Fixpoetry

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Essay

Dies natalis. Unmerkliche Wandlung

Zu Ludwig Steinherrs »Alpenüberquerung«
Hamburg

»All unser redliches Bemühen
Glück nur im unbewussten Momente.

Wie könnte die Rose blühen
wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte.«
Johann Wolfgang von Goethe, Zahme Xenien

Es ist diese gegenwärtige, unabgeschlossene Epoche, die bestimmt auch davon gekennzeichnet ist, dass demographisch gesprochen zahlreiche Menschen nicht unbedingt aus dem hohen, jedoch sehr wohl aber aus reifem Alter her hinschauen auf die Welt. Auch bei dem Münchener Dichter Ludwig Steinherr, Autor von mehr als siebzehn Bänden unglaublich herrlicher Poesie, öffnet diese Reife einen Blick – noch nicht den des Methusalems – gewiss aber den eines Rückkehrers, Heimkehrers, den eines in allen Dingen weitgereisten Odysseus, der gerade wieder aus unzähligen Verschlingungen heraus erwartungsvoll, erleichtert, aber auch verwundet sein Ithaka betritt.

Und nicht unbeschriebenes Neuland ist dieses Ithaka, sondern langvertrautes Terrain, worauf nun, da er es wieder und abermals betritt, tausend Luken verschütteter Kammern der Erinnerung aufspringen. So ist es, scheint mir, auch in Ludwig Steinherrs neuem Gedichtband »Alpenüberquerung« (lyrikedition 2000, München November 2016), ein Band der neben Steinherrs übrigen Gedichtsammlungen als ein Sonderling, eine Ausnahme steht.

Hatte man bei den früheren Dichtungen Ludwig Steinherrs immerfort den Eindruck, man betrete eine mit Engelsfedern, U-Bahn-Krach und Tapisserien behängten Wunderkammer, darin man Dinge findet wie einen »Papagei an der Tankstelle«, eine »Römische Notiz«, einen »Illusionist«, »Glückskekse & Knallbonbons«, eine »Nachtgeschichte für die Teetasse«, den »Kostümverleih für Heilige«, »Trauerweiden mit Perücken«, einen »einsamen Buddha«, »Schakalsmumien«, »Schädel eines Höhlenbären«, »derbe Steinmadonnen«, eine »Zikadenzehe«, den »Chromgriff des Magic Casinos« oder einfach – handelsüblich – einen »Elefant mit Obelisk« … hatte man bei diesen früheren Dichtungen also den Eindruck, man betrete ein verwünschtes Kabinett, so sind die Gedichte, die das Buch »Alpenüberquerung« präsentiert, scheinbar Erzeugnisse einer gänzlichen Wandlung, Produkte einer Verschiebung, Vertiefung des Blicks—eine existenzielle Wende, die sich naturgemäß auch als Schub und Innovation in seinen Versen äußert.

»Fremd und unfassbar wie / ich selbst«

Zunächst die Beobachtung, dass Steinherrs ohnehin formidable Produktion an Gedichten stetig zunimmt, dichter wird, sich ohne Wiederholung variiert—zuverlässig erscheinen seine Bände im Jahresrhythmus; und bremste ihn nicht sein Verleger Alexander Strathern, so gäbe es wohl eine alljährliche Frühjahrs- und Herbstausgabe Steinherrischer Poesie. Immerfort, wenn man mit ihm spricht, ist er besessen oder beseelt vom Schreiben—zum Beispiel um neun Uhr in der Früh am Telefon: »Konnte vorhin nicht drangehen, habe gerade noch ein Gedicht fertig geschrieben« oder irgendwann tage darauf im Hofgarten »von dem Gedicht habe ich jetzt fünf Fassungen, was soll ich machen« oder wieder fernmündlich »ich habe es in einem Zug einfach hingeschrieben und da habe ich gemerkt, es ist fertig.« Immerfort schreibt Ludwig Steinherr und wer nicht glaubt, dass Komposition auch ein muscle memory besitzt, dem werden sich umfangreiche, monomanische Werke wie das Rilkes, Charles Péguys, Rolf Dieter Brinkmanns, Karl Krolows und eben auch Ludwig Steinherrs nie erschließen. Es ist die wohlgeübte Imagination, geschärft, höchstempfindlich, die alles, jede Lebensregung absorbiert und später, irgendwann wenn die Bilder gar sind, hinspricht im Modus der Dichtung. Und jene, die es nicht fassen können, dass ein Dichter mehr Poeme aufs Papier bringt als der Kalender Blätter hält, die seien vorsorglich vor der dümmsten aller poetologischen Bauernregeln gewarnt, wonach große Produktion, weniger Konzentration bedeute.

Während die Dichtung Steinherrs stets wie eine cartesianische Beobachtung seiner Um- und Innenwelt daherkommt, gibt sie ihrem Sujet jeweils etwas, das ich einst als »serene purpose«1 bezeichnet habe, ein epiphanischer Stil, der in »Alpenüberquerung« gleich im ersten Gedicht thematisch wird: Steinherr führt das lyrische Subjekt weit, vierzig Jahre zurück in seiner Biographie »Assisi mit Fünfzehn«.

»Meine erste Auslandsreise –
Ich war wie im Schockzustand – wie unter Drogen –
Mit Freunden lief ich abends um die Stadt
bekifft von Freiheit, durch die pulswarme Dunkelheit –
Wir schrien auf, als wir die riesigen Leuchtkäfer sahn!
Lampions, die durch die Nacht schwebten!
Ich fing einen in der hohlen Hand
öffnete einen Spalt – und wirklich:
Da drin brannte eine Lampe!
Ich stand und schaute gebannt –
Als schaute ich aus dem Finstern zu einem hallen Abendfenster
hinter dem etwas Fremdes Unfassbares vor sich ging:
die Welt des Insekts –
Fremd und unfassbar wie
ich selbst – vierzig Jahre später –
als einziger wach – allein unter der Küchenlampe
gebeugt über dieses Gedicht«

Das Gedicht wird hier zum Ort, darin rekonstruierende Erinnerung und instantane, konstruierende Schreiberfahrung konvergieren zur Einsicht in das »unfassbare« Moment dichterischer Realisation. Obschon beides skriptural erfasst, fixiert wird, bleibt immer das Befremden, das jene Einsicht auslöst, unfassbar autonom.2 Solche autobiographische Fiktionalisierungen und Lokalisierungen sind zwar an für sich nicht neu in Steinherrs Oeuvre, doch weitet der Autor in »Alpenüberquerung« das Geflecht der Beziehungen und öffnet das Feld der Erfahrungen zu Personen, die bisher kaum solche Beachtung fanden in seinen Gedichten.

»Ich werde mit dem Schweigen leben müssen«

Wie bereits oben beschrieben, füllte Steinherr sein Kabinett bisher vornehmlich mit Wahrnehmungsfeldern aus der abendländischen Tradition, der erlebten urbanen Wirklichkeit oder cartesianischen Selbstbeobachtungen. Die »Alpenüberquerung« jedoch dringt erstmalig explizit ins Gefüge menschlicher Nahbeziehungen. Das titelgebende Gedicht führt den Leser nah an die Erfahrung des Todes der Mutter des Autors.
Ilma Rakusa notierte einst in ihren Überlegungen zu »autobiographischem Schreiben«3  einen Gedanken von Henrik Karle Nielsen: »Literarisches autobiographisches Schreiben ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass es kraft seiner gattungsorganisierten, stilisierenden Verarbeitung lebensgeschichtlicher Erfahrung auf der Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen balanciert […]. Ebenso wie beim ästhetischen Erfahrungsprozess allgemein besteht das besondere Potential dieser ästhetischen Verarbeitung […] darin, dass sie zu einer Identitätsarbeit mit offenem, unbestimmten Ausgang einlädt.«4

Obschon das öffentliche Subjekt des Gedichts nur wie ein hauchdünner Schleier über den autobiographischen Realien liegt, hebt die ästhetische Stilisierung die »erfahrungsbasierte Konstruktion« in den Bereich des veröffentlichten Allgemeinen, sodass die Gruppe jener Gedichte in »Alpenüberquerung«, die sich mit dem Tod der Mutter beschäftigen, zu einem berührenden memento mori, zu einem greifbaren Dokument der emphatischen Begleitung, des Verlusts, der Trauer und dem dankbarem Andenken werden.

»Alpenüberquerung

Nun bist du tot –
Verschwunden aus dieser Welt –
Und ich fahre im Zug über die Alpen –
Schnee stürzt mir entgegen
Schnee über Schnee5
Wie damals als Hannibal
mit seinen Elefanten über diese Pässe zog –
Sterben ist phantastisch
Unwirklich wie Elefanten
die über ein Gebirge steigen
schwankend und mächtig
im tosenden Wirbel von Schnee –
Nun bist du auf einer Reise
die all meine Vorstellung übersteigt –
Unsere letzte Berührung –
das Kreuz das ich auf deine weiße Stirn strich –
Da warst du schon weit weit fort
und deine Stirn schon fremd
wie eine Elefantenstirn
und kalt wie Gletschereis«

Die »phantastische« Erfahrung des Todes (dies natalis) wird aus instantaner Besinnung des Zugreisenden verschoben auf ein ebenso unbegreifliches, aber dennoch historisch beglaubigtes Ereignis aus den punischen Kriegen, die Alpenüberquerung Hannibals und das Bild der für die Antike, das Mittelalter und nicht zuletzt auch für Dürer phantastische Gestalt des »Elefanten«. So sehr das philologische, theologische und (natur)historische Studium uns über dieses weltgeschichtliche Ereignis, dieses exotische Wesen, aber eben auch den Tod unterrichtet, so sehr bleibt es letztlich als etwas, das »all meine Vorstellung übersteigt«. Selbst die konkrete Leiberfahrung »und deine Stirn schon fremd«, selbst die » letzte Berührung« überbrückt diese Kluft nicht.
Eingebettet ist dieses Gedicht, das zu Texten im Band gehören, die sozusagen postmortale Retrospektiven sind, in den Umkreis der letzten Tage im mütterlichen Leben. Es sind zärtliche Beschreibungen einer Mutter, die als junge Frau Turniertänzerin war »noch mit achtzig konnte sie im Stehen die Hände / flach auf den Boden legen« (Feder, S. 171). Es zeichnet sich zunehmend eine Gestalt ab, die das Ende ihrer Tage dankbar und geordnet beschließt:

»Aufräumen

Jetzt, zum Schluss, verschenkt sie alles –
Sommerkleider Hüte – wann trag ich sie je?
Biedermeierstühle Plastikdosen Silberbesteck
Perserteppiche – Roll ihn ein! Nimm ihn mit!

Wenn wir beisammen sitzen zum Tee
irrt ihr Blick unablässig
Willst du das Bild! Häng es ab!
sie nimmt einen Schluck aus der China-Tasse –
Die China-Tassen kannst du haben!
Hol gleich das ganze Geschirr!
Stell alles in den Korb! Behalt den Korb dazu –

Was keiner will wirft sie in den Container –
Bergschuhe Jugendromane

Briefe Rechnungen Urlaubsfotos
reißt sie zweimal durch und stopft sie in den Müll –

Alle Geschenke gibt sie zurück
Wolljacken Silberplatten Gedichtbände
Ihr könnt es selber besser brauchen!

Als müsste sie schneller sein als der Tod
Als dürfte sie ihm nichts hinterlassen
als leere Zimmer weiße Wände
erleuchtetes Parkett und tanzenden
Staub«

Nah an der längsten Nacht sind die kursiv gestellten Worte der Mutter bestimmte Worte im Imperativ. Das Gedicht ist voller Charakter, sogar beim Ausmisten »reist sie zweimal« die Urlaubsfotos durch, damit niemand die privaten Bilder schaut; die Rechnungen werden nochmal durchgeschaut; nur ihre Hüte, an denen sie hängt, offenbaren einen letzten Hang am Leben »wann trag ich sie je?« In der stilisierten Inszenierung dieser Tage legt der Dichter ungeniert die Fragilität des Alters bloß: »Ein verirrtes Katzerl / einen Turmfalken mit gebrochenem Flügel / einen angefahrenen Igel – « (Schutz, S. 174).

Gleichwohl finden sich in »Aufräumen« Echos der Familiengeschichte. Der Vers » Willst du das Bild! Häng es ab!« erinnert vielleicht an Steinherrs Großvater Alois Roth, der unter Wilhelm von Lindenschmit im frühen 20. Jahrhundert an der Münchener Akademie der schönen Künste Malerei studierte.6

Der Augenblick des Heimgehens wird in zwei Gedichten berührt. Zunächst präsentisch »Sie stirbt« und dann retrospektiv, unumwunden »Die Nacht in der meine Mutter starb«. Das erste Gedicht ist erfüllt von paradoxalen Zeilen »Der Verfall geschieht jetzt rasend / wie im Zeitraffer – «. Es ruft Zeilen aus dem Psalm 103,15f. auf, worin der erste Dichter David die Barmherzigkeit des Schöpfers beschwört. Doch auch dieser alttestamentliche Augenblick erweist sich als hilflose Reminiszenz voller Täuschung, die Steinherrs Gedicht sofort konterkariert: »Aber das sind die sanften Bilder – / Ich packe die Einkäufe aus / und die Verfallsdaten springen mich an – «. Hilflos ist auch die dichterische Stimme selbst, da sie sich »nicht wehren [kann] gegen den Zwang / der brutalen Vergleiche –«. In der unmittelbaren Retrospektive – man bedenke, dass Steinherrs kontinuierliche Produktion Texte hervorbringt, die nah an lebensweltlichen Ereignissen des Autors sind – steigert sich diese Brutalität zum katastrophischen Augenblick.

»Die Nacht in der meine Mutter starb

All die Kirchen Kapellen Kathedralen ihres Lebens –
Die dämmrige Kühle der Theatinerkirche
in die sie mit ihrer Tante Justine ging
zu den blütenschweren Maiandachten
Die Wallfahrtskapelle Maria Eich
wo hinter dem Summen der Litaneien
die Tiefflieger aufzogen
Der kriegsversehrte Dom mit seiner Kuppelprothese –
Die vielen italienischen Kirchen der Fünfziger
die sie mit dem schwarzen Schleier betrat –
Die winterlichen Seitenaltäre zu denen sie mich
auf dem Arm trug für die lateinische Frühmesse
wo sie den schwarzen Handschuhfinger
auf die Lippen legte und mir flüsternd
da vorn den lieben Gott zeigte
den ich nicht sah –

All diese Kirchen Kapellen Kathedralen
in denen sie ihren Glauben aufsteckte
wie eine Opferkerze
die bis zum letzten Atemzug nicht erlosch –

Sie alle sind in dieser Nacht eingestürzt

oder haben ihre Decken aufgerissen
für ein unbekanntes Licht«

Für den Philosophen Ludwig Steinherr, der zu Willard Van Quine 1995 im München promovierte, scheint es, ist die mütterliche Frömmigkeit die Geburtsstätte und Ursprung des eigenen Glaubens, den er so oft in seinen Gedichten heiter und ironisch bricht, doch diese stürzt nun schlagartig in sich zusammen, wenn auch hier nicht wieder der Philosoph vor dem Unwissen und Unwissbaren diskret und bescheiden einen hoffnungsvollen Zweifel anmelden würde: »oder haben [sie] ihre Decken aufgerissen / für ein unbekanntes Licht«. Die monumentale Architektur der Sakralräume, samt ihrer »blütenschweren Maiandachten«, die seltsamen rußigen Gebärden des Ritus sind augenblicklich leer und entblößen ihre provisorische, behelfsmäßige Unzusagbarkeit und labile Gewissheit der Hoffnung angesichts eines auch ihnen »unbekannten Lichts«.

In den postmortalen Gedichten aus dieser Gruppe nun vertieft Ludwig Steinherr vor allem zwei fundamentale Verschiebungen, die die dichterische Wahrnehmung novellieren und auf eine neue Ebene heben: zunächst ist da die – oft in seinen Gedichten zu findende – Reflexion auf seine Geburts- und Lebensstadt München samt ihrer Vergangenheit sowie die Erfahrung von Verlust und Trauer. Bereits in »Die Nacht in der meine Mutter starb« klingt ersteres leise in den Zeilen » wo hinter dem Summen der Litaneien / die Tiefflieger aufzogen« an. Die mütterliche Biographie wird nun erweitert zur Erfahrung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Das Gedicht »Seit du tot bist« führt diese Linie fort:

»Seit du tot bist

Weiß keiner von uns mehr
wie die Stadt in den Dreißigerjahren
vor Fronleichnam betäubt war vom Birkenduft –

Gibt es die Geisterstraßen nicht mehr
quer durch Häuserzeilen
durch die du mit deiner Tante Justine spaziertest –

Trifft uns vor der Feldherrenhalle nicht mehr
der eiserne Blick der SS-Wache –

Schrickt niemand mehr beim plötzlichen
Hagelschauer zusammen
wie beim Bombenangriff

Ist der Krieg endlich vorbei«

Die Bindungen an die reale Vergangenheit lösen sich, werden zu Gedächtnis, Andenken, Mahnung. Spiegelbildlich verhält sich das Gedicht »Schwabing« zu diesem Umstand: »Hier find der Weltuntergang statt / Mein Großvater in einer Kriegsnacht / in der totalen Verdunkelungsfinsternis / kroch hier auf allen vieren durch den Trümmerschutt / zerschliss sich die letzte Hose / und fand die Straßen der Kindheit nicht mehr«. Auch hier Echos von den »Geisterstraßen« aus dem Vorkriegsmünchen, die »quer durch Häuserzeilen« gingen.7 Ähnlich tauchen in diesem Bezirk von »Alpenüberquerung« auch die Gedichte über »Tante Betty« (»Ihr Verlobter hatte sich erhängt – um die Jahrhundertwende / Seither lebte sie keusch mit dem Bruder«) sowie zu »Tante Emma« (»Sie hasste Nazis / und versteckte Brief des verfolgten Pater Rupert Mayer – «) auf. Familiengeschichte bricht sich hier immer wieder in der Stadtgeschichte sowie in den generationellen Erfahrungsarealen.

Der zweite Themenkomplex umfasst Gedichte, die die Erfahrung des Verlusts reflektieren, daraus nur ein eindrucksvolles Beispiel:

»Das absolute Schweigen

Erst seit meine Mutter tot ist
höre ich das absolute Schweigen –
Ich höre es so klar wie einen Ton –

Sie, die immer von Worten sprudelte
bei jeder Winzigkeit zum Telefon stürzte
den leisesten Kummer die leiseste Freude mitteilen musste –
Noch wenn ich in Rom war oder in New York oder in Damaskus
hörte ich ihr Hantieren in der Küche
ihre Schritte und ihr Räuspern auf der Kellertreppe –

Jetzt gehe ich durchs ganze Haus –
Die Küche schweigt Das Schlafzimmer schweigt
Der Keller schweigt Der Garten schweigt –
Selbst vor dem Küchenfenster
durch das sie immer auf die Straße schaute
schweigt der Asphalt
Schweigt so absolut wie der schwarze Himmel
über Golgota –

Selbst in meinen Träumen erscheint sie mir nicht
Spricht nicht zu mir ruft mich nicht an –
Selbst in meinen Träumen herrscht
dieses absolute Schweigen –

Ich werde mir diesem Schweigen leben müssen
wie andere mit einem Tinnitus –

Hör nicht hin! sage ich mir
Dieses absolute Schweigen existiert gar nicht –

Aber dadurch
wird es schlimmer«

Das Thema der radikalen Abwesenheit, eine Abwesenheit, die die vertrauten Orte, die Erinnerung, selbst die Träume entleert, wird hier dramatisiert, wird als eine Art Beschädigung »Tinnitus« beschrieben. Hier zeigt sich auch der planvolle Aufbau der Gedichte in »Alpenüberquerung« als ein Trost, denn obschon in diesem Gedicht sozusagen die Schädelhöhe erreicht ist, Karfreitag,8 folgen auf »Das absolute Schweigen« noch zwei Gedichte, darin sich der Tod in Annahme (»Ich lasse sie gehen«, Schwarzweiss) und Andenken (»und im Nebenzimmer schlafen / meine unsterblichen Eltern«, Tod der Mutter, Monate später) wandelt. Schließlich am dritten Tag, dem Osterfest sozusagen, schließt das Gedicht, welches Händels Messias im Titel aufnimmt »Ich weiß dass mein Erlöser lebet«, das Mirakel von Tod und Auferstehung.

»Die Kaffeetasse weiß es – der Korbstuhl –
die kahlen Äste, draußen im Raureif erstarrt – die zitternde Fahne
über dem eisigen Parkplatz – die Balkone die leuchtenden Dachfirste
der Käfer der über den brüchigen Fensterrahmen kriecht –
sie alle wissen es – wie das tosende Licht – wie die
tief in mir bebende Stimme der Sopranistin –
sie alle – alle wissen es –
und wissen es für mich –
während ich nur reglos am Fenster stehe
und lausche und nicht weiß
woher diese namenlose Freude kommt
und wohin sie mich trägt.«

Die passionstheologische Pointe, die in dieser Werksorganisation hervortritt, inszeniert eine plötzliche, epiphanische Gewissheit über das ewige Leben im Kontext der gesamten Schöpfung: Die Insekten wissen es, selbst die Sopranistin weiß es, obschon der Trost dennoch eine numinose »namenlose Freude« bleibt, die sich dem Wissen entzieht. »Reglos am Fenster«, aus dem – könnte man im Verfolg der Gedichte sagen – auch die Mutter einst hinausschaute, mischen sich hier Schmerz mit neuer Offenheit.

Ich möchte hier auf eine Passage hinweisen, die Heinrich Heine einst in »Die Stadt Lucca« notierte: »Wer seinen Gott leiden sieht, trägt leichter die eigenen Schmerzen. Die vorigen heiteren Götter, die selbst keine Schmerzen fühlten, wussten auch nicht, wie armen gequälten Menschen zu Mute ist, und ein armer gequälter Mensch könnte auch, in seiner Not, kein rechtes Herz zu ihnen fassen. Es waren Festtagsgötter, um die man lustig herumtanzte und denen man nur danken konnte. Sie wurden deshalb auch nie von ganzem Herzen geliebt. Um so ganz von ganzem Herzen geliebt zu werden – muss man leidend sein. Das Mitleid ist die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst. Von allen Göttern, die jemals gelebt haben, ist daher Christus derjenige Gott, der am meisten geliebt worden ist.«

Komm ins Offene

Abschließend möchte ich noch kurz auf eine weitere Dimension menschlicher Relationen in »Alpenüberquerung« zu sprechen kommen, die die herrliche Lebensbejahung Steinherrischer Dichtung zeigen und vielleicht auch eine neue Qualität seiner Dichtung ausmachen. Sie beziehen sich beide auf seine Kinder, für die Ludwig Steinherr ein liebender Vater ist wie man ihn sich nur wünschen kann. Ein Vater, der sogar den Curriculum des Graecums zwei Mal mit Sohn und Tochter durchläuft—was vielleicht auch eine passionstheologische Erfahrung sein könnte.

Zunächst das Triptychon »Heiliges Wasser«, das zunächst bei einem »Fläschchen mit Lourdes Wasser« (eine obligatorisches Omarequisit) einsetzt, das im Gedicht sodann als »Voodoo-Fetisch« ironisiert wird, nur um in der letzten Tafel des Gedichts in einen berührenden Realismus überführt zu werden:

»Heiliges Wasser 3

Und dennoch:
wenn meine Tochter abends
aus dem Bad gehüpft kommt im Pyjama

wenn sie lachend ihr langes Haar
wild nach allen Seiten schüttelt
wie ein Hund nach dem Sommerregen

und ein Tropfen meine Stirn trifft –

ich fühle mich gesegnet
und jeder Dämon flieht«

Daneben das Gedicht als Votivgabe an den Sohn, Ludwig Jr. »Meinem Sohn zum 19. Geburtstag«, darin sich ein kontinuierliches Staunen über die zunehmende Eigenständigkeit und Entzogenheit seines Kindes hervortritt, denn auch diese Reife verändert den Dichter:

»Meinem Sohn zum 19. Geburtstag

Dein neuer Bogen ist geliefert worden –
66 pounds Zugkraft!
Keiner von uns kann die Sehne
einen Zentimeter spannen –
Doch du hebst ihn – spannst bis zur Brust
und hältst den Pfeil ohne das leiseste Zittern –

Wenn du unterwegs bist
lehnt der Bogen in deinem Zimmer
wie der machtvolle Bogen des Odysseus –
Archaische Waffe von mythischer Gewalt –

Gemahnt uns wie wenig wir wissen
von deinen verborgenen Kräften
und deinen nächtlichen Irrfahrten
zwischen Zyklopen und Lotusessern
und den Schatten des Hades
und der Insel der Kirke
und der sanften Grotte der Nymphe Kalypso«

  • 1. Campbell: Natural Supernaturalism, in: Ludwig Steinherr: All Ears, lyrikedition 2000, München 2014 S. 101.
  • 2. vgl. hierzu das Gedicht »Epiphanie« in Ludwig Steinherr: Flüstergalerie, lyrikedition 2000, München 2013 S. 32. »Du blätterst die Seiten / des Lichts um / und plötzlich entdeckst du / zum ersten Mal: / du hast das meiste überblättert – // jede Seite besteht aus zahllosen / viel dünneren Seiten / du spitzt deinen Atem / schärfst die Fingernägel zu Katzenkrallen / um ihr Geheimnis zu öffnen – // unendlich feine Seiten / fächern sich auf / und wiederum / unendlich feinere Seiten – // dünner als Blattgold / dünner als die Luft / zwischen Liebenden / dünner als ein sengender Blick – // immer weitere öffnen sich / unter jedem Hauch // kein Mensch kann sie lesen // nicht einmal die Ewigkeit / wäre lang genug – // doch du blätterst / und blätterst // in gleißender Euphorie«
  • 3. Ilma Rakusa: Autobiographisches Scheiben als Bildungsroman, Sonderzahl Verlagsgesellschaft, Wien 2014
  • 4. Ilma Rakusa: Autobiographisches Scheiben als Bildungsroman, Sonderzahl Verlagsgesellschaft, Wien 2014 S. 9.
  • 5. vgl. hierzu das Gedicht »Jede Schneeflocke flüstert (Choral)« in Ludwig Steinherr: Nachtgeschichte für die Teetasse, lyrikedition 2000, München Dezember 2014, S. 100.
  • 6. Campbell: Natural Supernaturalism, in: Ludwig Steinherr: All Ears, lyrikedition 2000, München 2014 S. 101f.
  • 7. vgl. hierzu auch das Gedicht »Ohne Tonspur«, die die Kriegserfahrung des Vaters aufnimmt: »1944 auf einer Waldlichtung fand mein Vater / einen US-Pilotenhelm – // als er ihn aufhob / steckt darin noch der halbe Kopf«.
  • 8. vgl. hierzu das Gedicht »Karfreitag« in Ludwig Steinherr: Flüstergalerie, lyrikedition 2000, München 2013 S. 83: »Da war einmal Milchduft / Spritzer aus göttlichem Busen / quer über den Nachthimmel / […] // Der Duft ist verschwunden / Die Schleimhäute sind verätzt […]«.

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