Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Alles – und viel, viel mehr (vielleicht …)

Baumhaft schöne Gedichte in ›Regenbogenfarben des kalten Wetters‹
Hamburg

The world is teeming: anything can happen
John Cage ∙ Silence

 

Regenbogenfarben des kalten Wetters, verfaßt von der 1968 in Huai’an gebore­nen chinesischen Schriftstellerin Gao Changmey – also known as: Meier – und auf dem nord­westlichen Schleichweg übers Englische in die deutsche Sprache übertragen von Astrid Nisch­kauer, ist ein sehr s∙c∙h∙ö∙n∙e∙s Gedichtbuch voller knallaufalltäglicher Wunden und W∙u∙n∙d∙e∙r (ja: Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehn, singt Katja Ebstein), in dem verbrannte alte Bäume auf fliegende feurige Gesteinsbrocken starren.

Regenbogenfarben des kalten Wetters ist, dann und wann, ein tief­schauri­ges Buch, das Trost jedoch noch in dem Moment spendet, wenn vor dem geistigen Leserauge der fürchterliche Film einer Geburt mit unglückseligem Ausgang abläuft, der (und auch das meine ich mit: ›Wunder‹) in leuchtende Poesie verwandelt wird: Deine dunkelbraunen Augen und fein­gliedrigen Hände / Waren Lampen, um auf Wiedersehen zu sagen in dieser dunk­len Nacht.

Regenbogenfarben des kalten Wetters ist ein üppiges, reichhaltiges, wucherndes Buch mit Sequenzen voller Sonnenlicht, das in meine Augen sticht, mit mörderischen Pferden, mit kris­tallenen, glit­zernden Perlen, mit Blitzschlägen, mit gedämpften Gesängen und Chorälen, mit Haufen über Haufen Müll.

Die Übertragung der Gedichte klingt wie kongenial nach­empfun­den, was, auf dem Weg übers Englische, ein weiteres ›Wunder‹ wäre. Denn vergessen wir nicht: Thy wish was father, Harry, to that thought (William Shakespeare) und schon gar nicht: Poetry is what gets lost in translation (Robert Frost). Ge­wirkt hat es im vorliegenden Falle die so gern und so gut literarische Selbstgespräche führende Autorin und Übersetzerin Astrid Nischkauer (der wir zudem die vortreffliche Übertra­gung von Hadaa Sendoos Sich zuhause fühlen mit dem feinen Vorwort von Richard Berengarten verdanken, von dem ich wiederum einst zwei Gedichtbücher ins Deutsche übertrug), die im Nachwort festhält: Meiers Gedichte packen mich, werfen mich um. Als Übersetzerin bin ich weit über meine eigenen Grenzen als Dichterin hinausgegangen. Ich habe Gedichte übersetzt, die ich so nie schreiben möchte.

Schon der Titel Regenbogenfarben des kalten Wetters verrät die spannungsgeladene Schichtung der Gedichte, in denen im Kern kein Blatt vor den Mund genommen wird, in denen ich Poesie als geldweltheldumspannende Angelegenheit erlebe, in der NICHTS ausgespart bleibt – wobei das in die Verse eingebettete Wort im tiefsten Grunde zart wirkt, ganz zart.

Meiers Gedichte sind Gedichte. Gedichte, deren wasser­wahre Wörter ich lusttoll trinke, in deren klingschwingring­singenden Versen ich mit ge­schlossenen Augen versinke: Ich kann ihr Echo hören. Dies sind Gedichte, die geschrieben wer­den mußten. Gedichte, die geschrieben werden wollten. Ge­dichte, die geliebt werden wollen. Gedichte, die beben, Ge­dichte, die beleben. Gedichte, die vernichten. Gedichte, in denen Eros mit Thanatos tanzt. (Auf diese Gedichte will ich nicht verzichten.)

Was nun? (Was tun?) Ich lehne mich so weit aus dem Fenster, daß ich, wären mir nicht – plötzlich – phantastische, glänzende Flügel gewachsen, unweigerlich in die tiefe Tiefe gestürzt wäre aus dem vielstöckigen Wolkenkratzer, in dem ich mich in die­sen Tagen im Frühling aufhalte, um gelegentlich – mithilfe einer uralten Olympia, bei deren Tastatur diverse Buchsta­ben haken – ein paar Traumworte aufs Papier zu schlagen: ›Vielleicht‹, ja, vielleicht erlebe ich die Lektüre dieses rund dreimal 798 Verse (und mehr …) umfassenden Gedicht­buchs, aaah, im Kopf die Schere! / Benschs banger Blick! / Peer Quers Birnrunzeln, wie das erlösende Schwindelgefühl, das sich, möglicher- oder gar ›tödlicherweise‹ (ich habe die Erfahrung bislang ja noch nicht gemacht) einstellt, wenn die vom aufgerissenen Himmel fallenden T∙r∙o∙p∙f∙e∙n von Nektar und Ambrosia – festgebrannt im Gedächtnis / jener unbeschreiblich / blaue Himmel (Johanna Anderka) – den Weg in meinen dürstenden Mund finden und mir eine Labsal bereiten, die nichts als ü∙b∙e∙r∙i∙r∙d∙i∙s∙c∙h ist.

Wird man mir die hyperbolische – und im Munde unmäglich mäandernde, schwimmelnde – bildsaftige Wahrstellung ver­geben? (Bensch und Peer stellen sich quer, Kraus hält sich raus.) Ich will doch nichts andres als mit einfachen Wör­tern bloß beschreiben, in welch eigentümlich wassertropfen­feine, naturreine Rundstimmung mich die Gedichte aus Re­genbogenfarben des kalten Wetters versetzt haben.

Nein, nicht in eine ›euphorische‹, nicht in eine ›entzückte‹ oder ›rausch­hafte‹ Stimmung, nicht in eine ›ekstatische‹ oder ›enthusiastische‹ ––– nein!

Darf, kann, muß, will ›ich‹, vielleicht, v-i-e-l-l-e-i-c-h-t, von einer … ›beseelten‹, ›friedlichen‹, ›inniglichen‹, ›ruhigen‹, ›sanften‹, ja, ›zärtlichen‹ Stimmung sprechen? Und das … trotz … Angst, Blut, Chaos, Depression, Einsamkeit, Flecken, Gasexplosionen, Hitze, Infla­tion, …, Krieg, Lügen, Müll, Nöten, Ödland, Pomp, Qualen, Raubzügen, Ruinen, Schwärze, Tränen, …, Verwüstung, Wunden, …, …, Zerstörung … : Dein Hunger und Husten / sind zu einer Festung der Poesie geworden …

Ich gebe, verbuchsweise, auf (und wette, man versteht, was ich meine). Und bevor ich doch wieder ein neues Blatt ein­spanne, werf ich, ein weiteres Mal, einen geschärften, suchstäblichen Blick ins eindruckstolle &, und ich treffe gleich einen Seelöwen / Dessen Bart Pflanzen küsst, was mich innehalten und mir zu denken gibt … Ich greife nach der Pflanze, schweife ab, schwelge in Bildern, und unwarmherzig tickt die Uhr (was rein metaphorisch zu verstehen sei ) …

I∙r∙g∙e∙n∙d∙w∙i∙e muß man wohl weitermachen, die Geschichten­erzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die Regierungen machen weiter, die Rock’n’Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht machen weiter … (wie es im Vorwort von, keinmal dürfen Sie raten, Rolf Dieter Brinkmanns Westwärts 1 & 2 dichtigerweise heißt) – also, vielleicht, v∙i∙e∙l∙l∙e∙i∙c∙h∙t, wenn’s denn sein muß, so: Im­mer wieder der poetisch veredelte, verwedelte Kamerablick aus dem Flugzeug: zerberstende Schädel … Sonnenblumen … Pyramiden … Kreativität inmitten von Staub …

Die poetische F∙u∙n∙g∙r∙u∙n∙d∙i∙e∙r∙u∙n∙g (in der Lyrik wird Fundierung als Struktur aufgefasst, die als Keil der universa­len Grundierung angesehen wird: Das Gedicht ist nur so kaltbar wie sein Untergrund) der in den Jahren 1989 bis 2016 geschriebe­nen und für Regenbogenfarben des kalten Wassers aus­gewählten Gedichte ist nicht ironischer, sarkastischer oder gar zynischer Art. Nein, diese ist … das so begehrte, er­sehnte, herbeigewünschte Wort fällt mir nach zwei langen Tagen des G/r/ü/b/e/l/n/s, G-r-ü-b-e-l-n-s, G∙r∙ü∙b∙e∙l∙n∙s in einem Moment der Stille zu …: kynisch.

Die lyrische Stimme wirkt gleichmütig, innerlich frei wie Antisthenes, naturbezogen wie Hipparchia (auch – ziemlich wilde – Tiere spielen eine jagende, mehrschichtig komplexe, auch intertextuelle Rolle, allen voran der weite Kreise zie­hende Leopard, der – so ist Natur – nicht nach Kriterien wie ›barmherzig‹ oder ›unbarmherzig‹ fragt: Wie zehntausende Leo­parden, / Die wie rollender Donner über den Unterleib stürmen …), unerschütterlich wie Demetrius – und wie Diogenes ist sie kosmopolitisch: Über Guiyang, Jerusalem, Las Vegas, Rom, San Francisco (etc.) entführen mich die Verse bis in die Höhle von Shuanghe, in der, so Nischkauer, Stein wächst und zu Blumen aufspringt:

Manchmal vergißt der Stein die Außenwelt
Wird so luftig wie flauschige Baumwolle
Kräuselt sich mit Zärtlichkeit
Reist durch die sture Zeit

Ja, es ist auch eine Zeitreise beim Lesen der Gedichte, in denen Meier nicht vor profanen aktuellen Themen wie ›Fi­nanzkrise‹ und ›Internet‹ zurückschreckt, um die poetische Persona plötzlich, über einen vierhundert Millionen Jahre alten Sandstein holpernd, siebenhundert Millionen Jahre zurückra­sen zu lassen, und die donnernde Brandung hinterläßt Spuren im Stein …

Apropos ›Internet‹ (und schon wieder Protest, diesmal von Kraus, dem das Wort ›Apropos‹ – von wegen sexueller Konnotation … – sauer aufstößt: Vielleicht hat er recht, der fidele Oralist, aber das bleibt jetzt – einfach – mal schön so stehn): Ich erlaube mir an dieser Stelle die – in der ›moder­nen‹ und ›postmodernen‹ Literatur bereits ziemlich beliebte – Technik der freien Assozi­ation zur Anwendung zu bringen und präsentiere auf diese Weise die abenteuerliche ›Band­breite‹ der Gedichte, denn v/i/e/l/l/e/i/c/h/t, ja, vielleicht, hilft dem immer noch skeptischen potentiellen Leser (soll man, soll man nicht …) ein aus Titeln und Schüsselwörtern montiertes Alphabet genauso heiter wie Asterix und Obelix der Passierschein A 38

Und bitte sehr: Hier ist es doch

Achilles ∙ Baude­laire ∙ Der Morgen des Chauvinismus ∙ Du und ich ∙ Etiketten ∙ Finanzkrise ∙ Das Gewicht des Schwamms ∙ Herbstmitte ∙ Suiyang Impressionen ∙ Jerusalem ∙ Kleopatra ∙ Leopard ∙ Mai ∙ Ein englisches Nachtgewand ∙ Oper ∙ Pferdehufschlagmusik ∙ Qualen ∙ Regelblutung ∙ Schröpftherapie ∙ Tauchen ∙ Blumen des Untergangs ∙ Der verwundete Wolf ∙ Rückkehr zum QuingXihu See im Traume ∙ Yelabuga ∙ Zwetajewa

Darin steckt (wie beversprochen):

alles – und (viel­leicht) :

viel, viel mehr!

Kein Wunder also, daß ich kaum Schlaf finde in der turbo­lesken Nacht nach der Lektüre; Vermutungen werden in den hin- und herge­henden Sätzen ausgebreitet, der gleichsam psychedeli­sche Reflex auf die Gedichte, mir seit längerem nicht in so weltsamer, werkwürdiger Weise widerfahren, die unge­wohnte Umgebung – immerhin [eingerahmt im feinen Flur an der ansonsten schlichtweißen Wand hängend] lese ich: Es war eine Gegend, in der Bücher und Menschen lebten (lupenreiner ›Zufall‹: Dieses Zitat Paul Celans – aus der Rede zum Bremer Lite­raturpreis – las ich unlängst auch in Andreas Saurers Rumäni­schen Helden) –, die arg dünne Höhenluft, die Mogelpespek­tive, Salz wächst aus dem Boden heraus … Und wann, bitte sehr, hätte ich je in einem so beengten Quar­tier (wie es Friederike Mayröcker in fleurs bedichtet) im vie­rundzwanzigsten Stock in einem beschrifteten Bett gelegen?

Durch die offne Balkontür in dieser also alles andere als weitläufigen Wohnung (FM), höre ich Bahnen über Schienen, Autoreifen über Asphalt rollen, Flugzeuge wie Wale fliegen über mich hinweg, und, immerhin, das beruhigt: Der Ver­kehr fließt, unten wie oben, die Tücken schlafen, hüben wie drüben, was soll da schon schiefgehn hier in der Zwischenzone. – – – Die reine Fiktion ist ebenso langweilig wie das empirisch Gesi­cherte und theoretisch völlig Verstandene; in der Zwischenzone, da ist es interessant, raunt Maximilian Zander mir aus dem Off ins rinke Ohr (oder ist’s das lechte?), und ich nicke und denke: soso. Ich drehe mich, ein ums andre Mal, auf die linke, auf die rechte, wieder auf die linke Seite und sehe, unverhofft, die heimatlose Wolke ins Zimmer segeln, weiß ohne Schatten […] Weiß auf Weiß, wie es zum Auftakt in Kristiane Kondrats Abstufung dreier Nuancen von Grau so schön heißt, und nicht länger fürchte ich Schlaflo­sigkeit (was dann wieder von Meier wäre …).

Als gäb’s kein Morgen, spring ich also mitten hinein in die wundersame Wolke, durch die, was sonst schon hätt ich er­warten können?, allerlei Bücher schwirren, Bücher von Wolfgang Borchert, und der Zufall, der unberechenbare verspielte Gott über uns, der Zufall, der grausame gewaltige Zufall balanciert betrunken auf den Dächern der Welt, Felix Hartlaub, man sieht es ihnen gleich an …, Friedo Lampekühl war es hier oben und klar, eine leichte Luft – und Eugen Gottlob Winkler, die mich – wie die unvermittelt aufbrausenden Klänge aus Hans Wer­ner Henzes Oper Floß der Medusa (aus der brillanten Amsterda­mer Inszenierung) – in prickelnde Erregung versetzen, und da: Johann Lippets hochorigineller Fragmentroman Franz Franzi Francisc, den ich vor wenigen Tagen erst las (über alle von Johann Lippet gelesenen Bücher, ein Dutzend ist es bislang, was da so an Romanen, Gedichtbüchern, Erzählbänden zu­sammenkommt, wünsche ich mir seit längerem einen gera­dezu huldigenden Essay zu schreiben: Aber wer weiß, vielleicht sagen schon die in diese Klammer gesteckten vierundsechzig Wörter das Wesentliche aus über das, was ich eines Tages in ausführlicher Form zum Werk dieses fabelhaf­ten Banatchronisten zu schreiben hoffe), und, nicht zu ver­gessen, Imre Töröks Königin von Ägypten in Berlin, die ich mir, da noch nicht gelesen, spontan schnappe und mich flott mit ihr ins Bett kuschle.

Vor lauter Irren, Kirren, Sirren schwirrt nun auch der Schä­del (was sicherlich, chemisch oder neurologisch oder wie auch immer betrachtet, nicht so einfach möglich ist, wie ich es hier in Bild und Ton zu setzen versuche …), egal, ich schließe die Augen und sehe, sehe den Raum sich in die Länge dehnen, vor dem Abtauchen / stattete ich einem seit Jahren versunkenen Holzstück einen Besuch ab, zugleich wird es eng und enger, an den sich immer schneller, schneller, schneller in die L∙ä-n–g—e ziehenden Bücherwänden hängen über den Re­galen Bilder, B∙i∙l∙d∙e∙r, wie bei Egger verschwindet das Zimmer nach innen, Bilder, Bilder, Triumph der Farben, re­genbogen­farbene Miniaturen, in Petersburger Hängung, die sich vorm schäumenden Auge ins gigantische Traumland weiten: ein Seelöwe, dessen Bart Pflanzen küsst, die noch unbewegte Brandung der Nacht, schwarze Lokomotiven, Pachakuti, der letzte große König der Inka, Krähen und Nacht, ein Sandsturm, grünes Blut, ein Balkon von Las Vegas, die Gegenwart ist nur ein Blatt von einem Baum, an de­nen, huch, Harald Gröhler – wie meistens in Eile, im Mantel – vorbeirast, der mir, rückblickend, zuruft: Eine solche Reaktion – so in Deiner Weise eben ausgedrückt – wiegt tausend tote Stunden auf!

Was sich wohl auf die E-Mail bezieht, die ich Gröhler am 24. Dezember 2018 um 13:33 schrieb: Lieber Harald, ich habe eben den Erzählband ›In Eile, im Mantel‹ gelesen und bin begeistert: ganz der alte – junge – Gröhler! Das sind wunderbar böse Stories! Bis in die Verästelungen hinein erkenne‹ ich wieder den Gröhlerschen Baum, den ich, Buch um Buch lesend, seit den neunzehnhundertachtzi­ger Jahren besteige. Und ›bestiegen‹ wird ja auch ordentlich in diesen fiesen Geschichten – oder eben auch nicht ... –. Dieser einzigartige Gröhlersound, hach, ich liebe ihn! Harald, ich wünsche dir fröhliche Flummibaumzeiten: Theo.

Worum es denn gehe, fragt ein von Sylvester Groth so köst­lich parodierter Nazi in Quentin Tarantinos Inglorious Bas­terds. Und ich frag mich das hier langsam auch (von wegen ›langsam‹! – Und, gleichsam nebenbei: Den Vorwurf, ich redete zu langsam, halte ich für einen vertretbaren Vorwurf, solange er nicht mit dem Vorwurf verbunden ist, ich dächte zu langsam, weinte einst Ludolph Harping): Worum geht es denn? Diese Frage kann man wohl nur (zumindest im Kontext dieses Essays) auf jene maulfaule Art beantworten, wie man sie von einem Nachbarn auf dem Dorfe kennt: Dat weeß me net …, was aaabbsolut, wie Kristof Kaum einst im Zusammenhang mit schönem Schnee in den schütteren Haaren verlautbarte, un­übersetzbar ist, zumal, wenn man die eifelnde Sprachker­bung im Ohr hat; daher ist das folgende Übertragungsange­bot lediglich als nichts als rumplumpelnder Annäherungsversuch zu verstehn: ›Das weiß man nicht‹ …)

Schlußwortsport: Mit anmutigen, bewegenden, bildwildrei­chen, blutigen, charismatischen, dichten, energischen, epi­schen, frappierenden, glühevoll gegenwärtigen, herbstfarbenen, idiosyn-kratrischen, jubelnden, klaren, leichtflügligen, lichtluftdurchlässigen, mesmerisierenden, monumentalen, natürlichen, opulenten, packenden, quälenden, radikalen, sehnsuchtsvollen, titanischen, traumnahen, un­endlichen, vibrierenden, vielschichtigen, wahrhaftigen, wider­hallenden, zerbrechlichen, zügellosen Versen hinterläßt die chinesische Dichterin Meier zitternde Fin­gerabdrücke ihres jetzi­gen Lebens auf meiner verwitterten Wange:

Suiyang Impressionen

Ich stehe auf der Spitze eines Bambusschafts,
Stoße im Sturzflug zu dir nieder
In dieser Reihe nebelumwundener Berge umwunden von Nebel
Auf diesem Pfad durch blühende Wildblumen
Wo kann ich diese Falte aus meinem Gesicht streichen?
Ohne das reine Grün deiner Bluse zu beflecken?
400 Millionen Jahre alter Sandstein
Wacht über die fortlaufende Kette des Lebens
Oh, vom Wasser geformte Höhle von Shuanghe
Du erwartest mich mit fabelhaftem Mauerwerk
Deine Geheimnisse, die nicht geflüstert werden können,
Haben mich in den Tiefen der Nächte erreicht
Indem ich mich der Stille des Qingxi Sees nähere,
Spüre ich das reine sattgrüne Herz
Ach, schöne Maid, in solcher Gnade
Liegt der Sinn meiner mühsamen Reise
Eine Fackel flackert immer noch inmitten weit ausgedehnter Berge
Ein Mann führt seine Gruppe Tag und Nacht an und reist
Durch dieses Landesgebiet, seiner Zukunft wegen
Seine Augenbrauen sind feucht von Tautropfen
Ein weiches Blatt haftet an seiner Schulter
So viele Sterne, von solchen Handlungen berührt,
Geben den Bergen und Wäldern am Seeufer Glanz
Ein widerhallendes und mitreißendes Lied
Strömt durchs anmutige Traumland

Bücher, die durch den Traumraum schwirrten :

Johanna Anderka: Alles was blieb ∙ Gedichte ∙ Mit Collagen und Pa­pierarbeiten von Ilse Hehn ∙ 81 Seiten ∙ Pop Verlag ∙ Ludwigs­burg 2019.

Gottfried Benn: Essays ∙ Reden ∙ Vorträge ∙ 404 Seiten ∙ Limes Verlag ∙ Wiesbaden/München 1980.

Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk ∙ 349 Seiten ∙ Rowohlt Ver­lag ∙ Reinbek bei Hamburg 1986.

Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1 & 2. Gedichte mit Fotos und An­merkungen des Autors ∙ Erweiterte Neuausgabe ∙ 348 Seiten ∙ Ro­wohlt Verlag ∙ Reinbek bei Hamburg 2005.

Oswald Egger: Triumph der Farben ∙ Farbig illustriert ∙ 168 Sei­ten ∙ Lilienfeld Verlag ∙ Düsseldorf 2018.

Harald Gröhler: In Eile, im Mantel. Neue Stories ∙ 223 Seiten ∙ Pop Verlag ∙ Lud­wigsburg 2018.

Felix Hartlaub: In den eigenen Umriss gebannt. Kriegsaufzeichnun­gen literari­sche Fragmente und Briefe aus den Jahren 1939 bis 1945 ∙ 2 Bände ∙ 756/416 Seiten ∙ Suhrkamp Verlag ∙ Frankfurt am Main 2007.

Ernst Jandl: der beschriftete sessel ∙ 292 Seiten ∙ Reclam-Verlag ∙ Leipzig 1991.

Kristiane Kondrat: Abstufung dreier Nuancen in Grau ∙ Roman ∙ 156 Sei­ten danube books Verlag ∙ Ulm 2019.

Friedo Lampe: Das Gesamtwerk ∙ 397 Seiten ∙ Rowohlt Verlag ∙ Reinbek bei Hamburg 1986.

Johann Lippet: Franz Franzi Francisc. Romanfragment (Nebst Arbeits­notizen und Annotationen) ∙ Fragmentroman ∙ 165 Seiten ∙ Pop Verlag ∙ Ludwigsburg 2019.

Friederike Mayröcker: fleurs ∙ 151 Seiten ∙ Suhrkamp Verlag ∙ Ber­lin 2016.

Rainer Maria Rilke: Die schönsten Gedichte ∙ 123 Seiten ∙ Dioge­nes Verlag ∙ Zürich 1997.

Andreas Saurer: Rumänische Helden. Reportagen und Essays aus 33 Jahren ∙ 196 Seiten ∙ Pop Verlag ∙ Ludwigsburg 2919.

Hadaa Sendoo: Sich zuhause fühlen ∙ Gedichte ∙ Ins Deutsche übertragen von Astrid Nischkauer und Andreas Weiland ∙ Mit ei­nem Vorwort von Richard Berengarten sowie einem Gespräch mit Maya Gogoladse ∙ 101 Seiten ∙ Pop Verlag ∙ Ludwigsburg 2018.

Imre Török: Die Königin von Ägypten in Berlin ∙ Roman ∙ 296 Seiten ∙ Pop Verlag ∙ Ludwigsburg 2017.

Eugen Gottlob Winkler: Die Dauer der Dinge∙ 334 Seiten ∙ Schneekluth Verlag ∙ München 1988.

Maximilian Zander ∙ Gerd Sonntag: teils-teils. Aphorismen ∙ 61 Sei­ten ∙ Wiesen­burg Verlag ∙ Schweinfurt 2004.

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PS Wolfgang Borchert (1921–1947), Felix Hartlaub (1913–1945), Friedo Lampe (1899–1945) und Eugen Gottlob Winkler (1912–1936) – Ich kenne Worte von Dichtern, die, obwohl sie rätselhaft und zusammenhanglos erscheinen, gleichwohl imstande sind, die heftigsten Erschütterungen des Geistes hervorzurufen – bilden gleichsam ein vierblätt­riges literarisches Kleeblatt allzu früh und unter jeweils u∙n∙h∙e∙i∙m∙l∙i∙c∙h traurigen Umständen verstorbener Schriftsteller, deren Werke ich dem geneigten Leser wärmstens anempfehlen möchte. / Eine Generation später ereilte den 1940 geborenen Rolf Dieter Brinkmann, dessen Gedichtbuch Westwärts 1 & 2 eine der sprachhaltigsten Lektüren meines Lebens ist, ebenfalls das Schicksal eines viel zu frühen Todes, als er am 23. April 1975 in London von einem Auto über­rollt wurde.

 

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Dieser Essay erschien ursprünglich in: Matrix. Zeitschrift für Literatur und Kunst. Herausgegeben von Traian Pop. 57. Ausgabe, Pop Verlag, Ludwigsburg 2019.

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