Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Neofeudalismus

Hamburg

1. Paranoia?

Heute wird gerne über die Überwachung der Menschen durch die NSA nachgedacht, wiewohl sich nicht erkennen läßt, daß die, die über derlei nachdenken, dann neue Verhaltensweisen entwickelten. Vor allem wird kaum nachgedacht, warum die NSA und ihresgleichen Interesse an Dispositionen einzelner Bürger wie auch Gruppen und der Kontexte, die sie verbinden, haben – nämlich: haben müssen.

Denken wir über eine mögliche Interpretation des Interesses nach, so scheint es, als würde das System (und was das sei, will ich nicht voreilig definieren) Aberrationen suchen: Es geht um (1) einzelne Menschen, die relevant sind, wobei die Schwierigkeit, daß Relevanz sich aus einem Interesse herleitet und also subjektiv ist, sich aber auch genau darum oft nur verzögert zeigt, hier nur erwähnt sei. Vor allem aber geht es wohl (2) um kritische Mengen: die Quantifizierung von Akzeptanz, sodaß das System hier einen ungefährlichen Respons auf das, was ihm gestattet sei, erhält. Zynisch könnte man vermuten, daß (3) der (Irr-)Glaube, die NSA und andere Agencies wüßten alles, den Menschen Konformität nahelegt, womit Snowden zum Erfüllungsgehilfen wider Willen würde – es blieben einerseits Menschen, die, indem sie ihr politisches Narrativ nicht mehr artikulieren wollen (oder können), zu dem werden, was man Privatiers im antiken Griechenland hieß: zu Idioten; und es bleiben andererseits wenigere, die dann überwachbar würden, weil ihre Blogs und Threads Solitäre in einem Datenwust aus geteilten Sprüchlein und Bildern würden. Was sagt es denn aus, daß manche nun agieren, als wäre eine politische Einstellung etwas, das herauszufinden eines Geheimdienstes bedarf, den die Privatsphäre wahrscheinlich nur da interessiert, wo diese wiederum auf etwas schließen läßt, das in einer Demokratie öffentlich ventiliert würde?

Haben wir also Feinde..? Selbst als Paranoiker haben wir sie; unsere mögen uns sehr nahe sein. Die Augen sehen nicht, worauf man mit der Nase stößt. Zuallererst sind es wir selbst. Unsere Unsprache macht uns überwachbar, indem sie die, die noch sprechen, isoliert. Sucht die NSA Terroristen, muß man fragen, wer als solcher klassifiziert werde, ab wann ein System terrorisiert sei: „Wer […] über die Ordnung spricht, ist selbst innerhalb der Ordnung, oder aber seine Sprache ist nicht korrekt gebildet.” (Michel Serres) – Ist das in nuce … Terrorismus..?

Zugleich ist es unsere Unsprache, die unmittelbar unsere Intentionen besser auswert- und verwaltbar macht (immerhin ist im Moment die Menge an Daten etwa auf Facebook so groß, daß selbst der Betreiber dieses sozialen Netzwerks kaum mehr Aussagen über die Relevanz und Authentizität der exhibitionierten Daten machen kann, wie man auf faz.net nachlesen konnte), auf daß wir statt durch Narrative durch Interessen käuflich werden und stillhalten, ein panem et circenses-setting, gegen das samt seiner virtuellen Herrschaft, die nur zum Schein besteht und eigentlich wohl von den dressierten Bewachten selbst betrieben wird („es gibt Macht-Effekte, aber die Macht existiert nicht” – Derrida), anzugehen wäre, wie auch gegen den Umstand, daß als Komplement des gekauften Bürgers jener existiert, dem aus einer diffusen Angst sowieso nichts an Geisteskraft bleibt, was dann noch des Überwachens wert wäre.

2. Kapitalarten

Riskieren wir einen scheinbaren Sprung. Nach Pierre Bourdieu gibt es im Wesentlichen drei Kapitalarten, nämlich sozusagen genuines Kapital – Geld, Aktien, Güter –, dann aber auch Beziehungen und schließlich Wissen, was womöglich Einsicht in Herrschaftspraktiken beinhalten muß, wie man Bildung unsentimental definieren könnte.

Gegenwärtig wächst die erste Kapitalart, sie konzentriert sich aber zugleich auf immer weniger Menschen, deren Beziehungen man als zweite Kapitalart wohl auch florieren läßt. Das führt zu immer weniger Partizipation an der Geldvermehrung, weil Unternehmen immer schwieriger in dieses stagnierende System neu eindringen können, die Ausnahmen hiervon werden immer weniger. Die ärmeren Mitglieder der Gesellschaft werden finanziell und politisch marginalisiert, wobei hier die Frage aufkommen könnte, ob diese beiden Formen der Marginalisierung miteinander nicht fast identisch sind.

Das eigentliche Problem dabei ist, daß das System selbst dieses Ausbleiben von Risiko und exponentiellem Wachstum durch neue Ansätze vielleicht nicht verkraftet: das schrumpfende Wachstum und der eine oder andere Kollaps legen nahe, nicht daran zu glauben, daß es das zu tun vermag: Kapitalismus lebt davon, nicht durch die Zinslast weniger erdrückt zu werden. Er muß also systemisch gegen diese Zinslast von Pseudo-Kapitalisten, die in Wahrheit Feudalisten sind, eine Krise induzieren, der Feudalismus hingegen den Kapitalismus als seine mögliche Vorgeschichte verleugnen und beschädigen – daher rührt der Scharfsinn der Linken, die oft die besseren Kapitalisten sind: „Das Geld war der große politische Gleichmachungshobel der Bürgerschaft.” (MEW) Es muß genau dies bleiben, damit, sei’s qua Stiftung, sei’s qua Steuer, statt einer Zinslast, die fast zwingend auf Robot und Ausbeutung hinausläuft, Geld das Unternehmen als Prinzip ermöglicht, Geld nicht, indem es akkumuliert, zu etwas wird, vowon sich schwer sagen läßt, ob es noch Geld sei.

3. Kapital Bildung

Daher wird klar, warum nur Feudalisten Bildung suspekt sein kann, sie diese monopolisieren wollen, was freilich komplizierter ist, als Menschen einzureden, trotz miserabler Verzinsung ihr Geld konventionell anzulegen und es gerade aus Verlustangst so jenen zu geben, die es, indem sie es riskant anlegen, vermehren und vom Geld gerade soviel lassen, daß die Inflation es nicht zu sehr aufzehrt – ein Risiko ist es ja nicht, da die, denen die Banken dabei dienen, das Risiko auf die Banken abwälzen, die mit dem Risiko ihrerseits kaum Probleme haben: Sie werden ja gerettet, aus genau jener Angst, die zuvor zu den Spareinlagen führte…

Was allerdings an Besitz heute darum die Inflation eingerechnet schon negativ verzinst wird, ist das Kapital des Mittelstandes, dem man zuzugestehen hätte, daß eine Unternehmung zumindest temporär Akkumulation verlangt; während hier das Unternehmen beschädigt wird, wird ein Besitzen durch große Inverstoren und Banken, die kreativ Sonderkonditionen gewähren, bis heute gefördert und versichert: Das soziale Gefüge zollt Feudalisten wie dem Drachen Fafnir Tribute, die – man gestatte ein pars pro toto – auf den Cayman Islands Schätze horten, also alleine das erhalten, was der Sparer bloß erhofft, wie noch genauer zu sehen sein wird.

Bildung aber flottiert frei, weshalb man sie einerseits im Rahmen der Feudalisierung propagandistisch torpediert: Sie sei altmodisch und verstaubt. Das Gegenteil ist wahr, verstaubt sind die Motive und die poppige Rhetorik jener, die gegen sie agitieren. Bildung bedeutet (auch) Kompetenz in Bezug auf Herrschaftspraktiken, darum wäre ihre Verbreitung eine Erschwernis der Gouvernmentalität, die heute feudalen Strukturen Vorschub leistet – dort, wo in Ableitung des Dogmas, daß Bildung realitätsfern und antiquiert sei, wird heute also zeitgemäß ausgebildet: Geboten wird da ein Wissen ohne Reflexion seines Zustandekommens und seines Wertes, nämlich der Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft. Die Nützlichkeitsideologie, die es verbietet, Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen als rechtens zu gewähren, ist das Komplement, eher wird unterbezahlt gearbeitet, ein Idealismus, der ausdrückt, nicht verstanden zu haben, daß, wer ihm folgt, zerstört, was er zu stützen vermeint, nämlich das Soziale. Der Joker in The Dark Knight (USA 2008) ist ein am Feudalismus zerbrochener Experte, der doch in seinem destruktiv-anarchistischen Feldzug sagt, was hier ein längst verratenes Recht ist: „If you’re good at something, never do it for free!” Heute mag auch ein fehlgeleiteter Idealismus jener, derer man bedarf, die aber eine trügerische Sicherheit und dazu eine falsche Demut gegen ihr Unternehmertum, dem sie appliziert und als Supplement doch wesentlich sind, tauschten, dazu beitragen, daß postmoderne Raubritter den Kapitalismus, den sie propagieren, zugleich zerstören – ein Idealismus, der in Wahrheit die Demokratie preisgibt, der er interesselos zu dienen sucht.

Was macht Bildung bedrohlich? Sie ist wie gesagt eine der drei Kapitalarten, nebst Geldwerten und Gütern sowie Beziehungen; während Geldwerte ein (und sei’s schlechtes) Tauschen gestatten, aber zunächst stabil scheinen, während Beziehungen sich mafios in Geld konvertieren lassen, wobei auch dies stabil erscheint, distribuiert Bildung sich geradezu frei, Kant ahnte dies, als er betonte, Aufklärung sei „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit” – was zwar auch den „Mangel des Verstandes” mancher impliziert, die Vernunft ist also unvernünftig distribuiert –, aber zeigt, daß man sich hier eben selbst emanzipiert, nicht aus der Hand entlassen wird, wie das Wort nahelegt, sondern dies aktiv vollzieht, souverän. Feudalismus schätzt ein Übermaß an Souveränen nicht, es ginge ihm darum um die finanziell kontrollierte Weitergabe jener Herrschaftspraktiken, somit versteht sich, daß er also einerseits Bildung an sich beargwöhnt und zum raren Gut zu machen trachtet, das teuer ist, um es gleichzeitig als antiquiert den Bildungsfernen schlechtzureden.

Andererseits werden die Bildungsstätten selbst sogleich transformiert: Mit einer entsprechenden Begleitrhetorik werden sie nicht nur, wo sie beharren, denunziert, sondern zugleich schon Neue Mittelschulen dort eingeführt, wo Gymnasien neben Hauptschulen für eine gewisse Durchlässigkeit – zumindest eine Semipermeabilität – sozialer Schichten sorgen konnten; oder jetzt eben: könnten. Anders, als es lautstark verkündet wird, ist die gar nicht so hochmoderne Gesamtschule dazu da, eine bislang teils prästabilierte Teilung nun endgültig möglichst total zu etablieren: Wollt ihr die totale Ausbildung..?

Die Gesamtschule negiert dabei, was sie betreibt, wo sie stolz (statt verschämt) eine inner diversity zuläßt, indem sie sie als beliebige Entfaltung des Gleichen auf verschiedene Weisen schon verraten hat. Unterdessen sind die sich als Privatschulen erhaltenden Gymnasien der Hort der Herrschaftspraxis, die man sich – feudal – durch Schulgeld erkauft, auf daß die Gedanken nur mehr in alten, sentimentalen Liedern frei seien.

Wenn Bildungsreformen so betrieben werden, wie es derzeit geschieht, ist das also nicht weniger bedrohlich als die Übergriffe der NSA und unsere Reaktion auf diese. Wer da noch ruhig konstatiert, daß Dauerreformen schädlich sind, verkennt vielleicht das Programmatische darin – den Lehrer als schlechthinnige Instanz der möglichen Vermittlung von Bildung qua Evaluation und pseudo-moralischer Aufladung (sowie Didaktisierung im Sinne einer Infantilisierung dessen, was dann eben nur mehr Stoff ist) zu demontieren oder überhaupt, es gibt ja e-learning, zu liquidieren.

Schule ist also hier ein Mikrokosmos, an dem sich allzu deutlich ablesen läßt, was im Gange ist – eine kleine Welt, die die (gar nicht so) große abbildet, aber auch stören müßte: „Die Schule hat eine immanente Tendenz, sich als Sphäre eigenen Lebens und mit eigener Gesetzlichkeit zu etablieren” (Adorno) – und das könnte nicht nur ihre Crux sein, sondern zum Teil ebenso auch ihren Reichtum ausmachen.

4. Feudalistmus, Kommunismus, Kapitalismus..?

Würde man nun diese oder jene als Vertreter des Feudalismus brandmarken, würde man – selbst dann, wenn man träfe – irren: Natürlich sind tea party-Mitglieder nicht unverdächtig, aber in Wahrheit sind wohl wir alle auch dies. Wir sparen, ohne etwas zu unternehmen; wir votieren für Zinsen für unsere Vermögenswerte und empören uns über Stundungen von Krediten etwa für Griechenland, die in Wahrheit Stiftungen von Neuem sind und sozusagen genuines Unternehmertum auch unsererseits zu sein vermögen; wir sind illoyal und unsolidarisch gegenüber Schwächeren, die wir dazu machten uns zu etwas verkommen lassen, das dann in der Tat nichts kann und etwas will, also sozusagen zum real existierenden Zombie; wir lagern Produktionen aus; wir sind vom Besitzen und Besessenen besessen sind. Geschehen kann aber eher eine Transsubstantiation, als daß sich mit Goethes Mephistopheles versichern ließe: „(M)an weiß doch, was man hat”… Nur scheinbar ist die Unternehmung (und mit ihr das so erworbene Kapital) ganz dessen oder derer, den bzw. die das Exemplarische der Investition von eben jener löst: Deren Wahrheit ist nicht so konservativ, konservierbar zu sein, sie liegt darin, sie/sich selbst (das x, dieses Kapital) zu reinvestieren, und zwar in zukünftige Unternehmungen – doch: wessen?

Wir alle, die wir so gerne kapitalismuskritisch sind, unterbieten den Kapitalismus durch diesen Feudalismus. Zugleich lassen wir uns von dem, was uns korrumpiert, übervorteilen, verkaufen unsere Narrative für Interessen, wie wir sahen – und zwar zuletzt vielleicht noch jene, die sich mit Kapital vom Unwägbaren alles Kapitals freikaufen wollen, die durch Kapital die Kapitalflüsse stocken lassen, ihr Kapital einerseits schrumpfen lassen und andererseits den Referenzrahmen zum Kollaps bringen, jedenfalls vielleicht, der indes das Besessene insgesamt definiert. Feudalismus ist also etwas Depressives und darin vielleicht nicht ganz Unkluges – oder aber doch eine systemisch betrachtet reaktionäre Dummheit.

Der Kommunismus ist gewagter und weiß es vielleicht besser – wie auch der Kapitalismus, den etwa Obama advoziert, von feudaler Rhetorik darum als Kommunist denunziert. Es gelte, etwas zu unternehmen; Obama schreibt von Investionen und Verausgabungen: „Es ist schwer, den Nutzen solcher Veränderungen zu quantifizieren, weil er unermesslich wäre.” Das ist unbequemer als der ihm letztlich wohl fremde Yes we can-Messianismus, der vielleicht der These Benjamins von der „Ästhetisierung der Politik” entspräche, wo der weniger charismatische Satz Obamas ihn als Kapitalisten zeigt, der darum, ja, so ungewohnt das uns klingt, Hoffnungen rechtfertigt.

Wie müssen nichts unternehmen, doch wir müßten etwas unternehmen – das ist das Paradoxon unserer Welt. Wir haben Geld, aber unser Haben ist so trügerisch: Geld zu akkumulieren, das bedeutet, daß Geld gleichsam nicht mehr Geld ist. Darin sind sich Kommunismus und Kapitalismus einig, die darum eher einander (exegetisch) integrieren (können), als dieses Besitzen: falls man nicht gar so weit geht, beiden zuzusprechen, das jeweils scheinbar Andere „als vitalen Ausdruck ihres eigenen Systems zu absorbieren” (J. Vogl) sei ihnen bestimmt.

5. Mutlose Zeiten?

Wir leben in mutlosen Zeiten, Batman als ihr Held ist ein nicht nur dunkler, sondern vor allem verspäteter Ritter, ein fragwürdigerer Don Quijote, der als adeliger Polizist die Verhältnisse hochhält, die der Joker korrumpiert oder doch nur als korrupt entlarvt – dessen Komplize wird jener Bruce Wayne, der selbst integer doch an einer Gesellschaft nicht rüttelt, die so obsolet wie sein Rittertum ist und von ihm politisch oder sozial nichts erwarten darf. Erstaunt, daß Batman – wenn auch nur temporär – einen Übergriff auf Daten begeht, der (in aller Kindlichkeit, in der dies visualisiert wird) doch heutige Einsichten seltsam antizipiert? Ist Batman dann noch eine politisch wirkungslose Nostalgie oder bereits der neofeudale Vampir, ist dies das Wesen der Fledermaus? Was sagt es aus, daß wir das Schrecknis Draculas zum beschützenden Vigilanten umdeuten können, und noch mehr: wollen?

Man kann vielleicht konstatieren, daß diese Posthistorie so sehr zurecht für diese Zeit ausgerufen wurde, daß wir dem (scheinbar) objektiven Sachverhalt etwas entgegenstellen, etwas entgegen-formulieren müssen. Wir brauchen darum den Unternehmergeist, der paradox gerade in der Poesie sich verbirgt, vielleicht werden es Foren wie dieses sein, die – prima vista eskapistisch – in Wahrheit neu erfinden, was unsere Wahrheit ist und sein soll.

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