Fixpoetry

Wir reden über Literatur
express!

und wer, wer findet mich?

Hamburg
Redaktion: 

express! Eine neue Form von Kritik. Wir exp_erimentieren mit neuen Ansätzen in der digitalen Literaturkritik. Wer denkt wie und warum? Was sagt die Autorin dazu? Können Sie das nachvollziehen? Interaktiv und transparent - eine demokratische Debatte über Literatur. Zwei Literaturkritikerinnen und eine Autorin im Dialog.

In der 3. Folge der Reihe reden Monika Vasik und Timo Brandt mit Carl-Christian Elze über diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde, Verlagshaus Berlin 2016. Christoph Vieweg hat das Buch illustriert. Es geht weiter ...

was übrig bleibt

Monika Vasik

1000 Zeichen für ein Statement - nicht viel für 146 Seiten Poesie ... macht 6,8 Zeichen pro Seite, rund 91 pro Kapitel. Es sind 11! Wie soll sich das ausgehen?

Liebe Lesende, schwärmen Sie aus, besuchen Sie die Buchhandlung Ihres Vertrauens und kaufen Sie Elzes Buch!

Passt. 91 Zeichen (ohne LZ) stehen für das ganze Buch, ich brauche keine 1000, mach's express!, bin schnell, schnellschneller. Sie meinen, das sei plump, ich müsste ohne Werbung, ernsthafter ... express myself? Also bitte!

Es elzt (© Jan Kuhlbrodt) in weitem Bogen vom Anfang des Universums vor 13,8 Milliarden Jahren bis zu möglichen Enden in der Zukunft. Ein Staunender verdichtet das Mysterium der Existenz und ihrer Auslöschung, nähert sich den großen Fragen: Woher und wie kommen wir? Warum und wohin gehen wir? Fragen, auf die es keine Antwort gibt, "nur fühlen / im trüben", das der Dichter in "umkreisungen" mit Worten zu fassen versucht, "in der schwebe", stets wissend, "jede einzelne zeile spricht / ins ungewisse hinein". Und es sind die kleinen Fragen des lyrischen Ichs, denen Elze ohne Angst vor Emotion poetisches Gewicht verleiht: Wie gehe ich mit meiner Frau um, den beiden Söhnen, der eigenen Unzulänglichkeit, wie mit dem Tod des Vaters, des Freundes? Beeindruckende Intensität - die noch zu belegen sein wird!

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prof. robert ho...,
https://sites.google.com/site/universitaetbockwurst/ad-gruenbein/scholien/kollationen/neokomische-neo-kosmiker

Kosmisches Lot

Timo Brandt

die erde ist ein kugelförmiges Raumschiff, mit einhundertundsieben-
tausend kilometern pro stunde kreist sie um einen brennenden
gasball wie eine mücke um ein teelicht […]
und unser lachen rast um die sonne, wie wahnsinniger
glücklicher staub

Der Autor beginnt kosmisch: mit dem Planeten, auf dem wir stehen; in Körpern, deren kleinste Funktion und/oder Regung uns nährt oder fesselt, augenblicklich und ewig. Die Dimensionen sind groß aufgemacht: es geht um das so-eingerichtet-Sein des Universums, des Menschen – Themen, die Elzes Sprache mit Beharrlichkeit verfolgt, dabei mit jedem Wort das Wesentliche umreißend.

Schnell wird klar: hier versucht jemand nicht, etwas Brandneues zu generieren – „diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde“ ist ein vielfältiger Versuch zu verdeutlichen, hervorzuheben, nachzuzeichnen; Sprache auf das, was geschieht, anzusetzen, damit sie den bleibenden Abdruck dahinter offenbart.

Mir gefällt Elzes Bildsprache: sie ist klar, aber nicht überambitioniert und oft von einer bestechend-schlichten Sinnlichkeit. Und ihr gelingt, was sie sich vornimmt: sie gelangt zu neuen Vorstellungstiefen in Erkenntnissen, deren Ausmaße wir längst zu kennen meinten.

Der ganze Band an sich gerät, das muss man allerdings betonen, SEHR existenzialistisch. Ist dieses Beschweren der Stimmungen, diese immer wieder ausholende Verdeutlichung jeder Leere, die sich im Nachspüren auftut, bei aller davon angetriebenen Zärtlichkeit, „notwendig“ und „erforderlich“?

das ende meiner existenz
nur eine notwendige
von zeit zu zeit erforderliche
verbeugung
vor der erde

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Elsie,
Für mich, gerade weil existenzialistisch, das beste was Elze bisher geschrieben hat. Es geht mir nah und das mag ich.

nur dein staunen kann dich noch retten ...

Carl-Christian Elze

Liebe Monika Vasik, lieber Timo Brandt,

vielen Dank für Ihre ersten Worte und Gedanken zum Gedichtband, ich freue mich, dass Sie gut hineingekommen und nicht unzufrieden wieder herausgekommen sind. Eine Erleichterung. Der Band ist noch sehr frisch (zur Buchmesse erschienen), sodass ich mich wie gewöhnlich in einem Zustand größter Unsicherheit befinde, ob diese Gedichte lebendig genug sind und an anderen Herzen und Hirnen andocken können, um bestenfalls kleine, in der Luft hängende Begleiter zu werden.

Der Titel des neuen Bandes ist recht lang geworden, aber er scheint mir zu passen für all die Suchbewegungen (religiösen, naturwissenschaftlichen, quantenmechanischen, ...), die es dort so gibt. Überhaupt scheinen mir die Gedichte diesmal mit erheblich mehr Ängsten als früher bezahlt/ erstritten, die persönlichen Verluste in den letzten drei Jahren waren zahlreich, der Bedarf an Beruhigung gerade mittels Gedichten war entsprechend groß. Nach den vielen 10-zeiligen, liedhaften, auch paranoiden Liebesgedichten aus „ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist“ (luxbooks 2013) diesmal nun viel größere, kreisende, frei-rhythmische Apparaturen für die Gottessuche (ja, auch das) bzw. für die Suche nach Beruhigung im Angesicht so vieler Abschiede und Verwandlungen. „nur dein staunen kann dich noch retten … “, sicher eine der Kernzeilen im Band. Wenn ich staune, verschwinden alle verwirrenden Dinge hinter diesem Staunen, auch alle Ängste und Schmerzen verschwinden hinter diesem Staunen, zumindest für eine Weile.

Mit besten Grüßen,

Carl-Christian Elze

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Marina Büttner,
Von mir zumindest kann ich behaupten, dass es mehr als ein Andocken ist, und das Beste, es trifft wirklich mehrere Ebenen ... Herz und Hirn und wohl sogar Körper und Seele und wer weiß, was es da sonst noch gibt.. Das muss wohl gerade die Mischung aus "Suchbewegungen" sein, die aus so vielen Richtungen kommt.

Mónika K.,
Ich möchte Carl-Christian einfach nur danken, für das "eichhörnchen namens maria", für das "wort/ aus dem mund eines heiligen tiers" auf das er wartet, für das Bild des Universums als ein "windstiller, schwarzer Wald", für das Gedicht "würden wir empfangen und getröstet werden" und die schöne überhöhte Erlösungssehnsucht, die sich durch den Band zieht...

zwischen wissen und glauben

Monika Vasik

Und ob diese Gedichte lebendig sind, lieber Carl-Christian Elze! Sie verdichten das Leben und die Sterblichkeit, die Teil jedes Lebens ist, sparen die Frage nach einem Danach nicht aus, das sich dem Wissen entzieht, in einer mäandernden, christlich grundierten Suchbewegung. Weshalb ich sie, lieber Timo, nicht als im philosophischen Sinn existenzialistisch bezeichnen würde, denn für Sartre et al. ist der Tod das Ende und Gott inexistent, während hier gleich in mehreren Gedichten nach der möglichen Existenz eines Gottes gesucht wird, hin und her geworfen zwischen Zweifel und Glaube.

"selig sind, die nicht sehen / und doch glauben", lesen wir in einem Gedicht (S.119), in dem "ein überwältigender gottesbeweis" ersehnt wird, woran in einem schmerzlichen Moment der Verzweiflung gebetartige Sequenzen anschließen:

... aber was wird aus uns, herr, wir sind thomas
immer noch thomas, über 2000 jahre zu spät
um unsere finger in deine wunden zu legen.
ich möchte so gern auf die knie gezwungen werden
von einem zwingenden wunder! — alle freiheit
nimm zurück, herr, dieses geschenk war die hölle.

Diese poetischen Auseinandersetzungen mit Glaubensfragen sind mutig, ehrlich und konsequent. Und nur manchmal öffnen sie einfache antworten (S.149):

auch jesus klettert im baum
wenn du an jesus denkst
im selben moment.

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Manfred,
man kann nur staunen über den ton, der hier schwingt nach der, ich nenne es mal "Unruhe" der letzten folge. sehr sympathisch!

Vergängliches, das vorhanden ist

Timo Brandt

Ich sehe ein, dass ich mit „existenzialistisch“ vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen habe (auch, weil das Wort von mir nicht mitgedachte Assoziationen aufkommen lässt). Und, um auf einen Leserinnenkommentar einzugehen: auch mir gehen einige der Gedichte sehr nah. Das ist eine, wenn nicht gar die größte Qualität von Elzes Lyrik: dass sie keine Umwege nimmt, sondern direkt von etwas Fassbarem spricht, unmittelbar die gemeinsame menschliche Existenz grundiert – und mich als Leser bannt, weil sich während des Lesens so viel Wirklichkeit auf Dinge legt, deren Ausmaße (ich wiederhole mich) mir zwar gewahr waren, die aber selten so nah an mich herangetragen wurden, wie es Elze in seinen Gedichten gelingt.

Ich möchte daher meine Kritik nicht als eine Attestierung von Mängeln verstanden wissen – es geht mir darum, mich mit jeder Regung, die die Gedichte bei mir hinterlassen, auseinanderzusetzen. Und dazu gehört auch das vage Gefühl, dass die Sprache einen Grundton nicht verlässt, der immer wieder die Vergänglichkeit zelebriert und auch viele wunderbare Feinheiten darin auftut, aber sich teilweise auch in diesem Thema verliert. Verliert nicht in dem Sinn, dass die Sprache keine Bedeutung mehr hat. Aber sie legt sich über die Thematik, statt noch weiter in ihre Tiefen zu dringen, weiter auszuloten. Wie etwa bei diesem Stück:

„vielleicht hilft uns der gedanke, dass wir niemals getrennt

waren, und niemals zu trennen sind … alle dinge dieser welt

[…]

wir waren niemals getrennt und werden es niemals sein

auch dieser gedanke ist aus den gleichen molekülen gemacht

wie deine frühere und deine zukünftige

schwebende, nur erfundene leiche –“

Ein schöner Gedanke steckt in diesen Versen, den ich nicht antasten will. Und ich lasse mein klitzekleines Unbehagen auch einfach im Raum stehen und werde mich in meinem nächsten Abschnitt den Liebesgedichten, Kindergeschichten und den trauernden Seiten des Bandes zuwenden.

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Marina Büttner,
Zitat: "Aber sie legt sich über die Thematik, statt noch weiter in ihre Tiefen zu dringen, weiter auszuloten." Wenn es so ist, ist das ja vielleicht gerade dann die "Aufgabe" oder sich ergebende Möglichkeit des Lesers, weiter einzudringen. Somit wäre ja die beste Verbindung zwischen Dichter und Leser hergestellt ...Der Leser schreibt quasi innerlich weiter.

Marina Büttner,
Ergänzung: Und dann sagt Elze ja auch selbst, dass die Gedichte Suchbewegungen sind, also ist wohl noch nicht alles gefunden und geklärt. Mich stören, die Wiederholungen nicht, im Gegenteil, sie verdichten das Thema, das ja durch den ganzen Gedichtband klingt.

ich denke an die zerbrechlichkeit aller körper ...

Carl-Christian Elze

Liebe Monika Vasik, lieber Timo Brandt,

wenn Ihnen die einen oder anderen Gedichte nah gekommen sind, Sie berührt worden sind, so ist dies wunderbar, wie ich finde.

Ich selbst merke seit Jahren immer deutlicher, wie unängstlich oder geradezu angstfrei ich beim Schreiben bin/werde (obwohl ich im Leben ein eher ängstlicher Mensch bin), und wie diese Unängstlichkeit dazu führt, dass alle Gefühle zugelassen werden in den Gedichten, dass es schon lange keine Sorge mehr gibt, „zu viel von sich preiszugeben“ oder „zu oft ich zu sagen“ oder „zu privat“ zu werden oder dergleichen. Beim Letzteren ist mir die oft besagte Grenze zwischen persönlichen Texten (= gut, intensiv) und zu privaten Texten (= nicht so gut, …) ehrlich gesagt noch immer ein Rätsel. Ich habe zumindest noch keine Definition gehört, die mich überzeugt.

Meinem vorletzten Gedichtband (luxbooks, 2013) hatte ich ein Zitat von Robert Walser aus dem Jahr 1945 vorangestellt: „Finden Sie nicht auch, dass die jetzigen Lyriker zu malerisch empfinden? Sie haben geradezu Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Da suchen sie denn als Ersatz nach originellen Bildern. Aber machen Bilder das Wesen eines guten Gedichtes aus? Gibt nicht erst die Empfindung jedem Gedicht seinen Herzschlag?“

Das ist ein Zitat, das im Grunde auf alle Gedichte des letzten Bandes, aber auch auf den neuen Band abstrahlt. Man kann auch sagen, die Gedichte der letzten beiden Bände wollen Walsers Behauptung vom gefühlsängstlichen Dichter möglichst widerlegen. Auch der Begriff „Herzschlag“ eines Gedichtes gefällt mir, drückt er doch aus, dass Gedichte, die so einen Herzschlag haben, lebendig sind, das heißt wirken können, berühren können. Für mich ist der Herzschlag eines Gedichtkörpers zunächst das Wichtigste, eine Art Schlüssel, wenn ich selbst Gedichte lese. Ohne diesen Schlüssel kann ich einen Gedichtraum nicht wirklich betreten, kann nur unberührt durchs Fenster gucken. Auch durchs Fenster kann ich natürlich Entdeckungen machen, aber ich stehe eben nicht im Raum und ich kann die Dinge dort nicht anfassen bzw. die Dinge dort können mich nicht anfassen. Umso schöner also, dass Sie die Räume betreten haben!

So, das war in gewisser Weise noch eine verlängerte Einleitung, Begrüßung, Vorstellung.

Mit besten Grüßen,

Carl-Christian Elze

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Denken gegen die Angst

Monika Vasik

Angstfreies Schöpfen von Gedichten, die Angst thematisieren!

In diesem Buch sind mehrere Zyklen versammelt und 11 Kapiteln zugeteilt, die mit "caput" und einer fortlaufenden Zähl- oder Strichliste bezeichnet sind. Einzelne längere Zyklen mit 9-11 Gedichten entsprechen einem Kapitel, manchmal sind zwei oder drei kürzere Zyklen zusammengefasst.

Das lateinische "caput" bedeutet Kopf, Haupt. Es ist dieser "kopf" (schädel, (ge)hirn, encephalon), der denkend dem Schicksal begegnet, begreifen möchte und kaum zu fassen vermag, und der einen Widerpart hat, jene Angst, die selten genau benannt werden kann, etwa als "angst, alles zu verlieren", meist aber ungreifbar wabert. Das lyrische Ich hadert mit seinem unaufhörlichen Denken, das nichts gegen diese Angst ausrichtet und sich im Kreis dreht

hab ich zu oft gedacht gedacht gedacht ..

hadert mit seinen Gedanken, die unbeschwertes Sein behindern, die "müdelaufen" und "die ansicht stören". Und es ermahnt sich, dieses Denken auch einmal willentlich zu beschränken (und spielt dabei mit dem Namen "elze" S.85):

nicht nur spielen, aber spielen nicht vergessen
du bist spi elze ug,
...
mach das spielzeug etwas froh!

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Verbindendes und Trennungen

Timo Brandt

Was ich in der Literatur immer noch am meisten bewundere, sind die Momente, in denen man in einer Formulierung, einer sprachlichen Verdichtung, auf das Lebendige stößt; einer Form von Erkenntnis begegnet, die fernab aller intellektuellen Anregung eine menschliche Tiefe besitzt.

Trotz aller metaphysischen Dimensionen in den Gedichten der „bergpredigenden gebilde“ – was sich immer wieder auftut, ist das Menschliche, das Verbindungen zwischen den Phänomenen sucht, die unsere einzelnen Existenzen in einem strukturierten und gleichzeitig chaotischen Universum darstellen.

Mit diesem Wunsch Verbindungen zu finden, ist auch das traurige Erfahren von Grenzen verbunden; es gibt Dinge, die wir nie vom andern wissen werden. In dem Requiem-Zyklus „Gespräch mit einem toten Freund“ heißt es:

warum man nichts in seinen zellen spürt

wenn die systeme stürzen

von menschen die man in sich trägt

Warum können wir einander so selten wirklich erreichen (es fällt einem Bachmanns Gedicht „Es könnte viel bedeuten“ ein)? Die Ungewissheit, die Entfernung, die der andere Mensch darstellt, hält uns nicht davon ab ihn zu lieben, aber diese Liebe allein heißt nicht schon zu begreifen – und Elze umrundet in seinem bewegenden Zyklus die Wahrheit, die schon Mascha Kaléko einst so zusammenfasste:

den eigenen Tod, den stirbt man nur,

doch mit dem Tod der anderen muss man leben.

(Mascha Kaléko, Gedicht: Memento)

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Tom R.,
mir scheint, die Bände "neuer Lyriker" sind häufig gesteuert von sogenannten Konzepten. Meist liest sich das ganz gut, verliert sich aber häufig in der Starre eines Konzeptes und lässt dann wenig Weg rechts und links zum Denken offen. Ganz anders ist das bei Elze, er schreibt basierend auf seinen eigenen Erfahrungen, die ja naturgemäß selten in Konzepte "passen" und erreicht damit ein "Erreichen" des Lesers. Danke für diese schöne Diskussion.

wartezeit

Carl-Christian Elze

Liebe Monika Vasik, lieber Timo Brandt,

Ihre Beobachtungen bringen so viele Dinge in so kurzer Zeit auf den Punkt, vielen Dank dafür. – Ja, die Angst geht wohl um in diesem Buch, die Angst vorm Verschwinden, obwohl der Schreibprozess an sich glücklicherweise angstlos war. Und ja, dieses Buch ist eng an meinem Leben entlang geschrieben, das lässt sich nicht leugnen, denn alle Konzepte sind mir schon vor Jahren abhanden gekommen. Überhaupt: Zerfallen nicht alle Konzepte wie ausgetrocknete Sandburgen im Kopf, sobald sich die Momente häufen, wo wir uns nicht mehr unsterblich fühlen?

Der erste große Zyklus des Bandes war „gespräch mit einem toten freund“, geschrieben im Sommer 2013 auf einem Campingplatz in Schmöckwitz bei Berlin. Gerade war mein ältester Freund in einem Leipziger See ertrunken und ich saß (gezwungenermaßen) auf diesem Campingplatz, im Familienurlaub, und war ein Sack voller Unruhe und Angst. Nur in den Mittagspausen, wenn mein 2-jähriger Sohn schlief, konnte ich kurz denken, schreiben, versuchen, die Angst zu bannen, sie vielleicht sogar umzuwandeln in Hoffnung … Erlösungssehnsucht (wie Monika K. so schön sagt).

Um dieses Ereignis herum hat sich der Band im Grunde allmählich aufgebaut. Der Tod des ältesten Freundes, und gleichzeitig der Tod eines Menschen in meinem Alter, ließ mich (noch stärker als nach dem Tod meines Vaters) rauschhaft-verzweifelt alle möglichen Suchbewegungen ausführen. Eine wilde Mischung aus Neuem Testament, Kierkegaard und Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon brodelte sich zusammen, eine für mich tröstliche Mischung aus Gebeten, „Gottesbeweisen“ und „spukhafter Fernwirkung“. Mal der Wunsch, den Verstand zu kreuzigen, um ins religiöse Stadium überzutreten, mal der Wunsch, sich des Verstandes noch viel stärker zu bedienen, um Trost aus unsterblichen Teilchen zu schöpfen …

Kierkegaard schreibt, dass das zu Gott existenzielle Verhalten immer nur momenthaft geschehen kann, man immer wieder zurückfällt (in die eigene Existenz mit all ihren Ängsten) und der Sprung in den Glauben immer wieder neu zu tun ist. Das stimmt, denke ich, und das macht die Sache nicht weniger anstrengend. So einen Moment, so einen Sprung wie Kierkegaard sagt, hatte ich bisher nur einmal, das ist jetzt 15 Jahre her (siehe: „nur einmal konnte ich dich erkennen“, S.117) und ich habe große Lust, dass es wieder passiert. Aber solche Momente sind Geschenke, Offenbarungen, nicht erzwingbar oder erlernbar. Mit Gedichten kann ich die „Wartezeit“ am besten, am ruhigsten, überbrücken … das ist vielleicht schon der Kern meiner ganzen Umkreisungen.

Diesmal habe ich die 1000-Zeichen-Grenze eindeutig gesprengt, beim nächsten Mal fasse ich mich kürzer, versprochen!

Mit besten Grüßen, Carl-Christian Elze

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Maria ,
Julietta Fix schreibt im Rahmen des Lyrik Kritik Diskurses, dass es an der Zeit sei, an die Leserin zu denken. Das genau geschieht hier. Die Leserin kann folgen, ihr Interesse am Buch wird geweckt, ein schöner Nebeneffekt! Ich habe es mir bestellt. Das ist jetzt nicht das höchste Ziel, aber ein gutes für die Verlage und den Autor. Zu Beginn der Diskussion störte mich das Fehlen von Kontroversen, mittlerweile nicht mehr. Im Gegenteil, es ist angenehm, dass auf diese Weise die Gedichte sichtbar werden. Ein solidarisches Ringen um Transparenz, um nicht abgedroschen Verständnis zu sagen. in between the pages.

allein gegen ein graues heer von zellen

Monika Vasik

Ich bin mir bez. der Konzepte unsicher, lieber Carl-Christian Elze! Manchen mögen sie angesichts der eigenen Endlichkeit durch die Finger rieseln. Anderen sind oder werden sie vielleicht etwas Festes, um sich halten zu können.

"gespräch mit einem toten freund" ist der zweite Zyklus des Buchs, der Ihrem Freund (für Michael) gewidmet ist und im Zyklus "gespräch mit einem toten freund nach einem jahr" eine Fortsetzung findet.

tennisballgroß, in deinem kopf
nicht mit dem Messer rauszuschälen
graue haken, zellenkraken, ein kalter stern
der an dir hing, als wär's dein kind
ein wechselbalg, der dich von innen sprengen will
dein unerhörter wunsch
nach einem wort
das dich erlöst, ...

Ein mehrdeutiges Adjektiv: unerhört! Das Wort? "geheilt", es kann und wird nicht gesagt werden. Die Diagnose: Hirntumor (Astrozytom), diffus wachsend, inoperabel. Der Kopf, Sitz des Denkens, ist plötzlich ein Ort der Zerstörung (S.89) - ein Schicksal, das an jenes von Wolfgang Herrndorf erinnert:

.. in deinem kopf
die bombe: zwitschernd hirnverziert
ein großes F
wie Friedhof eingraviert

Die Gleichzeitigkeit dieses Todes (eines Suizids?) und des weiterlaufenden Lebens der anderen wird thematisiert (S.31), wie Timo es bereits angesprochen hat. Und dann? Zurückbleiben, funktionieren müssen, nicht wissend, wie man diesen Tod überstehen soll, eindrücklich im 8. Gedicht dieses Zyklus zu begreifen (S.38):

... als wir vor deinem grab
so hilflos waren, mit unsern beinen
wie kräne, die wir liebten
weil sie uns aufrecht hielten, obwohl wir wussten
dass wir stürzen ..

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erotik und metaphorik

Timo Brandt

Wenn man das Gedicht (auch!) als einen Raum begreift, in dem über das gesprochen werden kann, was in einer alltäglichen, zwischenmenschlichen Kommunikation schwer unterzubringen ist, dann ist man (auch!) im Bereich des Liebesgedichts. Jenes versucht Worte, Sätze, Begriffe, Ideen für etwas zu finden, das man ganz nah mit sich herumträgt und das gleichzeitig fern ist, sobald man es jemandem erklären, es hervorholen und zeigen, es einfach nur beschreiben will.

(Nicht nur) Deswegen ist das Liebesgedicht meistens ein Text, in dem man spürt, dass etwas auf dem Spiel steht - aber auch: dass viel erreicht werden kann. Ein bisschen haben Liebesgedichte für mich – obwohl es überholt sein mag (oder schon immer war) Liebe und Gedicht zu eng zu verknüpfen – oft etwas von einem exemplarischen Gedicht; es ist die leichteste und zugleich eine der schwersten lyrischen Disziplinen, über dieses einzigartige und gleichsam inflationäre, wie auch ambivalente, Gefühl zu schreiben.

In Elzes Band gibt es zwei großartige Liebesgedichte (neben vielen anderen Gedichten, in denen Liebe und Sympathie auf andere Weise eine zentrale Rolle spielen). Eins davon ist das erste Gedicht vom Zyklus „liebeserklärung“, wo es am Anfang heißt:

ich will dir dinge schenken, die’s nicht gibt

und du, du willst noch immer dinge haben

nur von mir, die ich erst suchen muss

und gegen Ende:

so spring ich

mit der stirn in deine brust, sehr leicht

und werde leichter, steifer, ein holzpferdchen

das wiehern muss, und mit den augen rollt

und träumt, und dinge sucht, die dich erfreun ..

Ein Versuch zu umschreiben, was geschieht und geschehen ist, zwischen zwei Menschen, die sich lieben; mit Bildern, Metaphern - aber dennoch mit einer unverstellten Ehrlichkeit, einem So-wie-es-ist; eine Balance zwischen Beschreiben und Zeigen wird versucht. Und die Balance gelingt. Und ich bin weit über dem Limit, also mehr vielleicht beim nächsten Abschnitt.

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Marina Büttner,
Ja, und auch die Liebesgedichte schweben ja wie bergpredigende Gebilde und gerade die 8 aus "von flughäfen und geisterbahnen"(allein der titel beeinhaltet schon alles ) ist für mich das Highlight der Liebesgedichte, weil es die Liebe in Verbindung bringt, mit dem Wunder, dass wir überhaupt auf/in der Welt sind. Dieses Gedicht umschreibt quasi alles, worum es in dem gesamten Band geht – eine Entstehung der Liebe in der Entstehung der Welt – der Urknall diese Bandes. Zitat: "...in diesen urknallball war unsere liebe schon eingraviert, aber vorher noch sonnen, planeten und monde ..."

das kind ist wild und wundersam ...

Carl-Christian Elze

Liebe Monika Vasik, lieber Timo Brandt,

es gibt, denke ich, zwei Phasen in Liebesbeziehungen, wo es noch relativ leicht fällt, Liebesgedichte zu schreiben (ob es letztlich gelungene sind, bleibt natürlich dahingestellt): zum einen in der Phase des Frisch-Verliebtseins (schwärmerische Gedichte) und zum anderen in der Phase des Auseinanderbrechens einer Beziehung, wo der/die Verlassene noch einmal in einen hormonellen Ausnahmezustand gerät und größte Liebe und größten Schmerz empfindet, auch wenn die Beziehung seit Jahren narkotisiert war (im endgültigen Verlust wird die Liebe bekanntlich nochmal geweckt wie ein schon eingeschläferter Hund: ein letztes Herzklappenklappern, -flimmern … aber durchaus dramatisch). Viele Liebesgedichte dieser Art, aus diesen beiden Phasen, finden sich in „ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist“.

Am schwersten aber sind wohl Liebesgedichte zu schreiben, denke ich inzwischen, die von einer Liebe erzählen, die nicht am Anfang und nicht am Ende steht, die stark und gleichzeitig belastet ist, gestärkt und belastet durch das Leben an sich und seine Herausforderungen an jeden einzelnen. Im neuen Gedichtband finden sich nun einige Liebesgedichte bzw. Liebesgedicht-Versuche dieser Art. Auch Kinder sind da und dort ein Thema, denn auch (oder gerade) Kinder sind für jedes Liebespaar eine Stärkung (siehe: „das kind ist wild und wundersam“, S. 62) und eine Belastung zugleich (siehe: „gespräch mit kindern“, S.70).

„kleiner klappaltar für eine liebe“ versucht nun wiederum verschiedene Phasen einer Liebe in einem Triptychon zu skizzieren. Gedicht 1: erste Verliebtheit (körperliche Gier, die Welt ringsumher scheint ausgeblendet zu sein), Gedicht 2: erste Bedrohungen (die Welt tritt wieder ein, in die Köpfe der Liebenden, mit all ihren Bedrohungen; der Versuch, diese Welt auszusperren, zusammen gerettet zu sein, gerettet zu bleiben), Gedicht 3: Melancholie (ein immer stärkeres Sich-bewusst-Werden der eigenen Vergänglichkeit, nicht mehr vollständig abzufangen von der Umarmung des Geliebten), inspiriert auch von Albrecht Dürers „Melencolia I“.

Mit besten Grüßen, Carl-Christian Elze

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Matthias,
Kann man überhaupt über die Liebe schreiben, ohne in Kitsch und Klischee zu verfallen? ich will dir dinge schenken, die’s nicht gibt und du, du willst noch immer dinge haben nur von mir, die ich erst suchen muss Jetzt kaufe ich mir das Buch!

nur einen staubwurf entfernt

Monika Vasik

Zu Matthias' Anmerkung: Oh, es gibt in der Literatur großartige Beispiele, von den ersten bis zu heutigen Liebesgedichten, die zeigen: Ja, man kann. Wobei die subjektiven Grenzbereiche zu Kitsch und Klischee unterschiedlich gezogen sein mögen.

Einiges von dem, was Du, lieber Timo, im letzten Beitrag über Liebesgedichte schreibst, ist genau so, abgesehen  von Erotik und Sexualität, für alle Lieben dieses Buchs gültig. Denn die Gedichte sind oft auch Liebeserklärungen: An die "Füchsin", die beiden Söhne, den Vater, den Freund, die Welt.

Die Perspektive "Kind" ist eine doppelte: Es ist der Sohn Elze, der, vielleicht wie andere "kinderzimmerträumende krüppel", mit dem verstorbenen Vater spricht und die kritische Auseinandersetzung nicht abreißen lässt, womöglich sogar intensiviert. Und es ist der Vater Elze, der auf die eigenen Söhne blickt, mal staunend, mal genervt, letztendlich hinnehmend sein Vatersein zum Thema macht und damit einhergehende Veränderungen, seine eigenen, jene der Paarbeziehung als Eltern, und auch jene der Kinder, die manchmal als Verluste aufgezeigt werden, Verluste des unverstellten Denkens z.B. und des kindlichen Staunens:

10-jährige hören auf mit steinen zu reden
mit ihren puppen, stofftieren und stöcken.
ihre gehirne verändern sich, unmerklich
von komplexeren, verzweigten galaxien
zu einfachen datenautobahnen
die nur noch im kreis fahren.
äußerlich wachsen unsere schädel
...
aber es sind nur die raststätten, die wachsen
nicht die straßen.

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Beschaffenheit und Innerlichkeit

Timo Brandt

Da ein toller Leserinnenkommentar bei meinem letzten Beitrag bereits den Hinweis auf das zweite großartige Liebesgedicht (das achte aus dem Zyklus "von flughäfen und geisterbahnen") vorweggenommen hat, werde ich stattdessen ein anderes, immer wieder auftauchendes Thema aufgreifen und streifen: der Körper als Maschine; und das Ich als gefangengehaltener und beschützter Geist in der Maschine.

ein lobgesang auf unsere nervenkostüme, auf unsere

mehr oder weniger stabilen nervenkostüme!

sie befeuern uns im innern mit unendlichkeitsfilmen

[…]

die brillante programmierung einer weichen maschine.

[…]

unser nervenkostüm […] ist eine burg: das programm einer burg

das uns beschützt: und hoffnung kreiert, und glaube

und täglichen schlaf.

Nervenkostüm ist ein schönes Wort, das man lange ausloten könnte, sowohl von seiner Bedeutung her, als auch in Bezug auf die Assoziationen, die sich ergeben, wenn man sich das Wort näher anschaut (Kostümieren unsere Nerven uns?). Und erstaunlich, was dieses Kostüm uns schenken kann, woraus wir dank ihm bestehen: aus Hoffnung und Glaube, Schlaf und Wahrnehmung. Dieses einfache Gerüst ermöglicht so viel, was dann eine große Tiefe in uns ist.

Und da draußen ist der Kosmos, diese große Kostümpartie, auf den unsere Nervenenden permanent reagieren. Auch der Kosmos hat eine Beschaffenheit; eine Beschaffenheit, die Elzes Gedichte ebenfalls wunderbar aufgreifen und abspielen, wie man in dieser Besprechung bereits mehrfach gelesen hat. Es sei hier aber noch einmal betont, dass der Gedichtband auch auf dieser Ebene großartige Erkenntnis- und Empfindungsarbeit leistet.

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spukhafte fernwirkung

Carl-Christian Elze

Liebe Monika Vasik, lieber Timo Brandt,

„der Kosmos als große Kostümpartie“, das gefällt mir .. und schön, dass Ihnen, lieber Timo Brandt, das Wort Nervenkostüm auch so schillernd erscheint wie mir. Da sich unser express!-Gespräch allmählich dem Ende neigt, möchte ich noch auf einen Begriff eingehen, der mir für diesen Band wertvoll erscheint, der mir im Laufe der Entstehung des Bandes glücklicherweise zugeflogen ist. Ich war so angetan von diesem Begriff aus der Geschichte der Quantenphysik, dass ich ihn fast zum Titel des Bandes gewählt hätte, wenn nicht noch „die bergpredigenden gebilde“ aufgetaucht wären, die die Zärtlichkeit, den liebevollen "Blick" der Gedichte stärker betonen. Der Begriff ist „spukhafte Fernwirkung“.

So nannte Albert Einstein das ihm (aber nicht nur ihm) mysteriös erscheinende Phänomen der Quantenverschränkung. Es besagt, dass die Quantenzustände zweier Teilchen (die einmal miteinander verbunden waren und dann getrennt wurden) auch in großem Abstand voneinander (im Grunde über Lichtjahre hinweg) identisch sein können, so als stünden sie weiterhin in Verbindung. Ändert das eine Teilchen seinen Zustand, so geschieht dies augenblicklich! auch bei dem anderen. Als ob zwei Teilchen an verschiedenen Orten fühlen könnten, in welchem Zustand das jeweils andere ist. - Aber wie soll so etwas möglich sein? Reist die Nachricht über den geänderten Quantenzustand mit unendlicher Geschwindigkeit von einem Teilchen zum anderen? Dies würde der von Einstein entwickelten Relativitätstheorie widersprechen, nach der sich nichts schneller als das Licht ausbreiten oder bewegen kann.

Einige Quantenphysiker (nicht Esoteriker) gehen davon aus, dass das ganze Weltall, alle Teilchen des Weltalls (wir eingeschlossen), miteinander verschränkt sind. Und hier komme ich an den Punkt, wo ich maximal staune, wo sich Religion und Naturwissenschaft zu berühren (zu küssen) scheinen, wo ein Nichtwissen nicht beunruhigt, sondern plötzlich beruhigt.

Im Gedicht „spukhafte fernwirkung“ (S.131) heißt es:

„all deine geliebten toten sprechen mit dir

über phantastische leitungen“

und später:

„entwerte nicht deine träume

deine sprechenden toten in deinen träumen

merke dir jedes einzelne, brüchige

leuchtende

nicht vorhandene wort!“

Ich denke, die von mir empfundene Sinnhaftigkeit aller Totengespräche dieses Bandes geht im Grunde auf meinen Glauben an quantenmechanische Phänomene zurück, geht … auf meinen Glauben … zurück.

Mit besten Grüßen, Carl-Christian Elze

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Marina Büttner,
Mir scheint es letztendlich egal, ob die Vorstellung von "Alles ist eins" oder "wir sind mit allem verbunden", sich quantenphysisch belegen lässt oder eben aus einer spirituellen Erfahrung herrührt (oder ob sich auch das gar nicht trennen lässt). Schön ist einfach nur, dass sich ja gerade daraus eine solche Vielfalt an Gedichten zu scheinbar immer dem einen Thema ergeben darf. Und gelungen ist in diesem Band besonders gut, weil es auf die persönliche Ebene gebracht wurde ...

lichtdurchflutetes gewebe

Monika Vasik

Quantenphysik ist nicht meine größte Leidenschaft und das "Phänomen der Quantenverschränkung" wird mich auch in Zukunft wohl eher nicht beschäftigen. Wäre Ihre letzte Erklärung, lieber Carl-Christian Elze, Teil des Klappentexts, ich fürchte, ich hätte meine Finger davon gelassen. Manche mögen dies ruhig Ignoranz nennen.

Sie geben Vermutungen einiger Quantenphysiker Raum, die für mich das Gebiet der Esoterik streifen, mit dem ich Probleme habe. Ich habe Ihr Buch jetzt noch einmal quergelesen und ja, ich könnte mit dieser Information manche Stellen durchaus anders lesen, doch ich will es nicht, weil dies einer Beschränkung gleichkäme. Ich sähe das Gleichgewicht zwischen einem Staunen, das zweckfrei und ergebnisoffen ist, und den ungerichteten Suchbewegungen nach dem Glauben plötzlich verschoben in Richtung vermeintlicher Wahrheiten, die doch erst durch einen Beweis zu solchen werden könnten!

Die Stärke Ihrer Gedichte liegt für mich gerade darin, dass sie nichts postulieren, sondern das Staunen eines lyrischen Ichs über schwer Fassbares nachvollziehen lassen, das die Tatsache, dass alles, was uns zu Subjekten macht, bereits fertig in der DNA jeder einzelnen Zelle zu finden ist, genauso bestaunt, wie die schiere Größe des Universums. Ein lyrisches Ich, das im Glück staunt und in der Trauer, vor Freude und in der Depression. Und das religiöse Annäherungen begreiflich macht.

Es ist ein Schweben in freien Rhythmen, ein Vorwagen und wieder Zurückziehen, ein Umkreisen, Fassen und wieder Loslassen. Dass hier ein autobiographisches Ich eigene Erfahrungen verdichtet, ist interessant, aber für meine Lektüre nicht wichtig, da es universelle, menschliche Erfahrungen aus der Sicht eines für mich immer lyrischen Ichs sind, die ich in Ihren eindrücklichen Gedichten lese.

Ich danke Euch, lieber Carl-Christian Elze und lieber Timo Brandt, für diese dialogischen Kritikrunden, die ganz am Buch orientiert waren. Und ich möchte mit einem Zitat (S. 64) schließen, das die Gesichter geliebter Menschen beschreibt, aber mir auch für diese Gedichte passend scheint:

... ein überfluss schönster gebilde
unwiederholbar zusammengesetzt
aus kleinster, unerblickbarer materie.

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im schwinden stets das glück

Timo Brandt

unsere wenigen übungen im verschwinden:

staub wischen

unsere tanzenden

sich wieder hinlegenden

und wieder tanzenden

[…]

und unsere bücher anbetenden hautreste

Über den ganzen Körper läuft unsere Haut; durch ein ganzes Universum läuft unser Körper; durch ein ganzes Leben läuft unser Gefühl. Von diesen Bewegungen auch nur das Kleinste, nur ein Weniges zu erfassen, ist schwierig, meist flüchtig. Wenn es dann doch gelingt, gleichzeitig leicht und doch nicht unbeschwert, in einem Gedicht, ist es wie ein kleines Wunder – das Wunder, dass ein Mensch den anderen zum Sehen anleiten kann, zu etwas Tieferem. Dass sie gemeinsam etwas ansehen können; der eine schreibt, der andere liest.

Ich will Carl-Christian Elzes Buch „diese kleinen, in der luft hängenden bergpredigenden gebilde“ noch einmal jedem an Kopf und Herz und also auf den Nachttisch legen. Es ist ein wunderbarer Gedichtband, mit Mut zu schlichten und doch weitgreifenden Aussagen, Betrachtungen und Erforschungen.

So viele existenzielle Themen spielen seine Worte durch und am Ende hat er tiefliegende Ideen der Existenz abgebildet, sichtbar gemacht. Vergänglichkeit ist das Wort, das in vielen Gedichten rauscht oder sich sogar auftürmt. Dieser nicht zu verändernden Bedingung unserer Existenz kann man allein die vielen Facetten des Menschlichen entgegensetzen – und das tut Carl-Christian Elze auf vielfältige, oftmals erstaunliche und gelungene Weise.

Ich danke Monika Vasik und dem Autor für alles, was sie hier mit eingebracht, hier geschrieben haben. Ich kann sehr, sehr viel mitnehmen, durfte noch mehr Facetten entdecken. Kurz gesagt: ich bin froh, dabei gewesen zu sein.

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raumgleiter

Carl-Christian Elze

Liebe Monika Vasik, lieber Timo Brandt,

ganz herzlichen Dank für das Gespräch und den Gedankenaustausch der letzten 10 Tage. „Ein lyrisches Ich, das im Glück staunt und in der Trauer“, liebe Monika Vasik, das bringt die Bewegungen des Bandes nochmals wunderbar auf den Punkt. Und mein Dank gilt auch den LeserInnen-Beiträgen, die uns begleitet und beflügelt und unsere Gedanken und Sinne weiter geschärft haben. Ich bin froh, dabei gewesen zu sein, bin froh, erfahren zu haben, dass das „Wunder“, wie Timo Brandt sagt: „dass ein Mensch den anderen zum Sehen anleiten kann, zu etwas Tieferem“ tatsächlich von dem einen oder anderen Gedicht des Bandes ausgehen könnte. Ich selbst kenne dieses Wunder nur zu gut von Texten anderer Autoren, und bestenfalls werden diese Texte, die uns einmal berührt haben, auch unsere Lebensbegleiter. Und einige wenige Texte werden sogar Raumgleiter, bergpredigende spaceshuttles und friedliebende Viren, die noch in tausend Jahren an andere Herzen und Hirne und Zellen andocken können, weil die Gedanken und Empfindungen, die sie enthalten, von zeitloser Klarheit sind. Und hier zeigt sich meiner Meinung nach auch ein evolutionärer Vorteil, den alle Gedichte „von Geburt“ an gegenüber ihren größeren und dickeren Brüdern und Schwestern haben, gegenüber Erzählungen, Novellen, Romanen und Dramen: sie sind viel kleiner und wendiger und fliegen besser und schneller im Kopf und von Kopf zu Kopf herum. Es gibt Romane, die ich gelesen habe und die mich unfassbar beeindruckt haben, alle paar Seiten ein Wunder, und doch versinken diese Wunder nach ein, zwei Jahren im Ozean eines Kopfes, der sich keine Romane merken kann, der Romane einfach vergisst, so wie er alles vergisst, was zu lang ist und zu viele Worte macht. Das einzige, was hier hilft, ist, den Roman immer und immer wieder zu lesen, das wäre sinnvoll, aber auch langwierig und zeitraubend, und wahrscheinlich auch ermüdend und dem immer wieder neu angestrebten Wunder abträglich. Und dann, auf der anderen Seite, steht ein kleines Gedicht! Ein kleiner Klangkörper, der sich, im Falle einer ersten wundersamen Berührung mit dem Kopf und dem Herzen eines Lesers oder einer Leserin, jederzeit und schnell und unkompliziert wieder abrufen, lesen, reaktivieren lässt, innerhalb von Minuten. Ein Gedicht kann leicht auswendig gelernt werden im Gegensatz zu einem Roman, und je mehr Klangkörper ein Gedicht ist, desto leichter fällt uns das Auswendiglernen. Und jedes Auswendiglernen ist auch eine Entmaterialisierung, denn nirgendwo in unseren Nervenzellen, nirgendwo in den Zellkörpern, Dendriten, Axonen und Endknöpfchen unserer Neurone, gibt es „Gedächtnismoleküle“, gibt es eine materielle Grundlage unserer Erinnerungen. Zumindest hat man sie noch nicht gefunden. Die Neurowissenschaften sagen heute, dass unsere Erinnerungen nur aus elektrischen Schleifen und Schleifchen zwischen unseren Nervenzellen bestehen, aus synaptischen Kreisläufen, um nicht von „Seele“ sprechen zu müssen. Aber zurück zum Gedicht: Ein Gedicht kann demnach im Gegensatz zu einem Roman vollständig entmaterialisiert in unserem Gehirn kreisen und Schleifchen drehen und Funken sprühen und kann auch jederzeit wieder vollständig materialisiert werden, indem wir es leise vor uns hin sprechen und in Schallwellen verwandeln, wenn wir seine Hilfe und Stärkung benötigen. Wir können es auch anderen Menschen aufsagen, wenn wir spüren, dass sie seine Hilfe und Stärkung benötigen, und wir können es letztlich auch jederzeit aus unserem Kopf heraus wieder auf ein einzelnes Stück Papier bringen, auf einen einzelnen Stein oder auf einen einzelnen Bildschirm, wenn wir es sehen und betrachten wollen, wenn wir uns nach seiner Form sehnen wie nach einem auferstandenen Körper ...

Mit besten Grüßen, Carl-Christian Elze

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Elsie,
Ich war alle Tage dabei. das war so beruhigend zu lesen und damit meine ich jetzt nicht "boring". Keine Stechmücken - zumindest keine giftigen - nur manchmal kleine rote Bläßchen. Und schön was Elze über das Gedicht versus Roman schreibt.

Marina Büttner,
Danke für die schönen Abschlussworte! Die Vorteile des Gedichts gegenüber eines Romans sind so stimmig und präzise dargestellt. Zeit, wieder einmal ein Gedicht auswendig zu lernen ... ein in der Luft hängendes ...

FAZIT// Stefan Schmitzer: ... das gerade ich schreiben soll? Wo mir doch kürzlich, auf der anderen Seite dieser speziellen Gesprächsbühnenrampe stehend (express #2), von Kommentatoren "Respektlosigkeit" vorgeworfen wurde ... Na dann. Express #3.: Ein gemischtes Wiener Kritik-Doppel nähert sich an einen Autor und an seinen Gedichtband an, der das Durch-Einander von diesseitiger Ethik und ... Theologie? Metaphysik? ... bereits im Titel anspielt: "diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde"...

Runde 1
Das Gespräch beginnt mit einem Kontrast: Einerseits die Begrenztheit der einzelnen Statements – 1000 Zeichen für 146 Gedichtseiten, dividiert Monika Vasik – andererseits das Große-Kosmische der Fragen, die Elze verhandelt. Timo Brandt gefällt deren Weite (er zitiert nicht zufällig eine Stelle mit dem Wort "Raumschiff"), aber er fragt: "(...) SEHR existenzialistisch. Ist dieses Beschweren der Stimmung (...) 'erforderlich'?" Antwort Elze: Ja, ist es. Die Schwere ist dem theoretischen wie biographischen Gewicht der Gegenstände geschuldet: "(...) der Bedarf an Beruhigung gerade mittels Gedichten war entsprechend groß."

Runde 2
Vasik nimmt nun Brandt, der "existentialistisch" gesagt hatte, bei diesem Wort: "[Diese Gedichte] sparen die Frage nach einem Danach nicht aus (...) in einer mäandernden, christlich grundierten Suchbewegung. Weshalb ich sie (...) nicht als (...) existentialistisch bezeichnen würde." Der so Angesprochene rudert zurück: "existenzialistisch" meine hier "die ganze Existenz betreffend"; das schreibe er, weil ihn diese Gedichte (a) unmittelbar berührten und (b) vor die Erlösungshoffnung die Vergänglichkeit stellten. Elze knüpft beim "Berühren" durch Texte an, fordert (von sich) persönliches (statt privatem) Schreiben und baut uns ein metaphorisches Rezeptionshaus: Steh' ich drinnen, oder schau ich bloß zum Fenster rein?

Runde 3:
Steh ich z.B. drinnen oder draussen, wenn ich Vasik in der Analyse der Kapitelgliederung folge? Die über das Wort "caput" (Schädel, Gehirn) den Verstand-Gefühl-Gegensatz in diesen Texten betont; "Das lyrische Ich hadert mit seinem (...) Denken, das nichts gegen diese Angst ausrichtet..." Siehe da, es geht auch inhaltlich um Emphase vs. Analyse! Brandt jedenfalls nennt diese Angst beim Namen, nebst ihrer Rückseite, dem "Wunsch Verbindungen zu finden" – Verlustangst, Angst vorm Tod der anderen. Und Elze liefert erst, beeindruckend offen, die biographischen Details zu seiner speziellen Angst, seiner speziellen Hoffnung, und kann auch noch, mit Kirkegaard, sich eine Metaebene drüber stellen.

Runden 4 - 6:
...kommen einem Bühnendialog gleich, wie absichtsvoll geschrieben, um zugleich
(a) interpretierend einzelne Texte aus Elzes Buch genau unter die Lupe zu nehmen,
(b) sich über den Skandal der Endlichkeit zu verständigen,
(c) Anlass zu geben, über das Verhältnis von lyrischem Ich und ontischem Autor-Ich nachzudenken,
(d) ebenso über das Verhältnis von religiöser und künstlerischer Sinnstiftung,
(e) den God-in-the-Gaps zu evozieren, ohne ihn, glaube ich, je beim Namen zu nennen

... und alle drei Autoren schaffen es dabei, un-theoretisch bzw. "persönlich" im Elze'schen Sinne zu klingen.

Carl-Christian Elze
express! diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde
Illustrationen: Christoph Vieweg
Verlaghaus Berlin
2016

Fixpoetry 2016
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