Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Kleines Plädoyer fürs Amoralische

Hamburg

Manchmal entscheidet der Kontext allein, ob etwas wahr ist – oder eine ideologische Waffe. Vielleicht gibt es Moral als Moral; vielleicht aber auch nicht, und es spricht doch einiges dafür, daß Rudolf Burger Recht behält: „Moral ist etwas für die kleinen Leute und sie sorgt dafür, daß sie kleine bleiben.”

Moral ist also integraler Bestandteil dessen, was Bildung heißt, wo diese auf Beherrschte appliziert wird – Ethik- statt Religionsunterricht, das mag bedeuten, Transzendenz durch jene spezifische Mutlosigkeit zu ersetzen, bei entsprechendem Betragen von der Obrigkeit (dem Chef als erbärmlicher Säkular-Gottheit) verschont zu werden.

Diese Haltung offenbart sich vermehrt: Das kleine Glück hat ein großes Comeback, wenn man nur nichts falsch macht, sind Vorstadthäuschen, Kleinstfamilie und mittelhäßliches Auto zu haben. Schon die Jugend interessiert sich bloß dafür, das neueste Smartphone zu besitzen, wo man dann miteinander doch immer nur lustige Bilder und Icons tauscht. Da entspricht man dann auch dem indirekt durchgesetzten Gebot von Spracharmut. Die NSA könne ja mitlesen – man könnte wie in früheren Texten angedeutet 1 mutmaßen, die NSA habe mit Snowden ihren größten Coup gelandet, nun weiß, wer publiziert, daß er gelesen wird, was man sich ja eigentlich wünscht – aber, man könnte ja bei was auch immer ertappt werden, zum Schrecknis in einer Zeit wird, die so postmodern ist, daß kein Anliegen ein Eintreten für selbiges rechtfertigte. Das ist übrigens dann das Epizentrum jener kleinen Moral.

Sowieso wird dieser Textarmut eines neofeudalen Zeitalters Vorschub geleistet, indem neue Computer gleich ohne Tastatur funktionieren – sie wird zum lächerlichen Relikt einer Zeit, als man noch erkannte, wie sich Logik in Grammatik spiegelt, wie Verbindliches entsteht, wie man kurzum der Realität, vor allem auch: der sozialen, sprachlich zuleibe rücken kann.

Die regressive Funktion der Moral wird bei zwei Berufsgruppe besonders unübersehbar, denen (theoretisch) Bildung eignet, wiewohl es oft eine moralisch aufgeladene Bildsamkeit ist, und eine Halbbildung, die sich so halb vielleicht auch wegen jener Bildsamkeit fühlt: „Bildung, welche […] sich selbst […] verabsolutiert, ist schon Halbbildung geworden.” (Adorno)

Zum einen sind dies die Ärzte, zum anderen die Pädagogen. Ärzte setzen heute längst eine Zwei-Klassen-Medizin um, weil viele Therapien möglich, aber kostspielig sind – und die beschränkten Ressourcen auf schier unbeschränktes Leid so verwendet werden, wie es die Gesetze des Kapitals befehlen. Dennoch ist ein Streik jener Ärzte, die nicht von Pharmakonzernen oftmals großzügig entlohnt werden und die Kapitalart der Expertise in jene eines fetten Aktienpakets transformieren (teils zurecht, teils vielleicht auch nicht), undenkbar; er entspräche dem Hippokratischen Eid nicht, der womöglich moderner ist, als es uns im 21. Jahrhundert lieb zu sein scheint.

Moderner als die gegenwärtig verbreiteten Konzepte von Pädagogik mag jenes der septem artes liberales sein; während eine Gesamtschule aufgebaut wird, worin zunehmend bildungsfrei für eine Arbeitsmarktfitness gesorgt wird, also Menschen gezüchtet werden, die das Kapital ihres Könnens nicht eines des Vermögens umdeuten können oder gar allgemein etwas unternehmen, die kurzum also Lakaien ihrer eigenen Denkfaulheit sind und dem System dienen, von dem sie glauben, es gewähre suum cuique (was es vielleicht stets nur in einem zynischen Sinne tat), während andererseits aber die Neofeudalen 2 ihren Nachwuchs längst dem privaten Gymnasium, von dem sie behaupten, es sei verstaubt, anvertrauen, während also Schule zum Herrschaftsinstrument wird, wo die einen pseudo-kreativen Gehorsam am Smartphone lernen, auf daß ihnen eine Inklusion in was auch immer widerfahre, während die anderen grausame, grammatisch und formallogisch abgebrühte Humanisten werden dürfen, fällt dem Plebs aber nur im Falle eines angedachten, eintägigen Streiks ein: Das könnte die Zukunft des Nachwuchses gefährden. Und die Pädagogen gehorchen – wahrscheinlich sind doch zu viele von ihnen der Inklusion (so oder so) zum Opfer gefallen…

Moral wird so amoralisch; zumindest ein Mangel an Kohärenz ist darum festzustellen; ob aber jene, die von dieser Moral derzeit noch profitieren, darum moralischer agieren sollten, ist schwer zu sagen – und nur unmoralisch durchzusetzen, um es vorsichtig zu formulieren. Vielleicht wäre dies ein wichtiger Schritt; zumindest: etwas amoralischere Beherrschte zu wünschen, die ihre Agenden wieder erkennen und vertreten wollten, zumal ein Kapitalismus, der feudal wird, verfällt: von Zinslast und Angst erdrückt wird, der induzierten Krise, die das Aufbegehren wäre, zuletzt bedürfte. Diese wird kommen, ob moderat oder barbarisch, dafür mag entscheidend sein, ob jene kleine Moralität beizeiten durchschaut und überwunden wird.

Fixpoetry 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge