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Wir reden über Literatur
Essay

Eine Kirche, die summt.

Der 9. Klangwechsel beim John-Cage-Projekt in Halberstadt
Hamburg

Stehe ich

Stehe ich
alleine im schnee
wird klar
daß ich eine uhr bin

wie sollte die ewigkeit sich
sonst zurechtfinden

Inger Christensen, Lys/Licht,
aus dem Dänischen von Hanns Grössel

Als Rainer O. Neugebauer von der John-Cage-Orgel-Stiftung die über dreihundert Besucher des diesjährigen Klangwechsels am 5. Juli begrüßt und eine Klangtafel, eine schlichte Gedenktafel, für einen verstorbenen Mitinitiator des (seit 2001 in Aufführung!)„längsten Musikstücks der Welt“ enthüllt, möchte man ausrufen: „Jetzt macht doch mal den Ton leiser!“

Diesen Ton aus den immer noch ersten Takten – aber Takte gibt es eigentlich nicht – aus John Cages Orgelwerk „Organ²/ASLSP“ (As Slow as Possible), der Tag und Nacht mittels Sandsäcken in der kleinen Burchardi-Kirche in Halberstadt angeschlagen ist. Aber als es zum eigentlichen Klangwechsel geht, dem Wechsel bzw. der minimalen Veränderung des sechsstimmigen Akkords, der anderthalb Jahre lang an der Reihe war, will man mit dem gesamten Publikum nur Ohr sein für den Ton und hören, ob denn etwas anders –? Vorsichtig entfernt Laura Kuhn, Leiterin des John Cage Trusts in New York und diesjähriger „Special Guest“, die kleinste der sechs Orgelpfeifen, die Pfeife für das zweigestrichene e. Alle lauschen andächtig, dann bricht Applaus los, Lachen: Es ist keine sakrale Veranstaltung, auch wenn Laura Kuhn bemerkt, dass diese Umsetzung von John Cages Komposition (zu der die Idee erst nach seinem Tod aufkam) etwas typisch Deutsches habe durch das Zusammenwirken von Musikern, Philosophen und Theologen. Und durch den Ort mit seiner für amerikanische Begriffe ur-uralten Geschichte.

Man begutachtet die provisorische Orgel, die mit dem Tonumfang noch wachsen wird, beugt sich über die ausgestellte Partitur oder liest die Namen und Zitate (von Kurt Schwitters bis Schopenhauer) auf den Klangtafeln, die zur Finanzierung des Projekts beitragen. Alle „Klangjahre“ bis zum Jahr 2090 sind übrigens bereits vergeben. Bis zum Jahr 2640 jedoch, dem voraussichtlichen Ende der Aufführung, gibt es noch viele Lücken, von denen man sich bei einem Besuch der Burchardi-Kirche inspirieren lassen kann – denn der Permanent-Klang will erlebt sein. Die Zeitschrift „GeoSaison“ hat Halberstadt, das den größten mittelalterlichen Domschatz Deutschlands beherbergt, dessen Innenstadt aber von den Verheerungen des 2. Weltkrieges und den rigorosen Abrissen zu DDR-Zeiten erzählt, in seiner Juni-Ausgabe 2010 als Kurztrip-Empfehlung in eine Reihe mit Kapstadt und Barcelona gestellt. Im nächsten Jahr kann man bei zwei Klangwechseln sogar drei verschiedene Klänge hören – man sollte die Gelegenheit nutzen, bevor von 2013 bis 2020 ein einziger Akkord durch-rauscht, auch einige ehrenamtliche Mitarbeiter in den Ruhestand gehen: die erste große Bewährungsprobe des Projekts, das aber international, vor allem in den USA, eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

Halberstadt ist in diesem Jahr auch Schwerpunkt der Internationalen Bauausstellung „Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010“. Das Bundesland hat seit der Wende 17% seiner Bevölkerung verloren. Wie begegnet man diesem Bevölkerungsrückgang und der Stadtschrumpfung? Ein Rundgang führt durch die Stadt unter dem Motto „Entdecke die Leere“: Leere als Brache oder Spielfeld, als Ödnis oder Freiraum, als Nicht-mehr oder Noch-nicht.

Auch die mittelalterliche Burchardi-Kirche nördlich der Innenstadt, beinahe zwei Jahrhunderte lang als Scheune genutzt, ist Station. An diesem Abend – die dämmende Plexiglashaube über der Orgel wurde für den Klangwechsel entfernt, erst im nächsten Jahr erhält das Dauerkonzert mit den ersten Basspfeifen auch Lärmschutzfenster – hört man den brausenden Ton bis weit auf den Platz hinaus. Ein leerer Platz ist es mit einer alten, verwitterten Kirche. Einer Kirche, die summt.  

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