Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Die Entdeckung der Gegenwart im längsten Stück

John Cage in Halberstadt
Hamburg

The material of music is sound and silence.
Integrating these is composing.
I’ve nothing to say, and I’m saying it.

(John Cage)

Die Kinder wollen nicht aussteigen, als wir endlich das Burchardi-Kloster nördlich der Innenstadt von Halberstadt gefunden haben und etwas entfernt einen Parkplatz. Sie haben genug von Besichtigungen – nach Dom, Domschatz und Gleim-Museum, wo sie sich zu zweit auf den nachgebauten Schreibtischstuhl von Johann Wilhelm Ludwig Gleim zwängten und sitzen blieben. Ein wahres Designermodell der Epoche, in dessen grün gepolsterten Lehnen kleine Schubladen versteckt sind und das sicher Eindruck gemacht hatte bei Gleims inständig hergebetenen Dichterkollegen Herder, Lessing, Klopstock oder Ewald von Kleist, seiner literarischen Community, die er mit Porträts in seinem „Freundschaftstempel“ versammelte.
An einem größeren Platz, der noch deutlich erahnen lässt, wie stark Halberstadt im 2. Weltkrieg zerstört worden war (im Unterschied zu den nahegelegenen Bilderbuchstädtchen Wernigerode und Quedlinburg), haben wir ein paar Brötchen gekauft, das beruhigt kurz die Situation. Auch mein Mann bleibt lieber im Auto.
„Was soll’s, man hört doch nichts. Wer weiß, wann wieder was gespielt wird!“
„Gebt mir fünfzehn Minuten!“ rufe ich.

Was er vermutet hat, stimmt nicht. Das ist die erste große Überraschung: Man betritt die fast leere Klosterkirche und ist – in einem Dauerton. Eine kleine Orgel in der Mitte, ein Provisorium, wenige Tasten, an denen Sandsäcke hängen, und dieser Ton, ein Akkord aus d’ und e’’, erfahre ich, der seit einem halben Jahr, seit dem letzten „Klangwechsel“ am 5. Februar 2009, angeschlagen ist. Etwas gedämpft aus Lärmschutzgründen durch eine Plexiglas-Haube, aber laut genug, um den Raum zu erfüllen und den Besucher ganz und gar.

John Cage hatte das Stück Organ²/ASLSP (As Slow aS Possible) erst für Klavier, dann für Orgel geschrieben bzw. mit einem Zufallsprogramm ermittelt; bei einem Orgelfestival in Trossingen 1997 – der Komponist war bereits 1992 gestorben – entstand die Idee, seine Tempoangabe „So langsam wie möglich“ auf besondere Weise umzusetzen: als längstes Musikstück der Welt, als einen symbolischen Kathedralbau über Generationen hinweg. Auf Initiative von Musikern, Theologen, Philosophen – darunter der Halberstädter Bildhauer, Bürgerrechtler und Stadtparlamentspräsident Johann-Peter Hinz – wurde die romanische Burchardi-Kirche, die lange Zeit als Schweinestall gedient hatte, wieder instandgesetzt. In Halberstadt war immerhin im Jahr 1361 die erste Großorgel der Welt gebaut worden. Im Jahr 2000, dem offiziellen Start des Projekts, setzte man als Gesamt-Spieldauer 639 Jahre an (2000 minus 1361). Denn während in der Klavierversion ein Ton so lange erklingt, bis die angeschlagene Saite zur Ruhe kommt, kann bei der Orgel – elektrische Grundversorgung vorausgesetzt – die Gesamtlänge des Stücks abstrakt festgelegt werden und dann die Dauer der einzelnen Töne daraus abgeleitet. Ein Verfahren, das John Cage nicht fremd war: Bei seinem berühmtesten Stück 4’ 33’’  verharrt der Pianist genau 4 Minuten und 33 Sekunden vor den Tasten, ohne einen Ton zu spielen – was sicher den Effekt hat, dass man auf einmal sehr aufmerksam ist für Umgebungsgeräusche, für manche leicht grotesk erscheinende Konventionen des Konzertsaals. (Auf YouTube kann man auch eine Orchesterversion finden. Und – empfehlenswert! – ein Video der Uraufführung von 1952 mit dem Pianisten David Tudor.)

Nach dem schwierigen „Fund raising“ begann das Stück im September 2001 – gemäß der Cage-Notation mit einer Pause. Am 5. Februar 2003 folgte der erste Ton. Ende 2640 soll der letzte zu hören sein. Man kann für 1000 € ein „Klangjahr“ kaufen und erhält eine Plakette an den Wänden der Kirche. Ich finde die Namen von Wibke Bruhns und Alexander Kluge, beide in Halberstadt geboren; Kluge hatte als 13jähriger die verheerenden Bombenangriffe erlebt. Einige haben das Jahr ihres 100. oder 200. oder auch 700. Geburtstages erworben (und das spielerische Moment in diesem Projekt und in Cages Werken schon beinahe ins Makabre verkehrt) oder auch ein symbolisches Datum. Während ich die Namen auf den Plaketten lese, die Sprüche, Gedichtzitate, ergreift der brausende Ton immer mehr von mir Besitz, schafft eine Art Gewölbe, einen großen Gedankenraum. Der Körper im Dauerton wird zu einer Erfahrung von Zeitraum und Gegenwartspunkt (die Clips bei YouTube, die es auch gibt, sind nicht das ganze Erlebnis). Was die theologische Seite betrifft, können es die Bibel oder die Kirchenväter immer noch am besten, so Augustinus in seinen „Bekenntnissen“: „Dein Tag ist ja nicht ein Tag um Tag, sondern ein Heute, wie dein heutiger Tag nicht einem morgigen weicht, wie er denn auch nicht einem Gestern folgt. Dein Heute ist Ewigkeit…“

Mit dem John Cage-Projekt – und nicht mit seinem Domschatz, einem der größten in Deutschland – hat es Halberstadt auch ins Feuilleton der New York Times geschafft, wo vermerkt wird, dass in der 2,5 Stunden von Berlin entfernten Stadt die Würstchen aus der Dose erfunden wurden und in der zu DDR-Zeiten vernachlässigten, bis heute wirtschaftlich abgeschlagenen Region ein ernsthaftes Skinhead-Problem bestehe. Auf der anderen Seite: „Yet like many German towns, Halberstadt takes its culture seriously“. (Vor kurzem hat die New York Times übrigens das nicht weit entfernte Leipzig auf Platz 10 der spannendsten Reiseziele der Welt gesetzt, wegen seiner Kunstszene – Neo Rauch! – und der lebendigen musikalischen Tradition.)

Mittlerweile haben sich die „Klangwechsel“ zu einem kleinen Musikfestival in Halberstadt entwickelt, mit Aufführungen von Cage-Stücken und anderen Veranstaltungen, bei denen die Stadt als „Klangraum“ erfahrbar wird. Daher könnten, so vermute ich, die Jahre 2013 bis 2020 eine harte Zeit werden, da hier kein Klangwechsel vorgesehen ist – sieben Jahre lang derselbe Ton – kein Event, kein Festival, jedenfalls keines, in dem ein solches Ereignis im Mittelpunkt steht wie ein neuer Ton, ein anderer Klang in einer auf Jahrhunderte angelegten Aufführung. Also sollte man die nächsten Klangwechsel nutzen, so den 5. Juli 2010 oder den 5. Februar 2011.

Ich raffe, was erwerbbar ist, darunter eine CD des Stücks (Spieldauer: 71 Min. 18 Sek.), und renne los.
“Was hetzen Sie so?” ruft mir die Dame vom Stand hinterher. „Wir haben doch noch 631 Jahre Zeit!“
Das erzähle ich als erstes, als ich atemlos im Auto sitze.
„Sie vielleicht! hätte ich gesagt“, meint mein Mann und startet. Ich lege die CD ein. Nichts zu hören. Schon kaputt! denke ich, bis mir wieder einfällt, dass das Ganze ja mit einer Pause losgeht. Aber jetzt: Ist da was? Oder kommt das von draußen? (John Cage, der den „sound of traffic“ liebte, hätte mir verziehen.)
Ich drehe mich zu meinen Mitreisenden um und schalte auf Radio.

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