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Essay

Der Weg durchs Paradox

Das Zimmer der Livia im Palazzo Massimo alle Terme und die Poetik von Inger Christensen
Hamburg

Wäre dies eine Fototapete oder hyperrealistische Malerei, so wäre ich schnell wieder hinaus. Oder eine 3-D-Simulation: Ich würde die Brille in den Korb zurückwerfen, froh über den wiedergewonnenen nicht-virtuellen Raum um mich, in dem kein Vogel herangeschossen kommt und kurz vor dem Aufprall schwirrend in der Luft steht. Oder eine Blume aufblüht wie eine Rakete, dass ich schützend die Hand vors Gesicht ziehe.

Aber es ist keine Simulation. Nur eine sehr gut erhaltene, wenn auch etwas verblichene und nicht ganz vollständige Wandmalerei aus römischer Zeit, das Gartenzimmer aus der Villa der Livia, Frau des Augustus, entstanden 30 bis 20 v.Chr. Ein kleiner Raum im Palazzo Massimo alle Terme gegenüber der Stazione Termini, mit seinen Sammlungen antiker Kunst laut Reiseführer „das zur Zeit wohl spektakulärste Museum in Rom“. Aber Rom hat viel Spektakuläres. An diesem Vormittag bin ich auf dem 2. Stock die einzige Besucherin. Während in der Sixtinischen Kapelle die Besucher unter Ellenbogen-Einsatz versuchen, möglichst viel echten Michelangelo aufs Bild zu bekommen, kann ich mich hier mit meiner Digitalkamera, mit eingeschalteter Videofunktion, so lange im Kreis drehen, wie ich will. Die Überwachungskamera hat Geduld mit mir, auch die Aufseherin, die draußen mit zwei Kolleginnen gegen die Stille der Denkmäler anspricht. Einen Stuhl gibt es hier drinnen nicht, aber ich würde mich sowieso nicht setzen wollen, unruhig wie ich bin, auf dem Sprung – längst sollte ich wieder auf dem Weg sein zur nächsten Besichtigungs-Station, auf einem Weg, der nicht mit dieser Stadt gerechnet –, und doch unfähig, einfach hinauszugehen. Etwas hat mir in die Nerven gegriffen. Der Raum hält mich fest, als müsste ich hier ein Rätsel lösen oder das Rätsel erst „herauslesen“ und mich dann selber „lossprechen“. So drehe ich mich im Kreis, ohne Kamera, denn die hilft mir nicht:

Ein Garten mit einer Vielfalt an Blumen, Früchten, dicht begrünten Bäumen, umherfliegenden, sitzenden, pickenden Vögeln, die einen Eindruck von belebtem Raum erzeugen. Ein kultivierter Streifen Natur, der in die Tiefe diffundiert, der in Wald, in Wildnis überzugehen scheint. Ein Nebeneinander von großer Genauigkeit und Verschwimmen der Konturen, was nicht nur am Erhaltungszustand liegt. Die ausgeblichenen, die fehlenden Stellen scheinen das Rascheln im Gebüsch sogar noch zu verstärken. Äste mit Rotstich, wie Blutadern.

Der schwarze Vogel, der vor einem Blatt in der Luft steht – landet er oder fliegt er davon? Siegt Laokoon oder die Schlange? Oder der hier, der auf einem dünnen Zweig seinen gelben Bauch vorstreckt, das Köpfchen nach hinten, als wolle er testen, ob ihn noch etwas anderes trägt als dieser strahlende Fleck Gelb. Ein anderer, der nach einer Beere schnappt. Die Beeren leuchten immer noch am stärksten.

Und wispern sie nicht miteinander, der weiße Vogel in der Astgabel und der zweite auf dem Ast darunter, wispern wie zwei Hausbewohner auf verschiedenen Stockwerken, aber doch ganz in ihrer für mich verschlossenen Vogelwelt. „Gerade das Eigentümliche der Sprache, daß sie sich bloß um sich selbst bekümmert, weiß keiner“, heißt es bei Novalis. „Darum ist sie so ein wunderbares und fruchtbares Geheimnis… Wenn man den Leuten nur begreiflich machen könnte, daß es mit der Sprache wie mit den mathematischen Formeln sei. Sie machen eine Welt für sich aus – sie sprechen nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus…“ Und schon sehe ich in einem fliegenden Vogel ein „Zeichen“ im semiotischen Sinn, der weiße Bauch als das Signifikat, das Gefieder als das Signifikans….

Jetzt fällt mir auf, dass der üppige Teil des Gartens – mit Blumen, Beerensträuchern, Obstbäumen – von mir durch eine niedrige, doch geschlossene Mauer getrennt ist, bewacht von großen Bäumen. Auf dem Mäuerchen sitzt ein dicker, wie gemästet wirkender Vogel; auch ein Vogelkäfig ist darauf abgestellt, mit Gitterstäben, die so weit auseinanderstehen, dass das gefangene Tier leicht entweichen könnte, aber es bleibt reglos sitzen. Es sind nicht die schönsten Vögel im Raum. Es sind die zutraulich gewordenen, gewohnten, grauen Wörter, die wir erst wieder in die Sprache, den Garten jenseits der Mauer, zurückjagen müssen, damit sie zeigen können, was an ihnen ist.

Ich projiziere etwas in diese Wände hinein. Oder sehe etwas, das der Maler so inszeniert hat. Die Vögel unterhalten sich wie Nachbarn. Der schwarze Vogel steht in der Luft wie die dunkle Ahnung, die schlechte Nachricht oder die gute, wie das Leben in der Schwebe, wie ein Wort, ein Gedicht in seiner möglichen Ambivalenz. Die Sprache ist menschengemacht. Sie ist kein mathematisches Gebiet, wo ein Gesetz aus einem anderen abgeleitet werden kann (Novalis hat radikal gedacht, aber anders gedichtet). Aber sie hat ihre eigenen Kräfte (oder „Wechselwirkungen“, wie es in der modernen Physik synonym heißt), die man bei jedem Sprechen/Schreiben neu zu spüren bekommt.

Ein Buch über das Gartenzimmer, das ich im Museumsshop kaufen werde, trägt den Titel „Le pareti ingannevoli“ (Die trügerischen Wände), aber sie wollen mehr sein als perfekte Illusion: Verdichtung von Leben bis zu der Grenze, wo seine Zeitlichkeit zu leuchten beginnt. In diesem Gartenreich gibt es keine Häßlichkeit, kein Welken, und doch weist hier alles auf das Vergehen der Zeit und der Menschen. Die Zeit ist auch hier die vierte Dimension. Der Maler hält mit seiner Kunst dagegen. Eine blühende Malerei gegen das große Wegsterben. Und wenn das Zimmer der Livia, das halb im Kellergeschoss lag, der Erfrischung der Hausbewohner und ihrer Gäste diente, dann wird sich zur Erholung, zur Glückserfahrung auch Beklemmung gemischt haben – oder schon wieder die Befreiung davon.

Die Früchte, die Blumen. So schmerzlich fein gemalt, dass ich die Namen zusammensuche, die ich kenne, und mir wie zur Linderung zurede: Sonnenhut, Mohn, Kamille. Kamille, Kamille. „die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es“, der berühmte erste Vers aus Inger Christensens Gedichtband „alfabet" (1).  Eine Vergewisserung der Welt, „Her-Buchstabieren“ der Dinge bei ihrem Namen, Benennen ihrer Existenz und Schönheit und Gefährdung. Bei den zwei Versen zum Buchstaben B erscheint schon der „brinten“, der Wasserstoff, mit dem Bomben gebaut werden; bei D das Dioxin und die „dræberne“, die Töter, in einer Reihe mit den „duerne“, den Tauben. Die Namen der Dinge haben eine Macht, die von den Dingen selber aufgeladen wird:

„der trost der namen, daß nichts beim namen
genannt wird, daß namenlosigkeit beim namen genannt wird
daß es die namen gibt, namen wie der narwal
die nessel, namen wie die nelke, die nachteule…
namen wo ein wort wenn es genannt wird ein duft ist
wie der name des narwals für die arktischen meere“ (2)

Die 2008 verstorbene dänische Lyrikerin – die auch einen Roman veröffentlicht hat mit dem Titel „Das gemalte Zimmer“, in dem sie aus drei Perspektiven eine Geschichte um die sogenannte „Camera degli Sposi“ von Andrea Mantegna im Palazzo Ducale in Mantua entwickelt – sucht in ihren Gedichten einen Weg hinaus aus der Opposition von Natur und Sprachschöpfung, von realer Welt und subjektiver Imagination. „Die Welt, die ihre natürliche Verlängerung in der Sprache hat“, schreibt sie in einem Essay über den chinesischen Lyriker Lu Chi, „kommt zum Bewußtsein ihrer selbst, und die Sprache, die ihren Hintergrund in der Welt hat, wird zu einer Welt in sich selbst, zu einer ständig mehr entfalteten Welt.“ (3) Um die Dialektik zwischen Welt und Sprache in Gang zu setzen, legt sie sich als subjektiv Schreibende gerne objektive Ordnungssysteme auf: in „alfabet“ ein sprachliches (das Alphabet) und ein mathematisches (die Fibonacci-Folge für die Anzahl der Verse), eine Konstruktion, die von dem Gedichtzyklus überschritten, gesprengt wird.

Was mich bei dieser Autorin immer wieder fasziniert, ist das wache Bewusstsein von den Paradoxien im Leben und im Schreiben und die Achtung vor den „Dingen“ – als mächtigem Widerpart – , deren „Namen“ eben mehr sind als das in der Lyrikdiskussion vielzitierte „Sprachmaterial“. Und wenn die sprachliche Singularitäts-Wut überwiegt (eine kalte Wut), dann schwindet auch der Sinn fürs Spiel am Sprachspiel (das Novalis meint). Die Texte lösen oft wenig beim Leser aus, weil ihnen eine elektrische Ladung fehlt aus wirklicher „Begegnung“ (die nicht „Versenkung“ bedeuten muss).

Für den amerikanischen Lyriker W.C. Williams sind „Gedanken nur in Dingen“, ihm genügen ein roter, regennasser Handkarren oder Pflaumen im Kühlschrank, um eindringliche poetische Chiffren zu setzen. „… laß die dinge liegen; leg / die worte dazu, aber laß die / dinge liegen…“ heißt es in Inger Christensens „alfabet“. Dichtung ist auch für sie ein Spiel, „das wir mit der Welt spielen, die ihr eigenes Spiel mit uns spielt.“ (4)
Es gibt keine klar abgesteckte Route durch die Antagonismen, nur immer einen Weg mitten durchs Paradox:

„Ich sehe die leichten wolken
Ich sehe die leichte sonne
Ich sehe wie leicht sie einen
Endlosen verlauf zeichnen
Als empfänden sie vertrauen
Zu mir die ich auf der erde stehe
Als wüßten sie daß ich
Ihre worte bin“ (5)

Aus dem geschützten Kunstraum hinaustreten in den Lärm der Stadt, in die Wirklichkeit, an die sprichwörtlichen „rauhen Winde“, dieses Wort vom bequem erreichbaren Mäuerchen verscheuchen, das eigene Wort nicht mehr verstehen im Wind, nicht mehr verstehen wollen. Die Worte sein für den Wind. Aus dem gemalten Zimmer, dem utopischen Zustand, hinausgehen, zurückgehen ins Leben, „im Trost des großen Trostlosen“ (Christensen, Gedicht vom Tod) (6)

Hinausgehen, um darüber zu schreiben. Sich lossprechen, indem man das eigene Verschwinden benennt. Sich fort-sprechen im Rhythmus einiger Sätze, Verse, die plötzlich da: Aber sehe das Zimmer schon leer, / und wie es weiter in sich lebt / ohne Livia, die schon lange tot, / und ohne mich.
 

 

1)Zitiert nach Inger Christensen, alfabet/alphabet, aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Kleinheinrich Verlag Münster 2001

2)Inger Christensen, alfabet, S. 117.

3)Inger Christensen „Die Seide, der Raum, die Sprache, das Herz“ angeregt durch den schönen Aphorismus von Lu Chi (261-303 n.Chr.): „In einem Meter Seide findet sich der unendliche Weltraum; die Sprache ist eine Sintflut, aus einem kleinen Winkel des Herzens“, in: Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod. Essays, aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Hanser Verlag München 1999, S. 38.

4)Inger Christensen, Teil des Labyrinths. Essays, aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Kleinheinrich Verlag Münster 1993, S. 38.

5)Inger Christensen, „Universalitäten“, aus: det/das, aus dem Dänischen von Hanns Grössel, Kleinheinrich Verlag Münster 2002, S. 435.

6)Inger Christensen, Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod, S. 11.

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