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Essay

SUB ROSA

Hamburg

Wissen Sie, die in Betontürmen wohnen, wie es ist, in einem Haus mit Rosen über dem Dach zu wohnen? Der Rosenstamm führt an meinem Fenster vorbei in die Höhe, bis zur Traufe, über der er das Mansarddach breit überwuchert, schützt das Haus gegen Unheil und hütet gut sein Geheimnis. Der Hag hätte den Kamin zugeheckt  und uns erstickt im wuchernden Schutz, wenn nicht alljährlich das Winterfeuer die Dornenranken absengen würde; im November ersetzt beißender Qualm den Apfelduft der weißen Blütenkugeln, über die ich mich beuge jeden Morgen im Juni. Im Juli quellen die Zweige zum offenen Fenster herein bis zum Schreibtisch; aus den Knospen, die sich in der Wärme öffnen, fallen die schwarzen Käfer; aus ihrem Blütenblattnest knallen sie auf das weiße Papier, ich zerdrücke sie knirschend, das Blatt ist verdorben. Von Zeit zu Zeit lege ich die frischen Triebe von der Fensteröffnung beiseite, senke die Augen und folge dem holzigen Stamm hinunter bis in den verwildernden Garten, schweife den Blick durch das blühende Gestrüpp zum leeren Brunnenrondell, über den Schmiedeeisenzaun und die Straße in die Baumkronen des Barfüßerfriedhofs.

Gepflanzt wurde der Rosenstock nach Erbauung des Hauses durch den Arzt Arcularius, Medizinprofessor zu Marburg an der Lahn; die Villa steht im Garten, der über der drei Mete hohen Bruchsteinmauer in der Barfüßerstraße unweit vom Barfüßertor beginnt und sich den Schloßberg hochzieht. Der Urgroßvater meiner erwachsenen Kinder hatte das Haus bauen lassen nach Vorbildern historischer Schlösser mit Türmchen und Erkern und gotischen Fenstern und Maßwerk, ein Spukschloß umso mehr, als seine Urne im Garten beigesetzt ist; Einäscherung wurde unter aufgeklärten Naturwissenschaftlern damals 'umweltfreundlicher' Brauch. 'The Castle of Otranto' nennen die Anglistik-Studenten die Villa, und daß der Erbauer als Vampir spuke, sind bierselige Witze von denen, die gern einziehen möchten. Dort, wo heute das Holz lagert in der Remise hinter dem Haupthaus, standen früher Kutsche und Pferde. Mit denen fuhr der Arzt und Ahn Arcularius über Land zu seinen Kranken, bis hoch in die Hügel der Hinteren Schwalm. Kam in Holzburg eine Trachtenfrau mit einem Mädchen an der Hand, Spitzen und Bommeln unter wippenden Kurzröcken, schwarz Rock und Bezzel der Schwälmerin, rotseiden das gleiche Mützchen des Mädchens über dem gezwirbelten Haarschnatz, so sagte der Großvater: "Bub, guck, Rotkäppchen mit Großmutter kommt.

Wo am Basaltkegel der Amöneburg noch heute die Schafe zwischen Heckenrosen und grauen Basaltstöcken grasen, da hat er sich vom Schäfer und vom Imker berichten lassen, was der über Heilkräuter wußte. Während der Arzt mit ihnen redete, sich Spitzwegerich einwickeln, Propolis und Gelée Royale abfüllen ließ, habe ich ihre Pflanzensprüche in ein Schulheft geschrieben: >Geeschen Gischt nimm Wegerisch. In Äppelwoi unn Honisch misch!<

Durch den Ebsdorfer Grund sind wir weiter gefahren, durch die Kornfelder und Apfelweiden der Wetterau bis zu den schwärzlichen Türmen der Münzenburg; hinter Kloster Arnsburg hat er wieder angehalten, ist ausgestiegen, um Pflanzen und Kräuter von Wiesenrainen zu pflücken, im Frühjahr lila Gundelrebe gegen Geschwüre und die weißen Schirmchen der Großen Bibernelle wegen ihrer ätherischen Öle im Sommer. Als Arzt und Gynäkolog an der Universitätsklinik hat er auch die alten Kräfte der Pflanzen studiert, ihre Giftsubstanzen, tödlich und heilend, hat in Roggenfeldern das schwarzwuchernde Mutterkorn gesucht und auf maigrünem Waldboden die aroingiftige Drachenwurz. >Gucke da, den Schneck, wie er die Pflanze faulig-schleimig befruchtet. Die Leut nennen's Aphrodisacum nach der Liebesgöttin Aphrodite. >Die Wurtzel mit Wein getruncken machet Begier zur Unkeuschheyt'.< Nicht nur komisch hat er solche Weisheiten aus der Naturkunde der Hildegard von Bingen gefunden. Nicht nur sie, auch andere Ärzte und Dichter, Heilige und Hexen, die daraus ihre Flugsalben machten, habe der Gefleckte Schierling, conium maculatum, bezaubert. Verzaubert mit Zaubersprüchen:

>Beruehret nicht den Gefleckten Schierling, conium maculatum. Stark ist sein Gift. Sokrates trank es im Wein. Zwar, in die Schleimhaut gerieben, baendigt es wilde Gelueste des Leibes, Zuvor erhebt es die Seele zum orgiastischen Flug!< Solche Beobachtungen nahm er in seine Forschungen auf und wurde zu seiner Zeit dafür verlacht. Der Name steht schon von seinen Vorvätern her auf einer der hohen Steintafeln in der alten Fakultät der Philipps-Universität mit den bleiverglasten Spitzbogenfenstern hinter der Linde, Ecke Hirschberg-Reitgasse. Als Kind guckte ich gern die Namen entlang auf den Tafeln. Meinen und den einiger Freunde fand ich darauf: A wie Arcularius, B wie Bucerius, C wie Curtius. Die frühesten Namen auf den Steintafeln waren nämlich lateinisch; gern saß ich später unter der breiten Linde, fragte "warum" und "was heißt das" und hörte dem Großvater zu. Latein sei nicht nur die Sprache der Theologie, sondern die aller Wissenschaften gewesen; in der humanistischen Zeit hätten die Gelehrten ihre Namen gern latinisiert. Die einen einfach einzelne Buchstaben verändert und eine Endung angehängt, da sei aus dem gewöhnlichen Männernamen Kurt' mit K  'Curtius' mit C geworden. 'Arcus' sei 'der Bogen', 'Arcularius' heiße zu deutsch 'Schmuckkästchenmacher'; unsere Vorfahren hießen nach ihrem Handwerk, seien Waffen- und Silberschmiede gewesen, ehe der erste Sohn auch dieser mittelhessischen Familie studiert hätte. Beide Traditionen führten sich bis auf den heutigen Tag fort: Handwerker und Gelehrte. Der Großvater spottete ebenso gern über sich selbst. >Immer wieder Lateinisch: 'Villa Sub Rosa' heißt unser Haus. Nach deiner Großmutter Rosa. Aber auch ist es rosenbekränzt wie die römischen Senatoren, wenn sie über Staatsgeheimnisse beraten gingen, weiße Rosen tragend auf ihren Frisuren oder Glatzen zur Toga. Meine Rosen sollen das Haus schützen, wenn ich bei den Ahnen sein werde, sei es bei den Römern sei es bei den Germanen.<

Hätte es keine Scherereien mit dem Bauamt gegeben, wüßten wir außer meinen Erinnerungen nicht viel. Die Pläne für das Parkhaus seien schon fertig, hatten die Stadtväter gesagt und mit Zeigefingern auf Meßtischblätter gedeutet und uns gefragt, ob wir dem Fortschritt in den Arm fallen wollten. Dank der Studien in alten Dokumenten ist uns gelungen, das Haus unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Wir haben Garten und Bäume und Haus gerettet. Belege für Wandstuckaturen und Fresken haben wir entdeckt. Auf Leitern sind wir geklettert im Großen Saal, den wir den Scheckigen Saal nannten, weil uns die schwarzen Wasserränder und die grünlichen Salpeterkristalle anwiderten, als feuchte Fetzen hing die Tapete herab in den Ecken, und wenn man sie anstieß, rieselte das Mauerwerk schwarzgrau zerfressen. Wir lösten die Tapeten von den Wänden, kratzten an der Decke, Figuren und Ranken kamen zum Vorschein. Eine Frauengestalt erschien, bläulich auf rostrotem Grunde gemalt. Also war das Gerede der Großmutter Rosa doch richtig und die Blaue Frau keine Altersvision. In den Winkeln und Sockeln freilich waren die Bilder vom Mauerfraß zernagt, bis auf den rohen Stein konnten wir graben; unter den wühlenden Fingern stieg der feuchte Geruch auf nach Gruft. Seit den Entdeckungen hat man nirgends im Haus mehr seine Ruhe, überall stehen die Enkel und ihre Freunde und legen nach und nach Fresken frei, Arabesken aus Figuren und Masken, Fratzen und Ranken mit Früchten und Blüten. Wühlen auf dem Dachboden unter Plunder und Eichhörnchen-Skeletten erblindete Spiegel hervor, schleppen die Möbel der Eltern hinauf und die der Urgroßeltern hinunter in die Säle. Die Enkel haben den steinernen Trog freigelegt und die Röhren gereinigt. Der Wasserstrahl des Brunnens springt in die gewittrige Luft, Perlen sprühen über die Steinbögen der Balkonbrüstung. Wir sitzen über alten Papieren, erfahren aus den muffigen Dokumenten die Ruhestätte der Asche des alten Arcularius, lesen sein Vermächtnis, in gelblicher Rolle mit baumelndem Siegel der Stadt Marpurg an blauer Schnur kalligraphisch in Tinte gezogen:

>Ich, Magnus Arcularius, Doctor der Medicin, Ordinarius der Philipps-Universitaet zu Marburg an der Lahn, verfuege hiermit letztwillig, dass meine sterblichen Reste nach einem Krematorium ueberfuert und dort verbrannt werden sollen. Zugleich ernenne ich den Verein fuer Feuerbestattung als Testamentsvollstrecker fuer die vorstehende Verfuegung, so zwar, dass er deren Ausfuehrung gemaess § 2208 Abs. 2 B.G.B. von meinen Erben soll verlangen koennen.<

Die Urne muß eine der fünf Amphoren sein, hinten in unserem Garten, im Halbkreis stehen sie am Schloßberg, unter Dornranken der gleichen Rosenart wie das Haus. Die Enkel und ihre Freunde machen sich lustig, darin sei doch nur die Asche aus unserm Kamin, bilden dann eine Prozession 'zu Ehren der ArculariusAsche' und machen sich kichernd auf den Weg in der feuchtstickigen Luft des Gewitterabends, als es hinter den überalterten Ulmen zu wetterleuchten anfängt. Boris spricht von den Vampiren, die von den Gräbern des Friedhofs schräg gegenüber der Barfüßerstraße herüberflögen, um Urahn Arcularius hinten im Garten am Schlossberg zu besuchen. Durch die blütensamengeschwängerte Luft waten sie durch das kniehohe Gras, so dass die Pollen auffliegen, Boris vergeht das Lachen, er niest und reibt sich die Augen, die sofort zuschwellen; Gitta führt ihn an der Hand in das Rund der welkenden Rosen über den Amphoren. Keiner lacht, alle sind stumm.                Bruder und Schwester drehen sich um, Zeigefinger auf dem geschlossenen Mund.

 

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