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Essay

Venedig sehen und sterben oder Meine Mutter mordet

Heimreise Teil 8
Hamburg

Das Kind sitzt jetzt aufrecht auf dem Rücksitz und juckt sich die rötlichen rauhen Arme. "Bist du wieder gesund? Die Nonna hat gesagt, dass du krank bist. Schön, dass du wieder bei mir bist. Spielen mit Marietta und Giuliano und Lisabetta und Guido ist ganz schön, aber das doofe Essen, immer die ekligen Spinnen." - "Was? Spinnen hast du gegessen? Du spinnst wohl!" - "So groß!" Er zeigt zweimal seine Handlänge. -  "Die schmecken wie Fisch, aber knacken so zwischen den Zähnen, wie wenn Kater Willi eine Mücke zerbeißt. Am ekligsten sind die mit schwarzer Soße wie aus Schuhcreme."  -  "Dein Sohn meint Tintenfische, Calamari. In ihrer eigenen Tinte. Specialita." - "Ja, das kann stimmen. Er hat eine Fischallergie. Darum juckt er sich immer die Arme."  -  "Schlaf, Bübchen, schlaf." Frederick ist es unbehaglich mit dem plappernden Jungen, der ihn für seinen Leipziger Großvater hält. "Nnnneinnn. Isch bin wach. Isch will alles sehen! Mamma, gel? Mamma, bleibst du jetzt immer da? Jetzt bist du da, und der Pappa ist weg. Ist der jetzt krank?" -  "Der wird schon wieder gesund."

Nun windet sich auch Katharina, um Antwort verlegen, 0 dieser Kindermund. Herr Färber konzentriert sich aufs Fahren und die Straßenschilder, bemerkt den Namen Loreto, Herr Färber weiß Rat: "Dann bitte doch die tintenschwarze schuhcremeschwarze Madonna von Loreto um Segen, du, Katharina, so von Mutter zu Mutter. Na, wie schön, da lachst du ja direkt wieder." -  Frederick Färber weist auf das Schild via Loreto und versucht, die Omnibusse aus Roma und Cosenza zu überholen. Mit Wimpeln und Plastikblumen in den weißgoldenen päpstlichen Farben sind die Busse geschmückt, Kirchenlieder zu Ehren der Madonna schallen aus den offenen Fenstern. Da hupt den Fahrer des Grazer Autos auch schon ein Grazer Busfahrer an. Marienlieder singen mit ziehenden Tönen meist weibliche Stimmen: "Mutter Gottes, wir rufen zu dir". - "Meerstern ich dich grüße".  Frauenköpfe schauen hinunter zu ihnen, manche Hände winken.

Fredericks spöttischer Vorschlag war gar nicht so blöd. Sollten die Francettis doch das Auto verfolgen, im Santa Casa, dem Heiligen Haus des Wallfahrtsortes Loreto würden sie die Atheistin aus dem Osten Deutschlands gewiss nicht vermuten. Und unter Tausenden kann man sich bekanntlich am besten unsichtbar machen, eingehen in die Masse. Herr Färber erklärt Katharina das nie gesehene Schauspiel katholischen Wunderglaubens.   Von Lourdes hatte sie auch in der DDR samt den üblichen Sprüchen über 'den papistischen Imperialismus' gehört. Älter, viel altehrwürdiger sei das mittel-italienische Loreto, doziert Herr Färber. Nach der Wunder-Legende sei das kleine Ziegelhaus der Heiligen Familie aus Bethlehem von Engeln nach Loreto versetzt worden. Die Ziegeln seien laut Analyse identisch mit denen der Häuser Jerusalems. Er deutet auf die Wände, die den Scheunen der Landgüter ähneln. "Ei gucke, Mamma, ein Hexenhäuschen!" Das 'Reliquien-Objekt' steht mitten im großen Dom. Gebete-Murmeln, Rosenkranzreiben - das Herz des Bethauses spürten sie vom Portal an und folgten den anderen in das Heilige Haus: die Madonna hat Glutaugen im Kerzenrauch, sie schimmern im dunklen Gesicht, ummantelt von starrer Silberpyramide. Krankenschwestern in blauen und weißen Hauben schieben Gebrechliche in Rollstühlen, dem Wunderpilgerheer voran rollen sie die Bahre mit einer mumiengleichen Greisin, die verzückt schaut wie ins Ewige Leben. Glaubens-Tourismus, bussevoll kommen sie, aus Lautsprechern schallen Hinweise in fremden Sprachen, Doppeldecker aus allen möglichen europäischen Ländern, viel mehr schwarzgekleidete Frauen als Männer, aber auch junge Leute, ein Pärchen im 'Partnerlook' mit pink-rosa Rucksäcken auf grellgrünen Satin-Anoraks schleppt einen Dackel mit weißem Verband um die Pfote im Plastiksack mit. "Ich will Kater Willi. Der soll auch gesund werden." Ruft Sandro in die summende Stille hinein, hier, wo sonst jeder flüstert. Sie laufen erst schnell und dann langsam zwischen das entrückte Gemurmel im Kirchendunst, wallen stille heraus und hurtiger durch die Straßen, vorbei an Cafés mit Torten und Heiligen aus Marzipan, mit Devotionalienläden voller Statuen aus Kunststoff, Pappe, Blech, Keramik, Marmor. Edelstein und Pappmaché, Plaste Elaste, Katzengold und Silber, neben Papst Johannes dem Dreiundzwanzigsten und der Madonna von Loreto auch Barbie, Schlümpfe, Mickymäuse. Und Sandro will natürlich alles Mögliche haben. Hunger hat er vor allem. Und endlich bekommt er keinen Fisch. Dafür Kuchen, viel Kuchen. Mit Kakao und die Großen mit Espresso Doppio, auch viel. Alle haben Aufmunterung nötig.

"Ihre Waren lassen die sich hier ja mit Blattgold aufwiegen." Katharina staunt. "Ein Tourismuszweig wie jeder andere auch ist das Glaubens-Gewerbe für die Hiesigen", erklärt Frederick Färber. Ein blühender Zweig. Blühend wie die mit ihren violetten Blüten tüten übersäten Bougainvillea-Bäumchen im Hof, links und rechts von der weiten Sicht über die Marken. Loreto liegt seit alters her verkehrsgünstig zwischen Abruzzen-Ausläufern und Adriatischem Meer, und selbstverständlich verbinden viele der gesünderen Wunder-Reisenden mit dem Besuch bei der Madonna einen oder mehrere Tage Badeurlaub an der Adria. Das ist eine für viele Katholiken eine italienische Tradition.

"Nicht für die Todkranken in den Rollstühlen und auf den Bahren." - "Das ist schlimm, die haben elementarere Sorgen. Du hast sie gesehen, und ich habe dein erschrecktes Gesicht beobachtet währenddessen." Katharina schweigt. Sie wird ihm gewiss nichts von ihren widersprüchlichen Gefühlen sagen, von ihrem Grübeln, warum die uralte Frau mit dem totenkopfdürren Gesicht erst jetzt um ein Wunder bitten kommt, wenn sie doch daran glaubt. Was alles in ihrem Leben gewesen sein muss die Jahre vorher. Und immer, immer wieder verwandelt sich solch eine Bildfolge fremden Daseins in eine eigene, der Totenkopf in den Kopf ihres Opfers. Er soll sich wie Lazarus erheben, vom Toten aufstehen, lebendig werden, was auch immer er ihr dann weiterhin tun wird. Ich will, ich will, keine Mörderin sein. "Mamma, was hast du? Du guckst so komisch? Bist du wieder krank geworden? Gehst du wieder fort?" Sandro wirft sich an sie und weint wieder mit diesem wortwörtlich herz-zerreißenden Schluchzen, dass in wilde Stöße übergeht, die ihn auf- und ab schubsen, als wollten sie ihn zerreißen. "Ich will nach Hause." - "Sei ruhig, ganz ruhig. Alles ist gut. Und jetzt komm, nach Hause."

Heimreise heißt zunächst mit Herrn Färber bis Chioggia fahren, wo Katharinas Volvo noch immer wartet. Von der Gegend im starken Regen ist nicht viel zu sehen. Wenn möglich, reisen sie an der Adria lang. Dort besteht die Landschaft ohnehin vor allem aus Wolken und Meer, Wasser von oben, von unten. Aussteigen, wenn der Regen nachlässt, mit dem Kind im Sand laufen, seine Hand endlich wieder in ihrer fühlen, lachen, wenn Sandro sich losreißt. "Alleine", war sein drittes Wort nach Pappa und Mamma. Dann geht sie langsam und schaut ihm nach, Herr Färber immer zwei Schritte neben oder hinter ihr. Sie sprechen jetzt kaum miteinander. Herr Färber kommt sich überflüssig vor. Dabei müsste geplant werden, wie es mit ihnen weitergeht. Außer ihrem Sandro ist Katharina im Augenblick wenig wichtig. Wohl sieht sie die Wolken, bei soviel Wasser von oben und unten gut zu erkennen. Ein Tic ist es geworden, zur Besessenheit hat sich seit DEM TAG in Ascoli bei ihr ausgewachsen, Wolkenbildungen zu verfolgen. Vielmehr verfolgen sie Katharina und reizen, ihre Ballungen als Krokodile, kauernde Tiger oder menschliche Figuren zu erkennen, zu benennen und als atmende Leiber zu spüren. Als gält es das Leben, jede Himmelsfarbe und jede Wolke im Kopfe zu speichern und die über der Ostsee mit denen über der Adria zu vergleichen. Der Kopf wird vor Wolken platzen, und wer hat dann was von ihrem Wolken-Guck-Gucks-Heim. Sandro bestimmt nicht. Doch das Himmels-Schauen lenkt ab, dabei denkt sie zwischendurch, jetzt werd ich verrückt. Wasser und Wolken sind Steingrau und Grün. Karstige Schründe flachen ab, die Luft riecht salzig. Aus Wind wird Sturm. Noch stehen sie im Sand. Sandkorn sein. "Ei gucke, Mamma", sagt Sandro, der ihren Augen gefolgt sein muss: "Die Vögel fliegen in die Sonne hinein. Und was sind das für schwarze Punkte, die sich bewegen?" - "Das sind Schiffe auf dem adriatischem Meer." "Guck mal, das hinterste Schiff wird zerquetscht!"
Sie sehen im Wetterleuchten eine Art Laterna -Magica-Kino: Das Wasser bewegt sich im aufkommenden Sturm, da sieht es wirklich so aus, als ob es das Schiff hochpresst, den Wolken entgegen, so klebt es zwischen Himmel und Erde wie eine Fliege in der Milchsatte am Rand einer Glasschüssel, zumal das Wasser dort wie von Milch unterlaufen durchsichtig ist. So zu stehen und in den Himmel sehen, das verbindet Mutter und Kind. Was der Sandro alles bemerkt. Das Gewitterlicht schickt Strahlen unter die Wasseroberfläche, beleuchtet Schaumkronen, hahnenkammspitze Wellen fallen und rollen bis vor ihre vier Füße im Sand. Auf den Boden zurück rufen kreischende Stimmen von Kindern. Mädchen in weißen Schulkitteln und Jungen in schwarzen, alle tragen Schleifen um Spitzenkragen geknüpft, rot, blau, grün, gelb. Sandro rennt auf sie los, italienisch plappernd, Sandro mit Nichts an als weißem T-Shirt und Jeans. Herr Färber tippt Katharina auf die Schulter. "Komm, der Sturm wird stärker, ihr seid schon ganz nass. Wir müssen sowieso weiter."- "Ich muss den Volvo in Chioggia abholen. Zum Glück hab ich den Schlüssel vom Schuppen. Aber der hat kein Licht." "Darum müssen wir möglichst vor Dunkelheit dort sein. Keiner vom Hotel darf dich sehen." Frederick Färber hat recht, sie müssen sich eilen. Die alte Garage hat keine Beleuchtung. Eigentlich ist die Bretterbude ein Fischereischuppen an der größten Lagune gegenüber dem Albergo. Jedenfalls steht ein löchriger Kutter neben dem Volvo. Altersgraue Netze mit vertrocknetem Tang und angeklebten Muscheln und Fischschuppen hängen an den schwarzen Wand brettern und liegen auf dem gestampften Boden, Rinnsale sickern durch die Bretterritzen herein, es riecht nach faulem Fisch. Und nach Maschinenöl. Darum sucht Katharina das Halb dunkel ab, entdeckt das Motorrad und überlegt kurz, ob sie es wagen soll: Sandro hintendrauf und nix wie weg. Tut es dann doch nicht. Zu gefährlich auf den rutschigen Asphaltstraßen bei dem Sturm und Regen. Der Volvo ist sicherer. Kein Risiko eingehen. Wo jetzt wieder alles normal ist. "Nicht solange wir in Italien sind." Herr Färber blickt besser durch als die durch schlechtes Gewissen und Muttergefühle verwirrte Katharina. Sie beschließen, auch zu ihrem Schutz, dass er hinter ihr herfährt, dass sie sich auf den Landstraßen zum östlichen Grenzübergang halten, durch das Friaul bis Triest und in den Norden nach Österreich, mag es später auch gebirgig werden. Erst einmal schnell fort und raus aus der Stadt. Durch das flache Umland fahren und Venedig so weit wie möglich umgehen. Sie verirren sich und fahren Zickzack, wie das so ist, wenn in den Köpfen manches verstört ist. Da ist es gut, dass ihre Autolichter auf den dunklen Landstraßen auffallen; viel Verkehr gibt es nicht mehr, und das blinkende Auto ist jeweils das andere. Katharina muss auch so schon oft genug anhalten und warten, weil er ihrem Zickzackkurs schlecht folgen kann und sie ihn im Rückspiegel nicht mehr sieht. Sie geraten in unwirtliches Gelände, viele Felder, noch mehr Ödland. Selten gibt es hier Ortschaften und noch seltener Hotels. Von den wenigen passt ihr keines.

Herr Färber überholt und hält im nächsten Dorf an. Vier Bauernhöfe gibt es nur, einer hat ein blasses Schild "Camere". Er steigt einfach aus. "Länger können wir nicht warten". Spukig. Ein Hund schlägt an. Sandro schreckt aus dem Schlaf hoch und greift rettend nach dem fauchenden Kater. Dem Hund folgt ein Mann, die Tür des Wohnhauses aus Bruchstein fällt auf. Eine ältere dürre Frau äugt unter ihrem Kopftuch hervor. "Die Hexe, da will ich net rein!"  -  "Pst. Blödsinn. Wir sind ja bei dir. Oder willst du im Auto übernachten."  Katharina hält ihrem Sohn eine Hand über den Mund und streichelt ihn beruhigend mit der anderen. "Camere, si, per la famiglia." Sie sind die einzigen Gäste, bekommen zwei Räume mit Durchgang, im kleineren steht ein Kinderbett. Die Gäste können nachtmahlen mit der Familie, wie sich Frederick Färber auf Österreichisch ausdrückt. Sandro unterhält sich in flinkem Italienisch mit den zwei Enkeln des Bauern und fühlt sich durch die anderen Kinder schnell zuhause. Zu Dritt bekommen sie die gewünschten Patate Frite mit "Kinder-Rouladen", wie Sandro die Saltimbocca, kleine gefüllte Fleischrollen, schon zu Hause in der Pizzeria gern genannt hat. Und die Eltern sprechen mit den Gästen über die Landwirtschaft, viel Mais bauen sie an und vor allem Sorco, Hirse, für die großen Gemüsefabriken und die Schweinezüchter 'im Schinkental' drüben bei Parma. Selbst nur noch Schweinezucht zum Eigenbedarf. "Probieren Sie".

Die Bäuerin stellt eine Teller mit hellrosa, weißgeädertem Prosciutto vor sie hin, der duftet und schmeckt zart nach Walnüssen und Waldpilzen, dazu weißes Brot und eine Schale mit Esskastanien, auch der Wein ist eigene Ernte. Es rentiere kaum noch, sei schwer, immer schwerer. Doch der Hof ist seit Settecento, dem siebzehnten Jahrhundert, in der Familie. Der Bauer führt sie in den Vorraum und zeigt eine Datierung im Schluss-Stein des Portalbogens: 1653. Das hat der Ahne errichtet. Sesshaft sei die Familie wie die Steine des Hauses. Das gebe keiner freiwillig auf. Wohin dann auch, eine Arbeit bekomme jeder schwer. Und wir sind Bauern, haben nichts anderes gelernt. Gute Böden, gute Bauern, solide Gemäuer.

Nach dem gemeinsamen Abendessen, wenn Sandro erschöpft von den wechselvollen Ereignissen schläft, bleiben Frederick Färber und Katharina beim roten Landwein mit dem Schinken und den Kastanien noch sitzen und machen Pläne. Mit Frederick solle Katharina erst mal nach Graz, der älteste Sohn habe ein kleines Weingut in der Nähe, ernte steirischen Schilcher und grünen Veltliner. Zwischen den Weinfeldern unter den klappernden Klapotatzen, die die Vögel vertreiben, könne Sandro mit seinen Enkeln spielen, viel Platz sei im Hofgut. Er schlägt vor, erst einmal allein nach Frankfurt zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen. Ihn kennt dort keiner, und wo, wenn nicht dort, werden sie dich und Sandro zuerst suchen? Bei mir in Graz oder im Dorf in der Steiermark so dicht an der slowenischen Grenze vermutet dich keiner. Unabhängig bist du, in die Schule muss Sandro doch erst in zwei Jahren. Bis dahin hat sich alles, haben sich alle beruhigt. Katharina nickt schläfrig. An Sandros Zukunft und Sicherheit muss sie vor allem denkt, das stimmt.

"Buona Notte." Die schwarzgekleidete dünne Großmutter kommt herein, stellt einen Majolika-Krug voller Dahlien in die hinterste Fensternische vor die Madonnen-Statue aus hellblau und golden gemaltem Gips. Im Profil betrachtet kann man Sandros Assoziationen zur Märchenhexe verstehen: Hakennase und Kinn ragen weit vor aus dem mageren Gesicht. Die Fenster enden in Bögen wie in einer Kirche, meterdick sind die Steinwände. Auch in ihrem Zimmer, wo Sandro unruhig schläft. Auf der Hauptstraße am anderen Morgen schleppen sich die schweren Gemüselastwagen im Regenwetter nach Norden. Jede Ortschaft schiebt neue Autoschlangen in den zähen Verkehr. Aufdringlich ist vor allem der neue feuerrote, der rückt mir absichtlich dicht auf die Pelle. Kupplung treten - erster Gang - Kupplung loslassen - Gas geben - abbremsen. Heckscheibenheizung einschalten - Scheibenwischer abschalten - anschalten - alles nützt nichts mehr. Der Landregen geht in Wolkenbruch über. Der Westwind in Sturm. Außen. Innen:

"Vor uns drängen Autos und hinter uns, viel zu schnell, viel zu dicht; wenn es einmal weiter vorwärts ruckt, schieben sich die Fernlaster immer wieder zwischen Färbers und unseren Wagen, so dass wir uns aus den Augen verlieren. Vor allem diesen aggressiven LKW in Flammend-Orange werd ich nicht los, der lässt sich nicht abschütteln, überholt lebensgefährlich, als gelte es sein oder mein Leben. Wasser und Feuer zusammen bedrohen mich und mein Kind. Das Wasser des Wolkenbruchs bringt die Gefahr zu ertrinken; das Feuerrot die des Verbrennens. Ach was, Katharina, du spinnst, hast halt Angst. Sowieso ist seit Wochen viel zu viel vorgefallen. Wenn schon, ist hier und jetzt Erdrückt-Werden aktuell. Der hausgroße orange Anhänger tänzelt als übermächtiger Klotz auf dem nassen Asphalt, ich halte mir die Schläfen, spüre die Kanten bereits am Kopf, rufe dem Sohn Sandro zu: "Bleib unten. Setz dich ruhig hin." Wenn er sich immer zu mir vorlehnt, mir die Arme um den Hals schlingt: "Mamma, bist du wieder da. Liebe Mamma!" Nun drückt er seinen Kater Willi fest an sich und singt ein italienisches Lied vor sich hin. Das haben die Cousinen immer gesungen. Und er und der Cousin haben dazu Gitarre gespielt. Musiker könnte er werden. Zwischen zwei Lastwagen denke ich als seine Mutter über Sandros Zukunft nach. Geschickt mit den Händen ist er. Zimmermann kann er werden. Oder Architekt? Schließlich wird er einmal drei Frankfurter Mietshäuser erben. Klar, die großen Halbbrüder auch. Aber ihn sehe ich in diesen Häusern. Alles andere ist mir egal. Er soll machen, was er will. Hauptsache kein Gangster. Die Pizzeria bleibt, ohne Piero, den Vater. Neu verpachten? Bis Sandro groß ist. Wer weiß, was wird. Ich muss Pläne machen. Aber später. Aufpassen jetzt. Achtung, der feuerfarbene Teufelsfahrer hockt mir auf der Stoßstange. Vogelzeigen. Stinkefinger. Der Mann so hoch über mir grinst. Soweit ich das richtig erkennen kann. Überhaupt: kenne ich den? Wo hab ich das Ohrfeigengesicht schon gesehen? Aber ich sehe schon Gespenster. Ich brauch endlich Ruhe. Ich hatte nicht mehr recht daran geglaubt, auf die Rückreise mit dem Kind. Eigentlich so mit Sandro allein unterwegs ist es ein unverhoffter Heimweg in den Himmel. Nein. Sandro sieht das nicht so; er turnt schlecht gelaunt herum und fragt immerzu nach dem Vater. "Wo ist der Pappa? Wird der wieder gesund? Kommt der auch wieder wie du? Ich will nach Hause." -  "Quengle nicht und hample nicht so im Wagen herum." Jetzt fängt es stärker an zu stürmen, kein Regnen ist das mehr wie auf der Hinfahrt. Zum Wolkenbruch kommt der Wind. Statt Straßenasphalt sehe ich einen wogenden See. Und wir fahren zwischen lauter Lastwagen mit Anhängern, schwankenden haushohen Schlachtschiffen, die Doppelräder allein sind hoch wie mein Wagen, jedenfalls gucke ich direkt in Augenhöhe auf rauchenden, tropfenden Gummi und auf eine Flut Wasser. Das kommt von allen Seiten, ich komme mir vor, als sei unser Volvo ins Meer gefallen. Wasser strudelt von oben, Regen umflutet die Scheiben in Massen, deren der Scheibenwischer nicht Herr wird, seitwärts peitscht und scheibt das Wasser, unter den Rädern spült es, als seien wir in der Adria. Durch das Blaue und Graue der Wassermassen blitzt es immer wieder apfelsinenfarben auf. Ich weiche dem orangeroten Lastwagen aus, der sich a wechselnd vor mir hält und mich nicht überholen lässt wie die anderen bisher, mich jetzt auf einmal überholen und weit vorfahren lässt, nein, wohl nur, um besser Gas geben zu können. Nun kommt er mir näher, nein, das ist nicht nur ein Rutschen, kein Unfall, das macht der absichtlich, der drängt und drückt mich, der will mich zerquetschen wie ein Insekt. Ich rutsche auf den vier Rädern und sehe Wasser und Wolken einswerden. Sandro schreit, umfasst mich von hinten mit beiden Armen vor Angst, irgendein weiches Fell schiebt sich hinein, nicht friedlich, fauchend, ein Tiger der Furcht kommt gesprungen. Da sehe ich nichts mehr, dann Wasser so transparent wie Eisblöcke, jetzt ebenso hart. Warum sonst der ätzende Schmerz, Stoß und Getöse. Die große dominierende Wolke saust auf mich zu, bebt, ist nichts als Wasserdunst und Dampf; "der Geist Gottes schwebte über den Gewässern", fällt mir wider Willen ein. Warum? Wolkengeist? Nein, ich weiß: Wolken sind gasig und glasig. Himmel und Adria sind blau und grau, das Kind läuft im Sand auf mich zu, sehe ich auf einmal klar, mit gebreiteten Armen und lacht. Ein Knall ist ohrenbetäubend, eine Explosion im Gehirn, der Volvo gondelt im schaumigen Wasser. Sind wir in Venedig? Ist das die Hochzeitsreise wie seit Jugendzeiten gewünscht? Mit dem Geliebten, der aus Italien kommt, mit seinem Sohn, Kind der Liebe. Zwischen Himmel und Erde. Wolken und Wasser. Viel zu viel Wasser. Überschwemmung in Venedig. Taufe in einer Lagune?

Taufe in Frankfurt, im Main? Alles geht sekundenlang rückwärts: Wir sind Zu Hause. In Frankfurt: Sandro liegt neugeboren auf mir. Piero umarmt mich vor dem ausglühenden Pizza-Ofen, das Licht kreiselt und spiegelt sich in den Scheiben, draußen dümpeln die Autos im Regen. Ganz ruhig, ganz ruhig, streichelt mich Piero, nun ist alles gut. Alles still.

 

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