Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

das licht aus der tiefe der nacht

Nachdenken über „Seelenland“, Gedichte von Holger Benkel, Edition Das Labor, Mülheim 2015. 62 Seiten.
Hamburg

mohn

steig ich mohn im haar
aus den pforten der nacht
geh ich dem tag entgegen
überschütten mich samen
sinkt mein kopf die kapsel
umfliegen mich hummeln

[S. 21]

Das Gedicht scheint eine Ode an den Tag zu sein – aber der Geburt des erkennenden Geistes folgt das Versinken. Der Kopf des aus Geborgenheit des Rauschs (mohn) und Nacht Aufgestiegenen wird mit Samen überschüttet und beschwert – der Tag packt ihn an, der so Ergriffene fühlt sich gebeugt und benutzt (hummeln). Wehrlos erscheint er und findet lieber seine Welt in sich selbst. – Die Wirklichkeit des Tag-Lebens strengt an, sie vergewaltigt in ihrer morallosen Naturgesetzlichkeit den nach Idealen strebenden Geist, der sich in die Nacht zurückzuziehen sucht, aus der er kam. Die Idee, dass das Leben der Toten wahrer und lebendiger ist als das Totsein der Lebenden wird in diesem Gedichtband immer wieder in neuen Varianten entfaltet.

Der Dichter Holger Benkel, der 1959 in Schönebeck an der Elbe geboren wurde, dort in der Lessingstraße wohnt und von seiner Arbeit als Schriftsteller und Lesender lebt, ist ein Gewächs auf dem Seelenboden der Magdeburger Börde. Das führt sogleich zur Dialektik eines Menschen zwischen extremer literarischer Fruchtbarkeit einerseits und Distanz zu den Dingen der Welt. Der Börde-Mensch ist verschlossen und lebt gern zurückgezogen, und doch lebt in ihm das Feuer der Worte – aber diese Kommunikation will eine strenge Form, sonst kann sie nicht leben. Aus der fruchtbaren Erde dieser Landschaft wuchs ein vielgestaltiges Werk, das mit der Welt korrespondiert, wie sie ist, und zugleich ein intimes Zwiegespräch mit dem Totenreich und dem Transzendenten führt.

Was heißt das?

Holger Benkel lebt eigentlich gar nicht. Weder hier noch jetzt. Wir sehen ihn und glauben: Da ist er. Aber das ist eine Täuschung. Er ist nämlich da, wo er eigentlich lebt, nämlich bei den Toten. Wir müssten also, wenn wir ihn wirklich erreichen wollen, zu den Toten gehen, wo das wirkliche Leben atmet.

Geht das denn? Doch, es gibt einen Weg. Ich finde ihn in seinen Briefen, in denen er Tag für Tag lebt, da drunten in seinem Reich, wo auch die Gedanken zu Hause sind. Der irdischen Welt bedient er sich ja nur aus lauter Anhänglichkeit an einen Lebensstatus, den er schon früh überwand, mit Ausnahme der Sprache, die er liebt wie kein zweites Wesen, und weil das Transzendente nun mal nicht existent sein kann ohne das Diesseits. Benkel kehrt Leben und Tod um, das Leben ist tot – erst im Tod kann man leben. Karl Marx hat Hegel wieder auf die Füße gestellt – Holger Benkel stellt Marx auf den Kopf, er verlässt die unlebbare Basis und lebt im Überbau einer geistigen und seelischen Welt, die viel gemeinsam  hat mit keltischen Vorstellungen. Die keltische Mythologie liefert seiner Dichtung und seinem weltanschaulichen Glauben eine ästhetische Bilderwelt. Seine Briefe sind keltisch datiert, zum Beispiel: 12. tag des efeumonats – auf der suche nach der anderswelt. Das fällt konsequent aus der Zeit – wer so tot ist wie Holger Benkel im Nirgendwo, im Reich von Kein-Ort, der lebt wörtlich in der Erlösung von der irdischen Welt: In einer Utopie der Worte.

schatten

lieg ich allein am offnen fenster in der nacht
vergehn die stunden samen gleich die nicht befruchten
bleibt unberührt mein schatten der verschorfte pfeil
im fleisch verliert sich das leben geh ich ins freie
am morgen zerfällt er zu staub jagt ihn der wind
folg ich ihm stürz ich in das fundament die gruft des hauses
legt er sich auf mich verwächst er wieder mit dem körper
werd ich schwer unter ihm sink ich leichter in den tod
frag ich wen nur nehm ich mit ins grab
daß die einsamkeit dort endet wandle ich im licht
der schwarzen sonne in der asche der gedanken
rinnt aus dem schädel ein silberner glanz

[S. 61]

Dieses Gedicht kommentiert mohn, das an den Anfang meiner Überlegungen gestellte Gedicht. Deutlich wird nun, dass die Samen des Tages den nächtlichen Gedankenträumer nicht befruchten können. Er sieht sich als Schatten, als nicht angekommen im Leben. Er fühlt sich vom Realen verwundet, der Schatten (das lebendige Totsein als unverletzte Idee) stirbt am Tag, die raue Wirklichkeit jagt ihn. Leben empfindet er als Zwang. So sehnt er sich nach dem Schattensein, sucht seinen Schatten, findet ihn im Grab, dem Fundament seiner Behausung, nur dort kann er wohnen: im Tod. Nicht einsam will er bleiben. Es gibt keinen irdischen Begleiter außer den Ideen, die aus dem Schädel rinnen: ein silberner glanz in der Gegenwelt, in der das Licht der schwarzen sonne scheint: Totsein als Erlösung von einem falschen Leben, in dem der Schmerz der verratenen Gedanken quält. In der Asche der Gedanken ist Ruhe. – Der Glanz erinnert mich an Kafkas große Parabel Vor dem Gesetz – er ist auch hier nicht wirklich, nur Idee. Kafka ruft zur Selbstbestimmung des Menschen auf. Um die geht es auch dem Dichter der Seelenland-Gedichte. 

Ich lernte Holger Benkel kennen, als ich ihm Gedichte für eine von ihm und Birgitt Lieberwirth 1990/91 in Magdeburg herausgegebene Literaturzeitschrift schickte. Diese Zeitschrift hieß Phönix – hier berührt sich die griechische Mythologie mit der keltischen und mit der Benkels: In der Auferstehung des Worts aus der Asche, aus dem Tod. Damals war die DDR seit drei Jahren schon untergegangen, Holger Benkel hatte gerade noch sein Studium am renommierten Literaturinstitut in Leipzig beendet. In dieser Zeit war seine Skepsis gewachsen gegenüber dem Leben, der Politik und dem archetypischen Versagen der Menschen, wie es Christa Wolf in ihrer großartigen Erzählung Kassandra resignativ und zugleich hoffnungsvoll klagend darstellt.

Er schrieb: „...die herausgabe unserer blätter mit lyrik und grafik namens phönix haben wir inzwischen eingestellt. einerseits fehlt uns schlicht das nötige geld, und zum andern wäre solch ein projekt in anbetracht der misere, die sich hier ausbreitet, ohnehin eine anmaßende und daher zynische attitüde. und was, oder wem, nutzt denn letzten endes alles individuelle mühen, da die meisten leute nicht entfernt individualität und egoismus, subjektiv und protektionistisch, selbstanspruch und partikularambition, persönlich und privat unterscheiden können und beständig liberalistisch und liberal, perfekt und gerecht, effekt und essenz, markt und wert verwechseln? und darum desto zweifelsfreier manipuliert, mithin zeitgeistmäßig vereinnahmt werden, je intensiver man sie animiert, also aktiv setzt. und der kommerz vorzugsweise ästhetisch siegt, indem er mittels tausenderlei facetten im schönen schein und vom schönen zynismus leben lässt, während authentische und substantielle kunst zunehmend strukturell entwertet wird. und die machtzentren umso unumschränkter walten, je mehr rotation sie erzeugen. wo jeder bloß kalt kalkulierend seinen privatinteressen folgt, entstehen am ende neue totalitäre massen.“ 

Als ich das las, dachte ich, es stehe schlimm um ihn. Zwar erkannte ich die Hellsichtigkeit seiner kassandrischen Kritik, aber ich befand mich im Gegensatz zu ihm Anfang der 90er Jahre in einer sehr westlich-optimistischen Phase meines Lebens und konnte seine Lebensphilosophie nicht verstehen. Sie erreichte mich nicht. Erst später begriff ich, dass er ja schon hinübergewandert war zu den Toten, wo er wirklich leben kann. Von da an schrieben wir uns alle paar Wochen und ich fand immer besser zu ihm und seinem Werk. 1995 veröffentlichte er seinen Gedichtband kindheit und kadaver und den Prosaband reise im flug, Träume und Ereignisse, beide im Verlag Blaue Äpfel, Magdeburg. Später schrieb er Aphorismen: gedanken, die um ecken biegen. Und dann ein gigantisches Prosawerk, eine Art moderne Mythologie der Tiere (hier sind weit über eintausend Seiten entstanden in einem Werk, vielleicht sogar ein opus magnum, das noch seine endgültige Form sucht) – und immer wieder neue Gedichte, die permanent überarbeitet werden. „die gedichte aus seelenland sind wieder einfacher strukturiert“, sagte Benkel im Kollegengespräch mit A. J. Weigoni 2014, „wohl weil ich mich viel mit symbolen befaßt habe und dieses wissen beim schreiben einfließt, weshalb die texte auch weniger spontan entstehen. vermutlich gehen viele meiner gedichtpassagen auf das naturerleben der kindheit zurück. [...]

gedichte ähneln in vielem träumen. sie kommen aus unbewußtem, schaffen gegenwelten und wirken durch angedeutetes, das der deutung bedarf. der interpret von gedichten benötigt daher genaue ahnungen. das mag uneingeweihten, die nach anschaulich greifbarem und plastisch verkörpertem suchen, das verständnis erschweren, weil sie selten eindeutiges, mithin bereinigtes, finden, das gesicherten halt gibt und bekannte denksätze bestätigt. der leser muß sich vielmehr in einen literarischen mikrokosmos einfühlen und hineindenken, von dem der autor beim schreiben, als akteur und zeuge seiner motivwelt, nicht selten selber staunend überrascht wird.

in der sprache der träume werden zeichen, deren lebensrealen sinn wir aus der außenwelt kennen, zu symbolen der innenwelt, der seele und des geistes. und daher können auch die unterschiedlichsten motive und gegenstände entfernter lebensbereiche innerhalb eines traums nebeneinander stehen oder nacheinander folgen oder sich miteinander verbinden und vermischen, weil ihre logik auf etwas verweist, das nicht allein durch die gesetze der äußeren realität bestimmt ist und worin die allgemeinen regeln von raum und zeit nicht gelten. und vielleicht sind wir überhaupt allein beim träumen frei, zumal der traum verhärtete psychische strukturen auflösen und utopische partikel freisetzen und den träumer so verjüngen und sein leben verlängern kann, und jede andere freiheit bleibt illusion.“

Vor allem bei den Aphorismen finden wir ein Portal zu Holger Benkels Gedanken. Dort gibt es nicht mehr die Kompromisse, die der Lyriker in seinen weltlichen Briefen eingeht. Dort ist er ganz er selbst im vollendeten Wort eines Todes, der über die Welt siegt.

unter weiden

sitz ich im schatten blauer weiden leg ich das ohr ans holz
hör ich die narben der bäume flattern fische silbern
in den zweigen kreist eine schlange schreien vögel auf
im wipfel verschlingt der mond das auge die wimpern der äste
treib ich in einem kahn vorbei an klippen durch wellen
aus licht sink ich weich hinab im röhricht seh ich
die goldene geburt der mücken über mir hör ich eine musik
aus wind steigt mein kopf hervor wachsen die wurzeln

[S. 25]

In vielen Gedichten verharrt das lyrische Ich in Passivität (... liegen treiben sinken). So auch hier. Allerdings „steigt mein kopf hervor“, der in die Natur hingesunkene Hörende und Sehende schlägt Wurzeln in der Luft, im Himmel, im Jenseits. In seinem Totenkahn treibend im Fluss Lethe kehrt er seine eigene Natur um.

Angesichts des elliptischen Charakters, der sich durch permanente Subjekt-Prädikat-Inversionen einstellt, kann gesagt werden, dass sich das Wenn-dann-Gefüge, das sich (mir) beim Lesen immer aufdrängt und einen gute Lese-Lenkung bewirkt, ganz einfach aufgehoben wird, wenn ich zu Beginn – oder später an entsprechender Stelle – ein „Es“ ergänze. Die Inversionstechnik findet ihre Entsprechung in der Umkehrung der Seinsverhältnisse, wo Benkel der Sphäre des Todes das eigentliche Leben zuspricht – und umgekehrt. Das lyrische Ich wird hier grammatisch und semantisch versetzt und vermindert im Schatten der inversiven Semantik.

Sterben wird als erotischer Prozess verstanden, man kann vielleicht auch sagen: Alle Veränderung ist erotisch, wie alle Berührung von Fremdem erotisch stimuliert – so dass der Sterbende, den ich im Benkelschen Sinne lieber als Werdenden verstehe, mit sich selbst schläft, er erotisiert sich mit seiner in ihm längst schlummernden fremden Gestalt, er gefährdet sich im Tod zu neuem Leben, wie ein Suizid als Rettung ins eigentliche, nicht entfremdende oder entfremdete Leben.

Holger Benkels Lebens- und Todesauffassung wird in vielen seiner Gedichte deutlich: Dass wir nur im Tod leben können. Es ist das Allerbeste, gar nicht zu leben. Genüge ich allenfalls nur als Idee?

Ich teile nicht die Welt- und Lebensverneinung in dieser Schärfe, aber ich stehe dieser Kunst mit großer Achtung und Sympathie gegenüber, allein schon wegen der sprachlichen Form und der schlüssigen und oft kühnen Metaphorik. Dichter kommen der Realität nur mit der Fiktion bei. Was bleibt? Benkels Gedichte schärfen kassandrisch das Bewusstsein, es ist die Voraussetzung für ein besseres Leben im Leben und für die Überwindung der Angst vor dem Tod. Anders gesagt: Holger Benkels Gedichte formulieren nicht nur seine eigene Seinsphilosophie, seine weltliche Religion, sondern sie geben jedem Leser neue Einblicke in die Welt, sie verstören auch den in seinen Urteilen gefestigten Leser.

Im Übrigen kenne ich kaum einen anderen Schriftsteller, der trotz der kritischen Schwere seines Werks so frei im Denken ist, so unabhängig, manchmal sogar von sich selbst. Hier nun eine Anekdote, die ich Holger Benkel verdanke, um zu zeigen, wie sehr der Humor mit seinem Denken aus dem Schattenreich verbündet ist:

Die Wahl der Waffen

Der Dichter Holger Benkel fragt sich immer wieder, warum er Gedichte schreibt, die wie Gedanken um Ecken biegen, aber die Welt nicht ändern. Und darauf kommt es an. „Meine Worte“, sagt er, „irritieren die, die schwach sind wie ich, aber sie ändern nicht die Welt.“ Trotzdem erzählte er mir die folgende Geschichte, die sich in Wahrheit zugetragen hatte, zur Verteidigung der Dichter:

Bei einer der vielen öffentlichen Diskussionen über Kunst und Wirklichkeit oder über Macht und Ohnmacht der Dichtung habe sich der junge Enzensberger so heftig mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gestritten - der behauptete, Literatur über vierhundert Seiten, oder unter einhundert, gehe am Leser vorbei, solche Literatur sei entweder nur Kunst, also autistische Stummheit, oder überhaupt keine Kunst, im besten Fall gut gemeint, also nur halb gewollt –, dass der junge Enzensberger seine soeben erschienenen Gedichte in die Hand genommen, mit dem Buch auf den Kritiker gezeigt und ausgerufen habe: „Wenn das ein Revolver wäre, dann wären Sie längst tot!“

Er hatte einem Gott sein Buch wie eine Waffe entgegengehalten! Das war in der Zeit, als Gedichte scharf geschliffen waren zur Ermutigung der Schwachen gegen die Starken. Das ist lange her. Ob der alte Enzensberger auch heute noch den Mut zum Kampf hätte? Er hat nichts als seine frühen Gedichte, verschossenes Pulver! Ach, die Dichter schießen seit diesem sagenhaften Duell lieber auf sich, denn die denkbar schärfsten Kritiker sind sie selber. Vielleicht ist das konsequent. Rainald Goetz, der am weitesten ging, schnitt sich mit dem Rasiermesser das Selbstmörderzeichen in die Stirn, um Kunst und Leben im Bild des Todes zu vereinen.  

„Es war aber nicht Enzensberger, der sein Buch zur Waffe machte“, sagt Holger Benkel, „sondern der junge Rolf Dieter Brinkmann.“ Das ist egal. Enzensberger ist der bekanntere Dichter. Ob das polemische Pathos seiner Gedichte genauer traf als die kleinen Minen Brinkmanns, ist eine andere Frage. Aber nicht egal ist der Fehler in der Erinnerung Marcel Reich-Ranickis, der später, Jahre nach Brinkmanns frühem Tod, behauptete, er sei wirklich mit einem Revolver bedroht worden. Aber von wem?

Er hat zwar nicht behauptet, der Revolver sei damals abgefeuert worden. Aber wenn die Kugel ihn getroffen hätte - wäre er dann tot? Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich werde, je mehr ich erzähle, immer unsicherer. Erzählte Holger Benkel wirklich die Geschichte, die ich erzähle - oder fiel sie mir erst ein, als ich mir seine Erinnerung erzählen wollte? Egal. Erzählt denn nicht jede Erinnerung umso genauer ihre Wahrheit, je mehr sie irrt?

schweigen

lieg ich in mich gepreßt
bin ich für mich selber nacht
lastet nichts mehr auf mir
hör ich im traum nur schritte
die sich zu mir wenden seh ich
gleißend weiß eine figur vor mir
magern die worte ab
heben sie mich auf kommen sie
mir entgegen zum kern zurück
in silben bleiben die vokale
sinkt zum grund die stimme
wie die toten stillt die stille

[S. 62]

Benkel bleibt unter der Erde, weil er glaubt: Wenn er jetzt schon tot ist, kann er nicht mehr sterben. Wer tot bleibt, lebt besser. Also besser als die, die glauben, sie leben. Das ist ein in die vierte und fünfte Dimension umgestülpter Auferstehungsglaube – der manifestiert sich auch sprachlich in seinen Gedichten mit inversiver Syntax: die Wenn-dann-Konstruktion ist nur scheinbar ins Werk gesetzt, in Wirklichkeit negiert Benkel ja das Ursache-Wirkungs-Gesetz und den Zweiten Thermodynamischen Hauptsatz. Es ist nicht übertrieben, wenn ich Benkels Œuvre für die poetische Ausformung der Einsteinschen Allgemeinen und Speziellen Relativitätstheorie halte. Ich werde ihm meine Deutung vorlegen, und er wird antworten. Er lügt nie. Wir wissen dann die Wahrheit über das Wesen der Dichtung und nebenbei bekommen wir, was fast dasselbe ist, eine allgemeine Feldtheorie über die Faktizität der Metaphysik. Benkel wird Letzteres für ein Abfallprodukt seiner Lyrik halten. Aber das muss uns nicht kümmern.

Holger Benkel sagt: „der moderne künstler muss nicht notwendig prophet sein. das wäre nur eine seiner möglichkeiten. ich biete ja gerade die völlige desillusionierung als ausgangspunkt der utopie an. auf die frage, welche aufgaben literatur haben könnte, sagte ich einmal, am besten sie hätte welche und niemand würde es merken. ... für mich eröffnet kunst das nicht seiende und ist daher das vollkommen andere gegenüber der utilitären realität, antiwelt und alternative geschichte, und solcherart verwandt mit magie, mythen, mystik, alchemie, märchen, träumen, wahngebilden und einem postvitalen dasein.“ Ich stimme ihm zu. Denn die Dichter aller Zeiten bedienen sich oft der gleichen poetischen Technik zur Bewusstmachung der Leser. „Werthers Leiden“, „Die Blechtrommel“ oder „Kassandra“ sind Erzählungen des Scheiterns nach dem Muster der negativen Utopie, um eine bessere neue Welt zu fordern. „genau genommen“, sagt Holger Benkel, „sind sogar, oder gerade, meine apokalyptischen gedanken bloss umgekehrte utopien. und ich bleibe dabei, gegenwelten formieren und die realität verändern wollen, das gehört zusammen. der eigentliche fatalismus besteht darin, das vorhandene für unveränderbar zu halten.“

Ich denke, das ist ein überzeugendes Plädoyer für ein besseres Leben. Es gewinnt umso mehr an Authentizität, als die Stimme dieser Ermutigung aus dem Munde eines Toten kommt, der sich auf der Suche nach der Anderswelt befindet. Tote lügen nicht!

Anm. der Redaktion:
Kontakt für Bestellungen:
E-Mail: Matthias-Hagedorn@gmx.de
Delle 57 · 45468 Mülheim an der Ruhr

Fixpoetry 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge