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Essay

Leuchtende Verse

Ludwig Steinherrs Lichtgesang
Hamburg

In den zwölf letzten Gedichtbänden, die Ludwig Steinherrs Namen tragen, kommt das Wort »Licht« 294 Mal vor, was dieses Nomen mit Abstand zum meistverwendeten Begriff in seinem Werk macht – gefolgt von »Augen« mit 171 Nennungen und »Hand« mit 137 Zählungen.

Schaut man die statistische Analyse seiner Verssprache etwas genauer an, so stellt man zudem fest, dass Steinherr dazu tendiert, »Licht« vornehmlich ins Prädikat zu setzen. Seltener tritt es im Akkusativ auf. Verben, die der Dichter mit »Licht« verbindet, sind überwiegend aktivisch. So lässt sich im Hinblick auf Grammatik und Lexikon ziemlich sicher sagen, irgendetwas Gewaltiges und Wesentliches geht in Ludwig Steinherrs Dichtung mit »Licht« vor sich.

Leser wie auch Literaturwissenschaftler könnten es aber für poetischer erachten, dieses luminöse Thema, seine zentrale Stellung im Oeuvre des Dichters, dem Umstand zuzuschreiben, dass seine Geburts- und Heimatstadt München unter den Städten Deutschlands den ersten Rang besetzt in Bezug auf die durchschnittlichen Sonnenscheinstunden (1.777 Std./Jahr); oder vielleicht der Tatsache, dass sein Urgroßvater Alois Roth als Maler tätig war und daher der Umgang mit »Licht« eine Sache familiärer Geschicklichkeit war.

Ganz gleich wie häufig, durchgängig oder werksgenetisch bedingt Ludwig Steinherrs Sorge um diese lichte Empfindung auch sein mag, Lichtgesang kommt von weither. Er spielt zugleich vor antiker und heutiger Kulisse. Er ist genommen aus dem Reich der Erfindung wie auch aus persönlicher ästhetischer Erfahrung.

Steinherrs Langgedicht setzt ein mit der Anrufung der ägyptischen Gottheit Aton und schließt mit dem Lob »Evas« — Mutter der Menschheit, aber zufällig auch der Name, den die Frau des Dichters trägt. Drei Typen von Geschichte feiern in Lichtgesang also ihre seltsame Einheit.

Zuerst ist da die heidnisch-mythische Geschichte, dann die jüdisch-christliche Geschichte der Bibel sowie schließlich die biographische Geschichte: gemeinsam bilden sie eine strukturelle Triade, die in Lichtgesang vielfältig variiert wird. Diese Art von Mischung und gegenseitiger Durchdringung ist freilich nichts Neues in seinem Werk, doch sie macht seine Dichtung zu einer endlos vergnüglichen Textur, darin die Einbildungskraft zu spielen vermag.

Nehmen wir etwa den Vers »wie Saharasand auf alle Fensterbretter«. Die Metapher basiert auf dem rötlichen Staub, den man oft in München vorfinden kann; Staub, der von mediterranen Winden wie dem Schirokko oder Levante aus Nordafrika über die Alpen getragen wird. Dies spiegelt sodann die intellektuelle Dynamik und Dialektik, die auch zwischen monotheistischen Religionen zu beobachten ist, die in den Wüsten Ägyptens geboren wurden und sich von Jerusalem, Karthago oder Alexandrien über ganz Europa verbreiteten; dieses Verhältnis wird dann wiederum übersetzt in Sprachbilder, die auf der gegenseitigen ökologischen Abhängigkeit des Wetters in Europa und Nordafrika beruhen. Das Bild birgt noch weitere Fragen: Sind die staubigen Rückstände auf unseren Fensterbrettern tatsächlich alles, was von den gewaltigen Wanderungen der Dünen über die Sahara übrig ist? Ist die spirituelle Energie in unseren heutigen Großstädten bloß ein Staubkorn verglichen mit den galvanischen Kräften anderer Epochen?

Blickt man auf frühere Werke Steinherrs, die im Übrigen ägyptischer Mythologie oder metaphysischen Erkundungen nicht fremd sind, darf man zuversichtlich sein, dass diesen Fragen eine optimistische Vision entgegengesetzt wird.

Ludwig Steinherr betitelt also sein Poem Lichtgesang und stellt damit einen eindeutigen Bezug zu jenen pharaonischen Hymnen her, die üblicherweise unter dem Namen Großer Sonnengesang (14. Jh. vor Chr.) rezipiert werden. Unterschiedliche Gelehrte – von C. S. Lewis über James Henry Breasted bis zu Jan Assmann – haben eine Vorstellung popularisiert, wonach die spezifische Haltung, die in diesen Hymnen gegenüber der Gottheit eingenommen wird, diese Gottheit separiert von anderen göttlichen Figuren im polytheistischen Universum Ägyptens und wonach daher der Anschein eines monotheistischen Augenblicks entsteht (gelegentlich nennt man dies auch Henotheismus).

Die alttestamentliche Denkweise ist natürlich eben von dieser Entwicklung geprägt, wie ja die biblischen Erzählungen um die Gestalt Mose dokumentieren. Interessanterweise jedoch, sich der mosaischen Tradition wohl bewusst, wählt Steinherr einen grundlegenderen Zugang, der dem Geiste des antiken Großen Sonnengesangs entspricht. Anstatt seinen Lichtgesang ausschließlich in narrativ und intertextuell verbürgten Dialektiken zu gründen, setzt er auf eine philosophische Prämisse.

Lichtgesang beginnt mit den Worten »Schön bist du, Licht«. Obschon diese Anrufungsformel einhergeht mit ihrem antiken Vorbild, ruft sie nicht nur »Licht« im Sinne eines Adressaten an, sondern schreibt ihm auch eine Eigenschaft zu, nämlich »Schönheit«. Seit den Tagen Platons liegt die Wasserscheide von Sein und Nichtsein auch bei Eigenschaften. Dinge, die Eigenschaften besitzen, können nicht nicht sein. Erhaben unter allen Eigenschaften ist die der Schönheit, wie schon der Hl. Augustinus feststellte.

Dieser schrieb, dass allein die Schönheit fähig sei, ganz und gar einzunehmen, absolut zu faszinieren. Doch man erinnere sich, dass Ludwig Steinherr vor allen Dingen ein Dichter ist und erst danach Philosoph. Er hat wenig Interesse daran, ästhetische Haarspalterei zu treiben. Trotzdem macht es Sinn, sich den zu Grunde liegenden strukturellen Annahmen zuzuwenden, die dieses Kunstwerk zu einem solch erstaunlichen Dokument menschlicher Erfindungsgabe machen.

Betrachten wir einen weiteren Aspekt, der monotheistische Kräfte charakterisiert, die in dem Gedicht zum Vorschein kommen. Es lohnt sich hervorzuheben, dass Lichtgesang nicht nur von einer komplexen Metaphorik und Gedanken geprägt ist, sondern im Wesentlichen durch eine Fülle an sehr spezifischen, sehr konkreten Hinweisen auf die gegenwärtige, urbane Wirklichkeit sowie auf Material, das aus dem Leben des Dichters selbst genommen ist.

Betrachten wir z.B. folgende Zeilen: »Ich erwache – und glaubte einsam zu liegen / doch da steht deine Reisetasche mitten im Zimmer / überall deine gebrauchte Wäsche – sanfter süßer Duft«. Das Subjekt oder das lyrische Ich, welches hier zur Sprache kommt, unterscheidet sich erheblich vom eher ätherischen Subjekt, das zu Beginn des Stücks ausruft: »Schön bist du, Licht«. Steinherr scheint offenkundig hin und her zu wechseln zwischen einem eher generellen, abstrakten oder sogar kollektiven Subjekt und einem individuellen, personalen Subjekt. Das Poem ist allgemein und konkret in einer Stimme. Wir haben die singuläre königlich-pharaonische Stimme und die Stimme des modernen Menschen in all seiner Singularität.

Ziehen wir nochmal Augustinus heran, der in seinen Bekenntnissen schrieb: »Nicht das Fleisch, nicht den Glanz der Zeit, nicht die Herrlichkeit des Lichts, die unseren Augen so wohl tut, nicht die süßen Melodien aller Lieder, nicht den ungeheuerlichen Duft der Blumen, der Salben und Gewürze, nicht Manna und Honig […]. Nicht diese Dinge liebe ich, wenn ich meinen Gott liebe; und doch liebe ich eine bestimmte Art von Licht und Klang und Duft, wenn ich meinen Gott liebe, denn er ist Licht, Klang und Duft. Dies ist was ich liebe in meiner Liebe zu meinem Gott.«

Oben beschreibt Augustinus jenen Widerspruch, der auch seine Spuren in der Stimme hinterlassen hat, der wir im Lichtgesang begegnen. Liebe ist einzigartig und doch wird sie erfahren nur durch unzählige Einzelheiten. Licht ist eine zentrale Vorstellung im augustinischen Denken; es ist auch die zentrale Metapher in Platons Höhlengleichnis; sowie eine wichtige Kraft im Aton-Hymnus, dem Großen Sonnengesang.

In einer anderen Passage aus seinen Bekenntnissen schreibt Augustinus über das Licht: »Und wer Es [das göttliche Licht] kennt, der kennt die Ewigkeit […]. Und du riefest aus der Ferne: Ich bin der, der ich bin.« Natürlich handelt es sich in der Wendung »Ich bin der, der ich bin« um den Namen Gottes, dessen Moses im brennenden Dornbusch gewahr wird (Ex 3,14: הֶיהְֶא רשֶאֲ הֶיהְֶא).

Was ich hier als Leseart vorschlagen möchte, ist nicht lediglich, dass Ludwig Steinherrs Lichtgesang durch diese oder jene religiöse Tradition informiert ist. Vielmehr möchte ich sagen, mehr als mit einer traditionellen Vorstellung, mehr als mit einem Vermächtnis oder Erbe, sind wir hier konfrontiert mit einer primären, originellen Vorstellung jener Zentrifugalkräfte und Widersprüche, die den Monotheismus (sowie durch ihn ausgebildete Formen von Rationalität) prägen und die westliche Erfahrung ausmachen.

Außerdem könnte man hinzufügen, dass Lichtgesang eine Bewegung vollzieht von einer kollektiven, polytheistischen Ästhetik zu einer intimen, persönlichen Erfahrung von Schönheit. Dabei spielt jedoch Steinherr nicht antike Mythologien gegen personale Religiosität oder ästhetischen Individualismus aus, sondern bietet einen Gesang dar, der aufgeklärt worden ist von den großen und kleinen Revolutionen, die modernes Bewusstsein ausmachen. Lichtgesang scheint mir daher wie ein kurzes Epos (manche sagen Epyllion) über ästhetisches Empfinden.

Vielleicht könnte man abschließend einige Gedanken eines Stephen Daedalus in Joyces Portrait of the Artist as a Young Man anfügen: »Stephen sagte: Um das abzuschließen, was ich über die Schönheit gesagt habe, noch dies, die befriedigendsten Beziehungen des Wahrnehmbaren müssen notwendig mit den Phasen der künstlerischen Auffassungsgabe korrespondieren […]. Jener Glanz, von dem er [Aquin] spricht in der scholastischen Quiddität, der Washeit eines Dings. Diese höchste Qualität wird vom Künstler empfunden, sooft er des ästhetischen Inbildes erstmalig in seiner Einbildungskraft gewahr wird. Der Geist gleicht in diesem mysteriösen Augenblick, wie Shelly sagt, der Schönheit eines verglimmenden Stückchens glühender Kohle. Es ist der Augenblick, darin die höchste Qualität der Schönheit, der klare Glanz des ästhetischen Inbilds, hell und licht begriffen wird im Geist, der ergriffen von seiner Fülle und fasziniert von seiner Harmonie in der lichten stillen Stasis ästhetischer Verzückung ist, einem spiritueller Zustand, welcher jener Fassung des Herzens ähnelt, die der italienische Physiologe Luigi Galvani […] die Bezauberung des Herzens nannte.«

 

 

Als Nachwort in:
Ludwig Steinherr.
Lichtgesang / Light Song.
Übersetzung: Paul-Henri Campbell
Erscheint am 18.12.2017
hier bestellen. Allitera Verlag, Lyrik Edition 2000
14,80 Euro
ISBN:  978-3-96233-033-0

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