Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Zwischen Kosmos und Müll – Kunst als Theater

„Überall wandeln sich Ausstellungen in Aufführungen, werden Mu-seen zu Bühnen ...“ (Hanno Rauterberg)
Hamburg

Die Behauptung, dass junge Künstler immer häufiger sich und ihre Werke inszenieren, ist evident: Anthony McCalls Lichtkegel in Berlin, Kibong Rhees Aquarium in Posen, Anthony Gormleys „Horizon Field“ in Hamburg ... Vielleicht zeigt sich, dass ein Museum nicht (mehr) der richtige Ort für die Kunst unserer Gegenwart ist. Die Verankerung mitten in der Öffentlichkeit (Straßen, Plätze) wäre konsequenter, wie etwa die in der New Yorker Railway Station in Mikrophone gesungene Oper mitten unter Passanten mit ausgeteilten Kopfhörern. Andererseits sollte ein Kunstwerk nicht seinen Anspruch verlieren, kosmisches Bild zu sein und absolut zu gelten. Es schmälert die Souveränität der Kunst, das Werk im Übermaß mit gesellschaftlichen Kontexten zu umgeben. Statt der intendierten Öffnung zur Welt geschieht sonst leicht das Gegenteil: Selbstfesselung und Selbstentwertung. Es liegt im Wesen der Kunst, auf gemeinte Kontexte so anzuspielen, dass der Betrachter den Zeigefinger von Text und Bühneninszenierung nicht benötigt.

John Bock: Im Modder der Summenmutation. Ausstellung Bonner Bundeskunsthalle

Man kann aber auch so denken: Die jungen Künstler wollen das immanente und statische Werkprinzip überwinden, wie es Calder mit seinen kinetischen Mobiles versuchte. Calder schuf abstrakte Kunstwerke, denen der Betrachter Bedeutungen nur schwer aufdrängen konnte durch Assoziationen: Balance, Fragilität, Blätter, Zweige, Stämme, Wind ... Heutige Werke wollen offenbar viel inhaltlicher und konkreter sein – und zugleich Kunst pur bleiben. Sie wollen sich sozusagen mehrmals im Auge des Betrachters häuten. Das gelingt manchen Werken der documenta XIII in Kassel und der Biennale in Venedig 2013: Ich denke an William Kentridge’s filmischen Raum – und das ‚brainologische’ Konzept Carolyn Christov-Bakargievs.

In der Bonner Bundeskunsthalle evoziert der Kunstprofessor John Bock mit einer ziemlich grotesk erscheinenden ‚Bühne der Anspielungen’ auf innere und äußere Dramen das Wiedererkennen eigener Erlebnisse im Betrachter. Das gelingt ihm, mal in humorvollen oder ironischen Installationen, mal in ernst und fast klassisch erscheinenden sublimen Kunst-Basteleien. Sie wirken auf den ersten Blick so, als breite hier jemand im Gewand eines Messie (s)eine große weite Seele aus wie eine blühende Wunde inmitten der Müllhalde unseres Lebens. Ausgestopfte Socken werden zu Netzen verknüpft, die einen großen kubischen Raum überwölben – darin wie in einem Käfig Alltagsgegenstände, unser Leben eben, wie es sich in den Banalitäten der tausend Notdürfte entfaltet. Träume offenbaren sich in Riesenpuppen, die verletzt sind, bluten und eitern. Deformierte Körper und Lebensräume, Phantasien, Fernseh- und Kino-Impressionen: Vernetzung von hoher und niederer Kunst und Lebenstätigkeit, widergespiegelt in absurd wirkenden dreidimensionalen Möbel-Collagen. Der Betrachter geht durch diese Seelenräume und Pressionen, während er lyrische Sätze hört, die von Band abgespielt werden, Sätze und Verse zwischen poetischer und alltäglicher Redeweise, zwischen Comic und Hochsprache.

John Bock: Power-Point-Lyrik

Der Künstler spielt immer offensichtlicher wie ein großes Kind auf einer Kunst-Bühne, die ihm die Gesellschaft zur Verfügung stellt, personalisiert in Galeristen, Museumsdirektorinnen, Käufern und Ausstellungsbetrachtern. Alle diese Verfremdungen wollen innere und äußere Welten verdeutlichen; die Verzerrung und Überdehnung ist ein altes Mittel der Kunst, wir erleben es in unserer Zeit besonders vielfältig. Ich finde diese Bühnenwelten sehr unterhaltsam und passend zur Welt, in der wir leben.

Wir verabschieden uns schon längst von der Haltbarkeit künstlerischer Werke; erinnert sei an Alexander Calders sehr zerbrechliche Mobiles und Tinguelys Kunst-Maschinen, die immer klappriger werden. Die in Kauf genommene schnelle Vergänglichkeit des Kunstwerks spiegelt die Marktgesetze von heute wieder, die sich radikaler als je zuvor auch auf die Menschen und ihre Werke erstrecken. Ihre Kritik ist dem Kunstwerk immanent, und zwar nicht resignativ, sondern einigermaßen lustvoll. Nimm's leicht, kann man dem konservativen Kunstliebhaber zurufen, viele dieser Werke filtern sich selber aus der Kunstwelt und sind, ehe sie Patina ansetzen, weg vom Augenfenster.

John Bock: ‚Beckett-Raum’ („Glückliche Tage“)

Alles in allem handelt es sich – wieder einmal – um eine neue Kunstbegriffserweiterung: Viele Kunstwerke haben so lange Bestand wie Bücher, die für einige Zeit vielleicht Bestseller werden, dann aber wieder verschwinden und vergessen werden. Nach solchen Maßgaben stilisiert sich ein ‚häutiger’ Künstler, in diesem Bewusstsein erschafft er seine Werke, und seine Künstlerexistenz wird so lange dauern, wie er Werke produziert, die mit seinem zur Schau gestellten Künstlerleben korrespondieren. Das ist nichts Neues. Joseph Beuys hat sich selbst aufgeführt – viele seiner Werke stehen inzwischen wie Gammelware und Ladenhüter in den Museen herum und langweilen ohne die Beseelung durch ihren Meister, sie sind nur noch Indizien seiner Ideen und seiner Performance. Ob sie in den Augen und Gehirnen späterer Generationen noch einmal lebendig werden, weiß keiner.

John Bock: ‚Office’

Ich sehe die gegenwärtige Kunst wie Rauterberg als Ausdruck der Erschöpfung einer Gesellschaft zwischen Besinnung und Sensation. Das ist allerdings seit über einhundert Jahren kaum anders gewesen. Was Zeit und Mode herausfiltert, bleibt abzuwarten. Prognosen sind schwierig. Unsere Gehirne und Gefühle unterscheiden sich von den Marktgesetzen nicht so sehr, wie wir uns das oft einbilden – sie sind launisch wie die Ereignisse, die sie bewirken. Es ist nun einmal so: Gott kämpft so vergeblich um seine Identität wie wir, und er weiß auch nicht, wie er morgen oder übermorgen denkt und was er schön findet. Die Mona Lisa zerfällt, ihr schwebendes Lächeln wird einst zur reinen Idee, bis auch sie zerfällt und vergessen wird. Kunst wird es so lange geben, wie Gott zur Arbeit geht. Erst wenn die Menschheit ausstirbt, ist Feierabend – auch für die absolute Kunst.

Fotos © Ulrich Bergmann

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge