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Essay

Flanerie für Fortgeschrittene

Kleine Hommage an den Schlenderer
Hamburg

Ziellos durch die Straßen einer Großstadt zu schlendern gehört   immer noch zum besten, was einem in diesen elend mobilen Zeiten übrig bleibt. Auf dem schnellsten Weg von A nach B kommen kann schließlich jeder. Entfernungen muss heute niemand mehr zurücklegen – man überwindet sie, und zwar mit jener ewigen Ungeduld, die den Lebensgenuss zur Strecke bringt. Der Schlenderer hingegen hat es weder eilig, noch hat er Ziele. Er lässt sich vom Zufall an die Hand nehmen und vertraut dabei ganz auf seine Gehwerkzeuge. Stundenlang wandert er kreuz und quer und im Kreis. Denn mehr als um alles andere geht es ihm ums Gehen.

Und wer kann sich in Zeiten der Vollbeschleunigung den Luxus leisten, das Leben eines Teilzeitschlenderers zu führen?  Genau – eigentlich jeder. Seitdem die Automatisierung der Arbeitssysteme einen Überfluss an freier Zeit effiziert, steht dem Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit ins Reich des Müßiggangs objektiv nichts mehr im Wege. Zeit also hätte man. Und den Raum ebenso, sprengt der Fortschritt doch mittlerweile auch die architektonischen Fesseln: Da, wo einst die Unwirtlichkeit unserer Städte beklagt wurde, hat sich der Zeitgeist auf urbane Zentren des Komforts verständigt. Musste man früher noch durch die Vorhölle einer Fußgängerzone, um anschließend ins Fegefeuer des Autoverkehrs geworfen zu werden, so erwarten den Zweibeiner von heute die künstlichen Paradiese des Vergnügungskapitalismus, historisierte Erlebnisräume, Shopping-Passagen und Flaniermeilen.
                
Dennoch zeigt sich der neue Typus des Großstadtgängers nur sehr vereinzelt. Mit seiner massenhaften Verbreitung ist auch nicht zu rechnen. Als notorischer Einzelgänger, der das Bad in der Menge anonym genießt, pflegt er eine Form des Abstandhaltens, die naturgemäß nicht jedermanns Sache ist. Hinzu kommt, dass die Gangart des Schlenderns, also die glückliche Verbindung von Schlingern und Schlenkern, der Inbegriff der zweckfreien Beschäftigung ist. Einer Beschäftigung, der man zwar, bei Tage wie bei Nacht, mit Leidenschaft nachgehen kann – die aber zu gar nichts führt. Wem so viel emsige Unproduktivität ein schlechtes Gewissen macht, ist den Anforderungen des Extremschlenderns nicht gewachsen. Diese Kunst vermag nur den zu beglücken, der jedes Nützlichkeitsdenken weiträumig umgeht. Ist einem freilich der Schlendrian erst einmal unentbehrlich geworden, drohen ungleich größere Plagen als ausgerechnet ein böses Gewissen; man denke bloß an jene klemmbrettbewaffneten Darf-ich-Sie-was-fragen?-Leute oder diese umherschweifenden TV-Teams, die dem Passanten mit Handlicht und Mikrophon zu Leibe rücken. Von Hundehaufen und verirrten Pedalrittern gar nicht zu reden. 

Ohne Metropole aber geht es nicht. Denn wer legeren Schrittes unterwegs ist, will sehen, was läuft. Wo also ließe sich das Sensorium schöner spazieren führen als im Tumult der Städte. Hier, im pulsierenden Tempodrom, wo Hybris und Schrecken, Triumph und Krise rund um die Uhr sich begatten, wo der Zeitgeschmack nistet und die räumlichen Perspektiven ständig wechseln, in diesem Fluidum der ameisenhaft durcheinander krabbelnden Eindrücke hat der Schlenderer die Augen sperrangelweit offen. Selbstredend analysiert er nicht die Stadt – er zappt durch ihre Bilderwelten, nimmt Ausschnitte wahr, Details, Nuancen, liest Text, registriert Veränderungen, macht Entdeckungen, staunt über Neues, bemerkt Verluste. Er ist ein Ästhet des Flüchtigen. Das Geschehen, das fortlaufend auf dem Schirm seines Bewusstseins erscheint, speichert er unterschiedslos ab. Seine körpereigenen Archive sind voll mit Stadt. Der da unentwegt im Andante-Schritt umherstreunt weiß mehr von der Stadt als diese von sich selbst. Denn die Stadt ist blind. In ihrem furiosen Tempo kreist sie immer nur um sich selbst. Zu Bewusstsein kommt sie im Typus des Schlenderers, indem er weiter nichts tut, als all die Dinge und Vorkommnisse zu registrieren, die ihr entgehen. In Alltagsbeobachtern wie ihm vergewissert die Stadt sich ihrer selbst.

Von daher ließe sich die Schlenderei mit ihrer berühmten Vorgängerin vergleichen – der Flanerie. Indes, und darin liegt der Unterschied: Die Flaneure, die vornehmsten der Promenierer, umfing noch die Muße und Beschaulichkeit der bürgerlichen Stadtwelt. Für sie war die Straße der Salon unter freiem Himmel, eine Bühne der Selbstdarstellung. Hier  inszenierte sich eine elitär gegen den Fortschrittsgeist anbummelnde Bohème. Allen voran der Dandy, jener Distinktionsartist, der bekanntlich auf dem hohen Niveau seines blauen Porzellans lebte und sich demgemäß auch schon mal dort, wo die Hüte durcheinander gerieten, dem ostentativen Tempo anbequemte, das ihm seine an der Leine geführte Schildkröte vorgab.  

Der klassische Flaneur verkörperte ein Entschleunigungsprogramm der kontemplativen Art. Seine Stadtwahrnehmung erreichte noch jene Tiefe der Betrachtung, mit der die Dinge aus ihren Bedeutungen treten und sich dem versunkenen Blick als höchst mitteilsame Wesen offenbaren. Der Flaneur konnte sich, wie Charles Baudelaire bezeugt, in einen „religiösen Rausch“ spazieren. Solcherart Mysterien sind dem aufgeklärten Schlenderer fremd. In den flirrenden Konsumschneisen des Turbokapitalismus erwandert sich niemand mehr das Erfahrungsterrain des Transzendenten. (Um mußevoll in sich zu gehen und seinen Gedanken nachzuhängen, setzt der heutige Stadtgänger den Fuß erst gar nicht vor die Tür.) Wo alle Zeichen auf Sturm stehen, tritt Geistesgegenwart an die Stelle von Versenkung. Die hochtourige Sinnesmotorik des Schlenderers verhält sich somit proportional umgekehrt zu seiner Gehgeschwindigkeit.

Wenngleich: Selbst mit dieser Geschwindigkeit würde er seinen meditierenden Vorgänger immer noch mühelos überholen – der Schlenderer nämlich bewegt sich geschmeidig und unauffällig in der Menge, während der mondäne Flaneur, jeden Schritt zelebrierend und andächtig verweilend, im Gewusel der modernen Metropole Argwohn erregt. Eine Erfahrung, die der Schriftsteller und Elegant Franz Hessel bereits im Berlin der Zwanzigerjahre machen musste: „Ich bekomme immer mißtrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb.“

Nein, die heillos entfesselte Massengesellschaft hat den Flaneur alten Stils längst überrannt. Die Spazierstöcke mit dem Knauf aus Rhinozeroshorn sind unwiederbringlich in den Gully der Geschichte geschwemmt worden. Um in Betracht zu kommen, flitzt der Selbstdarsteller heute ins Fernsehen. Doch gibt es immer noch Menschen, die ihre Zeit anderweitig verschwenden. Die kaum Besseres zu tun haben, als durch die Straßen einer großen Stadt zu streifen, und dabei den Dingen entschieden mehr entgegenbringen als degenerierte Gleichgültigkeit.

Entschleunigen läuft heute anders. Aber es geht.

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