Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Die Natur ist talentlos ODER Wiederkehr der Geschichte

Zum 80. Todestag Erich Mühsams
Hamburg

1.

Im Café Luitpold hatte sich ein Nachmittagskreis gebildet, der dort regelmäßig Frank Wedekind, Kurt Martens, Gustav Meyrink und häufig auch Heinrich Mann und mich zusammenführte. Hier wurden mit gedämpfter Stimme die Ereignisse besprochen und aus höheren Gesichtspunkten betrachtet als den an lauten Tischen beliebten. Meyrink gab dabei unseren realistischen Betrachtungen häufig etwas mystische Zutat bei. Mir erklärte er einmal, mir werde im Kriege bestimmt nichts Böses widerfahren, denn ich sei einer der ganz wenigen, die diesen Krieg nie gewollt und nie gebilligt und schon vorher gegen ihn geeifert hätten. Das mache mich immun gegen seine Gefahren. Aber vor einer Revolution solle ich mich in acht nehmen. Die lebe in meinen Wünschen und würde mich im Guten wie im Schlimmen zu finden wissen. Ich verstehe nichts von Okkultismus; aber gewisse Tatsachen haben Meyrink, was meine Person anlangt, wohl recht gegeben. (Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen - Kapitel 25: Frank Wedekinds letzte Jahre).

Der Autor des Golem hat sich tatsächlich als eine Art Wahrsager erwiesen: Erich Mühsam starb am 10. oder (nach anderen Angaben) 11. Juli 1934 im KZ Oranienburg. Was heißt hier „starb“? Er wurde gefoltert und ermordet. Die Mörder proklamierten dabei ihr Racherecht für die 1919 in München erschossenen Geiseln der Räterepublik. Zur Zeit der Geiselerschießung war Mühsam bereits im Zuchthaus Ebrach (in der Nähe von Bamberg) untergebracht gewesen, aber das war den „Rächern“ natürlich egal. Dass er die Geiselerschießung nicht billigte, was seine Tagebücher aus der Zeit belegen, war auch nicht von Bedeutung – die „Alldeutschen“, wie er die deutschen Nationalisten immer nannte, haben ihren Hass gegen die „Feinde Deutschlands“, seit der Niederlage im 1. Weltkrieg ins Unermessliche gesteigert, an dem roten (in beiden Sinnen, er war auch rothaarig) Mühsam abgearbeitet. Der Hass schluckte Mühsam, doch dadurch war er nicht gestillt. Im Gegenteil, er wurde noch hungriger. Er wurde immer hungriger, mit jedem neuen Tod.

2.

Ich galt ja wohl lange Zeit als »Prototyp eines Cafehausliteraten«, und doch war es für niemanden ein Geheimnis, daß ich in Arbeiterzirkeln verkehrte, mit Zettelverteilung und Hauspropaganda Kleinarbeit tat, an Gruppenabenden Vorträge und in öffentlichen Versammlungen Agitationsreden hielt. Ich stand als Angeklagter in politischen Prozessen vor dem Strafrichter, und jeder wußte, daß ich im Privatleben unter Künstlern zigeunerte, in Kabaretts lustige Gedichte, Schüttelreime und allerlei Bosheiten vortrug, mich in Berlin, München, Zürich, Genf, Florenz, Paris, Wien herumtrieb, in fidelen Ateliers, ein Mädel auf dem Schoß, schlechte Witze riß, mit den zeitlosen Schwärmern der Boheme, wie dem prachtvollen Friedrich von Schennis, ganze Nächte durch zechte und mit vielen berühmten Leuten, die ich – nicht immer bloß für mich – anpumpte, befreundet war. (Erich Mühsam: Unpolitische .Erinnerungen - Kapitel 2: Soll man Memoiren schreiben?)

Als ich im Tagebuch von Erich Mühsam las: ...hatte heute morgen brillantesten Stuhlgang – ist es um mich geschehen! Ich war sofort und für immer verliebt: In einen Menschen, der so klagt: Ich muß gradezu mit dem linken Fuß zuerst aus dem Mutterleibe gestiegen sein. Denn am Ende habe ich doch alles: Talent, Fleiß, Intelligenz und bin ein leidlich netter Mensch. Aber trotzdem! – Und ebenso mit den Frauen! Jede hat mich gern, aber keine liebt mich! – Wenn ich an den lieben Gott glaubte, – wie müßte ich ihn hassen! In einen Dichter, der so über sich schreibt: Ich glaube nicht größenwahnsinnig zu sein, wenn ich behaupte, daß es nicht viel Gedichtbücher gibt, in denen schönere Verse, und auch nur wenige, in denen mehr schöne Verse stehn. Es ist ein wahrer Skandal, daß ich nicht viel mehr anerkannt werde. In der Tat! Schon allein der ewige Revoluzzer würde dafür reichen.

Doch zeigen Mühsams Gedichte unzweideutig, dass er für keinen anderen Ton geeigneter war als für die kabarettistische Ironie und den Sprach- und Verswitz der spätwilhelminischen Zeit. Seine Gedichte mit Pathos, und sei es der politische, revolutionäre oder der lyrische Pathos, sind versifikatorisch gekonnt, aber etwas plump und leblos in Wort- und Bilderwahl. Texte wie „Revoluzzer“ oder auch die von Mühsam geliebten Schüttelverse sind auch heute reizend und wirksam. Überhaupt: Man könnte sagen, dass Erich Mühsam nur für eine einzige Zeit geboren wurde, nur in einer einzigen Zeit glücklich sein konnte – das war die kaiserliche Vorkriegszeit, mit ihrer angeblichen Stabilität, mit ihrem angeblichen Recht und ihrer angeblichen Freiheit. Das war nicht nur die Zeit der Stahl- und Gusseisenbarone und patriotischen Gymnasiallehrer, sondern auch die Zeit der Kaffeehausliteraten und Kabarettanarchisten. Das ist kein Vorwurf: Das war in der Tat eine nette Zeit. Leider auf Pump. Die Staatsschulden haben die Eigenschaft, in einem Großkrieg beglichen werden zu wollen. Das hat sich kaum geändert: Wer die größten Schulden hat, der braucht den Krieg am nötigsten: die Schulden müssen abgeschrieben werden.

Eine neue, finstere Zeit kam und verlangte von Erich Mühsam (geboren am 6.4.1878 in Berlin, aufgewachsen als Sohn eines reichen jüdischen Apothekers in Lübeck, zu Beginn des Krieges wohnhaft in München), seine Überzeugungen durch das eigene Handeln zu bestätigen. Er tat das. Nicht viele „Kaffeehausliteraten und Kabarettanarchisten“, nicht viele Demokraten und Sozial-Demokraten haben das Gleiche getan. Das Vaterland rief, sie gingen unter seine Fahnen. Für sie waren die Ansichten von früher eine Spielerei, für Mühsam aber – sein voller Ernst: Er war von Anfang an bereit, seine Überzeugungen mit dem eigenen Leben zu bezahlen, was am Ende auch geschah.

3.

Mühsam muss nicht „entdeckt“ werden – er ist nicht vergessen. Im Gegenteil, seine Bekanntheit wächst und wächst, besonders rapide in der neuesten Zeit, nicht zuletzt dank seinem Tagebuch. Und auch dank den erschreckenden geschichtlichen Parallelen zwischen seiner Zeit und der unseren. Will der Leser sich Mühsams literarischen und politischen Weg erschöpfend vorstellen, muss er das kürzlich erschienene Mühsam-Lesebuch „Das seid Ihr Hunde wert“ (Verbrecher Verlag, wo auch die Tagebücheredition stattfindet) zur Hand nehmen – aus ihm ist vollkommen ersichtlich, wie sich Mühsams Gedichte mit der Zeit veränderten, wie er sich selbst begriff und wie er sich an die vergangenen Zeiten erinnerte (in seinen Unpolitischen Erinnerungen).

Mit dem Herausbringen jedes neuen Tagebücherbandes wird immer klarer: Diese Herausgabe ist vielleicht das bedeutendste kulturelle, literarische und in erster Linie Erkenntnis stiftende Ereignis der letzten Jahre. Vor allem sind es diese Tagebücher (und nicht die komischen Gedichte, die leidenschaftlichen, aber sprachlich etwas schwerfälligen Pamphlete oder auch andere Texte), die Erich Mühsam zu einer der zentralen Figuren der deutschen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts machen. Wer hätte das (bei aller Liebe zu Mühsam, die viele linke Intellektuelle schon immer hatten) gedacht, vor zwanzig Jahren noch? Diese Aufzeichnungen muss man nicht allein wegen Mühsam und seines, beinahe im Sinne der antiken Tragödie, tragischen Schicksals lesen, obgleich ein Mensch, der durch die vielen Wendungen seines Wegs und mit einigen Möglichkeiten des Ausstiegs sehenden Auges zu einem schrecklichen Ende – dem leidvollen Tod im „Klassenkampf“ – eilt, uns rührt und uns zugleich sehr nachdenklich macht. Diese Aufzeichnungen müssen wir in erster Linie wegen uns selbst, wegen unseres Schicksals lesen! Um sehen, hören und fühlen zu können, wie eine „normale Welt“, mit vielerlei netten Selbstverständlichkeiten ausgestattet, sich vor unseren Augen in eine barbarische verwandelt. Wir leben ja wieder in einer netten Welt, zwar auf Kosten von Millionen und Abermillionen anderer Erdbewohner, die diesmal nicht mit Hilfe eigener Kolonialtruppen und Kriegsschiffe ausgepresst, sondern mit Hilfe der „Wirtschaftsgesetze“, der „freien Marktwirtschaft“ und der korrumpierten – von uns korrumpierten, man darf das nicht vergessen! – Nationaleliten (die allerdings sehr wohl unter dem Schutz der Kolonialtruppen und Kriegsschiffe unseres großen Kolonialherrn stehen) ausgesaugt werden. Man genießt das Leben, das uns wirklich schön gemacht worden ist. Doch in den Tagebüchern Mühsams kann man nachempfinden, wie nette Pseudo-Selbstverständlichkeiten – Freiheit, Recht und Ordnung – in dem Moment, da sie die Herren der Welt in ihrem Weltherrschaftswahn stören, sich als angeklebte Oberfläche erweisen, die äußerst leicht zu entfernen ist. Mühsams Tagebücher aus der Kriegszeit zeigen eine solche Weltumwandlung ganz physisch, ganz plastisch. Mit einer Schicksalslogik, die – wir wissen das von Anfang an, nicht weil wir so klug sind, sondern weil wir uns in der Zukunft befinden! – nicht allein die wilhelminische Illusion, sondern auch den Menschen Erich Mühsam vernichten wird.

4.

Die erhaltenen Tagebücher beginnen am 22.8.1910 in einer Schweizer Klinik, wo Mühsam nach Untersuchungshaft in München (wegen Geheimbündelei; freigesprochen) seine Gesundheit bessert. Bei strömendem Regen war ich eben unten im Dorf, um mir dies Heft zu kaufen... Diese Hefte, an der Zahl 42, die er bis zu seiner Entlassung 1924 aus der Festungshaft (er war Regierungsmitglied in der Räterepublik gewesen) mit persönlichen, literarischen und politischen Empfindungen und Geschehnissen füllte, erwartete ein bizarres Schicksal: Zehn Jahre später, kurz nach Mühsams Tod. wanderte seine Witwe, Zenzl, eigentlich Kreszentia Elfinger (1884 – 1962), - das gerettete Archiv im Gepäck - zunächst nach Prag und später nach Moskau aus: Die Kominterngenossen interessierten sich für den Nachlass des zwar offen antimarxistischen, aber durch seine satirischen Schriften und seinen wahrlich heroischen Tod legendär gewordenen Poeten und Publizisten. Zenzl wurde versprochen, dass Mühsams Werke in viele Sprachen übersetzt würden, was mitnichten geschah. Wahrscheinlich erwiesen sich seine Schriften als unverwertbar für die schlichte sowjetische Propaganda. Am 23.4.1936 wurde sie verhaftet. Nach fast zwei Jahrzehnten in Straflagern und in sibirischer Verbannung durfte Zenzl Mühsam 1954 ausreisen. In die DDR. Ihr folgten Mikrofilme des Mühsam-Nachlasses, die der ostdeutschen Akademie der Künste (nicht der Witwe!) übergeben wurden. Acht Hefte aus den Jahren 1910/11 und 1916 – 1919 gelten als verschollen, wobei nicht klar ist, wo sie zu suchen sind: beim KGB? bei der Komintern? im Moskauer Institut für die Weltliteratur?

Die übergebenen Hefte erfuhren in der DDR sämtliche Höhen und Tiefen des offiziellen Interesses an Mühsam, der immer „unkoscher“ blieb, was er wahrscheinlich mit der ihm eigenen fröhlichen Kindlichkeit gern bejaht hätte. Nach der Wende kam die Suche nach willigen Verlagen – jetzt wurde nicht die Ideologie, sondern die Ökonomie zum Hindernis für die Veröffentlichung der 8000 Tagebuch-Seiten. Schließlich kamen Chris Hirte und Conrad Piens, die Herausgeber des Tagebuchs, zur Entscheidung, es ins Netz zu stellen. Und auch ein Verlag hat sich gefunden, der Berliner Verbrecher-Verlag, der im Sommer 2011 begonnen hat, den „reinen Text“, ohne Kommentare und Register, zu publizieren. Der ersten Bände der fünfzehnbändigen Ausgabe sind wunderschön, brauchen aber unbedingt die Netzunterstützung unter der Adresse http://muehsam-tagebuch.de, wo der Kommentar und das Namensregister zu finden sind. Ich glaube, das ist eine hervorragende Lösung, und warte ungeduldig auf jeden neuen Band: nicht nur des Zeitgeschichtlichen wegen und nicht allein wegen dieser faszinierenden Persönlichkeit, die die Eigenschaften eines verzogenen Kindes und eines wahren Helden, eines Bohemiens und eines überaus fleißigen Literaten in sich vereinte, sondern auch wegen der zauberhaften Prosa, die auf fast jeder dieser 8000 Seiten aufglänzt.

5.

Der neueste, 6. Band der Tagebücher (1919, Gefängnisaufenthalte nach der Zerschlagung der bayrischen Räterepublik) beginnt mit der Orts/Zeitangabe: Zuchthaus Ebrach, 27. April 1919. Ich kenne dieses Gefängnis, ich habe darin gesungen für die Insassen – russische Kriminalballaden für russische, türkische und deutsche Kriminelle. In einem der schönsten Gebäude (besonders ragt die Barockkirche heraus) der Welt, was auch Mühsam merkte und anmerkte. Es hat mich sehr bewegt, als ich das erfuhr (leider nach dem Besuch in der JVA Ebrach). Jetzt fühle ich eine seltsame menschliche, ja persönliche Verbundenheit mit Mühsam.

Neben ideologischen Phrasen, Aufrufen zur Weltrevolution und lustigem Quatsch finden sich in Mühsams Tagebüchern hier und da schöne poetische Bilder und herrliche Sätze („Die Natur ist talentlos“ beispielsweise; es ist mein Lieblingssatz derzeit, ich sage ihn mir wieder und wieder, wenn ich die physische Welt innerhalb und außerhalb von mir betrachte) sowie viele halbprophetische Blicke in die Zukunft:

Für diese Aera bereiten die Scheide- und Hoffmänner mit ihrer erbärmlichen feigen liebedienerischen Verräterpolitik jetzt den Boden, indem sie das zukunftsfrohe Proletariat niederbütteln und die Nutznießer der sich vorbereitenden nackten Reaktion, Marke Hohenzollern-Wittelsbach, in den Besitz des gesamten staatlichen Waffenarsenals und Verwaltungsapparats setzen. Eines Tages werden ihnen die Augen aufgehn, wenn sie selbst als Opfer ihres Verrats mitgehangen werden. Dann werden sie erkennen, daß ihre wahnwitzige Kommunistenverfolgung dem deutschen Volk mindestens zehn Jahre Freiheit und Glück gekostet haben wird.

Mühsam sieht das Böse nicht nur im Weltherrschaftswahn des Kaiserreichs (und anderer Reiche selbstredend), sondern auch in der Sozial-Demokratie, die (noch zu Zeiten des Krieges) die Arbeiterklasse, die sie zu repräsentieren und verteidigen hatte, zugunsten des deutschen Kriegsnationalismus und nationaler selbstgefälliger Selbstverherrlichung verraten hat. 1919 konnte er dennoch dieses Böse in den Begriffen, die er zur Verfügung hatte, nicht erschöpfend definieren, das wäre wahrscheinlich nur nach sämtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts möglich, die unmittelbare Folgen des 1. Weltkriegs waren: Auschwitz, Hiroshima und Gulag ... Natürlich war es eine Utopie, einen „Sozialismus“ und ein „Glück des deutschen Volks“ zu errichten, was Mühsam und seine Kameraden hätten wissen können, aber nicht zwangsläufig müssen. Das Volksglück braucht zu viel Reichtum, um verwirklicht zu werden, die Mittel dafür können nicht von einer Volkswirtschaft „ehrlich“ verdient werden, egal wie gut sie produzieren und verkaufen kann (das bürgerliche Bewusstsein nimmt jedoch auch heute selbstverständlich das Gegenteil an), sie müssen anderen Volkswirtschaften entwendet oder („und/oder“ wäre präziser ausgedrückt) von irgendwo (drinnen oder draußen) „gepumpt“ werden. Pumpen ist übrigens einer der Lieblingsausdrücke in den Tagebüchern Mühsams.

Ein besonders wichtiges Thema, das sich durch die Tagebücher wie ein roter Faden zieht: die Zeitungen. Mühsam war ein fleißiger Zeitungsleser, während des Krieges versuchte er immer wieder, aus den Berichten und Nachrichten Wahrheit über die Lage an den Fronten, über die Situation in den von der Reichswehr okkupierten Gebieten (Belgien, Teile Frankreichs, Russisch-Polen) herauszudestillieren. Traurig und zugleich lustig ist zu sehen, wie sogar Erich Mühsam, der grundsätzlich kein Vertrauen in die bürgerlichen Medien hat, sich von vollkommen falschen Meldungen und Bildern (deutschen wie auch gegnerischen) täuschen lässt, und sei es für eine Sekunde. Der Spruch „wo Rauch ist, da ist auch Feuer“ gilt nicht für die Massenmedien, auch heute nicht. Die unbedingte, absolute Lüge als Beeinflussungsmethode wurde nicht von Dr. Goebbels erfunden und ging mit ihm nicht ins Grab. Wir werden auch heute genauso belogen, wie Erich Mühsam damals, wenn er versuchte, eine Wahrheitsnadel in einem Lügenheuhaufen – einem deutschen, englischen, französischen, russischen, später sowjetisch-bolschewistischen – zu finden. Das ist eine der bedeutendsten Lehren der gesamten Tagebücher Mühsams.

Der Europäer von heute hat in sich, in seinem Gefühl, in seinem Bewusstsein die Geschichte absterben lassen, um nicht daraus lernen zu müssen. Deshalb ist er böse, wenn jemand „von außen“ mit den historischen Parallelen argumentiert. Das stört das Monopol auf die Geschichtsdeutung, das stört „the brave new world“. Eben deshalb wurden seinerzeit die euphorischen Hirnlosigkeiten eines gewissen Herrn Fukuyama über „das Ende der Geschichte“ so euphorisch, so „siegestrunken“ verbreitet. 

Mühsams Tagebücher, trotz (oder dank) seiner offenen Voreingenommenheit in politischen Fragen, trotz (oder dank) seinen Illusionen und Utopien, trotz (oder vielmehr dank) seiner etwas kindischen Ehrlichkeit in allen Sachen des Lebens, beginnend mit dem brillanten Stuhlgang und bis hin zum Glück des deutschen Volkes, lassen die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert sichtbar, spürbar wiederauferstehen. Das ist vielleicht das Wichtigste an ihnen – die von ihnen erwirkte Wiederkehr der Geschichte in unser Bewusstsein.

 

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