Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Essay

Die verzweifelten Hochstapler

Hamburg

Eine manische Pflanze öffnet ihren Kelch. Sie erkennen sie am Fruchtblatt sofort als Kreuzblütlerin. Moment, Sie sind in der Botanik nicht bewandert? Dann bitte noch einmal. Eine Maschine – gut, so wird das nichts. Sehen Sie diese traurigen Kiefern am Waldrand? Nein?
Lassen Sie das Gedicht links liegen. Entspannen Sie sich. Das Gedicht? Jaja, ich lasse sie damit in Ruhe, nein, bleiben Sie. Nein!

Während Sie das Fenster aufklappen, um frische Luft in Ihr Zimmer zu lassen, klappe ich mein Fenster vorsichtig zu. Sie müssen aufpassen, denn ehrlich gesagt, habe ich Ihnen eine aggressive Brise an den Hals gehetzt. Ich habe ihr verraten, Sie mögen keine Gedichte, meinte, sie solle Ihnen das Hirn durchpusten. Ganz ehrlich? Ich habe ihr diese Information nicht gesteckt, das wusste sie von allein, weil das so gut wie jeder weiß. Was Sie von Lyrik halten, interessiert mich hingegen kaum.

Ich habe gehört, Sie mögen Jan Wagner. Wen? Achja, genau. Er hat dieses Gedicht geschrieben über Seife. Und er hat dieses andere Gedicht geschrieben, Sie wissen schon, über die Welt, oder, wie Sie sagen würden, die Poetisierung der Welt, das Wiedergewinnen der poetischen Areale des Alltags, Entmarginalisierung des Dichtergenies, die Pizza aus Stunden. Hören Sie auf. Ich muss nicht erwähnen, dass Aktionismus geschmacklos ist. Menschen, die im Wind zwischen den Wipfeln der Kiefern den bedeutsamen Wind erkennen, wenden ihren Blick nach Innen und erkennen in ihrem Herzen DAS Herz, das bedeutsame. Doch der Riss, der durch die Welt geht, geht sicher nicht durch ihr Herz. Ich verspreche Ihnen, er geht durch meins.

Ja, schon gut, ich habe vor ein paar Stunden eine Rezension zu Wagners „Regentonnenvariationen“ auf Amazon verfasst und habe ihm nur einen Stern gegeben. Kurz darauf bekam ich aber Herzklopfen und habe vier weitere verfasst mit jeweils fünf von fünf Sternen, um das alte Verhältnis wiederherzustellen.

Sie wollen, dass ich mich dafür schäme, aber das schaffen Sie nicht, denn ich habe das nur für mich getan, wirklich. Außerdem schäme ich mich für genug Dinge, meine Haare, meine kleinen Lügen, mein Gewicht, meine Herkunft (meine Eltern), und so weiter. Ich habe keine Zeit. Ich will mir weder anmaßen, den Alltag zu poetisieren, noch meine soziale Umgebung, ich glaube nur an die Poiesis des Gedichts. Und das ist nicht sprachkritisch gemeint, nicht sprachexperimentell, ist noch nicht einmal riskant.

Wie viele Literaturpreise in welcher Höhe müssen also jetzt umverteilt werden?

Den Leonce und Lena Preis selbstverständlich nicht an David Krause. (Ein Satz dazu reicht.)

Den Preis der Leipziger Buchmesse bitte an einen Roman, denn wie an fast alle Romane, wird sich in spätestens fünf Jahren niemand mehr an ihn erinnern. Der große Vorteil des Romans gegenüber jedem mittelmäßigen Gedichtband - er wird vergessen. Es werden Gremien in Konferenzräumen darüber streiten, ob A ein feinerer Spiegel seiner Generation gewesen sei, als B, ob X riskantere ästhetische Konzepte vertreten hätte als Y. Kamen Z die Gedanken eigentlich von sich aus, oder hat er sie aus einem Chatroom herauskopiert? Was waren doch gleich Chatrooms? Aber das werden Platzhaltergespräche sein, es wird wie immer um Persönliches gehen, es werden miese Spitzen zwischen den Diskutierenden sein und subtil sexistische Anmachen.

Ein anderes Gremium, eins, das sich für klüger halten wird, wird sich währenddessen einig sein über Jan Wagner. Die Teilnehmer könnten vom Alter her Wagners Väter sein (Mütter nicht in Sicht). Es werden die gleichen sein, die über diesen und jenen Preis bestimmt hatten. Sie werden zwar kein poetisches Werk feststellen, aber immerhin zugeben, es bahne sich hier ein solches an. Wagner könne der neue Grünbein werden, Grünbein, der neue Benn. Benn, der neue – überspringen wir die Futuristen – wer nochmal, achja Heine. Der letzte lebendige Romantiker. An dieser Stelle zünde ich mir eine Zigarette an und lese ein wenig Monika Rinck, um mich nicht so schmutzig zu fühlen.

             wann verwandeln sich diese traurigen kiefern in ein gebirge?
             im frühling?
             vielleicht im nächsten frühling?
             lass uns ehrlich sein, du bist mindestens müde,
             es sind deine lungen gemeint. MEINE AUGEN?
             tiefer, vertrau mir.
             du sitzt in der wiesenwelt, mit offenem hemd.
             es ist frisch.
             dein atmen mischt sich mit dem atmen der vielfedrigen,
             der armen zweifelflügler, der nichtatmer.
             ihre leuchtenden bäuche umschwirren die wipfel der kiefern.
             doch dein bauch leuchtet hier nicht,
             deine füße gehorchen den elementen,
             dich belächeln sie so milde, wie du es von der milde kennst
             zu dir selbst.
             deine kleinen lügen sind bekannt, aber niemand nimmt sie ernst.
             lass mich dein hemd zuknöpfen. die kiefern,
             achja, die kiefern
             biegen ihr dehnbares holz unaufhaltsam nach innen,
             ihr sprödes holz transzendiert nicht,
             es bricht, es ist normales holz.

             Y.B.

In Wagners Welt des Gedichts existieren das Ding und das Karma des Dings. Dieser substantielle Trottel glaubt, es würde ausreichen, die Seife fallen zu lassen, ohne sich zu bücken. Aber das haben schon andere getan, sehen Sie nicht? Der Boden unter ihren Füßen ist ganz glitschig.

Stellen Sie sich mein Wunschgedicht als einen kleinen weißen heterosexuellen Mann mit Halbglatze vor. Er lässt beim Duschen die Seife fallen und bückt sich. Aber er steht gar nicht unter der Dusche, sondern sitzt regungslos in einem Korbsessel und schaut aus dem Fenster. Die Seife ist keine Seife, sondern seine Jugend.

Ich glaube, dass Mitleid Substanz hat. Taucht in einem Text ein ungelenker Vergleich auf, wie ein tollpatschiger Jäger in einem längst leergewilderten Waldstück, löst das limbische System in meinem Gehirn instinktive Reaktionsmuster aus. Unwillkürlich fühle ich mich an mich selbst erinnert und halte inne, oder mein Herz macht einen kleinen Sprung und ich lese den Rest in einem Zug aus, um durchatmen zu können.

Gegenstände interessieren mich, wenn sie im situativen Raum agieren, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, ihre Funktion zu erfüllen, wenn sie in eine Welt gesetzt sind, die sie nicht kennen will. Ihnen wird auffallen, diese Zuweisungen treffen auch auf Sie zu. Sehen Sie das ähnlich? Dann fangen Sie an, mich zu interessieren, schließlich interessieren Sie sich vielleicht auch für mich. Wer weiß, worauf das noch hinausläuft. Wenn Sie nicht aufpassen, landen wir nebeneinander auf einer Wiese, beobachten die Vögel und lästern stundenlang über unsere Kollegen, um am Ende doch keine Nummern zu tauschen, weil wir einander nicht zynisch genug sind.

Was bliebe dann über? Vögel? Ein Abdruck im Gras, in dem man sich bei Bedarf wieder hineinlegen kann? Die Hitze eines Sommers? Ein Knacken ausgemergelter Äste? Ein Haus? Eine Wohnung? Zumindest ein flüchtig bezogenes Bett?

Der Textkörper muss flexibel sein, stellen Sie sich eine formelle, lautliche, semantische, rhythmische, arythmische und weitere Ebenen vor. Dann vergessen Sie, dass es Ebenen sind und betrachten sie diesen Körper als lebendiges Knäuel aus glitzerndem pulsierendem multilateralem Gewebe.

Das war wohl nichts.

Wenn es mir möglich wäre, mich besser zu konzentrieren, würde ich entweder bessere, oder schlechtere Gedichte schreiben. Wie würde sich diese Änderung auf meine Lebenspraxis auswirken? Wenn es Ihnen möglich wäre, über das Maß Ihres persönlichen Glücks zuentscheiden, wären sie lieber glücklich, oder unglücklich? Lieber ewig einsam, oder verlassen?

Das Hirschkäferweibchen legt sich zur Balzzeit auf den Rücken und stellt sich stundenlang tot, um mitleidige Männchenkäfer anzulocken, und sie in einem Moment der Schwäche zu überraschen. Das aber, habe ich frei erfunden. Tatsächlich ist es so, dass die Männchen sich in Knäueln um die Weibchen scharen, um sie von allen Seiten zu begatten, während das verzweifelte Weibchen mit aller Kraft um sich tritt, um nicht zerquetscht zu werden. Wir sehen das schwingende Knäuel vor uns, vermuten ein zitterndes Weibchen in seiner Mitte, verfolgen das Bild eine Sekunde, eine weitere. Ja, auch das ist gelogen, Entschuldigung.

Und während all dies in Begriff ist, zu entstehen, und Sie die Wolken mit einer aufgeregten Geste wegwischen wollen, setzt Ihr Gedächtnis ein. Ihnen fällt schlagartig wieder ein, der Monat ist erst halb geschafft, und Sie haben bereits kein Geld mehr. War da nicht auch noch eine Rechnung, die Sie zu lang vor sich hergeschoben haben? Und das Allerschlimmste, ihre zwei Schwestern (Zwillinge) haben übermorgen Geburtstag! Sie brauchen doch noch ein Geschenk! Es wird Zeit, in Ihren Notizen zu blättern, Sie hatten doch diesen Rettungsplan, den Sie mit Ihrem Schuldenberater besprochen hatten.

             vorsicht,
             siehst du nicht diesen adler?
             er fixiert deine jugend.
             entdeckt in ihren methoden einen gefährlichen subtext.
             sobald du dich daran gewöhnt hast, hört er auf.
             stattdessen fixiert er eine kiste, die du magst.
             darin zwei ziegenaugen. durchdringen die kiste von innen
             mit ihrer ziegenhäme.
             sanft tätscheln die schwingen des adlers die erde,
             noch sanfter
             trennen seine klauen das altern vom prozess des alterns.
             ja, beide ihr fürchtet die winde,
             doch die wahre furcht liegt in der missetat des misstrauens.
             gehet auf euch zu,
             das sei eure bestimmung.
             oder ein diktat der frühen laster?

             du saßt in einer tram. nicht sicher, ob als fahrer oder rad.
             um dich wegzuducken
             vom gehalt der progressiven umwelt.
             diese erfahrung war nicht objektivierbar.
             die umwelt kannte dich im winter, bereits im winter
             hatte sie dich vergessen.
             die tram wurde brennholz. du lagst da,
             geplagt von holz, das dich bewohnte.
             o! dein multipler körper
             ausgebreitet auf ner alten wiese, wie ein pfand.
             dreißig tage
             lagst du ohne haltbarkeit als abgemagerter tarif.
             und nun?

             ich kenne dich. ich bin selbst der adler, ja.
             ich erhebe anspruch auf diese kiste.
             ich habe selbst im gebüsch wach gelegen,
             schau mich nicht so an.
             ich bin der bote des unverstands, du
             sein heimliches leuchten am tag,
             nicht minder delikat. bitte,
             schau mich nicht so an. ich will
             ein träger wachhund sein und lasse dich davon.
             du gehst, du gehst, bist weg.
             jetzt steh ich einsam da, inmitten all der schönen gummis.
             jetzt flieg ich fort.
             ein wind umweht den abdruck einer kiste.
             die wiese trägt ihr holz im gras.

             Y.B.

Gott sei Dank. Gesucht, gefunden, Sie haben die rettende Seite. Sie lag ausgerissen und zerknittert in Ihrer Hosentasche. Sie müssen nur noch dies, ja, genau, dann das, ein wenig hiervon, etwas links, neinnein, zu weit, wieder rechts, so. Perfekt!

Fixpoetry 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge