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Essay

Das Plothener Starenwunder

Hamburg

Zwischen den Umgebindehäusern  in der Orlasenke düngen sie wieder, sprühen straßenbreit braunen Strahl auf den tonighellen Acker. Reimen und Witzeln: "Im April der Bauer den Traktor anspannt, fährt Kuhdung und Schweinejauche aufs Land." Jenseits der Kirschen-Allee mit den berstenden Knospen 'tiriliert' eine einzige Lerche. Die Birke über dem Tümpel hat der Wind krummgeweht. Fleckig wie ihr Stamm aus Grau und Weiß steht der Himmel über dem falbbraunen Feld, aus dem beim Weiterfahren vier kürzere um einen dickeren höheren Bleistift erscheinen, die sich näher heran als Tochtertürme um den Mutterturm des mittelalterlichen Wehrturmes von Oberoppurg entpuppen. Immer höher, je näher wir kommen, wächst der Wehrturm aus Schlehenheckenbraun, ein Schlehbusch ist in weißen Schaum aufgegangen am oberen Hang. Der Pfarrer schließt auf mit dem kinderarmlangen Petrus-Schlüssel, wir erklettern die Wendeltreppe, um dem breitem Schulzenhof von oben herab in die Eingeweide schielen zu können, um weiten Ausblick über die Orlasenke bis in die Holzlandhöhen zu haben.  Plothen im Teichland. Oberoppurg. Schweinitz. Auma. Pößneck. Neustadt an der Orla. Im April 1992. In allen Ortschaften haben die Verwandten große und kleinere Umgebindehäuser besessen. In der Talsenke stehen die Haseln und Kräuselweiden in zwei schmalen Reihen den Bach entlang, hinter der Biegung das Dorfnest aus Fachwerkquadraten unter vermoosten Ziegeldächern. In den Talmulden nisten die Angerdörfer zwischen Plothenplatte und Orlasenke, haben fränkische Türen in erntewagenbreiten Toren, unter archaischen Fruchtbarkeitssymbolen wie der Sonne im Oberfeld. Slawische Spuren in Namen und Bauten aus Bohlenbalken, Umgebinde genannt. Wie man sie sieht am Gutshof unter dem Wehrturm. Unter den Türmen die Häuser; wir klopfen, ein dünner bärtiger Mann in Arbeitskleidung öffnet. Zeigt uns bereitwillig Bohlenkammern im Wohnhaus, Stall und Scheune mit Durchgang, Wagentor unter schnörkligem Schlussstein. Im Hof schläft zwischen Mischmaschine und Windelleine der Säugling. Alles selber machen, anrühren für die Gefache Stroh und Lehm. "Da haben Sie viel zu tun. " – "Lebenslänglich." ----  Holger Poßner erweist sich als eine neue Art Held, als 'grünen Kämpfer', sanft wie sein Ziel, formuliert den Spruch neu, nach dem leben heiße: Kind zeugen, Haus bauen, Baum pflanzen. Kind zeugen, das tat er, der Säugling sitzt, während der Vater erzählt, auf Mutters Schoß im behaglich eingerichteten Obergeschoss über der Bohleneckstube. Holger Poßner kommt gern darauf zurück, guckt später aus dem Scheunengebälk und sagt seinen Spruch vom Lebenswerk: "Heute heißt: Haus bewahren nicht in die Hölle fahren, Baum erhalten, Haus gestalten."  Aber wer hält das aus, fragen wir ihn, an zerfallenden Bauten herumzuretten lebenslang, samt Kindeskindern, die sicherlich sagen werden, fort mit der Hütte, bloß weg, ab in die Stadt. Der Denkmalschutz gab Herrn Poßner für das Millionenobjekt zehntausend Mark, und noch immer ist kein weißes Schild mit blauen Keilen des Denkmalschutzes an dem prächtigsten allen Gebälks genagelt, hier in Südostthüringen an der westlichsten Grenze mitteleuropäischen Umgebindes. Schönes Wetter wird es gäben. Erscht mal Rägen. Bringt klare Sicht, brillantenfunkelnde Farben. Wetterbäume, Wolken wie Bäume, hat der Windmüller bei den Beßers in der Wassermühle gesagt, die in Neustadt steht, an der Orla, die Maimühle. Wetterunken. Auf Wiedersehen. ---- Wir reisen zwischen dem Plothener Teichland und der Orlasenke hin und her unter dem wechselnden Licht des April, unter Sonne und Regen. Suchen und finden Bauernkirchen und restliche Umgebindebauten. Das ganze Nest Schweinitz, die Kirche mittendrin zwischen den Bauerngärten mit Feuerbohnen an Stangen, den haarigen Lilaglocken der Küchenschellen, eine alte Frau bindet Erbsenpflänzchen an Reisig. Eine kleine Lindenallee führt zum Umgebindehof mit der wetterschwarzen Oberlaube aus Holz, innen Tapetenfetzen und Möbeltrümmer, von Bohlenwerk keine Spur. Hühnerscheiße im Schuhprofil, das ist Denkmalschutz. Es hat vierzig Jahre lang kaum neue Untersuchungen über Regionales gegeben; zum Glück hat mir der Kollege Andreas aus Auma diese zerfledderte Studie aus dem Bücherschrank seines Vaters in die Hand gedrückt, der dort Pfarrer gewesen sei, zur Information über die Plothener Teiche gegeben und auch die Empfehlung an seinen Amtsnachfolger Krause aus Berlin, übrigens auch sehr an Denkmalschutz interessiert. Und er hat diesen Bilderbogen-Film in Auftrag gegeben.  ----  "Schau mal, wie das im hellen Aprilnachmittag blinkt". Teich an Teich, manche sind Seen, andere Tümpel und Pfützen, ein Feld, ein Wäldchen, die sich spiegeln, aber vor allem Wasser, Land dazwischen oft nur ein Damm, dann spiegeln sich die Baumreihen doppelt, Bäumen wanken im Wind, verschwimmen unter beweglichen Spiegeln. "Wie viele Teiche sind denn das?" -- "Mal lesen: 'Meisterwerk . Das zentralgelegene Gebiet der Teiche steht terrassenartig zueinander in Verbindung. Der Fürstenteich ist mit dem 1500 m entlegenen Moosteich durch einen langen Horizontalgraben gleich kommunizierenden Röhren verbunden. Letzte exakte Zählung 1929 durch Martin Müller: 1185 Teiche im Hauptgebiet, 1585 mit angrenzendem Gürtel; ursprüngliche Schätzung 2000."

Kameramann Andreas erinnert sich:  Ostern ist gewesen, eingeschult der erste Sohn des strengen Lutheraners, der seinem Dorf ein wenig zu viel von der Höllenqual predigt. Der Vater läuft während der Osterferien bei den Muttergroßeltern in Plothen Tag für Tag mit Andreas durch das Teichland. Das Kind merkt, wie seine Hand ihn leichter fasst, bis der Vater umherblickt und aufatmet. Lebensfreude im Freien. Unter den Wolken die Teiche und Tümpel und Pfützen, der Wind bewegt die Wasseroberfläche, die Spiegelungen verschwimmen, treibt mit den Blättern vom Vorjahr alles Finstere fort. Um die Teiche blüht hell Huflattich aus dem verfilzten Winterried, unter hart geknicktem Rohr gelbfettige Sumpfdotterblumen, einzelne neue Halme, das ist alles, was von der berühmten Froschlöffel- und Teichrosenflora da ist so früh im Jahr. Darum liebte das Kind Andreas mehr als die Häuser die Teiche. Die Plothener Platte in den Ferien; südwärts mussten sie fahren, und doch wurde es immer kälter. Dann hatte der Vater Zeit, er war eigentlich nicht mehr der Gleiche. Vom Himmel auf die Erde der Vater versetzt, wurde dem Kind die Gegend zum Paradies aus unzähligen oft nicht sichtbaren Singvögeln, die man hörte, sah er einen, staunte er, wie vielgestaltige und laute Töne aus einer einzigen winzigen Kreatur kommen konnte. Auf den Teichstegen standen die Reiher, er unterschied sie an der aufrechten Haltung, mit zurückgelegtem Federkopf, sie waren wie feine Frackherren. Wie derbe Gesellen dagegen die Schwäne, die flogen plump und nicht hoch, die Reiher elegant und über die Fichtenwipfel davon, saßen erst lange in den oberen Zweigen, ein, zwei Dutzend manchmal, nie konnte Andreas erkennen, was sie bewog, dass sie wie auf ein Signal davonflogen, er belauschte sie, sah nie das Signal, nur dass immer einer unter allen sekundenlang unruhig wurde, ehe sie aufflogen und durch die Luft segelten. Anders war es bei den Staren, die schwirrten in Spektakel zu Tausenden herunter und fort. Das "Plothener Starenwunder" fuhren sie zur Zugvogelzeit in den Kartoffelferien besichtigen; auf dem Rohrteich, den die Oberländer inzwischen den Starenteich nannten, setzten sie sich - ein jeder Vogel grauweißgesprenkelt genauso lang und hoch wie die Schilfkolben oder Riedrüschen - je auf einen schwankenden Halm, so verbrachten sie leise querelend die Nacht, schwirrten morgens auf, sehr hoch, da war der Himmel dunkler als bei der größten Gewitterwolken, die zu der Zeit nach ihnen gern stürmisch über die tausend Teiche herfielen und zerbrochene Bäume und abgedeckte Häuser hinter sich zurückließen, Flurschäden wegen Windbruch und zerzauster Äcker.

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