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Essay

Venedig sehen und sterben oder Meine Mutter mordet

Portonovo Teil 7
Hamburg

Arrivederci Acscoli Piceno. Die Stadt ist liegt im weiten Tal nahe der Tronto-Mündung in die Adria. Die Berge drum herum sind so hoch, dass man von jeder Straße aus, von jeder Piazza aus, in die Landschaft sehen kann. Und umgekehrt von den Höhenstraßen auf die Agrar-Metropole der Marken im Talkessel, den Schüsselrand hoch zieht sie sich in die Berge. Ab Ascoli sind die Flüchtenden, die nach dem Sohn Suchenden, Katharina und Herr Färber, abgefahren in Sonnenhelle, zuerst hoch zur Bergtafel San Marco, die scheint ein kurzsamtiges Tierfell von Weitem, der Bewuchs in Beige und Grün entpuppt sich von Nahem als dichtes, kurzes, struppiges Gras mit Kräutern.

Auf der Suche nach Sandros Versteck fahren sie durch immer flacher werdende Landschaft, die Hügel sind nicht so hoch wie in Umbrien, oft aufgereiht als Kette, fünf wald- und weinbewachsen, auf dem sechsten steht ein Dorf. Fast alles ist Ackerland, Hirse, Mais, Wein, vor allem Bohnen. Bohnen, wäre jedes Böhnchen ein Tönchen, hätte die Marche Ohrensausen verursacht. In  den Dörfern läuten die Glocken zu Sonntagsmessen, alle Kirchen sind offen, auch San Maria am Fiume Chienti, romanisch mit Alabasterfenstern, die Sonne schimmert wie durch Haut, Kirche mitten zwischen Hirsefeld und Gemeindefest, auf dem Mädchen mit weißen Schleifen und Jungens in weißen Hemden schaukeln und Männer Boccia spielen. Magisch angezogen beobachtet Katharina die Kinder, selbst ihre Dumpfheit lässt nach, ihr Interesse erwacht. Von Kopf zu Kopf hüpft ihr Blick, Lockenkopf im Braun der Esskastanien. Einer ist dabei, der Blick verharrt, sie geht drei Schritte näher; er ist es nicht. Er ist nicht Sandro. Aber irgendwo hier in der Nähe muss er sein. Vielleicht direkt am Meer. Also doch nach Ascoli Piceno Mare. Mehrere Ortschaften hier gibt es zweimal wie hier: Ascoli Piceno und Ascoli Piceno Mare: im Landinneren und am Adriatischen Meer. Das verwirrt die Ausländer.

Immer weiter nach Osten, bis hinter den Hügeln das Wasser blau blitzt. Das kann gar nicht schiefgehen. Sie erreichen das Fischerdorf Martinsecuro di Adria, wenige Fischer werkeln an kleinen Booten, wenige Badende sind in der Bucht. So wie hier werden sie es noch oft machen heute und morgen: Aussteigen, die Seebrise einatmen, die Arme ausbreiten, ah sagen und wieder hinein in das Auto. Die blöden Touristen spielen, die irgendwas suchen und radebrechend den Namen vom Zettel stammeln. Herr Färber macht das ohne viel Schauspielern mit seinem weychen Österreich-Italienisch und Katharina spielt, wenn es sein muss, zur Tarnung das lächelnde Weibchen. Die beiden fahren die Küste entlang, dicht am Wasser, bei San Benedetto del Tronto und höher die Adria lang wechselt kahler Strand mit einer Kette von Dörfern und Städten, links von der Straße ragen unmittelbar die Berge steil herab, manchmal mit hellbraunen Häusern, Bahngeleise, kleine Bahnhöfe mit Tunneln zum Mare. Ein Ausweichen gibt es bei den seltenen Tunnels hin zum Strand oder den Straßen ins Landinnere entlang den Flüssen.

Mittags sind sie in Pedaso an der Mündung des Fiume Asa, das winzige alte Nest besteht aus zwei Dutzend Häusern mit einem Albergo und einem dicht vergitterten Grundstück voller Palmen und Magnolienbäumen, über die hohen Wipfel ragen Schlosstürme. Sie parken davor an der Piazzale mit Brunnen, gehen zu Fuß durch die Unterführung an den sehr hellen Sandstrand. Zum Mare hin ist an die Viadukt-Mauer ein Büdchen angebaut, dahinter Kabinen und Toiletten, darum herum Palmentöpfe und Sonnenschirme. Darunter nur wenige Gäste. Eine junge Frau beugt sich über ein Kind, dass die Bauchfalten zwischen dem Bikinistoff wogen. Der Vater bläst ein Gummikrokodil auf. Zwei Tische weiter sitzt noch eine Familie mit einem nörgelnden Bengel. Herr Färber und Katharina machen Rast, essen Spaghetti Vongole und Seezunge mit Patate Frite, außer Fisch gibt es nichts. Wie nebenbei erkundigen sie sich nach dem kleinen Ort, dessen Namen Katharina auf dem Zettel las. Wenn die Francettis ihren Sohn dorthin gebracht haben, könnte es sein, dass es der hier am Nebentisch ist, der am Essen herummäkelt: "Die ekligen Tintenfische, ich mag sie nicht." Der Kleine wirft gabelweise die frittierten Tintenfischringe der Katze vor, die sie frisst. Manche fallen in den Sand, die Körner setzen sich im Fett fest, mit Sand panierte Calamari mag auch die Katze nicht. Der Junge dreht sich um und glotzt die Fremden stumpf an, Fischaugen aufgeblähte Nüstern und Wulstlippen. Es ist nicht Sandro.

Vom kleinen Ort Pedaso am Viadukt müssen die Reisenden, um die geschilderte Bucht zu erreichen, viele Umwege fahren. Erst einmal durch die Unterführung zurück auf die Straße und immer weiter die Bahnschienen lang, mit Stacheldraht abgesperrt, Zugang verboten, auch zum Meer. Zum Land hin ragen so dicht an der Küste wie sonst nirgends bisher die grünbewachsenen Berge, immer wieder münden die Flüsse, die quer vom Landinnern nach Osten in die Adria fließen, Tronto, Asa, Tenna, Chienti. Betoniert sind die Flussbetten, gestuft, und nur das kleinste Betonbett in der Mitte führt ein Rinnsal von Wasser.

Dem Wortschwall des Kellners konnten sie nur schwer folgen: Viele Ortsnamen gibt es eben gleich zweimal, Ascoli Piceno und Ascoli Mare, Recanati und Recanati Mare. Mit den kleinsten Orten ist es noch komplizierter, da wiederholen sich die Beinamen vier- oder fünfmal. So ähnlich wie in Hessen mit den Eingemeindungen muss das wohl sein.

Sie sollen sich noch mehrmals verirren; die Zickzackreise geht weiter. Still ist es, sie zucken zusammen, als drei Kerls mit Mopeds den Strand lang dröhnen. Die Boote eines ländlichen Clubs dümpeln im Wasser. Das Meer wechselt zwischen Blaugrau und Nilgrün. Sie sind gefahren und haben die aufgeschriebene Hütte gefunden. Leer und vernachlässigt, hier kann jahrelang niemand gewohnt haben, geschweige ein Kind. Hat sie Alfredo absichtlich falsch geführt oder hat ihn bereits Piero zum Narren gehalten oder wer sonst sein Informant war? Enttäuscht watet Katharina durch den Sand, minutenlang voller Angst, sie werden dich holen, recht geschieht dir, Mörderin. Abermals und tausendmal nein: ich gestehe auch nicht auf der Folter, was anderes ist das, nein, nicht jede Person kann Mörder und Mörderin sein! Dann wieder benommen wie nach einer Narkose, manchmal mit einem dumpfen Läuten im Hirn, dann wieder weicht es einer nie gekannten Klarsicht. Dann fällt alles Vergangene ab, und sie ist ganz in der Gegenwart, hier und jetzt, sieht und hört und riecht und spürt mehr als jemals zuvor, selbst als Kind. Große Gegenstände und kleine werden gleich wichtig: Ein roter Stoff im Sand fixiert den schweifenden Blick, sie streicht durch den feuchten Sand nahe heran. Dicht davor wird auch ein blauer Ringelstreif sichtbar, sie zieht das nasse Ding aus dem Sand, Kinderstrumpf. "Solch einen Strumpf hat Sandro, es ist seine Größe", schreit sie. Herr Färber kommt. "Solche Strümpfe hat Sandro gehabt", ergänzt sie. "Vielleicht war er doch hier." Sie umkreisen die verlassene Hütte, greifen durch eine zerbrochene Scheibe nach einem rostbraunen Heftchen und zerren es raus, ein bisschen schneidet sich Katharina am Handballen, so dass es blutet. "Leopardi poesi. Pittore Guido Erné Recanati". Sie finden auf dem ersten Blatt eine Widmung: für "amico Piero". Nix wie hin.

Nach Recanati. Wirklich? Ist doch nur ein Zufall. Piero heißen in Italien so viele wie bei uns Peter. Übersetzungen vom Heiligen Petrus sind beide Namen. Vielleicht hat Herr Färber recht, Katharinas Fantasie spielt verrückt, und das monotone Fahren reizt  sie noch mehr. Was in Ascoli zurückgeblieben ist, muss überlegt werden. Höchste Zeit. Zufall oder nicht? Spielt da jemand Schnitzeljagd mit mir? Hat jemand sogar den Spieß umgedreht? Werden wir Suchenden selber gesucht? Was kann passiert sein? Die unerwartete Festnahme des Vaters muss alle Pläne der Familie mit dem Kind Sandro umgeworfen haben. Piero ist festgenommen, was hat er bei der Vernehmung gesagt? Seine Lage wird er durch die Information der Entführung des Sohnes Sandro bestimmt nicht noch schlimmer machen.

Katharinas innere Monologe quälen und wandert in Träume: Daran muss er wie ich interessiert sein. Er hätte dann noch ein Motiv mehr zum Morden. Das stundenlange Herumreisen hat mich endlich beruhigt, die neuen Eindrücke schaffen Distanz. Ich kann nachdenken. Muss auch. Höchste Zeit, neue Pläne für Sandro zu machen. Und zunächst das Vergangene zu überdenken. Wie wird in Ascoli alles nach meiner Flucht mit Herrn Färber weitergegangen sein? Jemand im Hotel wird mich beschrieben haben, die Frau in dem Zimmer. Unter falschem Namen in Hotels ist vermutlich schon aus erotischen Motiven nichts Seltenes. Ist Piero gekommen oder haben sie ihn irgendwo gefunden? Was wäre gewesen, wenn wir uns begegnet wären? Was hätte ich zu ihm gesagt?

Tags fahren wir im Zickzack durch die Marken und an der mittleren Adria lang. Nachts schläft Herr Färber unberührt und ohne mich zu berühren an meiner Seite. Er hat recht, wir lassen das Morden aus Egoismus, weil wir die ewige Wiederkehr von Schuldgefühlen und Träumen weder aushalten können noch wollen. Ich schlafe stundenlang nicht. Fürchte den Schlaf und suche ihn nur, wenn ich nicht mehr kann. Falle mehr in Ohnmacht als in kurzen Schlaf. Die Träume sind übel. Immer wieder sehe ich mich im Hotelzimmer mit Mord und Blut. Rieche den Eisengestank, spüre den Luftzug durch die offene Balkontür, höre eine Stimme, die nicht mehr vertraut klingt. Pieros Stimme ist die eines Zombie: "Hat die Nonna recht gehabt, sie will dich mit Alfredo in Perugia gesehen haben." - "Wen meinst du?" - "Du weißt schon. Was höre ich da vom toten Alfredo?" - "Er hat dich killen wollen. Ich hab es für dich getan. Hilf mir, ihn wegschaffen oder der Mord fällt auf dich. Dafür gibst du mir Sandro. Meinen Sohn." - "Meinen Sohn." - "Meinen Sohn, unseren, meinetwegen." -  
"Geht das schon wieder los." - "Ich tausche eine Mordanklage gegen meinen Sohn." - "Wirres Weibergeschwätz." Ich dusche, das macht mich immer munter. Die ganze Zeit über hör ich durch die offene Badezimmertür das Televisione. Zeigen sie darin Hitchcocks Psycho, oder warum gurgelt Blut mit dem Wasser aus dem weißen Email in den Abfluss? Ich ziehe frische Sachen an und gehe auf den Balkon, über die Dächer guck ich in die Hügel. Fühle eine Hand auf dem Mund, die andere an der Kehle. "Du glaubst wohl, du kannst einen Profi erpressen." Er setzt mir die Pistole an den Kopf: "Es gibt es einfachere Lösung für alles. Klar ist der Fall für die Bullen: Mord mit Selbstmord aus Reue." - "Für dich hab ich das doch getan." - "Du lügst schlecht, wie immer." -  "Wo ist Sandro?" - "Schlag ihn dir aus dem Kopf." Nein, der ist gar nicht besser und feiner als Alfredo, nicht einmal so gutmütig wie der Dicke. Brillant ist Piero, der Padrone, gewandt, mit allen Wassern gewaschen. Und keine Dummheit entschuldigt seine Brutalität. Der kalte Druck an der Schläfe stört. Ich greife hin, zucke zurück, reiße Pieros Hand herum, die mit der Waffe, Piero zuckt, reißt die Augen auf. Dieser Knall dröhnt in den Ohren. Das ist gar nicht Hitchcock. Wildwest Knallerei, Richard Widmark im Fernsehen. Kein Televisione und kein Kissen über dem Kopf. Er fällt auf die weiße Rüschenbluse. Ich stoße ihn fort, er taumelt und sackt halb auf das Bett zu Alfredo. Ich ziehe ihn ganz herauf, zerre die Decke unter den Körpern weg und schlage sie über vier Arme, vier Beine, zwei Köpfe. Sie deckt nicht vollends ab. Ich steuere ins Bad, nehme alle Badetücher von den Ständern, alle nassen und alle trockenen, raffe den Frottéevorleger hoch, werfe alles über die beiden Toten und ziehe die Tücher solange zurecht, bis kein einziger Finger, keine Fußspitze und kein Haar mehr unter dem Stoffhügel hervor sehen. Es stinkt sehr nach nassem Eisen. Warmes Blut. Ich ziehe die Bluse aus und das am Haken hängende T-Shirt über, packe die rot-weiße Bluse in die Plastiktüte für die Wäsche vorn Hotel und stopfe sie in eine der Taschen, Zahnbürste und alles dazu, hänge die Taschen über die Schultern, dränge mich aus der Tür. Nein, gedacht hab ich nicht. Der Körper hat reagiert, nicht ich. Das Fernsehen dröhnt hinter mir her. Der Western. Die Knallerei. Die Angst schwillt an, und sie schreit. Sich und Herrn Färber wach. "Katharina, wach auf. Er rüttelt sie. "Die schießen. Mord. Fort." - "Diese Männer kennen nix als Schießen." "Was sagst du da? Das sagst du?" - "Piero. auch Piero. Ich hab ihn auch umgebracht."

"Was redest du. Es war nur ein Traum. Wir sind hier. In Recanati. Um deinen Sohn zu suchen. Mach die Augen auf. Guck raus. Komm mit auf den Balkon. Da unten die schöne Marken am Morgen."  Herr Färber rüttelt sie, schüttelt sie. Setzt sie im Bett auf, sie taumelt hin und her wie eine Stoffpuppe, sieht sich um, rennt ins Bad. Durch seinen Raum, drei Räume als Zimmerflucht hintereinander, nur diese Hochzeitsuite war noch frei. Im Hotel Ginestra in Recanati wohnen sie bisher am schönsten. Es ist ein umgebauter gepflegter Palazzo. Zurück aus dem Bad raus, die Morgenkühle mit dem Duft der in der Sonne trocknenden Piniennadeln bringt Katharina zurück. Nachtmahre und Vampire weichen bekanntlich im Sonnenlicht, fällt ihr ein, sie lächelt sogar vor sich hin. Herr Färber lächelt zurück, denn er meint, das gelte ihm. Armer Kerl, hat nix versucht, soviel sie weiß, diese Nacht, aber sie hat andere Sorgen. Dass die Gütigen sich nicht einfach nehmen, was ich ihm viel lieber gäbe als dem Toten. Sicherlich wäre ihm meine Höflichkeit nicht genug. Was ist das alles gegen Mord und Totschlag. Sollen sie lieben, so töten sie nicht. An was man alles so pragmatisch zwischendurch denkt, wenn die Panik müd ist.

Die bei den stehen auf dem breiten Balkon zwischen blühendem Oleander, im Park geht ein Paar unter Pinienbäumen spazieren. Über den langen taunassen Nadeln der Baumwipfel erscheint der Blick ins Land leicht verhangen. Auf den braunen oder grünen Hügelwellen stehen wenige Bäume wie Äpfel auf Stielen, geometrisch exakt aufgereiht. Selbst ihre Schatten sind sichtbar, breite Handtuchfelder braun, schlammgrau und grün und gelbbraun Horizontlinie aus Zypressen und Pinien unter wechselblaugrauem Himmel mit Wolkenfeldern, dann untermalt die Sonne solch ein Feld orangegolden und setzt es schwarzgrau ab, diaphanen dazwischen die Luft wie ein See weiß-blau.
Herr Färber hat recht, das lässt für Minuten zumindest die Sorge um Sandro vergessen. Das Suchen aufschieben: erst nach dem Frühstück mit Espresso doppio und Briochi mit ihrem Geschmack von Hefe und Aniszucker. Nerven hat der, ein erfahrener Mann weiß, wie man Leute aus ihrem Trübsinn locken kann. Wenn schon einmal hier, schlägt er vor, dann auch zum Dichter pilgern. Umso mehr, wenn du so sicher bist, eingelocht zu werden. Letzte Gelegenheit. "Du nimmst mich nicht ernst. Eh, Sie nicht." - "Lassen wir' s beim Du. Ich heiße Frederick, früher mal Friedrich. Du weißt ja, die Emigration. Als Psychoanalytiker in Boston ist der Arthur Miller zu mir gekommen, nicht ich zu ihm, der Thomas Mann auch, ein trauriger Herr. "Frederick, english. Der Arthur Miller hat es mir geraten. Keiner heißt in den Staaten Friedrich. Nicht Fritz. Nazi-name, ham' s gsagt. Das haben viele getan, sich umgetauft auf Amerikanisch. Frederick Forester hab ich geheißen. Trinken wir mit Kaffee auf Du. Melange. Oder magst eher aan klaanen Braunen? Wies einem echten Wiener gebührt. Schau, da lacht sie ja wieder!  

An Kirchen und Häusern vorbei zu Palazzo Leopardi. Auf dem Bergsattel lang, sehr lang liegt Recanati. Zwei Häuserzeilen links und rechts der breiten Straßenader, selten mal ausbuchtend zu mehreren Häusergruppen und Piazzale, hinter die Hänge runter wuchern Gärten voller Pinien, Glyzinien, Kastanien, Khakibäume mit noch grünen Früchten, wie Tomaten so glasig und kuglig. Durchhäuser offenbaren Blicke, mal bis auf das Meer und mal in Weinberge, Esskastanienwäldchen, Olivenhügel. Schrägrüber vom Palazzo hat der Pittore Guido Erné seinen Laden, zwei kleine Schaufenster und eine Werkstatt. Der alte krumme Maler in der Kleckselschürze malt winzige Aquarelle von heimischen Motiven und macht daraus kleine Bücher mit Texten von Leopardi, solche rostbraunen wie dem in der Strandhütte gefundenen. Frederick Färber zeigt ihm das gefundene Büchlein. Signor Erné nimmt es, hält es an die Nase, feucht ist es und von Meerwasserluft salzig, gibt es zurück, nimmt es wieder, reicht es zögernd zurück. Herr Färber legt fünfzigtausend Lire hinein und schreibt in eines einen Satz unter den Namen von Piero Francetti. Der Maler liest, stöbert in seinen Regalen, die überall mit Farbe vollgekleckst sind, findet einen roten Zettel und nimmt eine zweites Buch auf, schreibt etwas hinein. Das Buch klappt Herr Färber sofort zusammen, nickt lächelnd Grazie; wer zugeschaut hat, hat nur zwei Touristen gesehen, die einen Einheimischen um Auskunft bitten. So ist es, das Buch liegt in der Tasche. Sie laufen die enge Gasse hintereinander herunter und mit den vielen anderen Besuchern vom Platz vor dem Riesenpalazzo zum "Colle d'Infinito". "So, also 'Hügel der Unendlichkeit' hat er den Berg der Inspiration genannt, der damals einundzwanzigjährige Dichter Leopardi, der für italienische Gymnasiasten das ist, was für die deutschsprachigen in meiner Jugend der Hölderlin war", erklärt Frederick Färber. Und Katharina überlegt: "Bei uns in Leipzig war es immer der Brecht". Das hätte nicht kommen dürfen. Jede Erinnerung ist gefährlich. Jedes Entweichen aus dem Augenblick. Erstaunlich, wie sehr man abschalten kann! Zurück zum Hotel gehen sie, packen und fahren weiter, wieder auf der Suche, dieses Mal nach der neuen Anschrift im braunen Büchlein. Ein ausgeklügeltes System von Irrgarten lässt sich vermuten. Als seien alle Bürger der Marken gegen sie verschworen. Am Meer stehen Pinien und Palmen zwischen Hibiskus und Oleander wie an der Riviera, ranken lila Bougainvillea die Hauswände hoch und ragen rote meterlang an steifen Zweigen über die Gehwege aus purpurroten Baumkronen.

Sie verirren sich in den Hafen nach Ancona, wollen ihn nur mal sehen und geraten auf die Spur zur Zona duana, es gibt kein Zurück. Ein Frankfurter Wagen drängelt sich vorbei, reiht sich vor ihnen ein. Ein Kind klopft an die Scheiben, als es heulend hochspringt, überlegt Katharina, bis sie halblaut redet: "Keine Wunschfantasie, das ist wirklich Sandro. Die Francettis wollen sich einschiffen, ihn nach Sardinien verschiffen, die sind ja überall verwandt und verschwägert, haben überall eine Bleibe, und ist Sandro erst auf der Fähre, findet sie ihn niemals mehr. Wahrscheinlich haben sie durch Pieros Verhaftung kalte Füße bekommen und müssen schnell umdisponieren." Sie drängt Herrn Färber, zu überholen, es ist nicht gleich möglich, die Autofähre aus Kreta hat ihre Fracht entladen, Urlauber-Wagen zuckeln heraus, überladen und schmutzig, aus aller Herren Länder, welche aus Offenbach, Kassel, Frankfurt, Marburg sind dabei. Irgendwie dreht das Auto um. Offene Fenster und heulende Kinder. "Hab Hunger", heult auch der Kleine im Frankfurter Auto. "Es ist Sandro." Selbst dem geduldigen Herrn Färber wird Katharina zuviel, besessen sei sie von Sandro, nicht gut für das Kind. "Folg denen, bitte!" Den Monto Connero fahren sie hinauf und drum herum, immer wieder können sie Gebirgsland und das Meer abwechselnd sehen. Dafür verlieren sie das Auto mit dem Frankfurter Nummernschild aus den Augen. Hier in den Bergen muss das Haus der Francettis liegen. Sie kommen an ein abgesperrtes Gelände, ziehen am schmiedeeisernen Tor einen Klingelzug, altmodisch ist das Landhaus, umso zeitgemäßer die Videokamera in der Höhe und das Öffnen, sie wissen nicht einmal, wie. Von Geisterhand. Sie sehen in einen Gespensterpark. Das Auto stockt, erst dann erkennen sie einen feinen Draht vor sich. "Das Auto draußen lassen", sagt eine Geisterstimme, italienisch, englisch und deutsch. Also zu Fuß.

Auf schmalen Gartenwegen kann kein Wagen fahren. Rundgänge unter Pinien und hohen Laubbäumen, mit Brunnen und Statuetten, Oleanderhecken treiben aus den Schnittflächen neue weiße, rote, rosa Blütenkelche, nahe einer Nische mit Statuen. Sie geraten an Grenzen der vorgezeichneten Wege, Pfeile befehlen, wo es lang geht, Schilder verbieten den Zugang, "Vietato Ingresso". - "Proprieta privata". Verrammelt rundherum ist das Terrain, wie sonst in Italien nur die "zona militare". Ein schwarzer Herr bittet sie mehr mit Gesten als Worten, zu folgen ins Haus. "Signora Francetti aspetta". Durch drei Treppengänge, still und stumm wie in Vampirs-Filmen. Sämtliche Wände sind von einer Thermos-Schicht aus Büchern gedoppelt, schmal ist der erlaubte Pfad; jedes Zurückbleiben und Vorbeugen, um etwas genau zu betrachten, löst eine leise zirpenden Alarm aus. Zu den Reizen historischer Palazzi gehört es, aus den Fenstern zu sehen, die Eindringlinge versuchen es. In der Casa des Padrone Piero ist die Außenwelt verstellt, Fenster verhängt. Unter bunten Früchten aus Murano-Glas, unter Trauben und Birnen und Feigen leuchten Glühbirnen auf. Zwischen Nachahmungen und Versteinerungen trocknen Granatäpfel, rotbraun verhutzelt, deren Kerne klappern, und wenn man sie hochhebt, gibt es ein Warnsignal, dieses Mal mit einem ganz leisen Stromschlag. Dann könnten sie fallen und unter den Renaissanceschrank kichernd kollern. Im Speisesaal ist der Tisch gedeckt, acht Gedecke, Brot vertrocknet und Essensreste in Porzellantellern, Rotweinneigen in Stielgläsern, ein Wasserglas neben dem Kinderteller beim Stühlchen. Und daneben liegen, bekleckert, zwei Fotografien. Einstecken, später sehen. Schnell fort. Das alles erinnert an den englischen Kriminalfilm von dem Leichengastmahl im Keller, das das Gesamtkunstwerk eines überkandidelten Sculpteurs war, der den Raum arrangierte, um unsterblich zu werden. Und als die Detektive die Tür öffneten, löste sich ein Mechanismus, vom Tonbandgerät eine Stimme: "That's my Legacy: Immortal. Never seen. Never heared."
Hastiger Aufbruch wie im Krieg, ebenso eilig machen wir uns lieber davon. Tür zugefallen, ich tappe durch eine finsteren Gang, fühle eine Klinke, reiße eine Tür auf, drück auf einen Knopf, kein Licht flammt auf, noch einen, höre die Stimme einer alten Frau, die von Sandro dazwischen: "Nonna, wo ist Pappa? Ich will zu meiner Mamma."- "Schweig still, Bambino". An der Wand erscheinen die Bilder, das müssen Pieros ewigen Videoaufnahmen sein. Die Stimme hat mich so erschreckt, wir türmen zurück und über die Loggia durch den leeren Garten, ein Hund schlägt an, die Stimme eines Dackels ist es nicht. Ein schwarzes Monstrum fletscht spitzgelbe Zähne. Ich finde mich nicht mehr zurecht. Herr Färber und ich - Frederick und du sag ich selten - wir fahren, fahren, übernachten gemeinsam und reden aneinander vorbei. Schweigen nebeneinander. Anderes hat er wohl doch von unserer Reise erwartet, seine Geduld zeigt Risse. Berge und Adria gut und schön, mault er, manisch besessen von dem Kind sei ich, eine Rabenmutter sei besser für ihn. Suchen hilft er mir.

Unter Lebensgefahr sind wir aus der Villa der Francettis entkommen, über den Zaun und den Abhang runter zum Wildbach, mehr gerutscht als gelaufen. Das Auto trauten wir uns kaum zu holen. Dreckig und verschwitzt sind wir hinein und fort. Kein schwarzer Pförtner war übrigens mehr da, inzwischen hatte der sich auch verdrückt. Die Tore geschlossen. Totenstill, hätte nicht der Sturm die Baumwipfel bewegt. Umsonst ist die Suchaktion gewesen. Die Gangsterburg war offensichtlich leer und verlassen. Zu unserer oder irgendeines anderen Irreführung offengelassen. Oder sind sie alle schnell getürmt Hals über Kopf, sobald ihr neuer Boss verhaftet war? Jedenfalls geht die Suche nach Sandro weiter.
Da sind diese Fotografien vom Tisch mit dem Kinderstühlchen. Kater Willi pudelnass, schief aufgenommen von Sandro, sicherlich kauft ihm sein Vater noch immer jedes neue einfache Modell von Polaroid-Kamera. Und hätten wir Zeit und Mut für seine Videofilme gefunden, wüssten wir mehr. Interessant ist der unscharfe Hintergrund des Polaroids hinter dem Tier, Sandstrand und Felsenküste gibt es überall, aber wo direkt an der Adria gibt es Schilfkolben?

Wir trennen uns, man kann nicht vorsichtig genug sein im Reich der Francettis. Herr Färber kommt zurück an den Tisch im Café und nennt mir den Ort, Portonovo, bei einer kleinen Kirche, Seefahrerkapelle. Er weiß den Weg. "Aber erst morgen." -  "Immer diese Ungewissheit, ich kann nicht länger warten." - "Morgens spielt dein Sohn immer mit seinen Cousins und Cousinen unbeobachtet am Meer, weil alle Erwachsenen in der Küche des Fischrestaurants helfen müssen. "Aber wenn sie ihn suchen?" - "So viele Kinder sind dort, es wird lange dauern, bis sie ihn vermissen." - "Fortgelaufen ist er schon immer gern und hat Verstecken gespielt." - "So weit fort von den Hauptstädten, auf dem Land nehmen die es nicht so genau, weil sie wissen: da geht kein Kind verloren."

Und mittags, wenn die Gäste kommen und die Kinder gerufen werden, sind wir längst außer Reichweite. Mit Fred Färbers Auto durch Dörfer und Felder nach Portonovo. Von den sonnenpastellenen Dächern einzelner Gehöfte ziehen Holzkohlenrauchfäden hoch, es riecht geräuchert aus Holzfeuer, und Kiefernharz, aus Küchen hört man kleine Explosionen unterm brutzelnden Braten. Zwischen Mare und Monte Connero Berg ist ein Streifen Raum für "Li Laghetti di Connero", Naturschutzgebiet mit Schilf, Ried, Wasservögeln, die Enten heißen Germani. Die kleine Bucht bei der Kapelle Santa Maria di Portonovo ist eingezäunt wie die Villa, nur über das Meer zu erreichen, Katharina klettert am Wasser lang über mannshohe Felsen. Am Morgen kaum Menschen. Eine alte Frau mit einem Kind. Katharina klettert über die Felsen zur Felsennase und belauscht die Familie in der kleinen privaten Bucht bei der Kapelle Santa Maria di Portonovo, die gibt nicht nur Seefahrern ihren Segen. Sondern von Madonna zu Madre auch ihr. Da spielt Sandro im seichten Wasser, sucht Muscheln, hält sie dem schmuddeligen Kater hin: "Da, Willi, friss, magst doch gern Fisch." Hinten im Garten, der in das Teichgebiet übergeht. Aha, andersherum muss sie ihn suchen. Über die Felsen kann er nicht klettern. Darum fühlen die sich hier so sicher. Alle Francettis sind jetzt weit fort von Sandro. Er ist sich selbst überlassen.

Das Kind schwimmt allein hinaus. Kommt zurück. Sandro sieht Katharina. Breitet die Arme und rennt in ihre hinein. "Mamma!" - "Pst." Sie packt ihn, schleppt ihn durch das Schilf zum Auto. Herr Färber fährt an, die Räder drehen sich im Sand. "Willi, ich will Willi, die Katze muss mit." Schreit Sandro und deutet nach draußen. Der Kater muss ihnen nachgelaufen sein. Gern lädt Herr Färber das dreckige Viech nicht in seinen gepflegten Wagen. Katharina fleht: "Halt an. Sandro hat doch schon genug mitgemacht. Zu viele Trennungen. Bitte, lieber Frederick, nur bis zu meinem Volvo in Chioggia. Bitte fahr uns hin."

Färbers Auto kommt endlich in die Gänge. Er wird höchste Zeit, ein vollgeladener Caravan kommt ihnen auf der Lichtung zwischen drei Teichen entgegen. Alle Sandwege sind für den allein kaum breit genug. Sie fahren ruckweise hoch, durch Pfützen im Feldweg, erreichen die asphaltierte Straße und fahren zur Vorsicht immer weiter. Die Mutter trocknet den fröstelnden Kerl mit dem großen Strand-Handtuch ab, sie betrachtet entsetzt die rauhen roten Flecken, die seinen runder gewordenen Körper bedecken. Streift ihm frische Sachen über, die sie vorsorglich eingepackt hatte. Er schläft dann liegend hinten im Auto. Wird wach, reibt sich die Augen, tippt ihm auf die Schulter und fragt Herrn Färber.

"Bist du der Nonno aus Leipzig? Du sprichst so komisch."

 

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