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Wir reden über Literatur
Essay

Askese und Feuer

Zum lyrischen Werk von Thomas Merton.
Hamburg

In einem populären Buch über das Enneagramm führt sein Name die Liste von Persönlichkeiten an, die von den Autoren Richard Rohr und Andreas Ebert dem Typ 4 (der „Künstler“ oder „Individualist“) zugerechnet werden: Thomas Merton. Mystiker, Trappist und Dichter. Ein Mönch als Verkörperung des Andersdenkenden? Der aufgeklärte Leser stutzt. Nun kennt zwar auch die nicht geistliche Literatur eine ganze Reihe von AutorInnen, von Stefan George bis Georges Bataille und von Kafka („Schreiben ist ein Gebet“) bis Christine Lavant, die ihre Arbeit mehr oder weniger gleichnishaft in die Nähe religiöser Exerzitien gerückt haben. Doch bei Thomas Merton weist der Zusammenhang doch offensichtlich über das Symbolische hinaus auf eine lebenswirkliche Praxis. Seine Werke sind nicht nur im metaphorischen Sinn im flackernden Licht einer Kerzenuhr entstanden, sondern tatsächlich, also Satz für Satz und von einem Buch zum andern. Hier überrascht allenfalls die Rangordnung der Prioritäten, wenn Thomas Merton etwa noch im Vorwort zu seinem letzten Buch schreibt, dass er zwar an seiner Berufung als Mönch zweifeln könne, nie aber an der als Schriftsteller. Wie aber verträgt sich dieses Bekenntnis zum  freien, schöpferischen Ausdruck mit dem dreifachen Gelübde des Novizen, das schließlich auch zum Gehorsam verpflichtet,  oder auch mit der Überzeugung des Eremiten in den letzten Jahren seines Lebens, der seine Glaubenspassion in nachgerade exzentrische Höhen trieb? Oder anders gefragt: Wie viel Gestaltungsraum und wie viel Freiheit bleibt dem Dichter eigentlich noch hinter Klostermauern, den „Rosenkranz zwischen den wundgeschürften Fingern“?

Wer sich ein allzu idyllisches Bild vom Leben im Kloster macht und den Widerspruch nicht spürt, wird von Thomas Merton zurück auf den Boden der monastischen Realität geholt und darf einen Blick in die Ordensregeln von Gethsemani werfen : „Mußestunden der Kontemplation“ sind darin „nicht vorgesehen“, aber werden „ mitunter gewährt“, was Merton nicht ohne Ironie so kommentiert: „Heiligen“ sind sie wohl gestattet, aber nicht den einfachen Mönchen, deren Leben sich zwischen Chorgebeten, den zwei Hauptmahlzeiten und diversen manuellen Tätigkeiten im immer gleichen Kreis genau bemessener Zeiteinheiten bewegt. Ebenso enttäuscht sein wird, wer sich die Ordensgemeinschaft als eine Art Refugium für Underdogs vorgestellt hat, in dem sich Gleichgesinnte unter der Leitung eines Zeremonienmeisters wortreich oder in gehaltvollem Schweigen austauschen. Nichts dergleichen. Denn das Habit schmilzt zwar alle äußeren Unterscheidungsmerkmale in der weißen Kutte ein, bewahrt aber unter der Kapuze zugleich alle inneren Ungleichheiten, die auch in der Welt „draußen“ den Klassenprimus vom Schulschwänzer unterscheidet. Folgerichtig wird darum die Arbeit auf dem Feld, im Kräutergarten oder in der Küche durchweg stumm vollzogen. Ihre Stimmen erheben die Mönche immer nur unisono, zu den gemeinsamen Gebeten und Gesängen, zwischen den „Wasserfällen der Stille“ (The Trappist Abbey). Nachrichten aus der Außenwelt dringen zwar zur Bruderschaft vor, hinterlassen dort aber meist nur noch einen flüchtigen Eindruck. So wie im Gedicht Elegy for Ernest Hemingway der Tod des Schriftstellers Ernest Hemingway. Dieser wird von allen in das Abendgebet genommen, wirklich erkannt − wie „in einem Haufen von Gefangenen/ ein Freund in einem fernen Land aus der Vergangenheit“ − aber nur von denjenigen, die in irgendeiner längst entrückten, halb vergessenen Sturm- und Drangperiode einmal seine Bücher gelesen haben. Sein Selbstmord erscheint dem lyrischen Ich als bittere Konsequenz eines Lebens auf der rastlosen Suche nach immer neuen Abenteuern, und beendet „mit einem einzigen Schuss die ganze Jagd“.  

Dass Thomas Merton also unter diesen Umständen das Schreiben nicht überhaupt aufgab oder seine Texte nicht wenigstens unter Verschluss hielt wie Gerard Manley Hopkins, diesem anderen Säulenheiligen der religiösen Lyrik, versteht sich nicht von selbst. Mit allzu großem Entgegenkommen von Seiten des Abts, seinem einzigen Ansprechpartner im Konvent, war jedenfalls nicht zu rechnen. Schließlich ist die literarische Erregung, die allein in Anbetracht der Produktivität von Thomas Merton rauschhaft gewesen sein muss, mit den asketischen Idealen nur schwer vereinbar. Und so blieb er auch nach seinem Aufstieg zum Bestsellerautor ein Bittsteller, der jedes neue Notizbuch, wenn er sein altes vollgeschrieben hatte, beim Superior beantragen musste. Am schönsten fängt diese zwiespältige Stellung Mertons innerhalb seiner Community eine Anekdote aus den Tagebüchern ein.

Einige seiner Ordensbrüder hätten Interesse an seinem letzten Buch bekundet, erfährt er vom Abt. Auf die anschließende Frage, wie sie es aufgenommen hätten, antwortet dieser dann wieder ganz lakonisch: „Diejenigen, die sich für intellektuell halten, finden es gut.“  

So darf es nicht verwundern, dass auch Mertons Verhältnis zu den anderen Mönchen, obwohl geprägt durch Liebe und gegenseitigem Respekt, nicht nur harmonisch war. Den bequemsten unter ihnen, vermutet er, diene ihre Kapuze nur als Tarnkappe. Das Gedicht When in the soul of the serene disciple… nimmt sie kritisch ins Visier und geißelt ihren Konformismus:  

Nun, gewöhnlich zu sein ist keine Wahl:
es ist die handelsübliche Freiheit
von Männern ohne Vision.

Statt zu eskapistischen Träumereien einzuladen, rufe das kontemplative Leben den Mönch im Gegenteil dazu auf, der Welt mit erhöhter Wachsamkeit zu begegnen und sich mit „innerem Feuer“ ihren Anfechtungen zu stellen. Eine Haltung, die politisches Engagement einmahnt und sich im Fall Mertons konkret in einer umfangreichen publizistischen Tätigkeit niederschlug. So führt er etwa eine offene Korrespondenz mit Ernesto Cardenal , dem führenden Vertreter der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, brandmarkt in Zeitungsartikel die Fantasielosigkeit und moralische Arroganz der politischen Führungseliten, und nimmt auch seine eigene Peergroup in die Pflicht, wenn er die historischen Verbrechen und  das anhaltendes Desinteresse der Katholischen Kirche an der indigenen Kultur der geplünderten Völker Amerikas scharf verurteilt. Geradezu sarkastisch seine Abrechnung mit dem Touristen, der in dem mexikanischen Fellachen mit dem Loch in der Hose nur das exotische Fotomotiv sieht und nicht den „Bruder“ und „mystischen Christus“ . 

Zündet mehr Wachfeuer an:
Denn die diebischen Sterne werden kommen
Und unsere Leben stehlen.
(A man in the divided sea)

Feuer ist überhaupt das Losungswort dieses Autors, die sein Werk von einem Ende zum anderen durchlaufende Metapher. Zum einen verstanden als Sinnbild für den historischen Prozess, den Feuersturm der Geschichte sozusagen mit ihren Brandbeschleunigern, den Kriegen und Katastrophen, in denen sie sich zugleich fortbewegt und selbst vernichtet. Von ihnen handeln die beiden Gedichtzyklen Emblems of a season of fury und Figures for an apocalypse mit einer deklamatorischen Eloquenz, die nicht zufällig an den Duktus der Wüstenväter erinnert.

Zum anderen steht das Feuer aber auch für die „Lebendige Flamme“ des Johannes von Kreuz, für das Feuer des Heraklit, das im Kosmos und in jedem einzelnen Menschen brennt, aber in manchen fast ganz erlischt, den „Schatten eines apokalyptischen Cherubs“ hinterlassend. Von diesem innwendigen Feuer der Spiritualität Zeugnis abzulegen, ist die erklärte Absicht von Thomas Mertons´ besten Arbeiten, seinem autobiografischen Bericht Der Berg der sieben Stufen, den Tagbüchern, den drei großen Essays über Heraklit, Prometheus und Johannes von Kreuz sowie von einigen seiner schönsten Gedichte. In ihnen erhellt sich auch, warum er allen äußeren Widerständen zum Trotz vom Schreiben nicht lassen konnte. Denn wie er am Beispiel Heraklits ausführt, könne manchmal nur ein Opfer, ein „Feuertod“ neue Funken aus dem alten Leben schlagen. Den Schriftsteller aber erklärt er zum Hüter der Flamme, der dafür Sorge zu tragen habe, dass „das Öl in der Lampe“ nicht ausgehe. Nie zieht er die Berufung selbst in Zweifel, stets nur den Rahmen, in dem er sie schließlich doch entfalten durfte. Es sei, schreibt er, die hervorstechendste Eigenschaft von Feuer, dass es immer in Bewegung und weder beherrschbar noch in Händen zu halten sei. An keinen Ort gebunden, in keinem Werk gebannt, keiner Gruppe im Besonderen zugeeignet. Unüberhörbar schlägt in dem Gedicht The reader daher bei aller Liebe und Zuneigung zu seinen Mitbrüdern auch schon eine gewisse Entfremdung durch, wenn das lyrische Ich, in der Klosterbibliothek sitzend und in alten Folianten blätternd, die andern draußen von der Feldarbeit heimkehren hört:

Und die Mönche kommen zurück zum Kloster
mit Mänteln weit wie Wasser.
Ich sehe sie nicht, aber ich höre ihren Wellenschlag.

 (Wer den Kontakt zum Feuer verliert, wird er später an anderer Stelle schreiben, fällt zurück in die „Feuchtigkeit und den Schlaf seiner kleinen, subjektiven Welt“.)

1965 erhält er nach jahrelangem Anlauf endlich die Erlaubnis, zurückgezogen als Eremit in einer Klause auf dem Grundstück seines Mutterklosters leben zu dürfen. Sein geistiges Temperament lässt ihn auch dort nicht zur Ruhe kommen, treibt ihn weiter und hinaus, zuletzt auch in andere Kulturräume, andere Länder. Zen, Tao, Sufi. In seiner Waldhütte, seiner letzten Bleibe, teilen sich Werke der Archaischen Periode und Klassiker der jüdisch-christlichen Tradition ein Regalbrett mit Schriften der fernöstlichen und orientalischen Überlieferung:

Inmitten der Menschenmassen
wird er fließen wie Tao, unbemerkt,
wird er vergehen wie das Leben selbst
ohne Namen und heimatlos.
(The way of Chuang Tzu)

Er stirbt 1968 auf einer Vortragsreise durch Asien, 27 Jahre nach seinem Ordenseintritt in Gethsemani und gerade einmal 53 Jahre alt, an den Folgen eines Stromschlags in seinem Hotelzimmer. Die Akte der thailändischen Behörden vermerkt es als „Unfall mit tödlichem Ausgang“. Ein „Feuertod“, sagen die anderen, „die glauben, dass sie intellektuell sind.“

Alle Zitate aus:  A Thomas Merton Reader, New York 1974.

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