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Essay

Lacoste de Sade

Zu Film Reisewege zur Kunst.
Hamburg

Von den hohen Lubéronbergen geschützt, stauen sich Licht und Wärme im Talkessel. Nun ist das Durancetal Obst-, wein- und Gemüsegarten Frankreichs geworden. Weit ausgedehnt sind die Plantagen, duftendschön in der weißen und rosévioletten Baumblüte im April und im Sommer mit ihren Früchten, die an den quergeleiteten Spalieren wie Perlen aufgereiht sind, groß und rund in ihrer Vielfalt. Sie leuchten farbig vor dem Hintergrund des schwarzen Felsengebirges.

Mittelpunkt des Agrargebiets im Durancetal ist die Melonenstadt Cavaillon. Ein de Sade ist dort Bischof gewesen und eine Tante Äbtissin. So blieb der Reisende weiter auf der Spur der Familie de Sade und ihrem Stammschloss Lacoste. Das Cafe' am Marktplatz heißt "Fin de siècle" und erzeugt mit dem braun verräucherten Stuck an der Decke auch eine Stimmung von gestern. Mit seinen gemalten Schäferidyllen an den Wänden ist es mehr noch ein "Vachement rétro". Friedlich koexistieren diese Darstellungen von Schäferspielen mit den Flipperspielen neuzeitlicher Technik. Kontraste sind hier drinnen ebenso ver- eint wie in der Landschaft draußen. Zu den Widersprüchlichkeiten des Lubéron und seines Umlandes gehört auch die Persönlichkeit des Marquis de Sade, der aus provencalischem Adel stammte. Das einseitige Bild vom "sadistischen" Psychopathen wird ihm nicht gerecht. Er ist außerdem Autor vieler Schilderungen von Landschaft, Land und Leuten und war auch eine Art Naturphilosoph:

"Nach einem mehr als zweistündigen Marsch erreichten sie ein Schloß über der Tiefe eines ausgedehnten Tals, umschlossen von Hochwald, was dieser Behausung ein düsteres und wildes Aus- sehen verlieh. Das Schloßtor lag hinter dichtem Unterholz und Weißbuchenhecken gänzlich verborgen."

So beschreibt Donatien Alphonse Francois de Sade in seinem Roman "Die neue Justine" ein Schloss. Ein Stück Alltag des Marquis de Sade tut sich erst jetzt der Öffentlichkeit auf, es ist hier erstmalig gefilmt worden: Schloss Saumane. Diese Festung nördlich vom Lubéron ist erst viel später, seit dem 12. Jahr- hundert an die Familie de Sade geraten. Zum Alltag der Ahnen gehörte, dass ein sich in der Achse drehender Stein die Fensterhöhle verschloss. In Schloss Saumane hat de Sades Onkel sein Buch über Petrarcas Laura geschrieben, die einen de Sade geheiratet hat. Der Marquis selbst hat im Gefängnis, das der Festung Saumane ähnlich war, von der Vorfahrin Laura geträumt:
"Laura verdreht mir den Kopf, ich bin wie ein Kind. Nachts träume ich von ihr. .. es war um Mitternacht, und plötzlich erschien sie mir. Ihre Augen hatten noch das gleiche Feuer wie damals, als Petrarca sie rühmte: 'Komm zu mir. Kein Leid, kein Kummer, keine Unruhe sind in dem unendlichen Raum, in dem ich wohne. Habe den Mut, mir zu folgen. "

Hier hat de Sade als Kind gespielt und sich wie in einer Gruft gefühlt. Allein. Um frühkindliche Prägungen hat de Sade lange schon vor Freud gewusst: "Nun, wenn wir zugeben, daß der Sinnengenuß immer von der Phantasie abhängt, ja, daß er immer von ihr gelenkt wird, dann darf man sich weder über die zahlreichen Abarten der Befriedigung verwundern, noch über die unendliche Vielzahl der verschiedenen Neigungen und Leidenschaften. Es besteht keine Veranlassung, eine wunderliche Tischsitte weniger bemerkens- wert zu finden als eine sonderbare Bettgewohnheit. ." Im Mutterschoß ist es, wo sich die Organe bilden, die zu dieser oder jener Phantasie befähigen. Die ersten Gegenstände, die man gezeigt bekommt, die ersten Reden, die man vernimmt, bestimmen dann endgültig deren Bereich,' die Neigungen formen sich, und nichts auf der Welt kann sie nun noch zerstören. "  Sexualsymbole seien Treppe und Nische, oval wie "Ovula" - Geburtshöhlen oder Gruft in Schloß Saumane? Die Hauskapelle im Wandschrank? Auch im Spannungsverhältnis von Sinnlichkeit und Religion, Kunst und Kitsch wird dieser Überraschungsspuk de Sades Geist gerecht.

Drei Kilometer entfernt liegt im Tal die Fontaine de Vaucluse, Quelle der Sorgue und der Ort, wo Petrarca seine "Sonette an Laura" schrieb. Vierhundert Jahre später schrieb der Abbé de Sade droben auf der Burg Saumane ein Buch über beide, Laura und den Marquis - die geistigste und die körperlichste Auffassung der Liebe in ein und der gleichen Familie. Petrarca besang die Ahnin de Sades:
" Se I'asso, ond'epiu chiusa questa valle, Di che I'suo propria name si deriva . . . "   weiter S. 5
Dieses Bekenntnis ist im 16. Jahrhundert in den Madrigalen des Gesualdo zur Musik geworden: "Du meine Schöne, da du dich entfernst, Nimm fort mit meinem Herzen meine Qualen. Wohl kann fühlen ein gemartert Herz Die Qual des Sterbens, Jedoch die Seele ohne Herz Nicht spüren den Schmerz. "

Hören und sehen
müssen vergehen
um neu zu erstehen.

Euphorbia, ein Wolfsmilchgewächs, "Unkraut" im "Unland", daneben die wilde Narzisse. Das wildwachsende Knabenkraut ist eine Orchidee - das Unscheinbare und das Prächtige umfasst das "sanfte Gesetz" der Naturmystik. Die Lubéron-Landschaft ist so "schön wie gemalt". Die Abwandlung der Erde durch Menschenhand ändert aber auch die ästhetische Wahrnehmung von Landschaft. Es entsteht die "geometrische Landschaft" - hier durch die Urbarmachung der Wildnis inmitten von menschenabweisender karger Natur. Dieses Menschenabweisende behält das Lubéron hinter seinen als ästhetisch empfundenen Formen. Die "liebliche Landschaft" als Darstellung in Kunst und Natur hat sechs Elemente: Bach, Baum, Wiese, Blume, Vogelsang und "Zephir", den lauen Westwind - in diesem Fall mehr den rauhen Mistral. Die abweisende Natur zieht manche Menschen erst recht an, reizt zum Bezwingen. Heute sieht man von weitem die winzigen Bergsteiger in den senkrechten Steilwänden des Aigebrun, wo in der Verlassenheit der Felshöhlen früher die Einsiedler "Gott gesucht" haben. Ober den fortwährenden Kreislauf der Natur hat de Sade nachgedacht:

"Alle Menschen, alle Pflanzen, alle Tiere wachsen, leben und zerstören sich gegenseitig durch dieselben Mittel; ein wirklicher S.14.) Tod findet nie statt, sondern nur eine Veränderung. Alle Wesen, die also eine Wirkung gegeneinander ausüben, die sich vernich- ten, die sich unendlich fortpflanzen, erscheinen in dem einen Augenblick unter der einen Form und dann wieder unter einer anderen. "
Am Ende hat dem Suchenden der unendliche Leib der Landschaft mit ihren Bergrücken, Wasserarmen, Seenaugen und Gesteinsnasen - ein Gesicht! Einsicht in den Kreislauf der Natur offenbaren Zitate eines de Sade, den wenige so kennen, wie sein "Testament" ihn verrät:
"Sobald das Grab zugeschüttet ist, sollen Eicheln gesät werden, auf daß später Bäume daraus keimen, und das Gehölz wieder so dicht wird wie vorher."

Heimreise: Die Landschaft der Widersprüche oder der Vielgestalt des Lubéron wird verlassen. Neben dem grünen Aigebrun liegt die dürre Hochebene der Claparèdes. Wer auf das Lubéron hinweist, will Aufmerksamkeit für das Leise wecken. Bescheiden sind die meisten Stätten der Kunst, unscheinbar die Orte. Doch sind sie einig mit der umliegenden Landschaft. Ihre Darstellung kann die verschiedenen Sinneseindrücke zusammenlegen und bewahren. "Von Menschenhand unberührt", wild, gibt der Dichter Frederic Mistral dem "Leberoun" im provencalischen Versepos "Nerto" eine eigene Schöpfungsgeschichte - vom Wettbewerb des Teufels mit Gott:

"Gleich in den ersten Schöpfungstagen
Begann, so melden alte Sagen,
Mit Felsgestein das Meisterwerfen;
Für den, dem dies unglaublich scheint,
Liegt, als Beweis, des Teufels Wurfstein
 Am Leberoun."

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