Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Die Waldregel

Gedanken zu Tradition und Originalität
Hamburg

Der nordchinesische Dichter Wen Tingyun schreibt:

In ihrer Hand ein goldener Papagei
auf ihrem Busen ein gestickter Phönix
sie blickt ihn verstohlen an, um ihn einzuschätzen.

1200 Jahre sind diese Verse alt. Mühelos scheint es Gedichten immer wieder zu gelingen, Zeit zu dehnen oder aufzuheben. Die Bewegung über Jahrhunderte hinweg lässt sich manchmal oberflächlich damit erklären, dass wie im vorliegenden Fall die Übersetzung neueren Datums und heutigem Sprachgebrauch angepasst ist. Doch warum gelingt der Sprung auch den Originalen?

Gleichgültig, wohin man außerhalb Europas oder in Europa (vor dem 19. Jahrhundert, aber auch später) blickt: Dichtung versteht sich aus dem Bezug darauf, was bereits gedichtet ist. Vorhandenes wird eingebunden, verändert, wiedergebraucht, gute Ideen (und manchmal auch schlechte) leben fort. Nicht, weil - wie das Klischee in manchem Kopf meint -, (frühere) Dichter sich mit Fremdem schmücken wollten. Weil sie, hoffnungslos autoritätenhörig, kein Verständnis von Schöpfung und Originalität besaßen. Nein: sie hatten entdeckt, dass sich durch den Rückgriff auf Traditionen poetischen Sprechens Zeit über Menschenleben hinaus intensiv verbinden lässt. Das Nicht-Erzählen oder Immer-wieder-das-Gleiche-Erzählen der Poesie eröffnet ihr den unerwarteten Freiraum, nicht vorwärts (zählend) zu handeln, sondern rundum.

Das Wort ‚Tradition‘ führt indes rasch in die Irre („gute alte Hausmannskost“). Für die Poesie bedeutet Tradition Denken in Netzen: Ausspannung des Hör- und Sprachraums über Zeiten und eigene wie fremde Sprachformationen hinweg. Dichtung war und ist DJ-Kunst, Theaterwortauftrittsunterhaltung, die Mischen wichtig nimmt – schon Wen Tingyuns Gedicht wurde auf die Melodie eines anderen, bekannten Textes gesungen.

Vor kurzem hörte ich beim Autofahren eine Radiosendung über das Wandern. Unisono hoben die Wanderer hervor, das Wichtigste am Wandern sei die Bewegung. Indes: die habe ich auf dem Laufband im Fitnessstudio. Psychologen und Wanderveranstalter, die das Expertengespräch bestritten, meinten denn auch, dass Waldwandern entspanne, weil Wald die für das Wesen Homo sapiens günstigste Mischung zwischen Reizarmut und Anreiz bietet. Die Reize einer Frau oder eines Mannes heißen ebenfalls nicht zufällig „Reize“:  reizend gereizt – also aufregend genug, um selbst wach zu bleiben und ein waches Gegenüber vorzufinden.  Angestachelt will man sein, doch nicht zu sehr, sonst nimmt an Frau, Mann oder im Wald der Stress überhand.  

Das zugehörige poetologische Prinzip könnte ‚Waldregel‘ heißen. Es hat zumindest eines für sich: man hat es weltweit jahrhundertelang mit Erfolg umgesetzt. Die Waldregel sagt: Ein gutes Gedicht ist neu, wird einem aber nicht übergestülpt und schlägt einem auch nichts auf den Kopf. Ich bitte an dieser Stelle dringend um Widerspruch: Gedichte, die einen auf den Kopf hauen, sind manchmal genau das Richtige. Wunderbar, dass es sie gibt. Doch auch sie benutzen Althergebrachtes, denn sie leben von Überraschung, Umkehr und Tabubruch. Wirksam wird Tradition in jedem dieser Fälle. Sie selbst ist der Wald: Anreiz und Stressreduktion, Beruhigung sowie Spiel-, Denk- und Erfindungsmaterial.

Tradition gehört zur Dichtung: so weit so gut. Und doch: warum? Ja, sie hilft bei den Versuchen,  über Zeitgrenzen hinwegzureichen. Doch gibt es einen zweiten, essentielleren Grund. Dichtung ist traditionsorientiert, netzdenkerisch in dem oben erläuterten Sinn, weil ihr Material, Sprache, sie dazu zwingt. Dichtung ist traditionell, weil Sprache ein zeitgeschichtetes, immer historisch gewachsenes, vielfach in andere Sprachen und Sprechweisen hinein vernetztes, ständigen Veränderungen unterworfenes Gebilde ist, das Wissen und Kompetenz des einzelnen Sprechers übersteigt. Die Möglichkeiten ihrer Kombinationen, die Regeln zur Veränderbarkeit ihrer Regeln, der ständige Einfluss anderer Sprachen in Grammatik und Vokabular erzeugen einen endlich-unendlichen Raum. Wer über Jahrhunderte Formen weitergibt, an denen jeder neu sich übt, hat Fortschrittsdenken hinter sich. Ausschlaggebend wird der in sich stimmige, berührende Sprachblick auf ein Stück Welt, welcher Größe auch immer, wo auch immer.

Die Erfindung des Individuums und freien Künstlers im frühen 19. Jahrhundert stellte ein neues Konzept auf den Thron: Originalität.  Gern verbinden wir seither Neuheit automatisch mit Originalität – das Verständnis für eine Originalität des Kombinierens scheint uns eher fern zu liegen, wenn nicht suspekt zu sein. Es lohnt sich, über diesen kulturellen Halbautomatismus nachzudenken. Mir halfen dabei Musik (der indische Raga), Gedichte in Urdu (die das Ohr begriff) und der deutsche Minnesang. Seither ahne ich, dass man für Fixiertheit auf Individualität und Originalität einen Preis zahlt: man verliert das hemmungslose, fließende Genießen (wer das Konzept kennt, mag an Julia Kristevas jouissance denken) der Tradition und der Schönheit ihr Verwandlungen, die in exakt der richtigen Mischung von Vertrautheit und Neureiz berühren.

Mehr noch: wir sind in diesem Bereich gerade was die Verteidigung von Originalität angeht, extrem empfindlich geworden. Unser digitales Luxusleben des kostenlosen, raschen Zugriffes bietet extreme Möglichkeiten der „originellen“ Kombination (und damit verbundener Leistungserschleichung). „Plagiat“, „geistiges Eigentum“ heißen die Stichworte. Zu Recht. Sie zeigen, wo wir stehen: Die Rechts- und Geldordnung des postrevolutionären 19. Jahrhunderts, die das Individuum zum Subjekt aller Handlungen erhob und in der Kunst das inspirierte Genie feiern wollte, stößt heute an eine technisch induzierte Bruchlinie, an der neu zu verhandeln sein wird, was wie viel Geld wert sein soll, was welche Verantwortung nach sich zieht und welche Bedeutungen es trägt.

Jeder wird sich die für ihn relevante Schreibtradition nach Ansprachemöglichkeit (wo liegt sein inneres Gehör), nach Kanon (was ist wie übersetzt), Zufall (was entdecke ich) und Neigung zusammentragen. Halb sucht man, halb findet man, halb geht man absichtlich vor, halb lässt man geschehen und auf sich zukommen – vielleicht auch den ein oder anderen Gedanken darüber, wie man als Autor spricht: als wer? Und womit? Wie ‚individuell‘ und wo von den eigenen kulturellen Prägungen bestimmt – und auch eingeengt?

Die ‚Waldregel‘ (der Anspruch an Literatur, neu und vertraut in einem zu sein) ist selbst ein Stück Tradition. Im vierten Kapitel seiner Anleitung Zur Deutschen Poeterey von 1665 fasst August Buchner ihn in einen wunderbar verdrehten Satz, der auf reizende Weise den Selbstgebrauch des Poeten streift.

WAs sonst ferner ein Poet bey der Rede zufoderst in acht zu nehmen / und worinnen etwa die Art / derer er sich zugebrauchen / welche oben angedeutet ist / von der gemeinen nicht wenig unterschieden ist / bestehe / wollen wir mit wenigen andeuten / und anfaÆnglichen zwar / weil sein Zweck zubelustigen ist / und aber solches zu foderst erhalten wird / wenn man immer etwas neues hervorbringet / so hat er dahin fleissig zu sehen / dass er eine Rede auf viel und mancherley Weise abwechseln und verÆndern kŒnne /damit ob er gleich von einer Sache rede / dieselbe doch immer eine neue Gestalt gewinne / und also ausser allem Eckel seyn mŒge.
 

 

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