Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Der Friedrich Gentz der Popmusik

Von der Romantik bis heute – Über Verehrung und Kritik
Hamburg

1820 schrieb Rahel Varnhagen in ihr Tagebuch, Goethe habe einen Schlaganfall erlitten. „Darüber muß ich ganz schweigen: auch in mir.“ Über die Vorstellung, dass ihr Leitstern erlöschen könnte. Ein Leben lang hat sie seine Literatur verehrt, ihm literarisch nachgeeifert, mit seinem Einverständnis in Cottas Morgenblatt über Goethe einige Briefe veröffentlichen dürfen, ihm weitere Schriften zugesandt, ihn in Frankfurt getroffen. Ihre tiefe Verehrung verschließt sich in diesem Schweigen. Und erstreckt sich zugleich über ihre gesamten hinterlassenen Aufzeichnungen und Tagebücher. Darin zeichnet sie ein Bild von Goethe, das sich aus Elementen der Idolatrie speist, wie sie bis heute, zweihundert Jahre danach, kennmerkend sind. Mit seinen Texten versucht sie sich selbst auszudrücken, buchstäblich, indem sie Zitate verwendet, indirekt, indem sie ihr Angezogen-Sein durch die Texte in einer empfundenen ‚Wahlverwandtschaft‘ mit dem Autor zu erhellen sucht, in ihrem eigenen Schreiben. Dabei achtet sie genau darauf, wie andere Goethe wahrnehmen, deuten, ihm nacheifern, ihr Salon wird zum Zentrum des Berliner Goethekults, der emphatische Enthusiasmus – wie der Verehrte ihn für sich selbst in Anspruch nimmt –, mischt sich mit Neid auf andere, die Liebe zu ihm steigert sich noch in geteilter Abscheu. Die romantische Durchdringung von Leben und Werk duldet Kritik, aber keine der Verehrung selbst, der Hingabe; die Lektüre wiederum ist intim und bietet Orientierung, für das Persönliche wie Öffentliche zugleich. Varnhagen träumt selbst von Goethe, im Abstand von zwanzig Jahren. Poetik, Literaturbetrachtung, Soziologie, Psychologie – was theoretisch auf die Art zu trennen wäre, spielt hier nahtlos ineinander.    

Jeder Autor ist zunächst Leser, und nur die Begeisterung lässt einen langfristig zum Leser werden, die Begeisterung für die Bücher anderer. Jeder Autor ist zunächst Fan, um es im heutigen, kapitalistisch-popkulturellen Duktus zu sagen. Rahel Varnhagens Verhalten ist dafür beispielhaft, wie sie auf allen Ebenen um das Objekt ihrer Begierde agiert – schreibend, reflektierend, träumend, werbend, organisierend, verbreitend, wettstreitend, bis hin zum Annäherungsversuch an das Objekt selbst, in Gestalt des Autors. Nun mag man über die Bedeutung des begehrten Objektes streiten, wenn es um den Vergleich anspruchsvollster Literatur und Popkultur geht. Der Typus des glühenden Anhängers und sich selbst darüber zu verwirklichen Suchenden ist jedenfalls von der Romantik bis in die Gegenwart wirksam, er gilt in der klassischen Musik ungebrochen, wenn aufstrebende Virtuosen ihren Vorbilder in Meisterklassen nachstreben und vergleichbar auch in den bildenden Künsten, wenn Affinitäten über Karrieren und Netzwerke entscheiden. Dabei zeigt sich ebenso der Typus des enttäuschten Verehrers, prominent in Friedrich Nietzsche, der gegenüber Richard Wagner seine kunstphilosophische Abrechnung 1888 präsentierte, mit dem Pamphlet Der Fall Wagner.

Der Bruch damit geht zugleich mit der Fortsetzung glühender Anhängerschaft und ihrer Varianten einher. Die Formel von der Dialektik der Aufklärung, die Theodor W. Adorno und Max Horkheimer 1944 ausgaben, bringt das nach wie vor auf den Punkt: Die völlige Selbsttransparenz der Aufklärung wird sich selbst zum Mythos, überwindet das Mythische nicht. Auf Anhängerschaft und Selbstverwirklichung angewendet: Die kritische Einstellung um ihrer selbst willen ist selbst ein Regress der Kritik, überwindet das Enthusiastische, Affirmative, Begehrende nicht. Wenn Roland Barthes meinte, nur der Mythologe sei nicht selbst empfänglich für das Mythische – wie der ‚Mythenproduzent‘ (Künstler) oder der ‚Mythenleser‘ (Anhänger) –, dann täuschte er sich. Auch der Standpunkt des distanziert Betrachtenden ist von einer Leidenschaft dafür geprägt. Es gibt kein Wissen jenseits des erotischen Enthusiasmus, das gab schon Platon mit auf den Weg.

Wofür aber steht der Bruch? Und wie kam es zur Fortsetzung? Der Bruch basiert auf mehreren Unterscheidungen: Dass man Leben und Werk zu trennen habe, Fiktion und Wirklichkeit, Wissen und künstlerische Arbeit, das Verdienst des Einzelnen und den Einfluss seiner Umwelt. Die Lehre aus der Dialektik der Aufklärung besteht im Bewusstsein dafür, mit dieser Trennung immer nur einer Seite des Verhältnisses gerecht werden zu können. Aus der Kritik am Mythos wurde eine Kritik der Kritik am Mythos – mit einem Wort Adornos: negative Dialektik. Und während sie die Philosophen beschäftigte, brach sich eine ganz andere Entwicklung bahn, und zwar die technologische Durchdringung der Alltagswelt, vom Telefon über das Grammofon, das Radio, den Fernseher, Computer bis hin zum Internet. Sie wirkt jeder verinnerlichenden Selbstvergewisserung entgegen, zugunsten sich ständig erneuernder Anschlussfähigkeit und Mitteilbarkeit, global inzwischen in bits and bytes. Sie ist zur Lebensader des Kapitalismus geworden, zum Spielfeld der Popkultur. Und in ihr hat der kritische Anspruch ebenfalls Wurzeln bzw. Rhizome geschlagen, von Charlie Chaplin angefangen, über dessen kritische Bedeutung schon Walter Benjamin und Adorno uneins waren. Anspruch ist nicht länger eine Frage von Disziplin und Umfeld – in jedem Bereich wächst er sich aus, differenziert er sich, wird er historisch reicher und vielfältiger. So absurd war es nicht, als Leonard Bernstein die Beatles mit Schubert verglich.

Das bedeutet auch, dass die Idolatrie heute diesem Bruch wie auch dieser Fortsetzung geschuldet ist: Aus der Begeisterung erwächst ein kritischer Umgang, der sich am redlichen Anspruch messen muss wie daran, nicht in die Falle des Zynismus zu tappen und ein kritisches Bewusstsein um seiner selbst zu behaupten, dass es so nicht geben kann.

Für einige kritische Popfans wurde 2017 zum annus horribilis, als der britische Sänger Morrissey, der einst von links gegen Margaret Thatcher gestartet war, nicht länger Rechtsradikale nur thematisierte – wie explizit seit dem Lied The National Front Disco von 1992 –, sondern sich im Fahrwasser seiner Unterstützung für die Brexit-Befürworter demonstrativ der neugegründeten, rechtspopulistischen Partei For Britain anschloss. Vielen „brach es das Herz“, wie Kollege Billy Bragg schrieb. Darüber mag man mit den Achseln zucken. Im deutschsprachigen Raum wäre es vielleicht damit vergleichbar, als wenn der als umsichtig und linksintellektuell geltende Sänger Jochen Distelmeyer sich plötzlich zur AfD bekennen würde. Wem die Kunst von Distelmeyer und seiner popkulturell durchaus einflussreichen Gruppe Blumfeld nicht wichtig erscheint, den wird das nicht weiter berühren. Hier jedoch erinnert die Popkultur daran, was einer Rahel Varnhagen bereits selbstverständlich war: dass man Leben und Werk unterscheiden muss, und zugleich sein eigenes Leben und Orientieren damit ausrichtet, beides nicht so säuberlich zu trennen ist, wie es negative Dialektiker zu behaupten versuchten.

Innerhalb der Popkultur gilt es also die kritischen Binnengrenzen stets neu auszuloten. Und das betrifft nicht nur künstlerische Fragen, vielmehr auch die nach dem Verhältnis von künstlerischer Integrität und dem Bereich, der Integrität allgemein verleiht: das Ethische. Insofern bleiben kritische Popfans sensibel für eine Verbindung, die mit dem Anspruch an Leben und Werk entsteht.

Die Frage an Morrissey ist jene, ob er als öffentliche Figur mit seiner Parteinahme dabei hilft, gesellschaftliche Kräfte salonfähig zu machen, die Hass und Ausgrenzung postulieren, auf die Gefahr hin, dass Worten auch Taten folgen, wie sie nach wie vor in extremen Formen auftreten, in fremdenfeindlicher Gewalt zum Beispiel oder gar in Morden an politischen Gegenspielern wie der Brexit-Gegnerin Jo Cox oder dem Verteidiger der deutschen Flüchtlingspolitik Walter Lübcke.    

Zwei Jahrhunderte sind seit der Zeit von Rahel Varnhagen vergangen, doch nicht nur sie lässt sich als ein Typus verstehen, der bis heute wirksam ist. In ihrer Biografie über Varnhagen beschreibt Hannah Arendt einen ihrer Freunde und Briefpartner, den Schriftsteller und Politiker Friedrich Gentz auf eine Art, die auch an Morrissey denken lässt: „Gentz wird alles Bestehende konservieren; aber er ist kein Konservativer, und kein Konservatismus hat sich je auf ihn berufen. Die Reaktion verteidigte er als Aufklärer (…). Aber Gentz war keinesfalls ein Liberaler, und kein Fortschrittlicher hat je ein Stück Brot von ihm nehmen mögen. Er ist der letzte Romantiker, der, als alle Freunde längst brav, fromm und philiströs geworden sind, für sich immer noch nicht die Konventionen anerkennen will, deren politischen Ausdruck er verteidigte. Aber Gentz ist auch kein Romantiker; denn es ist ihm ja gelungen, in der Welt etwas darzustellen, einen Kontakt zur Wirklichkeit zu finden (…). Er ist vieldeutig, weil er nichts als Wirklichkeit will, weder das Gute noch das Böse, sondern die Realität ohne Vorbehalt. Er hat nie die liberalen Angriffe auf ihn verstanden, die meinten, daß man als aufgeklärter, vorurteilsloser Mensch nur existieren dürfe, wenn man auch eine aufgeklärte, also liberale Politik fordere. Er hat nie die konservativen Angriffe auf ihn verstanden, die ebenfalls meinten, daß Konservatismus ein Prinzip sei, das auch im persönlichen Leben verwirklicht werden müsse. Das gleiche naive Doppelspiel treibt er theoretisch (und ist daher für alle unbrauchbar), wenn er einerseits der Anmaßung der Vernunft die »Gebrechlichkeit des Menschen« entgegenhält; andererseits das Prinzip der Legitimität relativiert, indem er erklärt, daß auch sie nicht »absolut« sei, sondern in »der Zeit geboren«, »in der Zeit begriffen« und »durch die Zeit modifiziert« werden müsse. Sein Interesse gilt so wenig dem einen Prinzip wie dem andern, höchstens der »großen alten Welt«, deren Untergang er mitansehen muß und den er nicht ertragen kann – so wenig wie die eigene Vergänglichkeit und den Gedanken an den Tod.“

Was in dieser Passage ist übertragbar auf Morrissey? Zunächst, dass er konservative Ansichten mit einer emanzipatorischen Radikalität verbindet, so dass weder Konservative noch Progressive sich auf ihn verständigen können, indem er die egalitäre Behandlung von Tieren, die Gleichberechtigung jeder Form von Sexualität und den Kampf gegen die britische Monarchie zugunsten einer Republik damit assoziiert, sie als nationalistisches Projekt vorzustellen, das noch zu verwirklichen sei, abseits der EU. ‚Morrissey‘, so könnte man mit Arendt sagen, ‚ist der letzte Romantiker, der, als alle Freunde längst brav (etabliert), fromm (sozialdemokratisch, zum Beispiel) und philiströs (lippenbekennende Bürger, die Teilhabe predigen und die eigenen erworbenen Vorteile ungeachtet dessen verteidigen) geworden sind, für sich immer noch nicht die Konventionen anerkennen will, deren politischen Ausdruck er verteidigte. Aber Morrissey ist auch kein Romantiker; denn es ist ihm gelungen, in der Welt etwas darzustellen, einen Kontakt zur Wirklichkeit zu finden. Er ist vieldeutig, weil er nichts als die Wirklichkeit will, weder das Gute noch das Böse, sondern die Realität ohne Vorbehalt. Er hat nie die liberalen Angriffe auf ihn verstanden, die meinten, dass man als aufgeklärter, vorurteilsloser Mensch nur existieren dürfe, wenn man auch eine aufgeklärte, also liberale Politik fordere. Er hat nie die konservativen Angriffe auf ihn verstanden, die ebenfalls meinen, daß Konservatismus ein Prinzip sei, das auch im persönlichen Leben verwirklicht werden müsse. Sein Interesse gilt so wenig dem einen Prinzip wie dem andern, höchstens der »großen alten Welt«, deren Untergang er mitansehen muss und den er nicht ertragen kann – so wenig wie die eigene Vergänglichkeit und den Gedanken an den Tod.‘

In Gentz’ Auftreten und Schriften mischt sich ebenso Literatur und Politik wie in Morrisseys Liedern und seinen Äußerungen. Sachlich und theoretisch lassen sich dabei viele Ebenen unterscheiden, empathisch zeigte sich Varnhagen ihrem Brieffreund nicht weniger verbunden als manche loyale Zeitgenossen es gegenüber dem britischen Sänger bekunden. Arendts Urteil über Gentz ist wenig schmeichelhaft. Ob Morrissey nur für seine künstlerische Blüte in den Achtzigerjahren – als Sänger, Texter und Konzeptkünstler der Smiths – und für seine spätere Kehrtwende dagegen in Erinnerung bleiben wird, ist abzuwarten. All das hat Einfluss darauf, ob jemand weiter zu begeistern vermag, so wie er selbst einmal zum Fan wurde.

 

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Vom Autor ist aktuell erschienen: Abschied von Morrissey – Ein Essay über Kunst und Moral, Athena-Verlag, Bielefeld, 176 Seiten kosten 24,90 Euro

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