Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Meine Seele ist ein Wald

Eine Werkschau in Buchform zu Sonia Gansterer
Hamburg

 

Der Katalog ich färbe dir den himmel brombeer zum Werk der Künstlerin Sonia Gansterer wurde im September 2020 im Rahmen einer sehr feinsinnigen Ausstellung der Künstlerin im sehsaal in Wien präsentiert. Die Ausstellung und der Katalog sind beide eine sehr respektvoll zurückhaltende und herzliche Einladung an uns, das faszinierende Werk Sonia Gansterers kennen, verstehen und lieben zu lernen. Besonders ist der Katalog nicht zuletzt auch deswegen, weil es der erste der neu gegründeten Edition Eremitage am Kamp ist. Bei der Buchpräsentation sprach der Verleger Clemens Feigel darüber, was ihn dazu bewogen hatte, selbst einen Verlag zu gründen. Zum einen um die von ihm selbst gewünschte und geforderte Sorgfältigkeit und Perfektion in der Umsetzung des Buches gewährleisten zu können. Und zum anderen, weil ihn der Film Fahrenheit 451 damals sehr ergriffen und zur Erkenntnis geführt hat, dass es in der Geschichte immer wieder zu Bücherverboten und –verbrennungen gekommen ist, dabei aber nie alle Bücher ausfindig gemacht werden können und daher immer irgendwo ein Exemplar übrigbleibt. Deswegen ist es von großer Bedeutung, dem, was einem wichtig ist, in Buchform Beständigkeit zu schenken.

was von mir bleibt
irgendwann
ist der gemalte moment

Das sagt Sonia Gansterer über sich selbst. Solch ein bleibender Moment war ihre nur kurz zu sehende Ausstellung im sehsaal. Bleibend, in Erinnerung bleibend, ich möchte daher mit meinen Erinnerungen an die Ausstellung und an das, was mir durch sie vom Werk und Schaffen Sonia Gansterers nähergebracht und verständlich gemacht wurde, beginnen, und erst dann näher auf den Katalog eingehen. Besonders an der Ausstellung waren nicht nur die einzelnen darin gezeigten Kunstwerke, sondern auch, dass die Ausstellung selbst als Ganzes im Zusammenspiel der Kunstwerke mit den räumlichen Gegebenheiten als Kunstwerk konzipiert war. Selbst der Fußboden war bei der Auswahl der Bilder mitbedacht worden. Sonia Gansterer integriert in manche ihrer Bilder Objekte wie Postkarten, echte Federn oder Plastikblumen, was einem mitunter gar nicht sofort auffällt und dann in Erstaunen versetzt. Einen vergleichbaren Kippmoment weiß Sonia Gansterer zu erzeugen, wenn in ihren Bildern Natur und Mensch ineinander übergehen oder auseinander hervorgehen. Lange stand ich vor einem großen Gemälde auf dem ein Baum zu sehen ist an dem ein Kleid hängt, bevor ich das Frauengesicht links oben bemerkte. Wie hatte ich es so lange übersehen können? Oder aber ich bemerkte von draußen, als ich aus dem Abenddunkel durchs Fenster in den hell erleuchteten Ausstellungsraum einen kleinen Ausschnitt eines der Bilder sah, wie einer der Bäume aus dieser Entfernung gesehen plötzlich zum menschlichen Auge wurde. Neben Bildern gab es im Ausstellungsraum am Boden auch eine rechteckige Collage aus Flechten und Moosen in wunderschönen Blaugrüntönen. Und bei einem Fenster lag wie zufällig und vergessen ein kleines, geflochtenes Vogelnest aus Reisig und etwas Moos. Alles in allem erzeugte die Ausstellung bei mir den Eindruck, dass Sonia Gansterer mit ihrer Kunst ein Zwischenreich schafft, einen Moment oder ein Dazwischen, das als Membran in alle Richtungen und Zeiten hin offen und durchlässig ist. Reale Objekte können ins Bild wandern und Teil des Bildes werden, Traumhaftes aus ihrer Bilderwelt kann sich aber genauso gut in unsere Welt verirren wie das kleine Vogelnest am Fensterbrett. Man bekommt daher leicht das Gefühl, Acht geben zu müssen, um sich bei derart durchlässigen und wie Nebelschwaden hin und her wandernden Grenzen zwischen den Welten nicht plötzlich in einem der Gemälde als Teil des Kunstwerkes wiederzufinden.

Ausstellungsansicht Sonia Gansterer, sehsaal (Wien) Sept. 2020, Buchpräsentation "ich färbe dir den himmel brombeer" (Verlag Edition Eremitage am Kamp), © Clemens Feigel

ich färbe dir den himmel brombeer enthält neben zahlreichen Abbildungen, Detailansichten, Zitaten von Sonia Gansterer und Zitaten, die für sie Inspiration und Katalysator für ihr eigenes Schaffen waren, auch drei unterschiedliche Aufsätze über die Besonderheiten ihres Werkes von Clemens Feigel (denken und lieben und malen), Wolfgang Giegler (erschöpfen und erschaffen), und Günther Oberholenzer (fremde Seele und Sammlerin von Welt). Alle drei kennen Sonia Gansterer und ihre Werke sehr gut und vermitteln uns jeweils die eigene Sichtweise auf das Werk, was sehr spannend ist, da sich die drei Aufsätze ergänzen, jeweils andere Schwerpunkte setzen und verschiedene Blickwinkel einnehmen. Jeder hebt anderes hervor, wodurch wir im Lesen einen ebenso umfassenden wie detailreichen Einblick in das Werk Sonia Gansterers gewinnen. Gemein ist allen dreien ein staunender und sehr wertschätzender Blick auf ihre Arbeiten. Diese dreifache, äußerst vielschichtige und facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Werk ermutigt, ebenfalls seinen eigenen Zugang zum Werk Sonia Gansterers zu suchen und auch zu finden. Alle Textbeiträge, Zitate und Werkbeschreibungen sind zweisprachig auf Deutsch und Englisch, damit möchte der Katalog das Werk Sonia Gansterers nicht allein einem deutschsprachigen, sondern auch einem internationalen Publikum zugänglich machen.

Sonia Gansterer, FRAGILE I, 2016, Pigmente, Kaffeesud, Acrylemulsion auf Leinwand, 140 x 105 cm

Eindrücklich sind die Werke Sonia Gansterers nicht zuletzt auch wegen der Farbgebung: gerne verwendet sie kräftige dunkle Farben wie Brombeer oder Schwarz, kontrastiert mit zurückhaltendem Pastell. Diese Kombination versinnbildlicht für mich großen Mut und starkes künstlerisches Selbstbewusstsein bei gleichzeitiger Wahrung von Offenheit, Verletzlichkeit und einer ungeheuren Sensibilität für Feinheiten, Details, Stimmungen und Zwischentöne. Als Grundierung verwendet Sonia Gansterer gerne Kaffeesud, durch dessen körnige Struktur der Malgrund rau wird und das Bild zugleich an Körperlichkeit gewinnt. Schrift ist sehr wichtig in ihren Bildern, zum einen als visueller Bestandteil des Bildes, sei das nun Handschrift oder Schablonenschrift, immer ist die Schrift im Bild integraler Bestandteil der Gesamtkomposition. Zum anderen wird Schrift aber nicht allein wegen ihres optischen Erscheinungsbildes eingesetzt, sondern ist natürlich an erster Stelle auch Träger eines Inhaltes. Und hier kommen wir zu einem weiteren wichtigen Aspekt im Werk Sonia Gansterers: zur Literatur als Inspirationsquelle. Denn sehr häufig geht sie von einem Gedicht, einer einzelnen Verszeile oder einem kurzen Zitat aus, das sie dann zu einem ganzen Werkzyklus inspiriert. Aber auch wenn sie nur ein kurzes Zitat verwendet, ist die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Werk der Autorin oder des Autors eine tiefgreifende und weitreichende. Über ihre Beschäftigung mit Trakl schreibt sie:

Sich Trakl nähern
Seine Texte lesen – immer und immer wieder
Seine Biographie lesen
Seine Texte lesen – langsam, immer langsamer
In seinen Bildern denken
Zu malen beginnen

[…]

Seine Handschrift nachempfinden
Eine Apotheke aus Eisen schweißen
Die Gläser mit seinen Worten beschreiben
Trakls Worte, seine Essenzen, seine Gifte in Gläser füllen
Seine Texte lesen
Sich Trakl nähern, näher, immer näher

Autoren und Autorinnen, die sie inspirierten und anregten, sind neben Trakl u.a. Kafka, Shakespeare, Celan, Else Lasker-Schüler, Sartre, Blixa Bargeld, Christa Wolf, Pablo Neruda, Bert Brecht, Gerhard Rühm. Auch mit griechischer Mythologie befasst sie sich eingehend, neben einer Installation zu Medea vor allem auch zum, in Ikarus versinnbildlichten, Traum der Menschheit, selbst fliegen zu können. So tauchen in ihren Werken viele Schmetterlinge, Flugzeuge und Vögel auf und es gibt auch ein Selbstporträt der Künstlerin als Ikarus, wobei sie nur einen Flügel hat, was ausdrückt, dass Frauen in unserer Gesellschaft noch immer gegen ungleiche Grundvoraussetzungen zu kämpfen haben und, möchten sie fliegen wie Ikarus, dafür nur einen Flügel zu Verfügung haben. Die Schriftzeilen in ihren Bildern sind meist Zitate und auch die Titel ihrer Arbeiten greifen oft auf ein Zitat zurück, beispielsweise ihre Installation in einer ehemaligen Zelle DIE HÖLLE, DAS SIND DIE ANDEREN, bei der sie den Titel aus dem Stück Huis clos von Sartre entlehnt („L’enfer c’est les autres“). Mit all diesen Zitaten und auch ikonographischen Zitaten, auf die ich noch näher eingehen werde, spinnt Sonia Gansterer ein feines Netz an Referenzen und Querbezügen, das, wenn man es gewahrt, zu funkeln beginnt wie ein Spinnennetz voller Tautropfen im Morgenlicht. Genau hinzusehen lohnt sich bei Sonia Gansterer in jedem Fall, weil der Witz oft in kleinen Details und Verschiebungen liegt, beispielsweise  wenn, worauf Clemens Feigel uns in seinem Text aufmerksam macht, aus „ich ist ein anderer“ (Arthur Rimbaud) bei ihr „ich ist eine andere“ wird oder aus „ich färbte dir den himmel brombeer“ (Else Lasker-Schüler) „ich färbe dir den himmel brombeer“. So klein die Eingriffe in beiden Fällen sind, so groß die Auswirkungen, die sich das Fremdzitat zu eigen machen und in die ganz persönliche Gegenwart holen. Auch die Verszeilen „O, meine Seele war ein Wald; / Palmen schatteten, / An den Ästen hing die Liebe.“ aus dem Gedicht Nun schlummert meine Seele von Else Lasker-Schüler holt Sonia Gansterer in einem der 36 entlang eines Wanderwegs auf Schautafeln gezeigten Bilder der Werkserie ANIMA FLORAE in die Gegenwart, wenn sie stattdessen schreibt:

Meine Seele ist ein Wald –
der Wind streift sanft
durch meine Labyrinthe,
unter den Blättern
hängt die Liebe.

Die Palmen, von denen Else Lasker-Schüler an dieser Stelle in ihrem Gedicht auch schreibt, sind bei Sonia Gansterer nicht abhanden gekommen, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, sondern transformiert worden, sind auf ihrem Bild doch statt Palmblättern, auch Palmwedel genannt, heimische Farnwedel zu sehen.

Sonia Gansterer, aus der Serie ANIMA FLORAE, 2012-2015, Bleistift, Tusche, Aquarell, Collage auf Papier à 42 x 29,7 cm

Mit sehr viel Feingefühl, aber auch Humor, zitiert, verändert, ergänzt und fügt sie Textzitate ebenso wie Bildzitate in ihre Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Objekt-Installationen ein. Alle Einzelteile sind dabei gleichwertig und fügen sich zu einem in sich stimmigen Ganzen. Über ihre Werkserie Diastolische Momente schreibt Sonia Gansterer „Wort und Bild sind gleichberechtigt, auch das Wort ist Bild, und das Bild wird Wort.“ Neben Textzitaten sind vor allem auch ikonographische Zitate sehr präsent im Werk Sonia Gansterers. Zitiert werden bekannte Bildmotive aus der Kunstgeschichte, sei das nun Giorgiones Venus als paper doll oder die große Welle von Hokusai. Auch mit dem Selbstzitat spielt sie und so wandern einzelne Motive in leichter Abwandlung von Bild zu Bild, was beinahe den Eindruck erweckt, sie hätten ein Eigenleben und könnten sich frei in der Bilder- und Traumwelt Sonia Gansterers bewegen.

Aber auch wenn die Natur und Pflanzenwelt ganz zentral im Werk Sonia Gansterers vertreten sind, geht es bei ihr nie um eine weltabgewandte Naturidylle. Ganz im Gegenteil nimmt sie in vielen ihrer Arbeiten mittels ihrer Kunst politisch Stellung und verhandelt Themen wie Umweltzerstörung, Atomkatastrophen und Krieg. Über sich selbst sagt sie: „Bilder machen ist für mich eine (Über)Lebensstrategie. Das Absurde unserer Existenz, das mich immer öfter und intensiver anspringt, mein Bildgrund. Malen ist meine persönliche Revolte.“ Sehr spannend sind immer auch die Liste der Ingredienzen ihrer diversen Objekt-Installationen, ESSENCES DE L’ABSURDE beispielsweise enthält:

Essenzen: Giorgiones Venus als paper doll auf Moos, getrocknete Granatäpfel (Früchte vom Baum der Erkenntnis), die Büchse der Pandora, Kranich in unterschiedlichen Formen, Pilz-Sammlung (Steinpilz, Atompilze), Samurai mit Papierschirmchen, Kriegsflugzeugmodelle aus dem 20. Jahrhundert, Gartenfundstücke: Gewehrpatronen, mumifizierter junger Vogel, Erlenzapfen, Samenstände der Jungfer im Grünen (Nigella), Stillende aus Giorgiones Das Gewitter, Schwarze Milch, die Frucht ihrer Leiber, ewige Kirschblüten aus Plastik in Salzwasser, Grodek von Georg Trakl, Spritzen, Schmetterlinge aus alter Sammlung, tote Bonsais, Plutonium, u.a.

Einen wunderbaren Einblick in das Schaffen und Werk von Sonia Gansterer gibt der Katalog auch deswegen, weil er neben Abbildungen von Gemälden und Zeichnungen auch viele Fotos ihrer Installationen und Präsentationsweisen ihrer Kunst enthält. Denn Sonia Gansterer bezieht häufig die Umwelt und den Kontext, in welchem ihre Werke gezeigt werden, mit ein, was ich anhand ihrer Ausstellung im sehsaal in Wien deutlich zu machen versucht habe. Die Verwischung der Grenzen, wo das einzelne Kunstwerk beginnt und endet, macht ihre Kunst unglaublich unmittelbar, weil wir, wenn wir ihr folgen und auf die Zusammenhänge und Bezugnahmen der Kunstwerke aufeinander und auf den sie umgebenden Raum achten, das Gefühl haben, uns in einem Bild oder Kunstwerk oder der Traumwelt Sonia Gansterers zu bewegen, während wir durch die Ausstellung gehen und die darin gezeigten Werke und Objekte betrachten.

Besonders ist das Werk Sonia Gansterers in vielerlei Hinsicht und der Katalog fächert diese Besonderheiten derart vor uns auf, dass sie sichtbar, begreifbar und nachvollziehbar für uns werden, was eine große Leistung ist. Es ist ein Buch, das zur vertiefenden und wiederholten Lektüre einlädt. In Zeiten, in denen wir im Zuge des nächsten Lockdowns neuerlich aus den Museen ausgesperrt werden, bietet es etwas Trost und allem zum Trotz dennoch einen Weg in die Welt der Bilder an. ich färbe dir den himmel brombeer ist so sorgsam, schön und liebevoll gemacht, dass es wirklich eine große Freude ist, darin zu lesen. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk Sonia Gansterers ist in jeder Hinsicht horizonterweiternd.

 

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Sonia Gansterer
ICH FÄRBE DIR DEN HIMMEL BROMBEER
I DYE THE HEAVEN BLACKBERRY FOR YOU
Erschienen 2020 in der Edition Eremitage am Kamp
Hrsg.: Sonia Gansterer, Clemens Feigel
Autoren: Clemens Feigel, Wolfgang Giegler, Günther Oberhollenzer
Mit Texten von Blixa Bargeld, Paul Celan, Sonia Gansterer, Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Gerhard Rühm, Henry David Thoreau, Georg Trakl, Christa  Wolf
Grafik: Jörg Gaisbauer, Sonia Gansterer
Dt./Engl. Übers.: Otmar Lichtenwörther
Druck: Gerin Druck GmbH Holzhausen
238 Seiten, gebunden, € 38,-
ISBN 978-3-9519795-0-2

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