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Brauen und brauen lassen

Gedanken zu Christa Wißkirchens Essay „Ist Lyrik peinlich?“
Hamburg

Ob Lyrik peinlich sei, fragt Christa Wißkirchen geradeheraus in ihrem Essay und hebt treffend und amüsant an, freilich auch ein wenig bedrückend, den Geschmack der Mehrheit zu untersuchen, also der Nichtlyriker, Nichtlyrikredakteurinnen, Nichtlyriklektorinnen, Nichtlyrikkalenderherausgeber. Die Szene, um die sich alles dreht, führt uns an den Familientisch der Gebildeten unter den Verächtern der Lyrik. Bei diesen „ehrenwerten Mitbürgern“ darf sich das Gespräch durchaus um anspruchsvolle Bildungsthemen, gar um existenzielle Fragen drehen. Das Thema Lyrik wird jedoch so standhaft gemieden wie das Thema Gott, es scheint nicht berührbar, und sollte es je zur Sprache kommen, würde es vermutlich taktvoll übergangen wie ein ungewollter Ausrutscher ins Obszöne.

Wieso eigentlich? So ließe sich nun weiter forschen. Gibt es dazu Aussagen, die vielleicht ein wenig über Christa Wißkirchens „Pars pro toto“ einer zeitgenössischen Bürgerfamilie hinausgehen? Entscheiden wir uns ein paar Leseminuten lang für ein „Audiatur et altera pars“ und lassen die vorläufig Angeklagten sprechen, zum Beispiel über ihre Gleichgültigkeit gegenüber zeitgenössischer Lyrik, die ihnen gelegentlich angeboten wird.

Die zahlreichen Aussagen lassen sich rasch bündeln: Man kenne sich sowieso mit Gedichten kaum aus. Es habe einem schon zu Schulzeiten nie eingeleuchtet, was der Dichter sagen wolle, und man sei dafür getadelt worden. Die Lyrik vertrete kleinlichste Interessen einer Minderheit, man habe dagegen in der Regel wirkliche Probleme zu behandeln. Zum Enträtseln seltener Sprachgebilde bleibe folglich am Feierabend keine Zeit.

Wer könnte da diesen Angeklagten verübeln, dass ihnen Verse von A wie Ach bis Z wie Zucker offenbar weder Vergnügen noch Nutzen bringen würden und sie gleichzeitig am Abend den Geist von allen seinen Werken ruhen lassen wollten?

Doch gute Lyrik, so zeigt Christa Wißkirchen auf, bewegt sich durchaus auf dem Boden des ganz Alltäglichen oder Allnächtlichen, sie entdeckt gar den öden Getränkemarkt als Szenerie und „Sprachstein“ (Christa Wißkirchen) für ein Gedicht, sie blättert den Lesenden im Bekannten neue Welten auf. Was freilich bisweilen auf Podien unter Tischlampen matt und tonlos oder auch abrupt und verdrießlich dargeboten wird, wirkt im ersten Augenblick tatsächlich nicht viel erfrischender als Deutschstunden, die quälend um die richtige und notenrelevante Auslegung von Gedichten kreisen. Als ähnlich ermüdend nehmen willige Erstkäufer von Lyrik wohl auch Gedichtbände wahr, in denen jegliche Informationen zur ihrer Entstehung  streng zurückgehalten werden und der Text als König vom Kunden in stiller Besinnung ohne Hilfsmittel intelligent wertgeschätzt werden soll.

Wie lässt sich unter diesen Umständen der Geschmack anspruchsvoller, welthaltiger Lyrik, besonders zeitgenössischer, (zurück) in die gute Stube bringen? Ist das überhaupt nötig? Ist es von den Dichtern erwünscht?

Die Schweizer Literaturzeitschrift „orte“ wagte vor einiger Zeit ein Experiment: Sie wählte für eine Ausgabe das Thema „Die Geschichte hinter dem Gedicht“.* Die Nummer hatte ein gutes Echo, Fortsetzungen wurden verlangt. Die Geschichten zur Wahl von Gegenstand, Form und Klang von Gedichten sprudelten, sie schienen darauf gewartet zu haben, ebenfalls gehört zu werden und den Gedichten ein Heft lang zur Seite zu stehen. Einzelne Stimmen im Heft warnten: die Rückverwandlung eines Gedichts in etwas Greifbares sei ein bequemer Irrweg, der der Lyrik schade. Die meisten Autoren verstanden ihre Geschichte jedoch als Einzelaktion, als Zugbrücke – also keinesfalls als ständige Einrichtung vertraulichen Dichtergeplauders.

Doch verständen diesen Ansatz nicht auch die lyrikfernen, fröhlichen Tüchtigen – Christa Wißkirchen bringt hier die Namen Hans Hansen und Inge Holm ins Spiel, die der Protagonist Tonio Kröger in der gleichnamigen Künstlernovelle Thomas Manns bewundert –? Natürlich: Etwas kann etwas auslösen, kann von einer Form in die andere wechseln, kann im Rahmen womöglich besser strahlen oder stärker schmerzen. Etwas kann gesungen werden, gekocht oder eben: in Verse gebracht werden, die es wiegen, lähmen, biegen, zur Raserei, zum Schimmern und zum Hinken bringen. Und „etwas“ kann eine Folge von Monden sein, von hellen Vokalen oder (sofern der Dichter kein gnadenloser Schwarmgeist ist) von Bürotagen, Käsesorten oder politischen Voten, die so ungeschickt sind, dass sie schon wieder schöpferisch wirken.

Haben nun Lyrikferne gleichsam beim einmaligen Ein- und Austreten über die Zugbrücke erste Geschichten zu Gedichten vernommen (und darauf die Gedichte erneut geschmeckt), so kann es passieren, dass sie mit der Zeit anfangen, den Abgeordneten aus der Welt des „Hohen Tons“ (Christa Wißkirchen) selber Ideen für Lyrik zu liefern. Natürlich werden zunächst Sonnenuntergänge und Nebeltage als besonders geglückte Einfälle angeboten werden, einfältige Ausdrücke zur Verbesserung eines Entwurfs vorgeschlagen werden. Warum auch nicht? Denn wenn sich die Lyrik nicht als Ersatzreligion mit einer exklusiven Dogmatik versteht, können verpönte Themen ins Spiel kommen und angesagte Themen verworfen werden, und zwar auch von den Nichteingeweihten am Familientisch. Vielleicht liefern gerade sie früher oder später den Baustein zu einer noch schmerzhafteren oder kraftvolleren Umbenennung der Dinge in einem Gedicht (dem sie als Mitspielende in der Folge leichter zugetan sein können).

Wahrscheinlich bleibt, dass trotz eines neuen Zusammenspiels am genannten Familientisch nach wie vor ein wichtiges „Defizit fehlt“, wie Christa Wißkirchen diagnostiziert, eine Dünnhäutigkeit, eine Abgründigkeit, die dazu führt, die Wechselfälle des Lebens immer wieder neu und nicht nur gelegentlich in die Engführung einer besonderen Sprachform zu fassen und damit zu weiten. Doch warum sollte hinter diesem Defizit nicht auch eine glückliche Fügung stecken? Natürlich bleiben Hans und Inge, die lieber tanzen, als Schillers „Don Carlos“ zu lesen, ambivalente Charaktere. Aber sie machen sich in ihrer Unbefangenheit und Kompaktheit auch nicht willkürlicher Verweigerung einer empfänglicheren Lebensart schuldig. Vielmehr entflammen sie, ohne es im Geringsten wahrzunehmen, das künstlerische Bewusstsein des Protagonisten.

„Scharfen, aromatischen Sud“ nennt Christa Wißkirchen den Trunk, den die Dichter, „bei Nacht und Nebel“ ihren „Kunden“ nahebringen, die genauso heimlich und schamhaft aus „außerhalb der Häuser bereitstehenden Näpfen“ davon trinken. Gehen wir davon aus, dass sich der eine oder andere Dichter seiner Klientel innerhalb eines Hauses durch freimütiges Berichten und Spielfreude bereits ein wenig angenähert hat und ihr sogar bei Tageslicht seinen „Sud“ einschenken kann.

Vielleicht ist das Gebräu zunächst abstoßend. Doch: Wie viele Jahre braucht ein Mensch, um besonders Bitteres, Saures, Geräuchertes in kleinen Dosen zu schätzen, starken Kaffee, Kapern, Ingwer, alten Whisky? „Scharfer, aromatischer Sud“ kann nie zu einem Grundnahrungsmittel am Familientisch derjenigen mit dem „raschen Menschenverstand“ werden. Aber er kann bei gemeinsamen Mahlzeiten durchaus zum überraschenden Bestandteil werden. Vielleicht werden die Tatkräftigen mitunter stutzen, ein ebenso überraschendes Gewürz hineinwerfen, sogar ein bisschen mitkochen – oder den Dichter zumindest aufmerksamer als zuvor beim Brauen beobachten.

 

* orte – Schweizer Literaturzeitschrift. Nr. 164, August 2010: Die Geschichte hinter dem Gedicht: Den Faden finden. Hrsg. von Werner Bucher und Virgilio Masciadri, orte-Verlag, Oberegg AI, S. 14-51. Mit Beiträgen von Erwin Messmer, Hans Mühlethaler, Fred Kurer, Rudolf Bussmann, Jörg Neugebauer, Hans Gysi, Markus Manfred Jung, Horst Samson, Ursula Gut, Viviane Egli, Kathrin Schmidt, Clemens Umbricht, Andreas Saurer, Jörg Bernig und Joanna Lisiak.

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