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Essay

Zombies..?

Hamburg

In memoriam George A. Romero
* 04. Februar 1940 in NYC
† 16. Juli 2017 in Toronto

Der Zombie, wie er heute in Filmen oder Fernsehserien umgeht, ist eine Figur, deren Verbreitung erstaunt. Sie erstaunt, weil der Zombie eine Figur ist, die weniger als jede andere aus dem Bereich des Horrors wohligen Grusel gestattet. Der Grund dafür ist, daß sie nicht Täter ist, jedenfalls wäre es billig, es so aufzulösen; und Romero, der das Genre geradezu begründete, löste es nie so auf.

Während beim Vampir zumindest insofern alles klar ist, als er eine Karikatur und/oder Überhöhung des Feudalherren ist, der seine Untertanen bluten läßt, dabei freilich verführerisch, wie es Macht immer sein mag, zumal, wo Dracula es ist, der dann seinem Opfer doch auch treu den Hof macht, ist beim Zombie alles unklar. Der Vampir ist böse, ungeachtet dessen, ob jene, die den Feudalisten als Störung aus dem Kapital(-blut-)kreislauf wie ein Gerinnsel entfernen, besser sind – oder bloß Kapitalisten, die effizientere Formen des Parasitierens gefunden haben; beim Zombie kann man nicht einmal das so sagen.

Zombie: Dazu wird ein Mensch, und zwar, indem er stirbt und dann wie auch immer aufersteht und an der Gesellschaft der Lebenden wieder teilweise und auf aus Sicht der Lebenden ungute Weise teilhat. Es bedarf nicht allzu großer Phantasie, das so zu lesen, daß der Zombie aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurde, die sich dagegen als jene der Menschen definiert und dazu Mensch und Menschenwürde nicht als universelle Begriffe, sondern polemische Formeln ge- oder mißbraucht. Das, was in diesem Moment schon ein Privileg ist, nämlich das (dennoch universelle) Recht, „sich frei zu bewegen”, wird jenen dabei zuallererst entzogen, die von dieser Universalität wissen: den Schreibenden, den Vertretern einer koine, so Derrida.

Darüber, ob der Zombie sich tatsächlich so von den Menschen unterscheidet, könnte man also zumindest streiten – und selbst im Falle des Unterschiedes wäre zu fragen, ob seine Marginalisierung nicht seine Entmenschlichung verschuldetete; und, inwiefern die Exklusion, fortgesetzt als jene, der Zombie nun sei, nicht jene Gesellschaft delegitimiert, die unmenschlich gegen vorgeblich Entmenschlichte handelt.

Darum geht es bei den Zombies, die sich übrigens nicht an die Exklusion noch qua Genre halten, man denke an Jelineks oder Maneas Werk, worin es ja auch Untote gibt ... solche, denen man das Recht auf Rede, Übersetzung und Menschlichkeit nimmt, etwa denen, die als Flüchtende für uns womöglich Schutzbefohlene sein müßten – und nun, weil sie es uns nicht sind, verzweifelt dies sagen:

„Wir achten darauf, weder vorlaut noch zu breit noch zu ausführlich noch zu schleppend noch zu schnell noch zu langsam im Reden zu sein. Nichts davon können wir sein, wir sprechen Ihre Sprache leider nicht, wo ist der Dolmetsch?, wo ist er hin?, Sie haben uns einen versprochen, wo ist er, wo ist er denn, wo ist der Mann, der Ihnen sagt, daß wir weder zu schleppend, zu langsam, noch zu schnell reden sollen? Wer sagt Ihnen das?”

Nicht einmal das zu sagen wird ermöglicht, Ankommen wird schon Auslagerung. Stattdessen wird der Angekommene entstellt, durch sein Elend, durch seine Zurichtung in den Diskursen (oder Bildern) jener, die ihn zum Monster machen wollen, etwa in der Serie The Walking Dead, die zu den interessanteren Werken nach Romero zählt:

  – aus: The Walking Dead (US 2010ff.) –

Und er wird nicht nur zum Flüchtling nominalisiert, als ob er nur das wäre, er wird auch zur Menschenflut, ebenfalls im Zombiefilm gezeigt:

– aus: World War Z (US/MT 2013) –

Dabei, man verstehe es nicht falsch, dekonstruiert das Genre eben dies, jedenfalls in der Regel, Romero hackt sich wie insgesamt die klugen Vertreter des Genres sozusagen in das reaktionäre Narrativ, um zu zeigen, was da geschieht.

Bei ihm wird lesbar, daß Ausschließung fragwürdigen Interessen folgt, so, und damit kommen wir zur Bilderwelt Romeros, in Night of the Living Dead (US 1968), worin der Mensch, der in der Zombieapokalypse davongekommen ist, aufgrund seiner Hautfarbe von den Ordnungskräften doch noch als Zombie erschossen wird, was die Fragestellung des Filmes und dessen Fokus zuletzt radikal ändert. Gezeigt werden Zombies, jedoch: um eine eine sich als Elite emfindende Rassistenbande zu dekonstruieren.

– aus: Night of the Living Dead (US 1968) –

– aus: Night of the Living Dead (US 1968) –

– aus: Night of the Living Dead (US 1968) –

Ähnlich ist es in Romeros viel späterem Werk Diary of the Dead, worin der Ausbruch im Problem- und Ausländerbezirk erfolgt, wie betont wird, worauf wiederum die entfesselte Gewalt eher denn die Zombies, als ob es sie gäbe, Thema ist ...

– aus: Diary of the Dead (US 2007) –

... hier zuletzt gegen alles, was die stupid white men bedrohlich finden, insbesondere: Frauen. Ein weiblicher Zombie wird an den Haaren aufgehängt, mit einer Schrotflinte wird auf die untote Frau dann geschossen – ihr Blick bleibt und überdauert die Entstellung durch die, die das Menschliche zu definieren behaupten.

– aus: Diary of the Dead (US 2007) –

Menschlich sind die Zombies, und sei’s im Lächerlichen und Häßlichen; im Sequel zu Night of the Living Dead, nämlich Dawn of the Dead (US/IT 1978), frappiert die Ähnlichkeit der Menschen mit den Zombies, dem exkludierten Echo dessen, was ein normales Leben hätte sein sollen, als diese nicht zufällig in Einkaufszentren umgehen.

– aus: Dawn of the Dead (US/IT 1978) –

In Day of the Dead (US 1985) – Fortsetzung nun wiederum von Dawn of the Dead – arbeitet ein Forscher an der Konditionierbarkeit und/oder Humanisierbarkeit eines Zombies.

– aus: Day of the Dead (US 1985) –

– aus: Day of the Dead (US 1985) –

Die Exklusion ist es, um die es geht; das Ausschließen, derer, die Zombies seien, aber auch der Anti-Ästhetik, mit der das Genre zugleich spielt, bis hin zur Bagatellisierung des (Dennoch-)Tötungsaktes durch so etwas wie Ästhetik, zum Beispiel in Ruben Fleischers Zombieland, v.a. beim fragwürdigen „zombie kill of the week”...

– aus: Zombieland (US 2009) –

Hier müßten aber auch Ästhetisierungen und Ironisierungen diskutiert werden.

– aus: Michael Jackson, Thriller (US 1982) –

 

Exklusionspolitik … die Flüchtenden fluten nicht herein, doch die Anlagen suggerieren es, mit großem Aufwand errichtet: statt geregelte Verfahren vorzulegen, Grenzen zu haben, aber: sie zugleich als Rechtssicherheit und als eben doch gerade mögliches Ziel zu denken, nicht als Ausdruck von Privilegien1– und hier sieht die Realität schlimmer aus, als das, was sich die Macher von The Walking Dead ausdachten.

– aus: The Walking Dead (US 2010ff.) –

Foto: EU-Außengrenze, Die Presse, 7.2.2012 –

Kann, so fragen die gelungenen Texte und Filme des Genres, eine Gesellschaft, die allgemein mit Alterität so umgeht, eine Identität haben, die Zukunft haben kann und soll..?

 

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Umfassendere Überlegungen des Autors erscheinen 2017/18 in einem Band zu Globalisierungsdiskursen, der auf einer Konferenz an der HU Berlin vom 12. Juli 2017 basiert. Die Teilnahme daran ermöglichte mir – wie so vieles – die Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn.

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