu fast schon etwas wie Moral: zumal ein zersetzend-ironischer Ton, der dem Rechnung trägt, daß Verantwortung eben nicht einfach Bescheid weiß, etwa über jene Normalität, die man exekutieren solle, sondern aus Skepsis zumindest ebenso geboren ist – um jener Frage willen, die wie gesagt eine Erfindung einfordert.

Verstörung mag ihr Anfang sein, mit Günther Anders: „Hohn und Härte entstammen der Menschenliebe!” Ist heute der kategorische Imperativ das Gebot kategorischer Impertinenz..? Es gibt wohl, wie Alfred Schirlbauer bemerkt, keine „Pflicht zum Kynismus”, doch nur, weil eine positiv formulierte Pflicht schon jenes Kynismus ermangelte. Derlei Rede ist – fast – unmoralisch, doch eben aus der Sicht jener Pseudomoral „für die kleinen Leute”, die „dafür (sorgt), daß sie kleine bleiben.” 1Ihr „Gutsein macht stupid”, wie Anders schreibt; doch macht zuletzt „Stupidsein schlecht.” Genauer affirmiert es eine Halbschlauheit, sich mutlos zu entrüsten: sich zu verleugnen, statt sich zu bezweifeln.

Moral heute begänne mit Exzentrik, damit, nicht mehr zu funktionieren, Ränder zu überschreiten, die keine sind, mit Derrida: „Ist das Zentrum [...] nicht ein anderer Name für den Tod?” Kein Zentrum hat indes, was kein Objekt ist – eine Zumutung ans Selbst, was immer es sei, „jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel” (Kant in der KpV) zu bestehen.

Gibt es andere Wege, als jenen, der sich ins verbindlich Eigene diversifiziert? Man könnte seine Naturhaftigkeit oder seine Sozialkompatibilität affirmieren, aber wessen Naturhaftigkeit oder Sozialkompatibilität wäre das? Kant formuliert, das Nicht-nur-Objekt Mensch sei paradox zur Zwecksetzung in der Lage, was ihn gleichsam als „Endzweck, […] der aber in der Natur gar nicht gesucht werden muß” oder auch nur darf, ex negativo bestimme – ähnlich ließe sich der Mensch keiner sozialen oder sonstigen Teleologie leicht einschreiben. Man könnte sich religiös in seiner Gotteskindschaft verkriechen und es statt Teleologie vielleicht Eschatologie nennen, aber welcher Gott würde diese Schöpfung wollen, die sich in einer vorgeblichen Mimesis an einen Popanz gefiele? Man könnte schließlich die Frage ignorieren, was stimmiger als die Argumentation, man sei naturgemäß, wäre, aber verspätet, wenn eine „Verantwortung, die uns zugewiesen ist, noch bevor wir sie akzeptiert haben” (Derrida), in der vorsätzlich ignorierten Frage lauerte...

Wir müssen etwas sein, das wir antwortend erfinden. Lichtenbergs bis heute zu bedenkendes Credo, es sei „der Mensch […] am Ende ein so freies Wesen, daß ihm das Recht zu sein (,) was er glaubt zu sein (,) nicht streitig gemacht werden kann”, ist die Entlassung in eine unbequeme Freiheit, der heute Regulative vorgezogen werden: wie alle zu sein, sich legal zu betragen oder gar natürlich zu verhalten,2 nicht zu rauchen, konservativ zu investieren, wenn überhaupt, dann Langweiliges, am besten Pseudo-Pikantes zu lesen, ... kurzum: die angestrengt Guten, die man vielleicht voreilig für langweilig hielt, durch Bravheit zu unterbieten.

Ethik heute ist kurzum paradoxerweise die Kunst, nicht allzu brav zu sein.

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