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Essay

Da mein Herz immer höher schlägt

Hamburg

Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen · Landschaft mit Verstoßung. Virtuospoetische Buchklangkunst zu Friederike Mayröckers 90. Geburtstag am 20. Dezember 2014

 

Ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit,
Erinnerungen sind Bilder. Ich mache die Bilder zu Sprache, indem ich ganz hineinsteige in das Bild. Ich steige solange hinein, bis es Sprache wird.

Friederike Mayröcker

 

»Da mein Herz immer höher schlägt, wenn ich den Namen Mayröcker höre, zeigte ich mich be­geistert und fragte nicht weiter«, schreibt ORF-Hörfunkredakteur Peter Klein in der kleinen Vor­rede zu Bodo Hells und Friederike Mayröckers vielstimmigem Klangbuch Landschaft mit Versto­ßung, das ich mir am 10. Dezember 2014 ›zu Gemüte führ‹. (Wie sehr ich das dreifaltige Hör­stück im Geblüte spür, viel mehr noch wies in den Ohren saust, das erleb ich, weit nach Mitter­nacht, zur soge­nannten nachtschlafenden Zeit, alle Wortträume verließen mich sobald ich die Augen aufgeschlagen hatte, als ich in die machtprachtvolle Bildklangwelt von Terrence Malicks – ebenfalls mit Verlust, Ver­stoßung befaßtem – Film »The Tree of Life« hin­eingesogen werd und sich fortwährend fiepend kla­gende Rehgeißen, Waldohreulen, Weidenmeisen wie selbstverständlich Gehör verschaffen.) Ich sitz, mucksmäuschenstill, in der Dämmrung des einbre­chenden Abends, ja, das sind wahrhaft kurze Tage in diesen stür­mischen Zeiten unmittelbar vor der Wintersonnenwend, und fühl, ganz stark, in­dem ich der pointiert klingenden Stimme Bodo Hells, der bedachtsam, behutsam tastend schwin­genden Stimme, flieder­farbenes Schweifen in hypnotischen Redebildern, Frie­derike Mayröckers lausch, das Herz in der Brust (wo sonst?!) hoch und »höher« schlagen. Das signierte Künstlerbuch Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlas­sen mit ›Tageszeichnungen‹ von Linde Waber und Texten von Friederike Mayröcker ist am selben Tag eingetroffen, und so wird dieser Tag, habe gerade die Spra­che erfunden rasende Sprache, spätestens mit dem Eintreffen der Post um 10 Uhr 20, zum ersehnten langen Freudentag, so fange ich erst jetzt zu leben an zu lieben, zum vorgezognen May­röckerschen Ge­burtstagsfest am 20. Dezember – oder, um mit Wörtern aus einem Gedicht von Axel Kutsch zu sprechen, dessen Herz auch späte­stens dann höher schlägt, wenn er Mayröcker-Gedichte zu lesen beginnt, zu einer, Glück wars, vielstün­digen »Feier des Wortes«.

Zwei Tage danach bin ich zu einer etwas andren Geburtstagsfete eingeladen, zu der ansonsten ausschließlich Men­schen eingeladen sind, die halb so alt sind wie ich. Was wohl, aber schon manch­mal hat mich die Landschaft verstoßen, hab ich hier zu suchen? Am reichhaltigen Büfett lern ich drei frischgebackne Deutschlehrerinnen kennen (»When shall we three meet again – in thunder, light­ning or in rain?«), die an verschiednen großstädtischen Gymnasien unterrichten. Wir frotzeln, wir knabbern, wir schwatzen, und irgendwann geht es um Lieblingsdichter (die Kunst, unbeirrt auf ein bestimmtes Thema zuzusteuern – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste –, hat mir der Va­ter beigebracht, der immer, immer, immer aufs Thema ›Amerika‹ zu schwenken in der Lage war, stets fand er irgendein, ach Gott, ja: bloß scheinbar belangloses Stichwort, egal, wie überlegt ich formulierte, um weit, weit weg von Amerika zu bleiben, an das er, irgendwie, anzuknüpfen verstand, und schon befanden wir uns inmitten des Jahres 1944 im Bundesstaat Milwaukee …), und als ich den Namen Friederike Mayröcker nenn, ich beschrieb in meinem Kopf pausenlos was ich ge­träumt hatte, schaun die sympathi­schen Damen mich mit mehr oder weniger großen Augen an, freimütig, leicht beschämt einräumend, dem Namen noch nirgends begegnet zu sein, was der Stimmung allerdings keinerlei Abbruch tut – im Gegenteil: Derartig offne Eingeständnisse spor­nen mich doch bloß zusätzlich an, und mir wird »sternklar«, von einer Sekund auf die andre: Ja, hier bin ich richtig, ja, hier bin ich gern. Na bravo, denk ich, ein Hoch der reformierten gymna­sialen Oberstufe, ein Hoch den germanistischen Fakultäten, um danach, ungefragt und verzückt, mir ist, als säß ich daheim mit dem Künstlerbuch Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen in der Hand, von Lyrik und Prosa Mayröc­kers zu schwärmen – denn solche gleichsam auf dem Sil­bertablett ser­vierten Gelegenheiten laß ich mir nie entge­hen, niemals, da bin ich ganz der Vater (der Friederike Mayröcker ebenfalls nicht gekannt hat …):

Allein die Ankündi­gung neuer Bücher von Friederike Mayröcker löst multiplen Endor­phinschub aus, zuletzt gleich zweimal an einem Tag er­lebt beim mit Bodo Hell auf der Basis des gleichnami­gen magischen Blatts verfertigten Klangbuch Land­schaft mit Verstoßung (ich hör, mit dem Buch im Schoße mit dem Buch in der Hand den, bei aller naturgemäßen Verschiedenheit der Temperamente, bedacht, klar, ruhig artiku­lierenden Stimmen von Friederike Mayröcker und Bodo Hell zu, hier lenkt nichts von den Wör­tern ab, hier geht es um nichts als Wörter – und Laute: Birkhahnkol­lern, Hummel­brummen, Kreuzotterzischen, Rauffuß­kauz- und Ringdrosselwarnruf, Ziegengloc­ken usw.) sowie dem wun­derüberwundertollen Künstlerbuch Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen, in dem die von Werk und Persön­lichkeit Friederike Mayröckers vollkommen besessene Künstle­rin Linde Waber (»Jedesmal, wenn ich mit Frie­derike Mayröcker zusammentreffe, ist mir, als würden Sonne und Mond gleich­zeitig aufgehen«) Briefe, Entwürfe, Fetzchen, Manuskriptblätter, Notizzettel, Wortschnipsel, Zeitungsar­tikel,  in ›Tages­zeichnungen‹ seit über 30 Jahren auf eine Weise verar­beitet, verwendet, verwertet, daß Wort, Farbe, Form in einer Bildgestalt, vielgestaltige Traumland­schaft, verschmelzen. Matthias Fallenstein, der diesen Wortbilddialog gemeinsam mit Christel Fal­lenstein wahrhaft ›vorbildlich‹ ediert hat, notiert im Nachwort:

Gleichzeitig bringt die Künstlerin aus Japan den Brauch mit, die Zeichnung durch Schrift zu bereichern und somit zu poetisieren, eine Gestaltungsmöglichkeit, an der sie festhalten wird. Das ist folgenreich in ihrer Be­gegnung mit der Poesie und der Person Friederike Mayröckers. Sie hat seither Mayröckers Texte immer wie­der in ihre graphischen Blätter, auch die Tageszeichnungen, einbezogen und zu einem wesentlichen Element ihrer eigenen Kunst gemacht. Linde Waber ist als Künstlerin kundig in beiden Universen: dem des Tages und dem der Nacht. Wenn sie in der Erscheinung Friederike Mayröckers die Sonne und den Mond gleichzeitig erblickt, erkennt sie in der Mayröckerschen Poesie sich selbst wieder, ihre eigenen Tränen, ihre eigene Lust.

In Anleh­nung an ›Paralleltexte zur bilden­den Kunst‹, wie Friede­rike Mayröcker die von ihr ver­faßten Ge­mäldegedichte nennt, die nach 2000 weiterhin eine bedeutende Rolle im Mayröcker­schen Ly­rikœuvre spielen, betracht ich Linde Wabers Tageszeichnungen als ›Parallelbilder zur Literatur‹. Gerhard Jaschke spricht vom Wechselspiel zweier Medien und Persönlich­keiten, Friederike Mayröcker vom Hinuntersteigen in den Brunnenschacht des Bildes, vom Liebesverhält­nis zum Bild, von Baustei­nen einer Augenintimität, kulminierend in der Aussage: Um ergreifen zu können, muß man selber ergriffen sein. Für die Kunst der Tageszeichnung bei Linde Waber, die – wie Friederike Mayröcker das Gemälde ins Wort – das Wort ins Gemälde holt, sprech ich analog vom ›Hinuntersteigen in den Brunnen­schacht des Textes‹ beim Collagieren, Malen, Zeichnen, ›vom Liebesverhält­nis zum Wort‹, ›von Baustei­nen einer Sinnesintimität‹, wobei für Linde Waber und jeden künstlerisch täti­gen Men­schen in gleicher Weise gilt, was Friederike Mayröcker zum rezeptionsästhetischen ›Grundsatz‹ des bildenden und schreibenden Künstlers erhebt, der sich die Fuszspuren der Poesie des ›anderen‹ anverwandelt: Um ergreifen zu können, muß man selber ergriffen sein.

Augenbetrüger Stilleben, ozeanische Lust,
zu Arbeiten von Linde Waber

gewisse Schönheitszipfel : die greisen Boote : Plastikkörbchen in rosa, blau und gelb, die Bischofsmütze zwischen Rumpfpapieren, vom Plafond und von den Seitenwänden knallen riesige langgestreckte lichtgraue Wiesel Ratten Hamster Hermeline auf massiertes (massakriertes) Fetzen-, Lumpen Areal, während im Vorgrund blaue Fähnchen, hochgeputschtes rotes Strumpfbein den Augenblick freigeben auf das Dach des visionären vis-à-vis- Gebäudes, zinnengeschmückt in weisz – und dunkler Himmelsfarbe

24.2.03

Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen. Formidables Wör­terbilderbuch. Augen­taumel. Über­quellende Bildwortkaskade. Jetzt sehe ich alles neu. Ein Gedicht von einem Buch. Ich sehe die Welt neu. Ein Buch wie gemalt. Als finge ich jetzt erst zu leben an. Bildundwort­kunstwerk, Glanz der Erde Blätt­chen Pappelherzen, in dessen Farben und For­men, Wörtern und Wellen ich mit sternenweltweit aufgeriß­nen Au­gen tauche, lesend, schauend, »zum Augenblicke sagend: / Verweile doch! Du bist so schön!« : Ich habe ein Buch gelesen, sage ich, aber ich habe nichts davon behalten, ich habe in einem Buch gelesen, aber ich habe nichts behalten kön­nen, weil ich ununterbrochen auf etwas achthaben wollte, nämlich lau­schen wollte, auf ungewöhnliche, schöne, auf­reizende Stellen innerhalb des Textes, auf Wendungen, einzelne Wör­ter, die Zünd­kraft besitzen, die mich entzün­den, etwas in mir entzücken. Ja, welch ein Glück, staunend le­send, auf der Jagd nach jenen funkelnden Einzelteilen, … nach jenen leuchtenden Splittern, die einem den Atem rauben, zu erleben, wie Friederike Mayröcker nach 2000 ein weitres Mal, be:geistert, flammend, entflammt, wörtertoll, durchstartet und schreibt und schreibt und schreibt: Nach dem brillanten Prosabuch brütt oder Die seufzen­den Gärten von 1998 erscheinen allein in den Jahren 2001 bis 2014 (diverse Sammelbände nicht mitgezählt) an die zwanzig Bücher, verfaßt in einem immerwährend sprudelnden Schreib­rausch, Bild, Vorstellung mit allen Sinnen durchdringend : Au­gententakel, Ohrentrun­kenheit, Griffel /// zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen / zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund / die Gestirne das Gras die Blume den Himmel … Bei der schreibbesessenen Friederike Mayröc­ker fin­det, ab dem frühen Mor­genblauen, allgegen­wärti­ges, beständiges, chronisches, dauerndes, ein­gewurzel­tes, faszinierendes, immer­währen­des, melancholisch grundiertes, immer wieder auch (selbst-ironisch) parodisierendes, überlebensnotwendi­ges Nonstopschrei­ben »voller grotesker Einfälle und ironischer Fallen« (M.F.) statt, eine Kochkunst dies Niederschreiben von Gedichten, Tag und Nacht – und, wahr­scheinlich, weit darüber hinaus, ich bin verheiratet mit meiner Hermes Baby – ich knie mich so hinein wie der Glenn Gould in sein Klavier. Und, Glück des Süchtigen, der Blick in die Zukunft verheißt weiterhin Gutes: Der dritte Band der ›französischen‹ Trilogie, fleurs, wird, nach études 2013 und cahier 2014, wohl im Herbst 2015 erscheinen, er ist jedenfalls in Arbeit, und dieses mein Schreiben hat mich zu allen Zeiten beseligt, aber auch aufgerieben verwüstet. – – – Und so blättre ich weiter in diesem einzigartig schönen Künstlerbuch Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen mit den (von Bodo Hell so benannten) »vegetativen« Tageszeichnungen von Linde Waber und den in punktueller Sprache verfaßten Texten von Friederike Mayröcker aus den Jahren 1983 bis 2014, schwelg weiter in Farben, Formen, Versen, bin, ein ums andere Mal, begeistert, fortwährend, still er­griffen –

Was brauchst du

Was brauchst du? Einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Ich hab das Gefühl, daß die drei jungen Fraun gern zuhören – obwohl, man weiß ja nie (späte­stens am nächsten Morgen setzen die Bedenken ein, ob ich nicht doch …). Jedenfalls sitzen wir, nachdem wir zu Ende gegessen haben, länger als eine Stund, insulanergleich, beisammen, um­braust von fröhlicher Partymusik und ausgelassen tanzenden Menschen, ach ich klebe an diesem / Leben, an diesem Lebendgedicht. Ob sie sich zwischen­zeitlich ein Buch von Friederike May­röcker zur Brust genommen haben, glaub ich kaum, ist eh erst drei Tag her. Vor wenigen Tagen erhalt ich den Brief einer im vergangnen Jahr pensionierten Deutschlehrerin, die Friederike May­röckers Werk kennt und liebt und die sich lebenslang enorm für die zeitgenössische Literatur eingesetzt hat und von der ich diesen nun doch leicht erschüch­ternden Bericht les:

Begegnungen mit ›lebenden‹ Autoren sind leider recht schwierig geworden, aus vielerlei Gründen.
Zum einen ist es nicht einfach, die Kinder in die klassische Lesung zu bekommen. Wir hatten Glück mit den eingeladenen Autoren, sie haben die Schüler jeweils erreicht. Aber es hat nur deshalb funktioniert, weil die Deutschlehrer in vielen Klassen Projekte zum jeweiligen Autor durchgeführt haben. Das andere ›Hindernis‹ ist die veränderte Erwartung der Eltern. So be­kam ich letztes Jahr massiven Gegenwind von einigen Eltern, als ich für eine 5. Klasse einen jungen Krimi­autor, der auch noch beim Fernsehen arbeitet und sehr motivie­rend erzählen konnte, einladen wollte: 2 € sollten die Kinder dafür bezahlen, daß ich zu faul bin, selber den Kindern vorzulesen! Diese doppelte Arbeit, daß die Eltern oft keinerlei Bildungsanspruch mehr haben, die Eltern und die Kinder also erst mühsam überzeugt werden müssen, schreckt viele Kollegen ab, die ja sowieso schon im Alltagsgeschäft kaum überle­ben. Das dritte Hindernis sind die Kosten. So mancher Schulleiter meint, Schriftsteller sollten doch froh sein, wenn man ihnen kostenlos die Möglichkeit einräumt, Reklame für ihre Bücher zu machen! Ich hoffe natür­lich trotzdem, daß die jungen Kollegen die Arbeit in diesem Bereich fortsetzen, vor allem weil ich ihnen ja im Frühjahr mit der letzten von mir organisierten Literaturveranstal­tung zeigen konnte, daß es auch heute noch möglich ist, erfolgreiche größere Lesungen durchzuführen, wenn alle sie unterstützen. Aber es ist leider auch so, daß manche Kollegen sich nicht trauen, Schriftsteller einzula­den, oder nicht wissen, wie sie dies tun könnten, oder – noch schlimmer – gar keine zeitgenössischen Schrift­steller kennen, weil sie nach ihrem Stu­dium offenbar keine Zeit mehr hatten, zu lesen und auf dem Laufen­den zu bleiben. Aber es wird immer schwerer für die Lehrer im Beruf eigene Akzente zu setzen und bei Kräften zu bleiben; um nur einen Aspekt zu nennen: Der Ganztag hat eine dramatische Verschlechterung gebracht, die stillschweigend auf dem Rücken der Leh­rer ausgetragen wird (viele Aufsichtsstunden, natürlich unbezahlt, viele Springstunden, natürlich ohne Ruhe und eigenen Arbeitsplatz in der Schule etc). Die Gesell­schaft muß die Lehrer und Schulen stärken und wo immer möglich unterstützen, ansonsten sind die Lehrer nach wenigen Jahren erschöpft und versuchen nur noch irgendwie den Alltag zu bewältigen, und das ist für die Schüler und unsere Gesellschaft sehr schade. Mancher junge Deutschlehrer stürzt sich zunächst hoch­motiviert in alle möglichen Projekte und wird von System und Schulleitung gnadenlos aus­gebeutet. Er muß  möglichst schnell lernen, Schwerpunkte zu setzen und deutlich nein zu sagen.

Und auf der andren Seit unbedingt und deutlich ja zu sagen zum Lesen, insbesondre auch zum Lesen zeitgenössischer Literatur, beispielsweise Lyrik, Prosa von Friede­rike Mayröcker, deren erste Verse, erste Zeilen stets schon derart verfangen, daß ich der Poesie dieser alchemisti­schen Magierin, ach wie kalt der Mor­gentäuf- / ling ach wie kalt der Morgen- / hauch, wie geflossen die Strö- / me, geflossen ach gestran­det, hilflos ausge­liefert bin – ganz so, wie es Matthias Fallenstein im Nach­wort zu Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen umschreibt:

Die Kunst des ersten Satzes besteht nämlich für Mayröcker darin, daß der Leser sich in diesem Satz verfängt, hineingerissen wird in einen Strudel, einem kräftezehrenden Sog erliegt: du kannst hier nicht mehr heraus. Der er­ste Satz, der erste Vers ist immer ein Angriff, eine Gefangennahme, der Leser sieht sich in ein Chaos versetzt, und er erkennt keinerlei Richtung. Natürlich weiß Mayröcker, daß dem ersten Satz oder Vers ein ebensolcher zweiter folgen muß usw. Und weil der zweite dem ersten nicht nachstehen darf, müßte er ihm ebenso gut voranstehen können: so verweigert sich schon das Verhältnis des ersten zum zweiten der traditionellen Logik, zugunsten einer poetischen Logik, in der die Dinge nebeneinander stehen und nicht aufeinander folgen, in der es also streng genommen kein Erstes und Zweites gibt, sondern ein jedes ebensogut Erstes wie Zweites usw. hätte sein können: Sei allem Anfang voran! Am Ende kennt niemand sich aus.

Schließlich müssen die drei Damen (ach wie gern hätte ich sie seinerzeit als Deutschlehrerin ge­habt, eine ist schöner als die andere, und ihre Wangen glühn) auch noch die folgenden ohne Rücksicht auf Orthographie und Zeichensetzung aus mir herausprasselnden Wörter, um die es hier halt bloß geht, über sich ergehn lassen, und während ich überleg, wie der erste Satz lauten könnt (am End bleibts bei dem einen …), denk ich an Mayröckers Wörter in Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen : Wien ist eine Schreibstadt. Hier kann man verrückt werden. Hier kann man ver­rückt sein. Wien ist für viele Dichter zur Schreibstadt geworden, viele verrückte Dichter kommen aus Wien. Ver­rücktheit, ver­rückte Sicht ist eine der Voraussetzungen fürs Schreiben … und denk: Ja, klar, ja, klar, aber vielleicht doch nicht in Wien bloß:

blue windows blue rooftops / and the blue light of rain … lesen … lesen heißt doppelt leben : indem ich das buch auf­schlag es war kein traum : über dem at­lantik be­fand sich ein barometrisches minimum wozu noch reisen wenn ge­stern heute morgen an jenem tag im blauen mond sep­tember mit jedem guckfrischen buch neu zu entdec­kende formen ∙ men­schen ∙ welten ∙ phänomene ∙ sprachen ∙ stile ∙ burning noble words von antik barock bis zeitgenös­sisch wun­der weisen ins haus blattern ma­donna! die seele zischt mir aus dem leib ich das leinen in den händen liegend spür me­mory and desire stirring ∙ (wer einmal aus dem sprechnapf liest …) die er­sten wörter er­faß ein / satz / und / ich / bin / bei / dir metaboli­sche endlosach­ter­bahnspirale sich mit schwäntän­zeln­den wör­tern vor au­gen in allen lüf­ten hallt es wie geschrei fort­setzt dämmungsloser buch­staben­bausch und schreibe auf 1 fieberkurve mit rätselhaften rhythmi­sierten oft so herr­lich seltsam eigen und wider­borstig auf­brandenden wörterwellen ob rosen ob schnee ob meere die in laby­rinthi­schen groß­stamm­hirnneokor­tex­win­dungen klingen ringen schwitzen die poren schwingen i am reassu­red ∙ i am reassu­red phantasiebe­lü­gelndes blutinwal­lungsingen in­mitten der exotischen landschaft wo bo­ten­stoffe hageln und sich birn­run­zelnd bis­weilen nichts als nichts als fra­gen stellen kurzge­schichten von hawthorne, die man / nie mehr los wird / weil sie von herbstfarben durchzogen sind / be­völkert von un­aufdringli­chen ein­samkeiten ah diese verschwun­dersam wis­pernde stille trun­ken von wör­tern steal­ing the scraps at the great feast of language das lesen das leben das leise das schwei­gen bei all den sum­menden wörtern wie zweierlei magi­sche mo­mente bedrückende begeg­nungen dreierlei stim­mun­gen rufen trinken undweben und webentrinken ver­setzt lesen mich in ein schwingen des stau­nens der begeiste­rung der zuneigung des sich-fra­gens der verehrung des zorns der empö­rung des selber-noch-nicht-wissens! und wäh­rend der verprächtig­sten lesau­gen­blicke ich lese dich ich schreibe von dir ab wird ätheri­sches ge­schehn as the flock suddenly / rises from november stubble zu … levita­tion ... auf­fahrt? ent­gren­zung? weltwer­dung oder so: das – die­ses lied dieser klang – bin jetzt ich mit diesen stim­men diesen harmo­nien bin ich wie noch nie im leben der geworden der ich bin wie dieser ge­sang ist so bin ich ganz! und kei­niemand soll den echolalischen wörterdieb mehr fragen ob lesen schrei­ben beeinflußt wie schreiben lesen durchdringen kann schreiben ist lesen lesen ist schreiben lesen ist leben ich lese ich schreibe um zu arbeiten ich ar­beite um zuhause zu sein ∙ wir spielen bis uns der tod abholt this is it and nothing morelalu lalu lalu lalu la

Beschwingt mach ich mich unmittelbar darauf auf den Nachhauseweg. Daheim um kurz nach eins, werf ich Mantel und Schal von mir, nein lassen Sie gut sein ich verliere jetzt den Verstand, und greif sogleich nach dem auf dem Wohnzimmertisch liegenden großformatigen, vielfarbigen Künstler­buch Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlas­sen, schlags blindlings auf und seh den Baum Hibis­cusbaum / mit seinen schwellenden rosa Blüten / sanft verschlungen verzweigt / im Fenster des Korridors … im Hintergrund hör ich das Auerhahnbalzen, ich lasse mir gern was einsagen … Wasserrau­schen …

* * *

Friederike Mayröcker · Linde Waber, Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen · Tageszeich­nungen und Texte 1983 bis 2014, herausgegeben von Christel und Matthias Fallenstein, Nachwort von Matthias Fallenstein, Mehrfarbdruck, Format 32 x 24 cm, 160 Seiten, Hardcover im Schuber, von Auto­rin und Künstlerin signiertes Künstlerbuch in limitierter Auflage von 199 Exemplaren, Vorzugsausgabe (40 Exemplare) mit je einer Malerei auf Japanpapier von Linde Waber, Mandelbaum Verlag, Wien 2014.

Bodo Hell · Friederike Mayröcker, Landschaft mit Verstoßung · Ein dreifaltiges Hörstück · mit psychoakusti­schen Naturtönen von Martin Leitner am Leitfaden von Friederike Mayröcker, den Stimmen von Bodo Hell und Friederike Mayröcker sowie einer Vorrede von Peter Klein, CD, Format 13 x 18 cm, 32 Seiten, Hardcover, Mandelbaum Ver­lag, Wien 2014.

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