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Essay

Inspiration

Ein in der Vorweihnachtszeit häufig benutztes, phathosverdächtiges Wort.
Hamburg

So geht es nicht. Es geht nicht. Ein Gedicht herzustellen wäre nicht so schwierig: „schreib doch mal ein Sonett“. Bitte sehr. Oder ein anderes Gebilde, das jedenfalls graphisch wie ein Gedicht aussieht. Das Handwerkliche beherrscht man, und doch bleibt das Produkt falsch: es wird nicht mehr als seine Form. Etwas läuft innerlich leer, zumindest für mich, ich würde diesem Gedicht selbst nicht glauben, kein Wort.

Ihm fehlen ein Stück Notwendigkeit und Wahrhaftigkeit. Die es nicht in Stücken gibt, die sich aber sprachlich verkörpern können. Große Begriffe sind damit ins Spiel geraten, doch glaube ich, dass sie mit dem Wort ‚Inspiration‘ eng verknüpft sind, ja, dass die Vorstellung von „Inspiration“ aus dem Bereich der Notwendigkeiten und Wahrhaftigkeit rührt.

Inspiration meint eben nicht den bloßen „Einfall“. Einen Einfall, besser mehrere, braucht man auch beim gelegenheitlich-handwerklichen Verfassen eines Sonettes. Inspiration hingegen zielt auf ein unwahrscheinliches Zusammenkommen, das in dem Augenblick, in dem es geschieht, etwas evident und unabweisbar macht. Inspiration hat mit Klarheit zu tun, der Klarheit eines inneren Sehens, „so und nicht anders“, und mit der Möglichkeit, einen Text nun zu schreiben, in der Schaukel des Augenblicks, der zwei Minuten dauern mag, oder auch einmal zwei Tage. James Joyce sprach von Epiphanien oder epiphanischen Augenblicken, und als ich als Studentin davon hörte, verstand ich trotz verschiedener Erklärungen nicht recht, was er meinte. Die religiöse Grundbedeutung des Wortes ‚Epiphanie‘ (unvermutete Manifestation einer Gottheit), machte es mir nicht einfacher. Erst mit der Zeit setzte sich ein Bild zusammen: Joyce versucht, von einem Zusammenkommen verschiedenster Sinneseindrücke zu sprechen, von einem durchaus diesseitigen, in diesem Diesseits aber nicht erschöpften, sich Zeigen der Welt in neuen Zusammenhängen, das eintritt oder nicht, dessen Eintreten man fördern, nicht aber erzwingen kann.

Das Wort ‚Inspiration‘ ist pathosverdächtig und ebenfalls christlich aufgeladen. Die alten Wurzeln der Dicht- und Schreibkunst im Religiös-Kultischen scheinen hier hervor, aber auch das Tasten nach einem Namen/einer Bezeichnung für einen Vorgang, der „normales“ Sprechen und „Wahrnehmen“ verschiebt bzw. für einen Augenblick verlässt.

Gedichteschreiben. Ich fühle am vorweihnachtlichen Schreibtisch, was fehlt, weiß, worauf ich warte, ahne, wie ich es herbeiarbeiten kann, um dann erneut warten zu müssen auf das Außer- oder Randständige des Augenblickes eines Einfalles, der über sich selbst hinausgeht – weil er mehr als das Denken umgreift, sondern hinüberreicht in eine Art Wort-Fühlen. Gerard Manley Hopkins‘ „Unwucht“ kommt mir zu Hilfe, eine Unwucht, die er beim Dichten verspürt, „instress“ nennt er sie. Ich verstand zunächst die „Nachinnenbetontheit“ eines Wortes, seine Energierichtung und –anstrengung in die Sprache. Man spürt diese „Unwucht“, wenn man ein Wort daraufhin abklopft, wie es zu „Welt“ steht. Für ‚fünf‘, ‚Tasse‘, ‚und‘, ‚ich‘, ‚Einhorn‘ oder ‚jetzt‘ müsste man hier ganz unterschiedliche (Bedeutungs)Geschichten (in weiteren Worten) erzählen. Wie spiegelt Wirklichkeit sich in einem Wort – wie lebt sie in ihm, was bildet sich ab, wie verzerrt sie sich und reicht doch, wunderbarerweise (?), über das Wort hinaus. Dazu gehört, dass jedes Wort nur als Teil einer Sprache und ihrer Grammatik ist, was es ist; dass es, wie bei Zahlwörtern oder dem scheinbar einfachen ‚oder‘ deutlicher als bei Worten, die scheinbar wie Namen (für Gegenstände) funktionieren, seine Bedeutung nur aus dem System selbst heraus hält, aus seiner Bewegung und seinen Anschlussstellen im Gebäude der Sprache.

Zugleich erfasst „instress“ – und hier beginnt, was über den Einfall hinausgeht - das Wort selbst als Klang, Länge, Silbigkeit und Geschmack. Im Augenblick der Inspiration kommt das vielleicht noch nicht zum Tragen, aber es ist in ihm enthalten, “wie von selbst“.

Hier nimmt es seinen Ausgang.

Denn auch das meint Inspiration oder Epiphanie oder Moment des dichterischen Erfindens (nicht das Dichten selbst - es umfasst mehr): dass etwas geschenkt wird – ein Zusammenfall oder -schuss, der in rasender Geschwindigkeit oder in Zeitlupe, oder paradoxerweise in beidem zugleich vor sich gehen mag. 

Mitte September saß ich an einem See. Ich war mit jemandem gekommen, den ich nicht gut kannte, aber mochte. Unsicher, etwas müde, blieb ich für eine Weile allein. Die noch warme Nachmittagssonne blendete, ich wurde ruhiger, fühlte, wie der Steg sich unter mir bewegte, sah Spiegelungen in der Ferne, gebrochene Binsen und Schilfe in der Nähe, sie trieben neben mir. Die verdickten Ringe an ihren Stängeln dort, wo die Gewächse besonders stabil scheinen, glühten rot; kreuz und quer lagen sie, schwebten im Wasser, beschaukelten die Halme, die noch rauschten. Auch diese Gräser fielen einmal um, irgendwann dachte ich ‚Mikado‘, und griff ins Wasser, es war kalt, ein fremdes Spiel. Zusammenschossen die Nachmittagszeit des Sees, die Farben, das Muster der Halme, das geblendete Auge, das gespannte Ohr, das Schaukeln der Wellen, Gräser, Fragen und Spiegelungen, bis ich eine „Stimme“ hörte – wobei „Stimme“ zu viel Körper suggeriert. Besser: einen Ton, die Möglichkeit einer Ton-Lage (Rhythmus, Sinn, Wörtlichkeit), und fing an zu schreiben, im Kopf. Der Augenblick war nicht spektakulär (spektakulär nur für mich), der Anfang eines Fadens, ein Gewirr aus Fädchen, die sich zeigten und mir etwas greifbar machten. Ich saß darin und sah mir zu, sah den Binsen und ihrem zukünftigen Fallen zu, das ich jetzt sah, sah die schwarzgraue Oberfläche des Sees und seinen Boden, hörte etwas aus mir selbst und vom See, zugleich. Spiegelung, Projektion, ein Zusammenschuss – In-Spiration als In-Tonation, intensive Anwesenheit. Stehend anwesende, aus sich leuchtende Umgebung, weit in Raum und Zeit, gefüllt mit Denk-Gefühl und gefühltem Denken, auf Sprache (unwuchtig) hingedreht. 

Jedes aufgeladene Wort hat sein Gegenwort, das eben jene Grimassen zieht, die das Pathos des Counterparts nicht erlaubt. Mein Balancewort zu ‚Inspiration‘ ist Verquickung. Ich mag es, weil es so eigensinnig deutsch ist. Auf Englisch verliert es allen Charme, man kann es nicht „richtig“ übersetzen, sich nur annähern mit dem flachen „combination“. Da ahnt man, was fehlt. Das „quick“ zum „ver“, das ansonsten noch in „quicklebendig“ steckt und in „erquicken“ sein Wesen treibt, kommt aus dem Niederdeutschen und meint „keck“. Inspiration ist drehende Munterkeit und quecksilberische Selbstbewegung durch Mischung, neugierig, beherzt und rasch unternommen.

Gedicht: die sich anschließende Arbeit des Lesens und Prüfens, Hörens und Vortragens. Gedicht: vielleicht zehn in einem Jahr. Und zuvor jener unfassbare Beginn. Was keineswegs auf Magie verweist: wer darüber nachdenkt, wo oder wie etwas anfängt, gerät regelmäßig in einen endlosen Regress der Anfänge. Womit eine weitere Bedeutung des Wortes ‚Inspiration‘ – und vielleicht seine wichtigste -, zum Tragen kommt: dieses Wort ist ein als Wort getarnter Punkt. An den Anfang gesetzt, um alle Fragen nach diesem Anfang durch seine Uneinholbarkeit zum Schweigen zu bringen – und zugleich noch einmal zu stellen.  Weil es dieses Erlebnis ja doch gibt: eine nicht steuerbare, befallend überfallende und benutzende, verlangsamende und beschleunigende Vermischung setzt ein. Keck, lebendig und mutig rührt sie Bilder des Körpers in verschiedenen Sinnen zusammen. So dass ich das An-stehen und Dasein dessen, was in Worten erscheint, spüre, weil ich zugleich spüre, wie die Worte das, worauf sie zielen (sie bezeichnen es nicht, sie kleben nicht darauf), erscheinen lassen (in welchen Rändern, Mustern, nach welchen Ordnungen)– wie es darin in Rhythmus, Sinnlichkeit der Sprache selbst, in Unwucht und instress – Betonung nach innen - der Wörtlichkeit/Verfasstheit in Sprache - sich bewegt  - und darüber hinausreicht, ein Stück verkörperter oder geronnener, zu einem seltenen roten Faden gebündelter Exterritorialität, die in der Bewegung der Worte auf der Seite und in einem selbst, im Lesen, als Spur ihrer selbst, Abbild des Abbildes, anwesend und fühlbar und denkbar wird.

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