Fixpoetry

Wir reden über Literatur
express!

wenns der wahrheitsfindung dient ...

Hamburg
Redaktion: 

express!  Eine neue Form von Kritik. Wir exp_erimentieren mit neuen Ansätzen in der digitalen Literaturkritik. Wer denkt wie und warum? Was sagt die Autorin dazu? Können Sie das nachvollziehen? Interaktiv und transparent - eine demokratische Debatte über Literatur. Zwei Literaturkritikerinnen und eine Autorin im Dialog.

In der 5. Folge der Reihe reden Ingo Ebener und Kevin Junk über Überschreibungen von Jan Kuhlbrodt und Martin Piekar, erschienen im Verlagshaus Berlin in der Edition Binaer. Die Edition Binaer bringt das Gedicht in den virtuellen Raum und wir nutzen genau diesen Raum um der Wahrheitsfindung zu dienen. Es geht los ...

Der Schrei zweier Schreibender (I)

Ingo Ebener

Jan Kuhlbrodts und Martin Piekars in der Edition Binaer erschienenes E-book Überschreibungen müsste mehrmals eingeleitet werden, denn es umfasst Texte zweier Autoren, deren Stimmen sich nicht nahtlos ineinander fügen, die – so hat es den Anschein – allzu gut wissen, was bei einer Überschreibung verschwindet, vertrieben und überlagert wird. Die dabei entstandenen Ab- und Überlagerungen, Schichten und Perspektiven machen einen großen Reiz dieses nicht klassisch dialogischen Schreibens aus.

Bereits der Titel präsentiert sich auf dem Cover in aufgebrochener Form als Über / Schrei / Bungen, hebt also auch den Schrei innerhalb des Geschriebenen hervor. Man könnte es für eine Spielerei in nicht übermäßig verspielten Texten halten, spielten nicht Schrei und Rauschen in den Texten auch durch ihr Ausbleiben eine ausgezeichnete Rolle. Und so haben die Texte auch dann etwas Politisches, wenn nicht gegen bestehende Verhältnisse angeschrien, sondern aus Angst und Überforderung geschwiegen wird. Dass Kuhlbrodts Überschreibung dabei „Eine Reform“ betitelt ist – Abschnitte daraus heißen „Bedingungen“, „Gegenwarten“ und „Neue Bedingungen“ -, wird durch die Rahmenerzählung rund um den Protagonisten Hans Hektor sichtbar, der nicht wie Thomas Manns Hans Castorp Spielball zweier Ideologien ist, aber doch oft verloren und farblos wirkt, angesichts der Zustände, der gewaltigen Veränderungen, der Hoffnungen auf ein anderes System, andere Verhältnisse, der Angst und der Überforderung als „Individuum“ innerhalb eines Staates.

Weil sich Kuhlbrodt nur wenig um die Grenzen seines Schreibens schert, mischt er die einander ablösenden Bilder seiner Reform in Prosa und Lyrik mit einer Selbstverständlichkeit, ohne sich selbstverständlich dem Vorwurf eines Vermischens schuldig zu machen. Es wird kein Durcheinander erzeugt. Allerdings neigen seine Texte sehr zum sprunghaften Erzählen und auch zum Kreisförmigen. Bliebe dabei das Ganze außer Acht, es wäre mir zu diffus und ich fühlte mich leicht verloren, wenn die Stimme des Erzählers mal über Hans berichtet, mal mit einem „Wir“ anhebt und mal das Zwangsarbeitergleiche der Krüppelkiefern schildert...

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Rosata,
folgen fällt wie immer schwer am anfang. aber danke schon mal für die einleitung, die habe ich in den letzten folgen vermisst.

Ingo,
Ich hoffe - bin aber sehr optimistisch -, dass wir im Gespräch noch einiges zum Inhalt sagen können. Ich habe jetzt erstmal versucht die Form der Überschreibungen etwas abzustecken & bin natürlich gespannt, wie die Autoren diese Eindrücke bewerten werden. Dann kann und muss es noch viel Raum für das Politische dieses Buches geben & es ist tatsächlich an vielen Stellen sehr aktuell & interessant.

Der Schrei zweier Schreibender (II)

Ingo Ebener

Formell orientiert sich Martin Piekars Vielleichtkommentar „Reform und Gegenreform“ (mit den Abschnitten „Unbedingt“, „GegenWarten“ und „Neubedingt“) an Kuhlbrodt, gegenwortet aber mehr als er antwortet. Doch bevor es richtig zur Sache geht, meldet sich ein Herausgeber zu Wort (Wer ist das eigentlich & braucht man ihn überhaupt?, bin ich doch bis jetzt gut ohne ihn ausgekommen!) und erklärt, es gehe darum zwei Biographien (was aufgrund der Art von Kuhlbrodts Texten schon mal angezweifelt werden muss) gegeneinander zu stellen, sogar zwei Poetiken und um die Begegnung „auf engem Raum. Zwei begeben sich in den Widerspruch und machen sich dabei ehrlich.“ Als optisches Hilfsmittel sind in Piekars Texten die Entsprechungen und exakten Übereinstimmungen (also keine Überschreibungen mehr!) mit Kuhlbrodt unterstrichen. Ich halte das allerdings höchstens für eine nette Idee, denn mehr als Schlagworte und Kurzzitate werden so ohnehin nicht sichtbar, aber bei einem Gegen- und Übereinander(schreiben) halte ich das auch gar nicht für notwendig. Was hier vor allem unbeantwortet bleibt, ist die Frage nach der gewählten Form des Austausches: Warum folgen erst die Texte Kuhlbrodts, dann die Piekars? Warum wird hier nicht wirklich überschrieben; links der eine, rechts der andere; der eine oben, der andere unten etc.? Man kann sich also zumindest fragen, ob die gewählte Form dieses gemeinsamen Projektes angemessen ist.

Im Vordergrund steht für mich allerdings das Inhaltliche, doch auch dort ruft die Entscheidung Piekars, Wörter wie Goldbrand als Assoziationshilfe zu gebrauchen, Irritation bei mir hervor. Er schreibt dazu: „Goldbrand ist der Billigschnaps des Volkes gewesen, heute gibt’s auch Billigwhiskey und Billigrum...“ Gewiss ist das zutreffend, aber doch nicht viel mehr als eine assoziative Entgegnung und keine ernsthafte Reflexion. Trotzdem darf man Piekars Versuch, radikal mit Kuhlbrodts Erzählungsformen zu brechen, nicht unterschätzen, denn Piekar erzählt zum einen die Vergangenheit als Vergangenes und scheut dabei nicht die Ich-Perspektive, wodurch sein „Kommentar“ sehr direkt und persönlich wird. Es geht also um das eigene Erleben des Vergangenen und der Gegenwart und gerade dadurch, um das eigene Erleben der Texte Kuhlbrodts, das so um einen Blick erweitert wird, der möglicherweise – ob absichtlich oder unabsichtlich – ebenso verdunkelt wie erhellt.

Aber dies erstmal als grundsätzliche Eindrücke...

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zur Genese

Jan Kuhlbrodt

Zunächst zur Genese: Mein Text lag vor, und zwar schon länger, ich habe ihn für dieses Projekt leicht überarbeitet. Und ich fühle mich in einem gewissen Sinne geehrt, dass Martin sich darauf eingelassen hat. Wie Martin heute, studierte ich Anfang der Neunziger in Frankfurt Philosophie.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, noch einmal auf die eigenen Texte zu schauen, und in ihnen nach Erklärungen zu suchen, aber vielleicht geht es ja gar nicht um Erklärungen. Vielleicht so viel: Ich habe Hans Hektor, die Kunstfigur benutzt, um von vornherein beim Schreiben eines Textes, der sich aus der Autobiografie speist, eine (für mich) Entfremdung zu erzeugen. Es ist eine dialektisches Modell, man muss sich fremd sein, um etwas an sich zu erkennen. Allerdings fiel es mir nicht schwer, in mir einen Fremden zu sehen.

Ingo, du schreibst: Bliebe dabei das Ganze außer Acht, es wäre mir zu diffus und ich fühlte mich leicht verloren, wenn die Stimme des Erzählers mal über Hans berichtet, mal mit einem „Wir“ anhebt und mal das Zwangsarbeitergleiche der Krüppelkiefern schildert...

Ich bin in einem ideologischen WIR aufgewachsen. Eines, das mir verloren ging (zum Glück),das aber eine Leerstelle hinterließ, und eben auch Hans Hektor. Vielleicht ist diese gar nicht so leichte Verlorenheit genau das Gefühl, das die Texte grundiert, aber auch der Grund für den Impuls nach Kooperationspartnern wie Martin zu suchen.

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Ingo,
Ich wechsle zunächst die Spalte - Martin ist ja an der Reihe -, damit unser Gespräch endlich an Fahrt gewinnt. Lieber Jan, vielen Dank für deine Entgegnung! Als Leser wollte ich eine erste Überforderung - oder besser: Herausforderung - zum Ausdruck bringen, die mir die Form deines Textes bereitet hat. Zum einen werden Grenzen aufgelöst (z. B. die zwischen Poesie und Prosa), zum anderen hast du für deinen Text aber eine eigene Form gefunden, die ja Martin auch reflektiert und überdies geht es ja auch inhaltlich oft um (erlebte) Grenzen. Zu der Kunstfigur - die von mir behauptete Parallele zu Hans Castorp würde mich interessieren - kommt ja auch mindestens ein Erzähler hinzu, Martin dagegen reagiert ja - mit den ihm eigenen Mitteln - sehr direkt auf die Entfremdung und führt das "Ich" wieder ein, das sich bei dir ja nicht wirklich hat bilden können, womöglich weil es immer vom kollektiven "Wir" überlagert wurde. Der Schrei, den ich angesprochen habe und den ihr beide kurz thematisiert, bleibt bei Hans ja eigentlich ziemlich im Halse stecken, wobei es da vor allem die Gedichte sind, die einen "eigentlicheren" Tonfall im Sinne Heideggers anstimmen. Und nun ist es schwer für mich in Worte zu fassen, dass sich im Text gar nicht so viele Auf-und-Abs ereignen, über die emotional berichtet würde, man also den Eindruck hat, es passiert gar nicht viel, obwohl ja doch sehr viel geschieht und alles von einem politisch-historischen Kontext eingerahmt ist. Das meine ich mit dem Ganzen, aber vielleicht liefere ich (oder wir) hierfür noch Beispiele nach & ich glaube, dass wir nach Martins Beitrag noch genauer darauf zu sprechen kommen sollten, was genau dabei Spannendes geschieht, dass sich Martin auf das Verlorenheitsgefühl, das deine Text grundiert, eingelassen hat.

Überzeitlichkeit, Frankfurt und Ich

Was mir direkt auffiel war, dass Hans Hektor eine Kunstfigur ist und doch Jans Erlebnisse widerspiegelt. Es ist also die Annäherung an das Ich durch Entfremdung. Ich versuchte die Befremdung durch das Direkte. Autobiographisch so nah zu gehen, dass es mir selbst nicht mehr nah vorkommt. Ich weiß nicht, ob ich jemals so detailiert von mir schrieb und das je wieder tun kann. Ich fühle auch deswegen heute noch etwas wie ein Fremdgefühl bei diesen Texten, als ob nicht ich sie geschrieben hätte. Das liegt vielleicht daran, dass ich den Antrieb in Jans Texten suchte und zu mir persönlich führte und nicht - wie sonst - anfing aus persönlichem Antrieb zu schreiben. Es war und ist weiterhin eine neue Erfahrung für mich. 

Die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen unserer beiden Texte kommen zum Tragen. So habe ich alle Texte nicht nur als Kommentar (aber eben auch) aufgefasst, sondern eher als Ergebnis. Ich halte mich, was den Schrei angeht auch arg zurück. Ich war währenddessen dabei an meinem zweiten Gedichtband zu schreiben. Einige Gedichte flossen auch in die Überschreibungen mit ein. Vielleicht schrie ich mich dort aus? Nein. Je länger ich drüber nachdenke, desto eher sind die Überschreibungen eine Vorbereitung auf den Schrei. Auf viele Schreie, es gibt viele verschiedene Gründe und Arten zu schreien. Ich hoffe, sie kommen heraus.

Zudem kommt, dass mir wichtig war, dass unsere Texte korrespondieren, ohne eine Korrespondenz unsererseits. Ich habe mich mit Jan nicht abgesprochen. Ich bekam seine Texte und war in Klausur damit. Er sah das Ergebnis auch erst am Ende. Überschreibungen sind also zeitlich und subjektiv. Doch gerade da liegt auch ihre Stärke. Der Link über die Zeit hinaus, über die eigene Person hinaus. Ein Hyperlink. Ich habe immer noch angst, dass der Eindruck entsteht, ich reproduziere einfach nur und es hätte sich in der Zeit nichts geändert. Ich sehe dies überhaupt nicht so, ich nehme es auch derart nicht wahr. Als Historiker bin ich mir nicht sicher. Was wiederholt sich? Was ist neu? Was ist eine Abwärtsschleife? Ich sehe keine exakte Wiederholung, ich sehe eine stetig reproduzierte. Die Reproduktion liegt nicht im Individuum, sie ist verankert in den Strukturen, die wir Geschichte, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft nennen. Wie geht man dagegen vor? Das ist eine meiner Ängste  und ebenso ein Motor meines Schreibens.

Eines ist sicher: Frankfurt und sein Gefühl. Frankfurt kann euphorisch sein, Frankfurt kann dreckig sein, Frankfurt kann laut sein. Aber man selbst kann an dieser Stadt ebenso verzweifeln. Ich fühlte mich eine zeitlang verloren. Man kann sich in Frankfurt verlieren, wie in jeder Großstadt, aber der Ursprung dieses Verlorenseins ist häufig individuell. Ich verzweifelte und ohne das zu wissen, glitt ich tiefer in meine Verzweiflung, die sich an und aus sich speiste. 

Die Gestaltung des ebooks hingegen ist schwer. Viele Stimmen fänden nebeneinandergestellte Texte stärker, wohingegen ich auch fortlaufende Texte von Jan sah, die man nicht unterbrechen hätte sollen. Diese Entscheidung ist derart komplex, dass ich froh bin, dass ich sie nicht treffen musste. 

 

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Vielstimmigkeit

Kevin Junk

Zwei Stimmen kommen im Buch zu Wort. Vier Stimmen beschäftigen sich jetzt mit ihnen. Online, wie passend bei einem E-Book, in einem neuen Format, das Interventionen durch Kommentare zulässt. Das ist für uns alle, wie Martin Piekar über sein eigenes biographisches Schreiben sagt, eine neue Erfahrung. Wie also damit umgehen?

Die vielen Eindrücke zu sortieren ist schwer. Gerade bei Jan Kuhlbrodts Aufschlag ist man dazu gewillt ein Narrativ zu suchen, das man so nicht findet. Die Eindrücke sind in der Tat – da stimme ich Ingo zu – diffus. Jans Kommentar bettet das in eine Erfahrung ein: seine Autobiographie, das System in dem er Aufwuchs, ein System, dass es so nicht mehr gibt. Die Entfremdung ist auf die Spitze getrieben und jetzt sehe ich in dieser Verlorenheit die Stärke von Jans Text. Seine Stimme ist sehr zaghaft, das Erzählen zuweilen wie ein matter Film. Dann aber spielt der Text mit Wiederholungen und es wird interessant: die Wiederholung verleiht der Mattheit eine Richtung. Es ist schwer als Beobachter teilzunehmen, schwer eine Linie zu finden. Das gilt vor allem für die Prosa. Die lyrischen Intermezzos erweitern das formelle Vokabular. Sprung zwischen den Prosaabschnitten und den lyrischen Teilen ist abrupt.  Auch wenn eine Linie schwer zu finden ist: eine Stimmung entsteht, und das merkt man sich.

An dieser Stimmung setzt Martin Piekars Überschreibung an. Er nimmt das Diffuse auf, spinnt es weiter und übersetzt es in eine Sprache, die wesentlich gegenwärtiger ist. Der Zwischenruf des Herausgebers sagt: die beide Texte stehen für sich. Ich will ihm entgegenbringen: die Texte profitieren voneinander. Ohne Jans entfremdete, nebelige Perspektive auf seine eigene Vergangenheit könnte Martin wahrscheinlich gar nicht erst so schreiben. Damit fordern die Texte einander heraus. Auch wenn Martin auf Jan reagiert – Jans text agiert dadurch neu. Überschreibungen zeigt, wie lebendig Texte sind und wie komplex Intertextualität in unseren Köpfen wirkt.

Ein letzter Gedanke noch zur Form des E-Books: wäre es nicht toll, diese provozierte Form der Intertextualität digital greifbar zu machen? Nicht, dass es realistisch ist, aber wäre es nicht toll eine App zu programmieren, die erlaubt in beiden Texten zugleich zu sein? Die Überschreibungen durch Klicks sichtbar macht? Ein E-Book ist 2016 zu oft immer noch nur ein elektronisches Buch. Das Buch anders zu denken gelingt durch den Lyrikcode, den der Verlag einzieht. Geht das weit genug? 

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Marcel Diel,
Kurz vorweg: Ich liebe dieses Format eines lebendigen Austauschs über Literatur, nah am Text und mit Beteiligung seiner Autoren. Vielen Dank dafür! Auch auf die Gefahr hin, mit Erklärungen zu langweilen, möchte ich als Mitherausgeber der Edition Binaer (und "Verbrecher" der zwischen den beiden Texten des eBooks platzierten Anmerkung) kurz auf die Anregungen im letzten Absatz eingehen: In der Tat ist uns die Entscheidung über die Gestalt des eBooks nicht leichtgefallen. Es standen mehrere Optionen zur Wahl, z.B. die einzelnen Abschnitte beider Texte alternieren zu lassen und sie so miteinander zu verweben. Wir haben uns dagegen entschieden, weil wir die Eigenständigkeit der beiden Texte erhalten und herausstellen wollten. Andere Optionen (so auch die Idee einer eigenen App, in der die Überschreibungen sichtbar gemacht werden könnten, obwohl sie mir sehr sympathisch ist) kamen oft schon deshalb nicht in Betracht, weil wir es uns zum Ziel gesetzt hatten, eBooks zu gestalten, die auf möglichst allen Geräten und Apps lauffähig sein sollten. Die bestehenden technischen Restriktionen erzwingen geradezu eine gewisse Schlichtheit in der Gestaltung, aber das muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein (und ist es meiner Ansicht nach auch nicht). Nochmals vielen Dank für die interessanten Beiträge (das gilt natürlich für alle Autoren hier). Ich verfolge die Diskussion auch weiterhin gespannt.

Auf das Klaffen der Wunden hören

Ingo Ebener

„Die Wunden klaffen“ heißt es in Heines Gedicht „Enfant perdu“ und man kann sich in den Überschreibungen wund und verloren lesen; es geht ja immer auch um Reflexionen aus beschädigten Leben.

Wenn wir Jans narrativen Weg als Ausweg betrachten, um das Ichferne/ den Ichverlust zu bannen, das durch die Entfremdung von Zeit und Staat, von Kollektiv und Nation hervorgerufen wurde, dann scheint mir Martins Gegenreform tatsächlich eine Antwort zu sein, auf die noch weitere folgen müssten, wodurch die Gegenreform alsor erneut reformatorische Züge annimmt. Damit meine ich, dass nicht bloß ein Ich aus der Versenkung (aus dem „Wir“ heraus) neu hervorgeht, weil die Zustände „besser“ geworden sind, sondern weil Martin darauf reagiert, dass Jans Text eine persönliche Reaktion fordert. Ich denke also, dass Martins Versuch einer „Befremdung durch das Direkte“ auch eine sehr starke Annäherung oder Abgrenzung vorausgegangen sein muss. Das Klaffen der Wunde hat also nur Bedeutung, wenn man selbst auch etwas von dem Schmerz mitfühlt, der ja bei Jan an so vielen Stellen überlagert wird (der Schrei bleibt oft aus bzw. er bleibt stumm).

Ist es also nicht vor allem eine unheimliche Nähe, die wir zwar permanent gegenwärtig erleben, die uns aber erst dann dazu nötigt ein „Ich“ neu entstehen zu lassen, wenn wir gezwungen sind, wirklich laut zu werden, zu opponieren, uns zu engagieren? Und bürgt dies nicht wieder die Gefahren der Entfremdung, ist also Verzweiflung wirklich so individuell? An einer Stelle schreibt Martin in dem Buch: „Ich glaube an den Menschen!“ Aber reicht das? Oder geht einfach (zunächst) nicht mehr?   

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Diffusion und Selbst: Vielleicht ist es nur mein Konstruktivismus

Lieber Ingo Ebener, die Diffusion, die Jans Texten innewohnen, haben mir die nötige Freiheit gegeben. Ich finde mich in ihnen nicht besser zurecht, als in einem linearen, struturell-stringenten Text. Aber ich arbeite selbst mit etwas ähnlichem. Ich nenne es Assoziation und Dissoziation. Ich behandle jedes Thema, in dem ich schaue, was ich damit verbinde und was erscheint, wenn ich es seziere. Das Ganze, das Vollendete ist mir mehr Dorn im Auge, gerade weil es eine zu glatte Wirkung hat. Wenn es einfach schön und gut ist und ich micht nicht daran stoße und auch daraus nicht herauskomme, dann fühle ich micht noch unwohler. Diffuse Texte lassen immer etwas offen. Selbst wenn sie einen an ungewollte Orte, zu ungewollten Gedanken etc. führen, sie haben trotzdem etwas Offenes für das Eigene. Ich sehe darin eben auch eine Art Konstruktivismus meines Geistes: Assoziation und Dissoziation. Das ist die Wahrnehmung meiner Welt und diese Art und Weise versuche ich zu vertextlichen. Ich scheitere sicherlich oft, aber das ist der Deal: Nur was scheitern kann, kann auch gelingen. 

Jetzt kann natürlich die Frage gestellt werden: Welche literarischen Texte sollen denn keine diffusen sein?  Hier ist es kniffelig, eigentlich ist jeder Text, der offen für das Eigene der Leserin/des Lesers ist, zugänglich und wiederbegehbar - ich denke meine Kategorien sind zu schwamming, aber vielleicht habe ich noch keine Besseren ausdifferenzieren können. 

Und ja, lieber Kevin Junk, ohne Jans Texte, wären meine nicht entstanden. Soweit stimmt es, ich denke zudem auch, das hier ein Grundton der Verzweiflung getroffen wurde. Aber auch noch mehr, ein Grundton der Entwicklung des Subjekts. Die Entwicklung des Ichs, des Selbst ist ein wichtiges Motiv meines Dichtens. Ich will wissen, wie wir zu einem Ich werden, nichtmal unbedingt zu genau dem Ich, welches wir sind, erstmal, wie wird Ich, dann wie wird Dieses Ich, das mein Selbst ist.  - Dies kann für Jans und für meinen Text gelten, behaupte ich, Jan ist da ebenso dran, vielleicht auch gar nicht bewusst. Vielleicht ist es nur mein Konstruktivismus.

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Ich-Genese

Jan Kuhlbrodt

Wenn wir nach dem Ich fragen, kommen wir natürlich auf philosophisches Gelände und vom Text ab. Aber vielleicht ist es ja gerade das, was die Texte motiviert hat, und mich dazu veranlasst, das Ich durch ein Alter-Ego zu ersetzen, ganz hegelianisch. Selbsterkennung also durch ein Gegenüber. Vermittels eines Anderen. Und dann setzen wir noch einen drauf. Allerdings denke ich auch, dass der Prozess der Selbsterkenntnis unabschließbar ist, weil das Selbst fließend und unter anderem auch Reflex auf die sich verändernden äußeren (gesellschaftlichen) Bedingungen. Insofern sind die Texte, sowohl Martins als auch meine, Momentaufnahme. Historisch schon im Moment ihres Entstehens. Eigentlich müsste ich jetzt wiederum auf Martins Texte antworten, und er dann wieder auf meine usw. usf.. Aber ich denke, wir verbinden mit unserer Arbeit eine andere Hoffnung, also ich tue das zumindest, nämlich dass die Texte aus dem Zwiegespräch heraus einen weiteren Resonanzraum öffnen. (Was sie ja jetzt schon tun, indem sich Ingo und Kevin am Gespräch beteiligen.)

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Martin Piekar,
Allerdings ist es hegelianisch, - lustig, zu dem Zeitpunkt, als ich das schrieb, hatte ich noch keinen Hegel gelesen, jetzt mehr und jetzt weiß ich, dass auch die stetige Weiterentwicklung des Ichs in Hegels Sinn liegt, so ist auch Selbsterkenntnis eigentlich ein stets unabgeschlossener Prozess oder? Wann kennt man sich wirklich selbst? und ja. Texte brauchen Resonanzraum, danke dafür. Darin sehe ich etwas, dass ich auch schon für mich formuliert hatte als: Gedichte brauchen Öffentlichkeit.

Zwei Fenster

Kevin Junk

Jetzt haben die Autoren sich auf die Meta-Ebene begeben. Der Kritiker will zurück zu den Texten. Aber ganz will ich die Diskussion um das Ich hier nicht abbrechen. Das lyrische Ich, das Ich der Texte, ist bei beiden von euch durchaus Artverwandt. Für mich kommt da ziemlich viel Zeitgeist durch – historisch versetzt, natürlich. Und genau an diesem Zeitgeistigen, diesem durch das Subjekt gefilterten Gegenwärtigen, will ich weiter ansetzen.

Aus Sicht des Produzierenden liegt das Autobiografische viel weiter an der Oberfläche des Texts. Aus Sicht des Lesenden kommen wir da nur durch den Text hin. Wollen wir das? Ich glaube, wir brauchen das nicht. Ich glaube auch an den Menschen – Ingos Zitat von Martin – aber ich glaube an die Literatur. Deswegen habe ich die Texte als literarische Zeugen gelesen. Den Texten ist die Selbstentblößung zwar eingeschrieben, aber das zu decodieren wird immer Scheitern. Eine Wahrheit hinter den Texten zu suchen, muss meiner Meinung nach aber scheitern. Das heißt aber nicht, dass sie nicht politisch sind. Politisch im folgenden Sinne: sie sind in ein System, in eine Ideologie, in eine Erfahrung eingebettete Momentaufnahmen. Auf biografische Ereignisse zu schließen fällt schwer, aber die Umstände werden kann. Um nicht zu sagen: das Diskursive scheint durch. Und das wiederum tritt mit dem Leser in Dialog. Ist der Autor tot, wenn man mit ihm im Dialog steht? Sein individuelles Erleben stirbt und macht Platz für Interpretation. Das Autobiografische löst sich auf, es wird öffentlich, es wird literarisch, es wird politisch. Damit machen die Texte zwei Fenster auf, die in den gleichen Hinterhof hinab schauen.

Weil ich weiter oben die Form-Frage gestellt hatte und der Herausgeber sich in den Kommentarspalten eingemischt hat, will ich darauf weiter eingehen. Martin sagt: eine schwere Entscheidung. Dem Stimme ich vollkommen zu. Ich fand aber wichtig, das anzusprechen – und finde die Antworten erhellend. Klar, was ist machbar? Was nicht? Das sind Fragen, die man als Kritiker nicht stellen muss. Eine bequeme Rolle. Das Buch ist durchweg gelungen und wir kommen so schnell vom seriellen Erzählen nicht weg. Aber umso wichtiger ist festzuhalten, dass das Medium Text in unseren Köpfen zum Hyperlink wird (auch hier wieder ein Zitat von Martin). Trotzdem: ich will eine Lanze für Apps brechen, damit die Texter in unseren Köpfen noch wilder verlinken.

Da war jetzt wieder viel Meta-Ebene drin, aber die ist ein toller Ort, um zu diskutieren. 

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Das Bemalen der Pflastersteine im Regen

Ingo Ebener

Adorno schickt dem zweiten Teil seiner Minima Moralia den Aphorismus von Francis Herbert Bradley (aus Appearance and Reality) voraus: „Where everything is bad it must be good to know the worst“. Aber lässt sich überhaupt als Diagnose aufrecht halten, dass es jemals nur Schlechtes gegeben hat oder geben wird? Und wenn alles schlecht ist, wie kann es dann noch Gutes geben und vor allem wie kann dieses Gute lediglich in einem Wissen um das noch Schlechtere bestehen? Ist es also das Wissen (um den worst case), das die Schlechtigkeit des status quo relativiert?

Wir flüchten uns naturgemäß wie Adorno und Bradley in die Schrift, wohl wissend, dass der Mensch „kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen [ist]. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie) Auch wenn es oft die Unzufriedenheit über diese Um- und Zustände ist, die sowohl die Theorie als auch die Kunst hervorbringt, möchte ich nochmal – diesmal vielleicht mit mehr Vehemenz – die Frage stellen, ob wir nicht vielleicht doppelt handeln müssen, nämlich nicht nur das Ich neu hervorbringen, sondern auch geschlossener auftreten müssen als Ich, das aus dem Text heraustritt?

Natürlich sehe ich die Schwierigkeiten, auf die wir hier hinsteuern, Jans Text gibt sie sehr präzise wieder, aber vielleicht findet sich beim Bemalen der Pflastersteine im Regen irgendwann ein Schirm...

Gedichte brauchen Öffentlichkeit – so eure bisherige Antwort – und doch entstehen und vergehen sie in der Regel fernab der Öffentlichkeit und ich behaupte, sie können gar nicht öffentlich werden, ohne ihre Poesie einzubüßen (was aber nicht nur tragisch sein muss). Deswegen das Flaschenpostartige, der Händedruck etc.

Am Ende der „Überschreibungen“ schreibt Martin an Jan: „Ich fühle mich so machtlos, ich sehe keine Möglichkeit verstanden zu werden. Aber ich habe die Hoffnung, dass es doch ab und an geschehen kann.“ Und etwas später: „Nein, ich versuche nichts durch das Schreiben zu lösen, das wäre vermessen, aber ich möchte etwas erreichen. Mag sein, ich instrumentalisiere meine Gedichte, aber ich möchte keine Parolen schwingen, die ich für allgemeingültig halte – naja, manchmal vielleicht schon.“ Du rettest dich also ins Widersprüchliche, Offene, ins Aber (oder „Aber aber aber“), aber – das ist der Unterschied zu Hegel – ohne das Absolute zu kennen.

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Hegel

Jan Kuhlbrodt

An dieser Stelle vielleicht ein kurzer Zwischenruf, nur um zu vermeiden, dass der Eindruck entsteht, es handele sich bei dem Buch um eine Art Hegelexegese. Ich denke und hoffe, die Texte sind so diesseitig, dass man sie verstehen kann, ohne jemals ein Wort Hegel gelesen zu haben. Hegel spielte für mich beim Schreiben eine eher untergeordnete Rolle. Philosophie ist weniger Gegenstand der Texte.

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Screenbreite Gegenwart

Kevin Junk

Den Zwischenruf von Jan finde ich gut. Wir bewegen uns gerade in einer Diskussion um das Ich, um Hegel, mit Adorno, die man den Texten durchaus anlegen kann. Um Jans Sorge zu entkräften: die Texte sind sehr diesseitig. Sie sind keine Abhandlung über Philosophie. Sie poetisieren das Banale auf wunderschöne Art.

Es geht um ganze konkrete Fragen: wie sieht Ausbeutung aus? Hier kommt mir die Mutter in den Sinn, die in beiden Texten eine Rolle spielt. Sie ist die überarbeitete Versorgerin, Bezugsperson und Marker des Systems. An ihr lässt sich ablesen, wie Macht-  und Beschäftigungsverhältnisse funktionieren. Zugleich schwingt bei beiden eine unheimlich rührende Dankbarkeit mit.

Das Banale findet immer wieder seinen Platz. So liest Hans Hektor von einer Auktion, bei der die Quittung über die Aufführungsrechte eines Schiller-Stücks versteigert wurde. „Schiller erhielt für die Aufführungsrechte 100 Preußische Taler.“ Absatz. Es geht mit der Postmoderne weiter. Ganz unvermittelt. Hier werden keine Erklärungen gegeben, hier wird nachgedacht. Und das Nachdenken hat nicht immer ein Ziel, nicht immer eine Richtung und es ist vor allem nicht immer logisch.

Martin macht es ähnlich, wenn er über den Widerstand nachdenkt: auf „Ich weiß nicht / Wovon ich schreibe / Wenn ich über Aufstände schreibe“ folgt eine Aufzählung von Aufständen aus den letzten 7 Jahren. Die Welt ist in Aufruhr, mehr noch, als die Welt von Hans Hektor. Sie dreht sich nicht nur schneller, sie hat auch eine andere Richtung eingeschlagen.

Ja, es geht viel um das Ich in den Überschreibungen, aber es geht auch viel um politisches Bewusstsein. Gerade Martins Sprache geht hier so stark in die Gegenwart, wie es nur Lyrik kann: da wird sich „screenbreit“ empört, es gibt „Einwegprotestler“ und Schüler*innen. Er ist sprachlich im Jetzt produktiv und ringt ihm auf eine kritische, intelligente Art neue Bedeutungen ab, die uns den Spiegel vorhalten. Hier trifft das Poetische auf das Politische. Die Beobachtungen sind so scharf, dass sie ins Fleisch des Zeitgeists schneiden.

Wendet man diesen Blick wieder auf Jans Texte zurück, erscheinen sie in neuem Licht. Hier geht es weniger um eine produktive Sprache, als um die Nachbarschaft von erzählerischen Einheiten. Wie interagiet Hans Hektor mit seiner Welt? Was ringt er ihr ab? Das ist jeweils mit viel Bedeutung aufgeladen.

Also: die Texte lassen sich ganz ohne Hegel lesen. Und sie sind durch und durch politisch, und damit auch öffentlich,  was für mich nicht im Widerspruch mit ihrem Poetischen steht. Mehr noch: es bedingt sie.

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Ingo,
Ich begrüße es einerseits auch, dass hier betont wird, Philosophie sei weniger Gegenstand der Texte & sie lassen sich auch ganz ohne Hegel lesen, doch andererseits dürfen wir auch nicht ganz vergessen, dass die Philosophie dann doch eine kleine Rolle spielt. Jan und Martin haben immerhin ein Philosophiestudium absolviert oder absolvieren eins. In Jans Texten wird die Philosophie Marx (und nicht ganz fern die Hegels und Adornos) hinsichtlich der Brauchbarkeit ihrer Theorien zu Staat, Gesellschaft und Individuum befragt und auch bei Martin gibt es Bemerkungen zu Existentialismus, Marx und Honneth. Es gibt eindeutig die Ebene, wo mehr oder weniger Antworten darauf gegeben werden, ob etwas (ein Theorem oder Philosophem) auch für die Praxis taugt oder wie es bei Martin heißt: "Reale Probleme habe ich so viele, dass ich mich seltener und seltener um abstrakte Denkmodelle kümmern kann." Wenn ihr aus eurer Sicht also so konkret wie möglich Antworten (oder etwas in der Richtung) auf abstrakte Fragen gegeben habt, dann sagt das ausdrücklich und wir wenden uns anderen Themen zu, aber das Philosophische (und erst recht das Politische) ist zumindest (als Abwesendes) anwesend.

Martin Piekar,
Ich war immer der Meinung, dass Philosophie für jeden zugänglich ist. Das Philosophieren ist etwas, das man mit Schüler*innen , mit Freunden bei einem Drink, mit einem Buch mit sich selbst, betreiben kann. Philosophie war nie eine geschlossene Gesellschaft (vielleicht ist das der wissenschaftliche Betrieb, ich weiß es nicht). Ich sehe auch kein Abschrecken in der Philosophie und natürlich fliest sie bei Jan und mir ein, da sie ein großer Teil von uns ist. Aber das Philosophie-Studium, wie Kevin schrieb, ist nicht nötig zur Erschließung. So steckt auch das Banale im Philosophischen wie das Philosophische im Banalen. Die Banalität zeigt uns am besten unsere Lebenswelt, sie ist das, was uns umgibt, ohne das wir es bemerken. Banalität ist eine Atmosphäre für sich, die so angenehm ist, das wir sie nicht mehr bemerken. - vielleicht können wir die Philosophische Debatte hier als Hyperlink führen?

Das Politische und das Widersprüchliche

Einen Text zu schreiben, ihn in die Welt zu schleudern und zu hoffen, er würde alles verändern ist naiv. Aber diesen Text zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen ist mutig. Man setzt sich etwas Unberechenbarem aus. Und darum gehts. Nicht, die Lesart vorzugeben, sondern einen Text darzubieten, der eine Öffnung für Leser*innen hat, für das Eigene, wie schon beschrieben. Gerade gestern viel bei einer Textbesprechung der Satz „Meine Gedichte sind klüger als ich“. Und das ist eine bemerkenswerte Sache für eine*n Autor*in, die Resonanz, die aufzeigt, was alles noch in dem Text steht. Wir Autor*innen sind blind durch unsere eigenen Texte.

Die Öffentlichkeit, die Gedichte haben, ist nicht zu unterschätzen, lieber Ingo. Häufig rede ich mit anderen - meist Dichter*innen, aber nicht bloß - über Dichtung. Ob es nun die Art und Weise ist etwas zu verarbeiten, etwas zu veröffentlichen, nicht publizistisch, sondern da eben politisch. Lieber Kevin, hier gehe ich einen anderen Weg der Begründung, wenn ich dich nicht falsch verstanden habe. Bei dir kam zuerst das Politische, daraus folgt das Öffentliche. Ich möchte das ganze umdrehen. Wenn ein Gedicht eine Öffentlichkeit bekommt - eine Rezension, eine Leseempfehlung, ein besoffenes Gespräch unter Freunden, Kollegen, Partnern, etc. dann bekommt es etwas Politisches. Das Politische ist meiner Meinung nur möglich, wo es auch eine Öffentlichkeit – in welcher Form auch immer – gibt. Das Öffentliche meine ich bei Texten vor dem Politischen zu bemerken. Jeder öffentliche Texte, jeder besprochene Text, jeder (vor)gelesene Text ist etwas Politisches. Genauso bei Musikstücken, Theateraufführungen, Filmen etc.

Tritt so nicht schon etwas Neues auf? Der gelesene Text verändert mich, wie auch – aber – immer.  Die Aufstände der letzten Jahre, die Arbeit der Mutter wertschätzen lernen, der Rechtsruck werden dargelegt.  Stehen wir vor dem Text genauso dazu wie danach? Das ist nicht wichtig, sondern, dass die Texte da sind, die es aufzeigen, die sich literarisch, persönlich und damit gleich auch öffentlich, politisch damit auseinandersetzen. Ich weiß auch nicht, ob ich hier von mehr als einem Wir sprechen würde, das Text und Leser*in umfasst. Wir kann dieses neue Wir aussehen, ist es möglich? Ist Pegida nur eine Hirncloud in Abschottung, die so tut, als wäre sie ein „Volk“, ohne es zu sein?

Ich weiß nicht, ob die Widersprüchlichkeit eine Rettung für mich ist. Ich halte den Menschen für das irrationale Tier. Die Widersprüchlichkeit umgibt mich dauernd und wir finden uns häufig damit ab, weil sie so banal geworden ist – vielleicht ja schon immer war. Der Widerspruch mit den Gedichten etwas zu wollen und nicht zu wollen ist groß für mich, ich muss einen Drang zum Schreiben haben, will aber eine Freiheit innerhalb des Textes. Ist die Widersprüchlichkeit nicht mehr die Verarbeitung meiner selbst, meiner Welt in Textform? Menschen vor eine Widersprüchlichkeit zu stellen macht Spaß, keine Frage, aber ich möchte das nicht als billigen Trick missbrauchen, ich möchte es zur Disposition stellen, in einer Zeit, in welcher viele versuchen einfacher und einfacher Losungen/Lösungen zu verkaufen.

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Ingo,
Gibt es nicht vielleicht Verschiedenes, das auf den Namen Philosophie hört oder dem der Name Philosophie (auch abfällig) hinterhergerufen wird? Natürlich braucht es kein Philosophiestudium, um zu philosophieren & ein Philosophiestudium bringt auch nicht unbedingt Philosophen hervor. In den "Überschreibungen" spielt die Philosophie dann eine doppelte Rolle: die Texte erzählen davon (auf einer, nicht auf allen Ebenen), dass versucht wurde und wird Philosophie als Ideologiekritik zu befragen, dass sie aber wiederum auch zur Ideologie werden kann. Abschließend aber noch vielen Dank für deine hilfreichen Ausführungen und Klärungen!

Martin Piekar,
Es freut mich, dass meine Ausführungen hilfreich zu sein scheinen, ich zweifle oft am Verstehen. Das Verstehen zwischen Menschen ist - und auch das wurde im Philosophiestudium eher bestätigt- eine lebenslange, harte Aufgabe: eine Banalität, die wir vielleicht schon abgetan haben und das häufig mit gutem oder schlechtem Ausdruck verschleiern - da ist wieder das Widersprüchliche - kann ich mich denn adäquat ausdrücken, ist es überhaupt möglich mich verständlich zu machen? Das ist eine Art dauernde Krise meinerseits. Weiterhin ja genau, Philosophie als Ideologie und Ideologiekritik, das gefällt mir, danke dir - sie baut sich selbst auf und reißt sich selbst ein - ist das typisch für jede Wissenschaft? - Da bin ich bei Nietzsche - unser Konstrukt der Wissenschaften ist von uns selbst aufgebaut und wird als Konstrukt an sich vergessen - das diagnostiziert Nietzsche eher generell für viele Lebensfelder, nicht nur für die Wissenschaft. Die Philosophie würde ich immer im einfachsten Verorten, im Alltag, der sich eben nur einfach abspielt, die Frage dabei bleibt, ob es überhaupt etwas einfaches, simples gibt.

Produktives Missverstehen

Ingo Ebener

In Jans Text heißt es an einer Stelle: „Ich komme vom Weg ab.“ Und ich frage mich: kann man vom Weg abkommen, wenn man den Weg nicht kennt? Kafka soll ja mal gesagt haben: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ Und schon bin ich in den Zeilen verrutscht und lese die Aufforderung: „Lesen Sie zwischen den Zeilen!“ und weiter: „Zwischen den Zeilen steht nichts. Zwischen den Zeilen ist das Papier weiß und unbefleckt. Lesen Sie zwischen den Zeilen? Es ist eine Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen. Die Worte stehen auf den Zeilen. Zwischen den Zeilen kann man nicht lesen? Was dennoch zwischen den Zeilen steht, hat jemand hineingekritzelt. Oder Sie sollten es hineinkritzeln. Oder zwischen den Zeilen steht nichts. Oder zwischen den Zeilen ist sauberes Papier. Lesen Sie zwischen den Zeilen.“

Zunächst: Kann ich zwischen den Zeilen verweilen, ohne selbst etwas mit den Zeilen anzustellen, ohne mich an ihnen interpretierend zu verschreiben, ohne sie selbst zu schreiben, zu bekritzeln, zu verschmieren, ihre Spuren zu verwischen, indem ich mich zu den Worten begebe, sie betrete, sie beflecke? Ich denke der Text (be)lässt hier die Antwort zwischen den Zeilen, ohne dass man sie aus den Zeilen nehmen könnte, ohne die Zeilen zu verändern. Man muss hier produktiv missverstehen, um eine Chance haben zu können, falls es sie gibt.

Bei Martin heißt es nun: „Lesen Sie zwischen den Zeilen! Zwischen den Zeilen steht sauberes Papier. Zwischen den Zeilen steht nichts. Lesen Sie zwischen den Zeilen. Es ist eine Kunst, hat jemand hineingekritzelt. Die Worte stehen auf den Lesenden. Zwischen den Zeilen kann man nicht lesen. Zwischen den Zeilen kann man nicht zwischen die Zeilen? Was dennoch zwischen den Zeilen steht. Oder Sie sollten es hineinkritzeln? Oder zwischen den Zeilen ist das Papier weiß und unbefleckt. Oder zwischen den Zeilen ist nichts. Lesen Sie zwischen den Zeilen.“

Ich könnte mich jetzt darauf beschränken und schreiben, dass das Palimpsestartige sinnbildlich für das gesamte Buch ist, aber auch hier muss man wohl wieder zwischen die Zeilen, wieder produktiv missverstehen, oder? Ist nicht auch das Schwarze, das die Buchstaben konturiert, ihnen Form und Figur gibt, „sauber“ oder wird hier – zumindest ansatzweise – eine Säuberung des fest-geschriebenen und geformten Wortes gefordert. Wohin fällt man auch hier, verliert man die Worte unter den Füßen oder verliert man das Verständnis (aus den Augen)? Es wird (etwas) an- und abgestoßen, denn die Worte stehen auf den Lesenden, (der (aber – oder Aber aber aber) doch zwischen den Zeilen lesen soll), (was man nicht kann). Wenn man nicht zwischen den Zeilen zwischen die Zeilen kann, was macht man, wenn man trotzdem schon da ist? Unerwartet. Mit Weiß und mit Schwarz in den Augen, mit Etwas und Nichts...

Rimbaud schrieb: „Que comprendre à ma parole? / Il fait qu'elle fuit et vole! (Versteht Ihr was von meinem Wort? / Es flieht und fliegt und ist schon fort!)“ Also hinterher (zwischen die Zeilen) .

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Martin,
Danke für den direkten Bezug, lieber Ingo - da habe ich ein Gedicht Jans umgestaltet und gesehen, dass es immer noch, neu und Jans Gedicht vielleicht auch anders funktioniert. Ich habe mit drei Techniken an den Überschreibungen gearbeitet - ich habe eigens dafür Texte geschrieben, habe bereits bestehende Gedichte verwendet und habe einige von Jans Texten umgearbeitet

Ingo,
Auch wenn sich Jans Vorschlag wohl nicht mehr umsetzen lässt, ehrt er mich sehr. Menkes Arbeiten, die Ästhetik und Politik verbinden, hätten wahrscheinlich schon früher genannt werden können, ebenso die Rancières. Ich glaube, wir haben uns jetzt endgültig angenähert; ich meine zumindest einiges besser verstanden zu haben! Vielen Dank auch dir, lieber Martin, für den Hinweis auf die drei Techniken. Ein paar deiner Texte kamen mir auch bekannt vor z. B. das Gedicht, in dem du auf die EZB-Eröffnung (samt Protesten) reagiert hast ;).

Martin,
Freut mich sehr, dass das Gedicht bereits bekannt war - und hier drängte es sich praktisch auf - dieses Buch ist aus meiner Sicht eine Frankfurt-Expression, eine Selbstreflexion, eine quarterlife crisis, eine gesell. Umfeldanalyse, eine Erkenntnis, eine Wut und auch ein Appell ans Weiter (machen, schreiben etc.)

zwischen

Jan Kuhlbrodt

Lieber Ingo, dieses Statement hätte ich gern im Buch. Menke schreibt in "Die Souveränität der Kunst" sinngemäß, dass das Kunstwerk eine Leerstelle sei, um die sich ein unendlicher Diskurs entspinnt. Vielleicht kann man sagen, dass die Werke gelungen sind, auf die dieser Satz zutrifft.

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Martin,
Sind wir hier schon am Ende angekommen? Ich fände es sehr schade, da ich das Gefühl habe, dass wir jetzt andere Grundlagen und Ansätze nutzen könnten - natürlich geht das immer bis ins Unendliche, aber soweit wollte ich es jetzt nicht treiben

Der Abschied der Öffentlichkeit

Kevin Junk

Hinter den Kulissen (und im Kommentar) kam die Frage auf, ob es das schon war. Definitiv nicht. Für mich ist hier aber das letzte Statement, deswegen will ich die Zeilen nicht verschenken und die Frage aufgreifen, die mich an dieser Diskussion am meisten im Nachgang beschäftigen wird. Martin, im glauben mich missverstanden zu haben, schrieb, dass das Öffentliche dem Politischen vorgelagert ist. Ich glaube, das ist eine These, die für das 20. Jahrhundert gelten kann, wo Publikationsprozesse noch wesentlich überschaubarer gewirkt haben. Das 21. Jahrhundert kennt aber Blogs, kennt fixpoetry, kennt so viele Medien, dass wir das „Öffentliche“ so einfach gar nicht mehr definieren können. Das „Öffentliche“ sind die Menschen, die wir als Zahlen über die Webseitenzugriffe extrahieren können? Die E-Book-Downloads? Der – wie es in der Werbung heißt – Sichtkontakt? Das  Öffentliche ist damit für mich an dieser Stelle als Illusion entlarvt, auch wenn theoretisch jede Person mit Internetzugriff auf diese Texte zugreifen kann. Das „Politische“ dagegen, auch wenn es der Öffentlichkeit bedarf, ist hier für mich vorgelagert. Zugespitzt gesagt: eure Texte, auch diese Diskussion, verhandeln das Politische (hier spare ich mir die Anführungszeichen, der Begriff braucht keine Quarantäne mehr an dieser Stelle). Warum, dazu gibt es weiter oben genug Futter.

Was aber zuerst da war, das Politische oder das Öffentliche, zumindest aus zeitgenössischer Sicht, aus Sicht auf die Poesie zumindest, da will ich nicht von einer kausalen Kette sprechen. Weder das Öffentliche gebiert das Politische, noch das Politische das Öffentliche. Sie bedingen einander. Sobald Poesie die Welt der Befindlichkeiten verlässt, sobald sie sich mit einem Gegenstand außerhalb der Erhöhung von Gefühlswelten beschäftigt, tritt sie in einen intersubjektiven Raum und verhandelt so das Politische. Die Flüchtigkeit, die Ingo mit Rimbaud in den Ring trägt, gehört zu den Stärken der Poesie, denn sie regt zum Denken an. Jetzt kommt mir sofort Martins Kommentar in den Sinn: ja, die Philosophie ist hier ein Hyperlink. Auch wenn die Gefahr besteht, in den Intellektuellensprech abzugleiten: Sie verbindet die Poesie mit dem Politischen. Das poetische Nachdenken über die Welt ist politisch. Oder wie Walter Benjamin es ausdrückt: „Der Kommunismus antwortet mit der Politisierung der Kunst.“  

Walter Benjamin schreibt das 1935, kontextualisiert man seinen Kommunismus-Begriff historisch und übersetzt man ihn ins Heute, greift seine Formel noch immer.

Vielen Dank in die Runde!

 

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In my end is my beginning

Ingo Ebener

Aus den Zeilen gerutscht und zu Rande gekommen, flüchte ich mich erneut in das Flüchtige, ins Ungebundene, ins Offene...

Es muss nicht immer ein letztes Wort geben, ein Wort, auf das kein nächstes folgt; lieber kehren wir in die Zukunft und zum Anfang zurück, setzen uns dem entpersonalisierten Sprechen aus – ganz persönlich und mit all unseren Masken – und werden Ernst – trotz und mit aller Ironie – und so politisch wie die Kunst nur politisch sein kann. Verschreiben wir uns den Schreien – ob stumm, ob laut –, schreiben wir weiter (irgendwann), schreiben wir (uns) fort, überschreiben wir!

Wir können nicht zum Ende kommen – was könnte ich auch sonst abschließend sagen! Aber wenn wir uns dann im (hegelschen) Kreis drehen, erlauben wir auch Hans Hektor wieder das erste Wort, zwei Schritte zurück, aber auf die Schreitenden zusch(r)ei(b)end...

Vielen Dank auch von mir!

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Ein Abschluss ist kein Abschluss für die Zukunft

Interessant, das hier auch eine Gespräch geführt wird, wie das Politische, das Öffentliche ins Gedicht hinein und ausm Gedicht heraus kommt. Wir haben viel Meta-Ähnliches gesagt. Wir haben auch über die Texte gesprochen und es freut mich, wie das Gespräch verlaufen ist: Wir sind in die Texte hinein und aus den Texten heraus gegangen. Wir haben über Inhaltliches und über Verlinktes gesprochen. Wir haben über literarische Entwicklung und Vernetzung gesprochen und ich bin sehr froh dieses Buch zusammen - und doch nicht zusammen - mit Jan geschrieben zu haben. 

Ich mochte die Aufgabe mit Jans Texten auf meine eigene Art und Weise umzugehen. Ich glaube es ist eine Mixtur aus Frankfurt und Quaterlife Crisis bei mir. Vielleicht entstand so dieser verzweifelte Ton, diese Vorbereitung des Schreis. Vor diesem Hintergrund gab es eben auch die Hoffnung, die Hoffnung, das man noch was ändern kann. Nicht nur in der Literatur, sondern - und vielleicht sogar gerade - im Leben. 

Ich habe sicherlich meine eigene emotionale Lage verarbeitet, aber ich habe eben auch gemerkt, dass diese keine isolierte ist.  "Und die ewige Beschäftigung mit der Zukunft" - schreibt Volker Braun - kann einen m.E. schon verrückt machen. 

Wie geht es weiter? Weiter! Wie gehen wir damit um, und was treibt uns um, das uns zum Handeln zwingt oder uns genau daran hindert. Ich habe den Eindruck, die individuellen Gründe haben sich seit Jans Texte entstanden sind nicht verändert - vielleicht haben die sich niemals geändert, würden einige behaupten. Wie gestalte ich meine wirtschaftliche Existenz und Zukunft, wie möchte ich meine private Lebensentwicklung gestalten. Kann ich meine Biographie wirklich selbst gestalten? Mit welchen Strukturen kämpfen wir? Und wie wirkt sich der Ort darauf aus? Welchen Eindruck machen die Hochhausschluchten und ihre Firmen? Welchen Eindruck macht der Hauptbahnhof auf mich und welchen der Fluss? Welchen Eindruck machen die Menschen um mich herum und welchen Eindruck mache ich auf mich? Und wie kann ich das überhaupt sprachlich ausdrücken? Kann ich es denn überhaupt? 

Danke für dieses Gespräch und danke für diesen Austausch, mein eigenes Buch ist mir näher gekommen. Vielleicht habe ich den vorherigen Abstand gebraucht. 

Ich freue mich, dass wir so ein reges Gespräch geführt hatte, ich hatte die Hoffnung, gerade das Diffuse würde dies ermöglichen, die von Ingo angemerkte Leerstelle der Kunst (von Menke) liegt mir da sehr am Herzen, freut mich als Autor und meine zeitgenossische Schreibart, die Kevin anmerkte, können Jans Texte in ein neues Licht stellen - nichts, als ein Experiment war das und ich denke, die Frage nach dem Resultat hat John Cage bereits gebührend beantwortet: Das ist eine sehr gute Frage. Ich möchte sie nicht durch eine Antwort verderben.

 

Ich schreie noch, keine Angst. Danke.

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vorläufiges Ergebnis

Jan Kuhlbrodt

Und froh bin ich, dass Ihr, Martin zuerst aber eben auch Ingo und Kevin, mit meinem Kram was anfangen konntet. Wie diese Debatte betrachte ich auch meine Texte als unabgeschlossen, als Momentaufnahmen, oder eben Diskurspartikel. Insofern bin ich froh über unser Gespräch und danke auch sehr.

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Fazit von Stefan Schmitzer:
Es geht um ein doppelschlächtiges Buch (man schlage die Vokabel nach, ihre Geschichte weist Tangenten hierher auf!):

Autor 1 arbeitet sich am biographischen wie gesellschaftlichen Verlorengegangensein des politischen Wir-Subjekts ab und lässt das Ich, das davon übrig blieb, Personae erproben;

Autor 2 über|schrei|bt dies, zwar von der Warte ähnlicher individualbiographischer Marker aus, aber schon von vorne herein ganz auf sich bzw. aufs ich gestellt. Welche Marker? - Sagen wir "Philosophiestudium Frankfurt/M.", wozu auffällt: Das Zitat, das unseren express!-Titel abgibt -- das mit der Wahrheitsfindung, wie es z.B. auf Fritz Teufels Grabstein steht -- es wird uns nicht weiter erläutert. Es wird seitens aller Beteiligten also davon ausgegangen, dass man Zitat samt Kontext eh präsent habe, dass seine Bedeutung für uns hier|heute, die wir lesen und kontextualisieren, selbstverständlich wäre.

Also doch noch ein Wir? Eine gemeinsame Geschichte irgendwo im Hintergrund? Eine Restemasse an Selbstverständlichkeiten?

Dieses ist denn auch die Frage, die sich im Gespräch der beiden Autoren mit nochmal zwei Kritikern hervorschält; wobei an den beiden Polen des Gesprächs einerseits Details der Hegelrezeption, andererseits die genaue Bedeutung des Wortes "Verzweiflung" bei Martin Piekar stehen -- also: hohe Theorie und blankes, schrei|endes Dasein.

Einer versucht immer wieder, das so gesagte auf den Text zurückzubinden, gegen die Versicherung der Autoren, nein nein, das gebe jener schon genau so her; bei dieser Gelegenheit kommt der Unterschied zwischen express!-Textbeitrag und Kommentarspalten-Kommentar zu seinem Recht;  Wir würden das Buch gern lesen, |wir| nämlich, und fragen uns auch, was |wir| bedeuten kann...

Jan Kuhlbrodt · Martin Piekar · Marcel Diel (Hg.)
express! Überschreibungen
Verlagshaus Berlin
2016 · 6,99 Euro
ISBN:
978-3-945832-18-9

Fixpoetry 2016
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