Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

»Auswertung der Flugdaten«

Notizen zu Thomas Kling
Hamburg

literatur und tod

d literatur, des wisz jo
ist a gaunz a diaffs grob
wo kaana drin waas
ob a jemoes a r aufaschde­hung hod

Ernst Jandl

 

arnikabläue ∙ aber annette ∙ ausgerottete augn

Freunde aus Kindertagen wundern sich jedes Mal, wenn wir uns denn, alle paar Jahr, eher zufällig einmal treffen, über mein »photographisches Gedächtnis« (wie Kraus es nennt), sie lachen, rau­nen, schäkern, wenn ich ihnen haarfein Situa­tionen schildre, in denen sie einst die Hauptroll spiel­ten und die sie völlig vergessen haben. 27. März 2015. Während ich in der von Jo Lendle (mit Co-Her­ausgeber) edierten ›Neuerfindung‹ der Akzente blättre, in der er es b∙u∙c∙h∙s∙t∙ä∙b∙l∙i∙c∙h seh­cil­gömnu zu lesen gibt, we start to have this panicked feeling (Mira Gonzales), scheint die Welt, Grie­chen­land/Irak/Jemen hin, Nigeria/Syrien/Vanuatu her, aus nichts als einem in den französischen Al­pen abgestürzten Flugzeug zu be­stehn. Ich blend mich radikal raus aus dem medial grellgeblen­deten ›Zeit‹-Geschehn (›Zeit‹ sei k/eine Illu­sion, murmelts, maliziös?, hinterm Rücken), leg eine andre Filmroll ein : Sonntag, 3. April 2005. Übermütiger Sonnen­schein, tollkühner Wind schon den gan­zen Tag. Nachmittäglicher Zweifelgang von Sistig über Stein­feld nach Urft runter, an der Post wendend, zurück den steilen Berg nach Steinfeld rauf, wo Peer Quer mich an der Einfahrt zum Kloster mit seiner Rostlaub abholt. Motorrä­der überho­len dröhnend, auf der Krekeler Höh schütteln Osterglocken glühende Köpf.

unbekannt und unbewältigt

Nach der exorbitanten Tasse Darjee­ling seh ich mich im angestammten Sessel sitzen, weiterle­sen in Dieter Fortes Haus auf meinen Schultern, der Romantrilogie, die den 2. Weltkrieg, insbesondre den Luftkrieg aus Sicht der Bevölkerung schildert. Ein Buch, von dem W. G. Sebald behauptet, es exi­stiere nicht. Während ich die Wörter auf­nehm, die sich im Kopf zu Bildgetös verformen, blick ich bisweilen hoch, betracht im Garten blühende Blumen, Narzissen, Osterglocken, Primeln, beobacht das Schattenspiel von Ästen, Stämmen, Zweigen der Eberesch, des Bergahorns. Das Bild des am Vorabend verstorbnen Papstes scheint unvermittelt vorm geistigen Aug auf (im blin­den Fleck : Bomben im Irak, in Thailand, Marburg-Virus in Angola). Ich wart auf das Schluß­resultat des Fußball­spiels der Münchner Löwen gegen die Kölner Geißböcke, hier geht’s, am 27. Spieltag, um den Aufstieg in die Bundesliga. Ich les : Am anderen Morgen, als alle den Raum verließen, lag er immer noch da und bewegte sich nicht und starrte in den Himmel und war tot. Der Junge sah noch lange diesen dunklen, bewegungslosen Klumpen, für den sich keiner interessiert hatte, das Lied und den schreien­den Gesang vergaß er nie mehr. Kurz zuvor wird Louis Armstrong erwähnt (die Amerikaner sind in das Städtchen einmar­schiert), und ich such die CD raus, um C’est si bon zu hö­ren. Sekun­den spä­ter, gegen halb fünf, klin­gelts Telefon (was selten ist an einem Sonntagnach­mittag). Ich leg das Buch auf den Tisch, drück die Stoptast am Player. Das Dis­play auf dem Hörer verrät nichts außer : Unbekannt. Ich meld mich, hör unvermittelt die Stimm von Axel Kutsch. Ich halt den Film an, katapultier mich zurück zum 27. März 2015, greif nach Friederike Mayröckers 2005 erschienenen Ge­sammelten Gedichten, find schnell das Gedicht, das ich such :

ein überaus schönes und blaues Manöver /
Lilien auf die Brust gemalt /
für Thomas Kling

in den Haaren die Lindenbaumfächer
nordafrikanischer Knötchenfrucht
springen im funkelnden Wind nämlich
zu Boden geschüttelt vom zaubrischen
Schopf oder Duft oder Hölderlins Jugendlocke
oder es steigt ein Hündchen schwammig
ins herbeigerufene Taxi
oder es stehen weisze Tennisschuhe zum Trocknen
in der Sonne am offenen Fenster
oder man liegt ausgestreckt mit wächsernen
Ohren auf einer Bank im Halbschatten des Baumes
welcher die Herzschläge zählt
/ einer heiligen Caterina von Siena
mit dem Lilienstab vor den weiszen, vor den
halbgeöffneten Augen

sehschlitze ∙ sektionsergebnis ∙ stimmen

Der Film läuft weiter, ich seh, wie ich mich wundre, Kutsch und ich haben doch erst tags zuvor lange miteinander gesprochen. Mir ist klar, daß er anruft, um etwas Au­ßerordentliches mitzu­tei­len. Ich rechne, gern schon mal hoffnungslos optimistisch, mit einer guten Botschaft, hör nach kurzer Begrü­ßung : »Thomas Kling ist tot.« Kutsch hats von Markus Pe­ters erfah­ren. An Karfrei­tag, eine gute Woch zuvor erst, haben wir stundenlang beisamm’ gesessen und, begeistert, über Thomas Kling bzw. dessen gerade erschienenes Buch Auswer­tung der Flugdaten gesprochen, intensi­v, ja, be­rauscht über ein Buch gesprochen, das sich im ersten Kapitel so radikal mit dem Tod ausein­ander­setzt – und jetzt diese Mitteilung. Ein Schlag vor den Kopf. Wir reden, in Gedanken irgendwo und sehr weit weg, über Thomas Kling, zählen ihn zu den Vorreitern der Lyrik der letzten 20 Jahre, flüchten in Floskeln, faseln von her­bem Ver­lust usw. (Ich weiß, ich weiß, Herr Wittgen­stein, die Wörter versagen : Wovon man nicht sprechen kann, dar­über muß man schweigen.) Wir beenden das Ge­spräch nach weniger als vier Minuten.

warnun’! ∙ wasserstandsbericht ∙ wespen ∙ wespen 2 ∙ wespen 3

Ein Vers kann sich wie gereimt anhören, ohne daß er einen Reim hat, fällt Eckermann auf, und Goethe weiß natürlich, wann das der Fall ist : Es liegt im Rhythmus. Thomas Kling geht einen großen Schritt weiter, indem er katego­risch jede wie auch immer schwindelweichgespülte Alternativ ausschließt : Gedichte sind immer vom Rhythmus geprägt, sonst sind es keine Gedichte. – – – Am Sonntag, dem 23. Mai 2010, steh ich, berauscht von Marino Formentis Klavierkonzert Kurtág’s Ghosts, vor Thomas Klings Haus auf der Raketen­station Hombroich. Nie bin ich ihm persön­lich begegnet, wir haben nicht einmal telefo­niert, einander einen Brief geschrieben. Christina Döring im Gespräch mit Enno Stahl :

Thomas Kling war ein sehr impulsiver, ein, das wissen wir, liebenswerter, geradezu zärtlicher Autor, sowohl im Umgang mit nahezu täglichen Anrufen, Telefonaten, Erkundigungen nach dem Wohlbefinden, dem Durch­sprechen von Kritiken, Büchern anderer Autoren, das Sichten sozusagen der Konkurrenz, das auf der einen Seite. Nehmen wir sein Schreiben, den Schreibprozess, das Entstehen seiner Manuskripte, so war er hier ein Lyriker, mit dem man auch sehr leicht umgehen konnte, in dem Sinne, dass er aller Kritik gegenüber sehr auf­geschlossen war, sehr hellhörig war. Und er hat niemals um ein Gedicht gestritten, wenn ich der Meinung war, das passt hier nicht rein, oder das fällt ab oder das ist schwächer.

Mitte der 1990er Jahre beginnt die wortwäh­rend intensi­ver gewor­dene Auseinandersetzung mit dem Werk Thomas Klings, die in der Zeit jener ersten Annäherung Raufen und Ringen um jeden wörtlichen Geländegewinn bedeutet. Das Bit­zeln, Kribbeln, Pric­keln, das ich heut mehr denn je beim Lesen Klingscher Gedichte erleb, war von Beginn an da. Grund genug, am Ball zu bleiben – eben wegen der eckn kantn, der an­mut und rohheit in stückn, die die Gedichte Thomas Klings auf so markante Art kennzeichnen. Olaf H. Hauge, der Norweger, schreibt 1948 ins Tagebuch (das An­fang 2015 in Klaus Anders’ Übertra­gung als Mein Leben war Traum ∙ Aus den Tagebüchern 1924-1994 in der Edition Rugerup erscheint) : Ein Lyriker soll seinen Blick nicht auf die Leser richten, sondern auf ein Maß, das wir nicht kennen, er soll immer weiter gehen, obwohl ich ihn mir gut als einen Kommen­den denken kann. Was ich meine: Er soll nicht in die Runde schauen, auf die Wirkung seiner Wör­ter, son­dern bei sich bleiben, hingeris­sen, außer sich, so wie ein Kind spielt.

erfassung ∙ erprobung ∙ ethnomühle ∙ ende

Wenn ich Klings Gedichte les, bin ich hochgradig konzentriert, dabei distanziert ›cool‹; hier ge­schieht, naturgemäß, was stets beim Lesen eindrucksstarker Gedichte geschieht : Die lyrische Tiefen­struk­tur über­trägt sich auf den Leser, Kling ist als Autor der Installationsmei­ster, ich als Leser zwangsläufig (mög­lichst souveräner) Gesell, sein Gedicht nennt er nicht ›Gedicht‹, sondern : Sprachinstallation, die anar­chisch, bissig, knochig ist, hier glitscht, spült, bröckelt es – horizontal, verti­kal, erster vogelherd (vorwerk) // lerche, die zungn und himmel verschraubt. / garne im blick, blickgaze, … und stellt sich / als vogelsteller vor, als vogelherd. / schnappt irgend etwas zu? Im Jahrbuch der Lyrik 2015 stößt mich, auf Seite 134, Michael Busel­meiers Polarfuchs mit har­ter Schnauze an : Wie mich der Dichter Thomas Kling / anrief / ein einziges Mal – // der sonst scharf dekla­mierte / wirbelnd / die Worte zersang // hauchte kaum hörbar ins Handy / ich habe Krebs kratze ab im Mai /kann leider nichts mehr bei- / tragen zu deinem neuen Wunderhorn / nun musst du’s allein richten / in Ruhe krächzte er fror // dieser Moment als ich wankte / und mich am Stuhl festhielt / der heiser knarzte (Polarfuchs) / Mensch machs gut / verfluch­tes Ende in Schrecken / im Schlund / die blaue Zunge Lunge / Sprachspielver­lust

rotor ∙ raketenstation ∙ radiologisch ∙ ragazza ∙ ruma

»Mancher Weg mag nach Rom führen (oder sonstwohin), an Westwärts 1 & 2 führt kein Weg vor­bei«, schreib ich in Flickenteppich ∙ Blicke auf Brinkmann, und fahr fort : »Wer im Lyrikdiskurs mitre­det, ohne die­ses Gedichtbuch zu lesen, der soll halt weiter mitreden. Geredet wird ja viel, wie ich gelegent­lich hör. Ich kann da nicht mitreden. Bist du nicht alt genug zu schweigen? (heißts in Joseph Roths Roman Hiob …)«. Das gilt, da beißt die Maus keinen Faden ab, genauso für Thomas Klings großes Gedichtbuch Gesammelte Ge­dichte 1981 – 2005, das mich entscheidend dabei unterstützt, das Lebenschaos, wenn schon nicht zu meistern, so doch immerhin, ein bißchen wenigstens, auf Di­stanz zu halten, und so les ich und les und les : Was ist das Chaos? Eine masse, ungestalt, / Wo jedes element sich im geheimen hält, / Dazu verschieden ist die sonn’ im Chaos bald / Geord­nete wirrnis der elemente, les ich auf Seite 583 im Sonett Francesco Maria Santinelli (1627–1697), stoß dort auch auf das Wort : entsetzlich. – – – Was spricht dagegen, Thomas Kling (der 1990 den RDB-Preis der Stadt Köln er­hält) in einem Atemzug mit Rolf Dieter Brink­mann zu nennen? Beide haben, sich Tag für Tag verausgabend, rastlos Zuflucht in – chronisch beargwöhnter – Sprach suchend : überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen (Tomas Tranströmer), sich Welt als – immer­fort belauertem – Wort neu erfindend, am selben Stamm ge­schnitzt – jeweils vom andren End aus, gehören, O Captain! My Captain!, derselben Dead Poets’ Society an wie Franz Kafka, der am 14. Au­gust 1913 an Felice Bauer schreibt : Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Litera­tur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein. Kling beschleift die Wörter, Brinkmann häm­mert die Wör­ter mit geradezu dröhnend mono­tonen Anaphern in die Köpf. Beide, bildwortbeses­sene Erneue­rer, wollen die morsch ge­wordne Sprach aufpöbeln – aktuell, frei, gegen­wärtig, glaubwürdig, leben­dig, absolument moderne, wahr­haft überzeitlich zeitgemäß ma­chen. Kling hat, glaub ich, mehr Gemeinsamkeiten mit Brink­mann, als ihm lieb ist. So sehr Thomas Kling sich mit Ste­fan George identifi­ziert, so sehr distanziert er sich von Brink­mann. Beim Lesen der Neuaus­gab von Westwärts 1 & 2 fällt mir wieder auf, daß auch Brinkmann, gesprochne Sprach zum Vorbild nehmend, mit Elisionen arbeitet. Kein Lyriker (vergleichbar in dieser Hinsicht dem Prosaautor Arno Schmidt) hat gesprochne Sprach / Slang / Jargon so konsequent in lyrisches Argot verwandelt hat wie Tho­mas Kling, dessen Ge­dichte ich beim Lesen immer wieder vor mich hinflüstre : … wenn dia­gnose steht ersma’ frantic. / wie man eintäufte in meine brust, / rumfuhrwerkte darin und loren proben / abtrans­portier­ten, nix von gemerkt – frantic. So gewinnen sie eine erwei­terte Dimension, die Kling ja unbe­dingt vor­schwebt – wobei ich freimütig einräum, daß mir Klings Gedichte beim Lesen näher sind als bei dessen Vortrag. Ich weiß, er gilt als großer Performer; es liegt wohl in erster Linie daran, daß ich mehr der mit dem inn­ren Ohr lau­schende ›Leser‹ bin. Hans Bender : Splendid isola­tion. Ich, allein, mit einem Buch. That’s it – und drum geh ich in diesen Notizen auch nicht näher auf jene ge­wichtige Kom­ponent Klingscher Klang­kunst ein.

tarnfarbe ∙ troerinnen ∙ tapetnordnun’

Zurück im Sessel. Versuch weiterzulesen im Haus auf meinen Schultern. Les eine Seit, blick hoch, les, Bensch flüstert mir zwischendurch zu, die Kölner hätten sich, ohne ein Tor zu erzielen, ein magres Unent­schieden erspielt (womit auch Michael Lentz, Matthias Politycki, Lutz Seiler kaum zufrie­den sind), ich wink ab, die Sonn ist hinterm Haus verschwunden, ich müßt mich ins Eßzim­mer set­zen, um die sonnen­überflutete Wiese zu überblicken, auf der die vielen noch blattlosen Bäume, Sträu­cher stehn, die ich im Lauf der Zeit gepflanzt hab. Wieder klingelt das Telefon. Es ist, zum Glück, für Mrs Columbo. Ich geh die Trepp run­ter in den Raum, den Axel Kutsch Lyrikka­bi­nett nennt und in dem zwischen Büchern der Rechner steht, den ich hoch­fahr, um mit der Niederschrift dieser Zeilen anzufangen. Ich steh noch mal auf, geh zum Regal mit den Bü­chern der K-Autoren : Käst­ner, Kirsch, Kirsten, Klabund, Kolbe, Koneffke, Kre­chel, Krolow, Krüger, Kuhligk, Kühn, Ku­nert, Kutsch, …, greif das Dut­zend Kling-Bücher raus.

unbewaffnet ∙ umgelegt

Zunächst blättre ich in erprobung herzstärkender mittel, geschmacksver­stärker, brennstabm, »nacht.sicht.gerät«, dem 1994 bei Suhrkamp er­schienenen Sammel­band, der die ersten vier Lyrik­bände Klings umfaßt, in de­nen es immer wieder auf ätzende, bellende, auch sarkastische, zyni­sche Sprachart und Sprech­weis zur Sach geht, sodann in ge­schmacksver­stärker, das ich zusätzlich als Einzelausgab hab (mein erstes Klingbuch überhaupt : Mit Thomas Klings sendeschluss aus ge­schmacksverstärker sowie kurzem Kommentar zum Buch endet der Hauptteil der 1999 erschienenen Monographie Ohne Punkt & Komma : »Und über­haupt, womit wurde die Lyrik der 90er Jahre denn ei­gentlich eingeläu­tet? Nein, nein, nicht im allge­meingülti­gen Sinn, der Ihnen jetzt vielleicht in den Kopf schießt, ganz konkret will ich mich festle­gen, auf ein einziges Buch : Thomas Klings geschmacksver­stärker von 1989. Hier sind Gedichte aus den Jahren 1985/88 versam­melt, die Vorreiter sind für (s)einen dominanten, repräsentativen Stil der 90er Jahre, mit dem eine Reihe von Dichtern sich besonders intensiv ausein­andergesetzt hat : Mar­cel Beyer, Dieter M. Gräf, Norbert Hum­melt, Ingo Jacobs, Stan La­fleur, Enno Stahl sind Namen, die mir im Klingschen Kontext einfal­len.« Ich glaube, das liegt auf der Hand, und darüber kann es keinen Streit geben, er hat mit seinen Gedichtsprachen die junge Generation enorm beeinflusst, und jedes von ihm erschienene Gedichtbuch hat eine neue Rezeption ausgelöst, er war ein Impulsgeber im Bereich des Lyrischen. (Christian Döring)

sendeschluss

        zackn, faltnwürfe, ge
tränkter nabel; unterm geweihten
hirschn vermischt sich der speichel,
ein entstehendes nach mitternacht
zungenbild;
                 flackernde couch,
darüber geht das schattenrangeln,
bündige umklammerung; überm kleider-
berg (dunkler bausch) gestöhnte
schrankwand: unüberhörbares weis-
ses rauschn, gebauschtes dunkel,
hingehuscht

namensreste ∙ nekropolen ∙ notgrabun’

Ich leg das Buch aus der Hand, nachdem ich hier ein Wort, dort einen Vers gelesen, nein, in er­ster Linie die graphische Gestaltung der Gedichte, die Anordnung der Verse be­trachtet hab, greif zum Künstlerbuch wände machen (Kleinheinrich, Münster 1994), dem Buch mit Aquarellen und Gedich­ten, das Kling gemeinsam mit der Künstlerin Ute Langanky macht. Ist wände machn mein ›primus inter pares‹ unter den Büchern Thomas Klings? (Habs dreimal komplett gelesen …) Die von mir vor allen andren bevor­zugte Sprachinstallation Thomas Klings (die ich sicherlich mehr als ein Dut­zend Mal gelesen hab) ist jedenfalls das 12strophige Urbangebilde Manhattan Mund­raum, gespickt mit granit­plattn, organbank, hotelheiz­körper, nachtthier, satellitnphotos, na­gelschluchtn, schwirr­flüg­ler, morsche palisadn, rostplackn, schwarzglü­hende suppe, steinbrei, der dickt, das geradezu faßbar, fühlbar das Kling­sche For­schen nach dem Ursprung der Wörter, das Aus­schwärmen und Ein­drin­gen in alle erreichba­ren Schich­ten menschlicher Existenz, knatternde schatten, das Zerhacken und Zerbröseln, man muß das Mate­rial kalt halten (Gottfried Benn), Zentrifugieren, Amalga­mieren offenbart, nachzule­sen im mit total gegenwärtigen, asso-, dissonanten, katachresischen, metaphori­schen, sprö­den, synästhetischen, ono­matopoetischen, simultani­schen, Mundräume ausleuchtenden Wort­kombinatio­nen verdichteten Lyrikband morsch, der 1996 bei Suhr­kamp erschien) :

Manhattan Mundraum

               1

die stadt ist der mund
raum. die zunge, textus;
stadtzunge der granit:
geschmolzener und
wieder aufgeschmo-
lzner text. beiseite-
gesprochen, abgedun-
kelt von der hand: die
ruinen, nicht hier, die
zähnung zählung der
stadt!, zu bergn zu ver-
bergn! die gezähltn, die
mit den weißn gebissn,
die aus den blickn ent-
ferntn: die gesperrtn.
maulsperre, mundhöhle
die stadt.

gegnsprech ∙ gebrüll ∙ greisenzischen

Lyrikdoktor Jakob Stephan (alias Steffen Jacobs) stellt in Lyrische Visite (Haffmanns, Zürich 2000) keine allzu günstige Diagnos im Hinblick auf die durchgängige rezeptive Verwert­barkeit der Ge­dichte dieses Buchs : In morsch nun fallen wohlfeile Pose und höherer Sinn ein ums an­dere Mal auseinan­der.

dresden ∙ drift ∙ dorne

Nicolai Kobus hält dagegen : Mit morsch, so scheint es, hat Thomas Kling sein Schreiben im synapsn-slang perfektio­niert. Mit beeindruckender Souveränität verfügt er über sein Arsenal an poetischen Gestaltungsmit­teln: Kaum ei­ner bricht derzeit virtuoser Zeilen auf und um, bewegt sich leichter durch das perma­nente Wechsel­spiel von Demon­tage und Rekonstruktion, dem Bescha­ben und erneuten Überschriften verwirrender Palimpseste. Dabei gelingen Tho­mas Kling unterschiedlichste Tonarten, so überrascht er, beispiels­weis, mit diesem vollkommen anders als manhattan mundraum klingenden Gedicht :

der mönch von montaudo:
plazer

und es gefällt mir sehr im sommer
an quelle oder fluß mich aufzuhaltn;
und grün di wiese, blumenflor unds
singn sanft die kleinen vögel;
und meine geliebte, insgeheim,
es schnell mal mit mir macht.

endorphinausschüttung ∙ eifelbrief ∙ echtfoto

Die beiden gleichartig gestalteten, wespengelb strahlenden Gedichtbücher Fernhandel (DuMont, Köln 1999) und Sondagen (DuMont 2002) fallen in die Augen. Fernhandel verblüfft mit Formen, die ich so bislang bei Kling nicht kenn. Die seit spätestens 1989 präsente, immer wieder auf Haltbar­keit er­probte ›typische‹ Klingform erweitert sich mit lang­versigen, endlose Soldatenkolon­nen des 1. Welt­kriegs heraufbe­schwörenden Dreizeilern, sind etwas so bei Kling noch nicht Geseh­nes mit frakturstem­pel, lazarett, ver­bandsplatz. Und daß (und wie!) er sich, beispielsweis, mit dem letzten mittel­al­ter­lichen Minnesänger Oswald von Wol­kenstein befaßt, macht diesen (in der Öffent­lich­keit mitunter unnahbar wirken­den) Kling auf einmal unvermutet zugänglich – auch sprachlich : Da er­kenn ich, wie kongenial nachzuempfinden dieser hypersensible Typ in der Lag ist. Narrative Simultan­collagen, extrem rhetorische attributive Kombina­tionen zu Bildern aus dem 1. Weltkrieg – kühle Elegien? Thomas Kling lesen heißt sich die volle lyrische Dröhnung ge­ben : Diese anti­kisie­rende, assoziative, dichte, hommagierende, inten­sive, kritische, lautmalende Art, Gedichte zu verfas­sen, Wort zu Wort zu setzen, cool, selbstgewiß, kompromißlos, es tut mir leid: gedicht ist nun einmal: schädel­magie, läßt mich auch diesmal nicht los, bestimmt, wie oft schon, das wei­tre Ta­gesge­schehn (von der Nacht ganz zu schweigen). Diese for­cierte Lyrik ist bewußtseinserwei­terndes Ge­nußgift, anschei­nend nicht jeder­manns Sach, immer wieder kom­men mir geradezu feindse­lige Tön von Autoren zu Ohren, die offenbar überfordert sind mit die­sen sprachsprengen­den Wör­tern, Versen, Strophen, die den Leser zu höch­ster Aufmerksamkeit provoziern : Das Gedicht duldet nur keine Un­duldsamkeit.

retina ∙ rostschutz ∙ rübenäcker ∙ reste

Thomas Kling hat die fieberhafte Aufbruchstimmung in der Lyrik der 1990er Jahre maßgeb­lich ge­prägt, sein lyrisches und essayistisches Werk (das er im letzten Buch endgültig ineinander ver­schränkt) konsequent vorangetrieben, perfektio­niert. Das zeigt sich erneut in den poly­glotten Sonda­gen, die Hein­rich Detering so umschreibt :

Sehr weit hinab geht diese Fahrt, aus den Nato-Bunkern in den Hades der Eury­dike, zu Mars und Minerva, zu Sprü­chen Anaximanders und des delphischen Ora­kels, die Kling der »Griechischen Anthologie« nachdichtet, und in die dionysischen La­vaströme unterhalb aller Geschichte. Immer tiefer, von der Gegenwart im ersten Kapi­tel bis in die antiken Anfänge des vorletzten, senkt sich das poetische »bleilot« in jenen »brunnenbereich«, den man wohl un­ergründlich nennen sollte. Wer mit Kling in die Schlünde der Vergangenheit hinabgefahren ist, sieht nach dem Wieder­auftauchen die Gegenwart mit anderen Augen – die erstarrten Basalte in den lich­ten Ge­hölzen der Eifel bei­spielsweise, hinter der aufgegebenen Raketenstellung von Hombroich, dort, wo Kling heute lebt: »bröckelig eine ausgeglühte / vom besengin­ster bald / schon beleuchtete gegend«. Bis zur Ver­schmel­zung durchdringen sich die Zeiten und Medien, die Kriege der angelsächsischen Helden und die der Nato, die Per­gamente und die Tonbän­der, der Kiel der archaischen Boote und der gleichna­mige Reichskriegsha­fen.

fundangaben ∙ falknerei ∙ frustfunk ∙ fünfter findling

Mit Fernhandel, Sprachspeicher, Botenstoffe sowie Auswertung der Flugdaten gehört Sondagen zu den fünf höchst ausgefallenen lyrischen bzw. essayistischen Büchern, die zeigen, wie stark sich der Kölner DuMont Buchverlag für den Dichter Thomas Kling eingesetzt hat. (Den kolossalen Schlußpunkt setzt man 2006 mit den 976 Seiten umfassenden Gesammelten Gedichten.) In Sondagen les ich u.a. die Fortschreibung des grandiosen Gedichts Man­hattan Mundraum. Immerfort assoziierend, entwic­kelnd, feilend, hämmernd, meißelnd, recherchierend, stöbernd, zupackend zeigt Kling – vielleicht auch beseelt von der Vorstellung, die deut­schsprachige Lyrik habe sich seit ihren Anfängen mit Merseburger Zaubersprüchen und Lorscher Bienensegen konsequent auf ihn hin entwickelt : nu fliuc du, vihu minaz, hera / nu fliegt, meine bienen, her – mit inkompara­blen virtuos-kom­ple­xen Wortklanggebilden wie Kiel und villa im rheinland (usw.) auch in Sondagen, was er auf der Pfann hat, eigne Forde­rungen konsequent einlösend : Gedichte sind immer vom Rhyth­mus geprägt, sonst sind es keine Gedichte. Wenn jetzt offenbar in den letzten, in den allerletzten Jahren wieder betont werden muß, daß ein Gedicht aus Rhyth­mus und Musikalität besteht, dann ist das ein Armutszeugnis. Das ist absolut die Vorausset­zung, da ver­liere ich kein Wort darüber, außer im Moment.

luft ∙ landschaftdurchdringun’

Kling gehört zu den Dichtern, die ins Offene, in die Totale der Jetztzeit drängen. Ohne die Essay­bü­cher Itinerar und Botenstoffe wär Thomas Klings lyrisches Werk und insbesondre dessen tiefge­hende Wurzeln unvoll­ständig skizziert. Iti­nerar, 1997 bei Suhrkamp erschienen, wird, nach einem dampf­hammermäßi­gen ersten Kapitel, in dem Kling in der von ihm so bewußt gepfleg­ten Atti­tüde von oben herab und pauschal die Lyrikproduktion gleich mehrerer Jahrzehnte in die Regen­tonne kloppt, zu einem poetologischen Leseabenteuer mit immer wieder feurig formu­lierten Ein­blicken, die mich derart bezaubern, daß ich mit Erreichen der letzten Seit zum Surfer im Atlantik bzw. Pazi­fik mutier : Ge­dichte lesen und hören wird zum Wellenritt in riffreicher Zone.

unmitte ∙ unerreichbar ∙ ulmenkrankheit

In Botenstoffe läßt sich der Spracharchäologe Thomas Kling in Essay und Ge­spräch, begeisternd, belusti­gend, ka­pri­ziös, (zumeist) ex­trem kenntnis­reich, polemisch über biographi­sche, hi­storische, phäno­menologi­sche, poetologische Wurzeln der von ihm verfaßten Gedichte aus; ich les das Buch nicht bloß von der ersten zur letzten Zeil mit hochintensivem Interesse und großem Ge­winn, son­dern leg es (was mich an den erzwungenen Bauerntausch beim Schach erinnert) immer wie­der zur Seit, um in von Kling zitierten Gedichte nachzuschlagen und wände machen, das Aquarell­gedicht­buch, komplett wiederzulesen, zu betrachten, was mir in der Nacht Träume be­schert, von de­nen manch einer vielleicht bloß träumen kann. Leser, was willst du mehr, Autor, was willst du mehr? – – – Dich­tung werde von allen ge­macht, betont Lau­tréamont, und Thomas Kling gehört zu den, im übri­gen auch kongenial übersetzenden Autoren, die nicht nachlassen, zu betonen, wie wesentlich vor­gefundne Spra­ch und Dichtung für den Macher von Gedichten ist : Ohne Kennt­nis der Spra­che, der Sprach- und Literaturge­schichte ist nichts zu ma­chen, weiß Kling, was Olaf H. Hauge so beglaubigt : Die Kenntnis des Fremden führt uns nicht fort von uns selber, sondern zurück zu den eigenen Quellen. Zugleich macht Kling in Botenstoffe deut­lich, ge­gen wel­che Reimerrieg er sich unmißverständlich ver­wahrt. Was Lau­tréamont im tief­sten Sinn vielleicht meint, ist, daß Dichtung von der ganzen Menschheit ge­macht wird und sich der ein­zelne Dich­ter zur Mensch­heit verhält wie das Körperteil zum Or­ga­nis­mus – eins durch alles, alles durch eins. Oder mit andrem Bild : Der Dichter ist das scha­manisie­rende Mitglied der menschli­chen Gesell­schaft, die, natur­gemäß, unentwegt – in allen Ni­schen und Schichten – Dich­tung her­vorruft. In diesem Buch über Ge­dichte und deren Autoren ist Thomas Kling, wie immer enga­giert, leiden­schaftlich, kompro­miß­los, auf bissige und facettenrei­che Art mit dem befaßt, was die Welt – ich stell das mal so in den Klangraum – im Innersten zusammenhält :

  • Oswald von Wolkenstein tut das, was des Dichters ist – er läßt Namen für sich ar­bei­ten. Das Ge­dicht verzich­tet auf an­ekdotische Nacherzählung, zieht Knapp­heit vor, durch diese Wirkung erzie­lend. Das Ge­dicht reicht sei­nen Lesern und Hörern das In­stantpulver, das wir, le­send, zum Getränk aufschäumen lassen kön­nen. So löst der Dichter sich auf im eigenen Produkt.
  • Kurz: Zeitgenössische Dichter sollen ruhig aufs Ganze gehen – also keine Zuge­ständ­nisse an die zehn Le­ser mehr, tatsächlich muß das Gedicht auf einer Ebene voll funktionie­ren – mit dem nicht augen- und ohren­fälli­gen, dem subma­ritimen Teil des Eisbergs kann sich, so sie nichts Besseres vor­hat, die Taucher­riege der Phi­lolo­gie befas­sen.
  • Mallarmé betont, der Vers und alles Geschriebene müsse, weil aus dem gesprochenen Wort hervorgegan­gen, im­stande sein, die Prüfung durch das Gesprochenwer­den und den Vortrag zu bestehen. Zunächst ein­mal sind meine Gedichte aber sehr vom Skripturalen abhängig. Sie kommen aus dem Gelesenen, nicht aus dem Ge­hör­ten, wobei die semantischen Mehrfach-Aufladungen, die bei der wiederholten Lektüre augen- und ohren­fällig wer­den, nur der schriftliche Text leisten kann. Natürlich ist das Live-Erlebnis für den Vor­trag eine hochwichtige Angelegenheit. Und da komme ich eben wirklich von der Auftrittsebene, also von ei­ner Genealo­gie, die letztend­lich in die Vorschriftlichkeit zurückgreift. Das Live-Erlebnis war schon bei ei­nem Ste­fan George, um die Zeit um 1900, eine ganz wichtige Erfahrung. Natürlich steckt auch wieder der Ge­danke des Dichters als Blut­zeuge und zugleich Erlöserfigur dahinter, und heute, in dieser Umbruchzeit, die wir erleben, Richtung Mitte, geht das auch wieder ein bißchen zu diesem Religionsersatz hin, obwohl das kei­ner zugeben würde. Das ist klar. Der Dichter zum Anfassen.

grabungskampagne ∙ galgnzettel ∙ grenzmuseum ∙ gewebeprobe ∙ gesang

Thomas Kling gehört seit Anfang der 1990er Jahre bis 2005 zu den vom Feuilleton bevorzugten, vielfach vorgestellten Lyrikern, ver­gleichbar mit Ernst Jandl und Robert Gernhardt. Unter Kolle­gen bleibt er bis heut heftig um­stritten. Kontroversen geht er nicht aus dem Weg. Ohne mit der Wimper zu zucken, schlüpft er auch mal in die Roll des kläffen­den Pin­schers, wenn er etwa seine Ab­lehnung der Gruppe 47 und der Ly­rik nach 68 betont. Und was bringts, derart un­diffe­ren­ziert Rolf Dieter Brink­mann an­zupöbeln, dessen Werk niederzumachen? Der Oberflächen- und Tiefen­struktur des chao­tisch kra­chenden Col­la­gen­buchs Rom, Blicke wird er mit den paar läppi­sch hinge­schmißnen Bemer­kungen nicht nur nicht gerecht, Kling scheint sie nicht begreifen zu kön­nen. Daß der so hoch­gelehrte – und sich, bei aller total intendierten Sa­loppheit, durch­weg in­tellek­tuell inszenie­rende – Tho­mas Kling plötz­lich auf derart stamm­hirnge­lenkte Re­aktionen zurückge­wor­fen wird : denkmerk­würdig. (Sind die Brinkmannschen römischen Blicke dem Sprach­extremisten Kling etwa zu extrem?) Jedenfalls : Solcher Art Pöbelei kennt zumeist eine Richtung bloß : Sie fällt auf den Pöbler zu­rück. Wenn ich über an­dre sprech und schreib, other men are lenses through which we read ourselves (Emerson), sprech und schreib ich vorder­hand über mich.

direktleitung ∙ drückt ∙ dreharbeitn

Das Alphatier verträgt kein Alphatier im selben Stall. Kein Ries käm auf die Idee, sich mit dem Zwerg zu befassen. Zu Thomas Klings auffälligen Eigenarten gehört unbedingt, radikal abzuleh­nen. Bissig, herblassend, polemisch, vehement kanzelt er nicht bloß ein­zelne Existenzen ab, nein, ganze Dekaden werden im Hand­streich erledigt. Interessant in diesem Zusammenhang der Auf­takt des Aufsatzes Zu den deutschsprachigen Avantgar­den in Lyrik des 20. Jahrhunderts (Sonderband text+kritik, Mün­chen 1999) : Im Rahmen des allgemeinen Kassensturzes ist nichts so billig geworden wie das Abqualifi­zieren der ästhetischen Avantgarden. Vom Prinzip her tut Kling nichts and­res, auch wenn es sich bei ihm oft – aber nicht nur – um Nachhut oder Etappenhas han­delt. Axel Kutsch betont, daß ein funktio­nieren­des Ensemble nicht nur aus Stars beste­he. Was für Mu­sik und Fußball gilt, gilt gleichermaßen für die Poeterey. Ins Schwärmen gerät Kling, wenn es um Ste­fan George (der eben­falls aus Bingen am Rhein stammt) und dessen Gedichte geht. Auch die subtile Auseinanderset­zung mit Ge­dichten von Horaz, Salvatore Quasimodo, Konrad Bayer, Peter Hu­chel, Christine La­vant, Friederike May­röcker, Dieter Roth, Sa­bine Scho, Marcel Beyer verdeut­licht Klings Vorlieben sowie die poeti­sch-poetologische Grun­dierung seiner Gedichte, ziselierte Kopfge­burten, in deren Tiefenstrukturen sich auch dramati­sche, epische, dokumentari­sche Merk­male finden. Das ar­chä­neologi­stische Werk Thomas Klings überrascht bei jedem Wiederlesen mit assoziativ, leidenschaft­lich, formbewußt umgesetzten Vorstellun­gen, die die sy­stema­tische außerordentlich hellhörige, augenaufreißende Auseinan­der­setzung mit Mensch, Sprach, Ge­schicht, Gesell­schaft, Krankheit, Kunst, Landschaft, Lyrik, Welt offenbaren; die kaltge­schweißte, rasante, raumöffnende Sprachin­stallation Klings ist ästhe­tisch, charismatisch, idiosynkratisch, lin­guistisch, histo­risch, poetologisch, proso­disch, rhetorisch, soziolo­gisch, wörtlich zehnfach fun­diert.

auflehnung ∙ abrede ∙ anamnese

Glücksfall Sprachspeicher. 200 deutsche Gedichte vom 8. bis 20. Jahrhundert. Hemmungslos eigenwil­lig, viele Stimmen verwerfend bzw. ignorierend (dafür sehr wenige – vor allen andren : Stefan George – glorifizierend), wählt Thomas Kling aus, nichts als den eignen, meinmesserschar­fen Blick gelten lassend, den er, auch apodiktisch, herablassend – daß Ingeborg Bachmanns Stärke eher nicht im Ge­dicht zu suchen ist, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben – in kapiteleinleitenden Auslassun­gen verdeut­licht : Sprach­speicher ist Klings eigenwilliges Haus­buch deutschsprachiger Ly­rik. Es ist begei­sternd, nicht kanonisierte Gedichte bekann­ter/berühmter Autoren zu lesen; die Lek­türe dieser kapriziö­sen Aus­wahl ist herrlich an- und aufregende Achterbahnfahrt (auf die ich im ›wahren‹ Rummel­leben gut und gern verzichten kann). Kling stellt betont Außenseiter, Unter­schätzte, (fast) Vergeßne ins Rampenlicht : Nor­bert C. Kaser, Christine Lavant, Reinhard Priess­nitz, Hans Rosenplüt, Walter Serner …

taghimmel ∙ trestern ∙ tonspur

Schließlich : Auswertung der Flugdaten. Das Buch gibt keine Ruh, in keinem Vers, in keiner Zeil. Die Lektüre wühlt auf. Spürbar die fiebernde Vitalität, das Schreibenwollen – und Schreibenkön­nen – bis zum letzten, allerletzten Atemzug. (Jean Kriers 2014 erschienenes Gedichtbuch Eingriff, stern­klar ver­mittelt das in vergleichbarer Art.) Hier schreibt einer um sein Leben. Hier arbeitet einer am Ver­mächt­nis. Auswertung der Flugdaten ist ein atemberaubendes Buch, das ich mit aufgerißnen Augen les, Vers für Vers, Gedicht für Gedicht, Zeil für Zeil, Essay für Essay. Thomas Kling lesen, das wird längst klar geworden sein für Leser, die Kling noch nicht kennen und die ich mit die­sem Es­say – von wegen auf die falsche, nein, nein : auf die Klingsche Fährte locken will, ist nicht das Lesen, das man sich vorstellen mag, wenn man das Wort »lesen« im landläufigen Sinn versteht. Das geht hier nicht mal so eben aus der lameng (O-Ton Kling). Genauso wie Kling ein lyrischer Schwerar­bei­ter ist, ein Bergmann, im Flöz hängend, Schicht um Schicht abschlagend, um ans Inner­ste zu geraten, lebensbedrohliche Teufels­brocken furchtlos um sich herumfliegen läßt, muß auch ich bereit sein, ihm überallhin zu folgen. Hier gibts nix für umsonst.

epitaph ∙ empedokles ∙ elstermusen ∙ endi

Der Titel Auswertung der Flugdaten deutet zunächst auf ganz and­res Terrain als ›Untertage‹. Hier hats of­fenbar den Totalabsturz gege­ben, der Poetpilot kriegt die Black Box noch einmal mit bei­den Händen zu fassen, jetzt gehts mit letzter Leidenschaft an die Auswer­tung der Flugdaten. Ist Tho­mas Kling der reinkar­nierte Ikarus, der den Sturz überlebt? Es sieht ganz danach aus : Auf dem Buchumschlag als auf dem Soc­kel stehnde, in die Ferne blickende Skulptur erstarrt – verbild­licht er mit dieser Pos sein Gedicht mai­land, ambrosianische litanei 2, das ich immer wieder mit stummer Anteilnahm les? –, seh ich den Dich­ter Thomas Kling hoch vorm zerfallnen, efeube­wachsnen Knus­per­häuschen. Auf nichts kommt es an als darauf, Atem zu haben, atmen zu kön­nen, zu wissen und am Leben zu bleiben. (William Faulkner, Absa­lom, Absalom) Kapitel 1 : Vorhöll mit endlo­sen weißen Gän­gen, schwarz offengeleg­ten Innereien – Dich­ter, Pati­ent, Hauer, Steiger (außer sich, rasend, wild). Kapitel 2 : Es plappert die Mühle, mahlt, malt, spricht. Alliterative, (binnen­reimende) ma(h)lende Bildgedichte: das licht steht staubig – / stäubchen-strömung in der tür. // die sonne, feuer­mühle/ die euch gemah­len hat, geht scharf. // so steht das licht – / steht staubig in der tür« – – – Was bleibt, ist ein vielsagen­der Vers, der dann doch zu wenig sagt. Kapi­tel 3 : Die Anachoretische Land­schaft Um nicht vor lebensscham verrecken / Zu müssen – so nehm’ ich farbe an. Kapitel 4 : Zum Gemäldege­dicht : Es geht also darum, das Bildkunstwerk (»Gemähld«) zum Sprechen zu bringen, besser gesagt, ihm eine zweite – eine dichterische – Sprache zur Seite zu stellen. Kapitel 5 : Die Himmels­scheibe von Nebra : … schauen wir / zurück. Kapitel 6 : Vergil. Aeneis – Triggerpunkte : … stimmband in auflösung begriffen. – – – Hubert Win­kels über Auswertung der Flugdaten : Der neue Kling-Band beginnt also mit einer fulminanten Reihe von K-Gedich­ten: K wie Kranken­haus und Krieg, der in ihm herrscht – wie Körper und Konkretion, die ihn zum Datum macht, wie Kälte und Kunst, die jedes Weh­leid einfrieren in Wort und Bild.

nachtmaschine ∙ natur ∙ (normal)

Thomas Kling stirbt am 1. April 2005, dem Tag, an dem ich, beseelt und überwältigt von der Auswer­tung der Flugdaten, mehr denn je der Über­zeugung bin, er hätt den Lungenkrebs, vorläufig wenigstens, einigermaßen gebändigt. Als die Todesanzeigen, die ein Bekannter für mich ausgeschnit­ten hat, aus dem Briefumschlag fallen, seh ichs, endgültig, schwarz auf weiß : Der 5. Juni 1957 in Bingen am Rhein geborene Thomas Kling ist tot. Thomas Kling lebt, denk ich am 27. März 2015, öffne mein bildreichstes Word-Dokument, verleib der Petersburger Hängung im Roten Haus im Park, dessen Grundstein am 20. Dezem­ber 2013 gelegt wird, ein weitres Klingsches ›Gemäldege­dicht‹ – diesmal aus Fernhandel – ein :

mailand. ambrosianische litanei 2

auf eine halbsäule hin gemalt
steht ein junger mann: lebensgroßer
melancholiker – typ aus untersicht gesehen.
athlet, der auf die zweiten blicke sich entpuppt.

betrachten ist schmerzforschung.
kahlheit nackter bildprogramme.
sirrendes, singendes, zuletzt ein
stummgemachtes fleisch.

dies ist der heilige mit der eignen haut (attribut);
in kniehöhe sein schopf: dort
baumelt die apostelhülle, struppig,
ein ziemlich totes angesicht.

so stehen dulder. ein geschundenes bild.
der haut entkleidet. mit rosigem kopf: ein
bartholomäus, die haut überm arm wie
regenhaut. dazu die patientenglatze – sieht aus
wie von der chemotherapie.

die vorgewiesenen attribute: ein messer, keine spritze.
und muß mit links, mit eleganz, sein lebensgroßes hautbild
halten, den lebensnahen, totengrauen skalp.
der aderzeichen zeigt: das bild das ihm
sonst runterrutschen würde von der schulter.
der nimmt das hin; ist schinderwerk.
ein bildprogramm, termingerecht geliefert –

ein sonderbarer heiliger, seitlich angebracht.
ein weihrauch-echo. (fresko)

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