Fixpoetry

Wir reden über Literatur
express!

ein stream muss her

Hamburg
Redaktion: 

express! Eine neue Form von Kritik. Wir exp_erimentieren mit neuen Ansätzen in der digitalen Literaturkritik. Wer denkt wie und warum? Was sagt die Autorin dazu? Können Sie das nachvollziehen? Interaktiv und transparent - eine demokratische Debatte über Literatur. Zwei Literaturkritikerinnen und eine Autorin im Dialog. Heute gehts weiter mit flüchtige monde von Yevgeniy Breyger. Im Stream Elke Engelhardt, Yevgeniy Breyger und Stefan Schmitzer. express! yourself!

Treideln

Elke Engelhardt

Ich bin Schriftsteller, das ist nicht nur ein Beruf, sondern die Entscheidung, die Welt als Sprache zu sehen. Als die eigentliche Sprache erscheint mir die, in der das Wort und das Ding zusammenfallen. Aus dieser Sprache, die sich rings um uns befindet, zugleich aber nicht vorhanden ist, gilt es zu übersetzen. Wir übersetzen, ohne den Urtext zu haben. Die gelungenste Übersetzung kommt ihm am nächsten und erreicht den höchsten Grad an Wirklichkeit. Erst wo die Übersetzung sich dem Original annähert, beginnt für mich Sprache. (Günter Eich)

Kein weniger an Kritik, sondern ein mehr an darin enthaltener Reflexion, schreibt Max Czollek am Ende der ersten Express Staffel. Und das ist auch der Kern der sich bei der akutellen Diskussion um Lyrikkritik herausschält. 

Vielleicht vollzieht dieses neue Format der Auseinandersetzung über Literatur gewissermaßen den Schritt von einem statischen Urteil hin zu einem offenen Gespräch. Die Möglichkeit, eine Haltung zu entwickeln, und im Gespräch zu bleiben - über imperiale Köpfe, Gerste und Mond. Über das Erhöhte im Gedicht. Darüber wie Yevgeniy Breyger das Unsagbare umkreist, wie er versucht auf magisch-mystische Weise an den Urtext (siehe Eich) zu rühren. Gelingt ihm das mit den „flüchtigen monden“, oder lässt er sich treiben auf einer Sprache, die vom Mond beeinflusst zwischen Ebbe und Flut auf- und abbrandet?

„Lesen ist das Nachvollziehen des Schreibprozesses einer anderen Person“, behauptet  Breyger in einem Interview mit Sibylla Vricic Hausmann im Poet Nr. 19. Was ich momentan erkenne ist ein Dichter, der den Mond liebt -

    ich liebe nur den mond

und die Sprache den Gezeiten aussetzt. Die Frage, die sich mir jetzt stellt ist, wie man über etwas redet, das man nicht versteht, aber gerne ergründen möchte.

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Jayne,
es handele sich um das "Unsagbare" - ein Begriff, der gern in Bezug auf die Erkundungsbewegungen eines Gedichts oder anderen literarischen Textes verwendet wird, aber ich denke, dieser Ansatz ist wenig hilfreich, sich einem Text anzunähern, er verschleiert eher dessen Bewegungen, Zielrichtung, wo es um genaue Textbeobachtung geht ...

Verena,
die methode, das buch zuerst inhaltlich abzuklopfen, ob denn auch drinnen ist, was außen draufsteht, ist legitim ... sie brachte bei den rezensenten allerdings nicht das schnelle Express ergebnis

Verena,
flüchtige monde ist ein großes vielschichtiges werk, welches erst durch wiederholtes lesen erarbeitet werden will, erst durch überdenken einzelner gedichte, verse, worte und durch das verstehen der fäden, die unter den jeweiligen Gedichten/Zyklen zarte Verbindungen ziehen, auf poetologisch- theoretischer Ebene verstanden werden möchte. ich verneige mich vor einem großen, noch so jungen, Dichter und bedanke mich für sein souveränes und tröstendes werk.

Julietta Fix,
wobei, liebe verena, express! nicht für schnell stehen soll, sondern für "ausdrücken, formulieren, zum Ausdruck bringen". JF

Verena,
ahhh, liebe julietta, danke für die aufklärung! ich dachte eher an amazon, also nicht an die amazonen, sondern an das paketservice, die expresslieferung - ich kann mir aber nun gar nicht erklären, wie diese meine fehlinterpretation nur entstehen konnte...? liebe grüße, verena

Verena,
in diesem gedichtband geht es, meiner meinung nach, nicht um den mond, es geht auch nicht darum, ob dieser dichter den mond liebt, oder nicht. es geht um ein fallen und ein wieder aufstehen. um ein verletzen und ein wieder gutmachen. es geht um eine kontextualisierung von verbindungen, situationen, beziehungen, in unerwartete kontexte. es geht um die maximale ausschöpfung sprachlicher möglichkeiten. es geht um form, metrik und genauigkeit. der dichter spielt mit der tradition und das kann er nur, weil er mit ihr hand in hand geht und sie auch loslässt - wen er an der anderen hand hält? ich weiß es nicht.

Verena,
Wenn sich ein Dichter an sprachliche Grenzen wagt und in die Nähe dieser Grenzen auch gelangt, dann ist genau an diesen Punkten ein Erlebnis möglich, in der Lesart des Spürens dieser Grenzen, hier blitzt und donnert es und diese Grenzsituationen, dieses Knallen, das Zusammentreffen, in Breygers Fall, der Tradition mit seiner Bildung neuer Deutigkeiten, diese Koordinaten machen den ästhetischen Wert dieser Dichtung aus. Die Klassifizierung eines Textes, ob er denn nun auf autobiografische Erfahrung zurückläuft, welche Inspirationsquellen, welche Musen rolle spielende Faktoren waren, diese Fragen könnte der Autor beantworten, wird er aber nicht. In diesen Grenzsituationen droht es jedoch sinnlos zu werden, die Sprache/Dichtung nach Sinn oder Kontext zu befragen. Bedeutungen, Zeichen zerbersten. In der Poetisierung von Sprache geht es auch nicht darum, sie auf ihren Urzustand hin abzuprüfen oder zurückzuführen. Wer hier nach Sinn und Bedeutung sucht, wird nicht sehr schnell fündig werden, auch wenn sich ein Faden durch das Ganze webt, der unter Umständen einfach nur des Autors Stimme ist. Ich danke Stefan Schmitzer für die nochmalige Verdeutlichung seiner Interpretation der FLÜCHTIGEN MONDE als kluge Montage einer Individualgeschichte, wundere mich jedoch darüber und vermute, dass er weitere Interpretationen noch zurückhält, der großen zeitlichen Spanne von express! geschuldet und ich danke ihm auch für die sorgfältige Aufklärung der Einteilung des Buches, diese ist extrem erhellend und hat ihm sicher den Nachtschlaf gekostet!

Dreidel dreidel...

Stefan Schmitzer

wir nehmen erstens zur kenntnis: da liegen gedichte vor, in denen es um den mond geht. (sagen wir nicht "die sich um den mond drehen" - das impliziert sofort die eine oder andere analogie, die uns die lektüre verunklären könnten - "...wie dieser sich um die erde dreht" u.ä.). der mond der dichter ist, wie wir eh wissen, ein mehrfach und widersprüchlich codierter topos, beinah eine universalchiffre. als sinnbildchen des jenseitigen, irrealen, natürlichen war er in den letzten paarhundert jahren austragungsort verschiedener kämpfe um utopie, um das verhältnis der äussern zum inneren, der ethik zur ästhetik, nátur und kúlltur und trallala und schlags nach in den registern der proseminararbeiten.

damit ist der mond nicht alleine, so geht es den lindenbäumen, den feldern, wäldern, gärten und gewittern, den blumen dieser oder jener farbe, diversen tieren, flüssen, landwirtschaftlichem gerät von sense bis traktor. was ihn, den mond, vor diesen anderen aber auszeichnet, ist, dass er trotz seines status als leitfossil für die literaturgeschichtler und -soziologen noch immer, wo er auftaucht, seiner alten kernkompetenz nachkommt und machtvoll zweifel am prinzip der verstehbarkeit evoziert, nebst nebulösen sehnsuchten und vagen andeutungen richtung körper-versus-geist, verführung, siehe oben. er tut das selbst noch da, wo diese seine topogenese just der gegenstand des textes ist. auch der als doppeltes zitat zitierte mond strahlt fahl auf irgendn ding; das macht dann wirkung.

will sagen: elke engelhardt ... (sind wir in diesem textformat hier eigentlich zweite personen miteinander, oder sind wir dritte? - ich bleib mal bei der dritten) ... elke engelhardt also verwendet die begriffe "unsagbar", "magisch" und "mystisch", wenn sie das gespräch über yevgeniy breygers auffallend umfangreichen gedichtband "flüchtige monde" eröffnet.

dabei spräche manches dafür, gerade dieses mond-buch als offensiv antimystischen gedichtband zu lesen - breyger verwendet keine der drei meines wissens denkbaren verfahrensweisen, mit denen "unsagbar"-"mystisches" üblicherweise ins gedicht geholt wird: weder erstens die "negative theologie", ob in listenform oder als beinahe-verstummen des textes; noch zweitens das (sprachliche oder sachliche) paradoxon, also die vorsätzliche kapitulation der sprache vor der eigenen ungeschicklichkeit; noch auch drittens die schlichte anbringung einer hinweistafel im text "das folgende bitte als mystisches raunen rezipieren".

nichts von alledem. statt dessen stellt sein buch einen durchwegs narrativ zu lesenden, wenn schon nicht "entschlüsselbaren" streifzug eben, siehe wiederum ganz oben, durch die geschichte der gesichter des mondes dar. wir können uns denken: individualgeschichte, klug montiert als geschichte einer gesellschaft oder einer tradition. wir können auch denken: lustig, das. hier zum beispiel:

vorwärts amphoren, trockene kostbare bären. empören
sich die wälder? sie siechen aus euch heraus.
fahnen voller protest, um ohren verschobene tonspuren,

finnen. falls ihr es seid, werdet ihr euch erkennen. doch das
seid ihr vor allem: geschlechtliche kiebitze ohne instanz.
gehaltlose teaser. zärtliche freude eilt euch voraus.

(...)
 

 

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frank,
„wer mitmacht, versteht was mit absicht. die betrachter drumrum, jetzt so aktiv wie erwartet. mit handschuh im ring ein wenig verschnaufen. hinter mir augen, die durchscheinen. spießen mich auf, als wär ich aus plastik. im fallen inbegriffen. drastisch“ ganz vorneweg: ich habe nicht die geringste ahnung, worum es in den texten geht und übe jetzt eine bewußt verseltsamte laute lektüre, auf die gefahr hin, daß mich alle auslachen, und vorher und hinterher köpfen: mmmmh…. ohne zusammenhang schwer zu eruieren. man ist nicht dabei, in dem vorgestellten geschehen. es gibt mitmacher, die bewußt dabei sind und es gibt beobachter, die sich jetzt endlich rühren. es gibt irgendeine auseinandersetzung, einen boxkampf. das ich (womöglich? wahrscheinlich?) verschnauft, aber nur für einen moment. es spürt dabei einen oder mehrere blicke hinter sich. durchscheinen, wie eine taschenlampe durch ein tuch scheint? von hinten durch den körper oder sind es stechende blicke heraus aus einer menge im rücken. wenn sie stechen, dann scheinen sie nicht, sondern schießen mit lichtgeschwindigkeit, sind laserkanonen, die durchdringen, aufschneiden – aber nicht aufspießen. blicke können eintauchen, anhaften, aus neid töten, vor allem wenn einer aus plastik ist, undurchsichtiges kunstmaterial, dem das leben abgezweifelt wird, das eine doppelte niederlage erleidet – es fällt und wird von blicken erdolcht – das muß ein sehr drastisches geschehen sein, eine dramatische situation, vielleicht ein streit vor der disco, eine bühnensituation, die schief geht, die besprechung des neuen buchs im express! … „vorwärts amphoren, trockene kostbare bären. empören sich die wälder? sie siechen aus euch heraus. fahnen voller protest, um ohren verschobene tonspuren, finnen. falls ihr es seid, werdet ihr euch erkennen. doch das seid ihr vor allem: geschlechtliche kiebitze ohne instanz. gehaltlose teaser. zärtliche freude eilt euch voraus.“ nicht ganz gutartig: avanti ihr vasen voller köstlicher beeren, geraubt aus den tiefen der wälder! dem siechtum abgegriffen, in dem sie darben, wie trotzige banner einer sprache, die niemand mehr hört, flosse im verstummen. falls ihr es seid, werdet ihr euch erkennen. doch das seid ihr vor allem: gaukelnde watvögel, herumstocherer ohne konkrete frage. eine scharteke von anriss. zärtliche freude eilt euch voraus. gutartig: ich kapier nix. macht aber nix. die sprache ist interessant und gut getaktet. begriffe klingen anders wie gewohnt. schön die kiebitze, die vor sich hin stochern. nur das heraussiechen ist wirklich seltsam: wie siecht man heraus? aus einer mooswand kann es sickern, aus einem waldstück kriechen zombies hervor? „um ohren verschobene tonspuren“ – das ruft förmlich nach einem weiteren „o“ – um ohren schobene tonsporen und dann das spitze aufrechte „i“ in den finnen, das auftauchen mit der flosse oder das zuhauen mit der finne, jedenfalls der kontrast , an dem man sich erkennt, die differenz, die in der luft gaukelt. fragend: wie kann freude zärtlich sein? ist doch eher unbändig und aufwühlend, spontan und unversehens, und eben auch schnell, eilt voraus und manchmal schreit man sich an dabei. meint er die freude auf zärtlichkeit? oder eine heimliche freude? vielleicht eine knutschende, verwöhnende freude – vorstellen kann ich mir das. fragend: wie verschiebt man tonspuren um das maß von ohren. mensch nach mensch, hörenden um hörenden. sind wir hier womöglich bei einer demo? man erkennt sich an den fahnen, bekenntnisse der masse, aus den wäldern entlaufene haie. gutartig: mindestens anläufe zu einem neuen eigenen gedicht habe ich jetzt für mich extrahiert, auch wenn ich nicht schlauer geworden bin in bezug auf die textzitate, die aus einem innenraum stammen, dem ich nicht nahkommen kann anhand kurzer passagen. manchen hat der text jetzt und er bleibt im buch, manchen hat der text nicht und es bleibt beim kurzen besuch. ich würde zumindest weiterlesen wollen und wäre mir weiterer überraschungen recht sicher. interesse – das hat yevgeniy in ganz wenigen absätzen geschafft (was bei mir die allerwenigsten schaffen), ist da – aber längst kein kennenlernen, geschweige denn ein verstehen, dazu müßte ich ins buch rein und es langsam lesen, zwei drei texte am tag, mehr nicht.

Marcello,
Schade, schade! Nach dem vielversprechenden Start der Express-Reihe nun das. Eine Sammelsurium der intellektuellen Eitelkeiten. Die Protagonisten im Einzelnen: 1.) Ein junger Autor, der nicht abwarten kann, endlich wieder an der Reihe zu sein. Stattdessen ermüdet er mich als Leser mit einem Kommentar, den ich dreimal lesen muss, um ihn zu verstehen. Wenn das im Buch genauso ist, nun ja, dazu wäre mir die Zeit zu schade. Auch finde ich das überschwängliche Gekreische seines Fanclubs hier unerträglich. Ich fühle mich hier an RTL in der Werbepause erinnert: Kauft das Buch, kauft das Buch, kauft das Buch. Eine Frechheit dieses Freundeskreises ist es, Elke Engelhardt zu unterstellen. sie hätte das Buch nicht gelesen, da kenne ich Frau Engelhardt aus Ihren anderen Rezensionen anders. 2.) Stefan Schmitzer: Er scheint ja den Autor zu verstehen, drückt das aber ebenfalls so aus, als ob er mit dem Autor gemeinsam im Literatur-Prosemimar gesessen hätte. 3.) Elke Engelhardt: Die Naive, die geglaubt hat, man könne sich gemeinsam einen Text erarbeiten und nun an der Uni gelandet ist, an der die Ellenbogen ausgefahren werden. Aber ich danke Ihnen für folgende trockene Bemerkung: "Was ich momentan erkenne ist ein Dichter, der den Mond liebt"- Made my Day!

Ein Auter, der den Mind liebt

Yevgeniy Breyger

Elke führt ihre Annäherung von natürlich Außen nach natürlich Innen. Wäre das unnatürliche Ausbrechen aus dem Textkörper heraus mir lieber? Auch in diesem Fall wäre das vermeintlich Unnatürliche (Ich spiele dem für meine Pointe die passende Rolle zu.) natürlich. Wie sehr reibe ich mich am vorangestellten Schutz vor dem "unverständlichen"? Nicht zu knapp. Ich möchte die Topoi dieses und seines Gegenbegriffs nicht repetierend (in Gedenken an andere Kritiken anderer Gedichte anderer AutorInnen) diskutieren. Denn was taucht auf? 

Der Autor, der den Mond liebt wird erkannt aus der Zeile "ich liebe nur den mond". Eine Reihe von voreiligen Kettenschlüssen: Breyger=Autor=Ich=Ich redet wahr etc. Jeder Schluss in meinen Augen viel zu scharf (Das Arsenal meiner Schiefheiten bringt sich in Stellung.). Bitte nun auf die Autorfrage im Generellen eingehen...1,2,3...fertig, bitte nun nicht mehr. 
Die andere Beobachtung, von Schmitzer weitergeführt und abgewiesen, das Mystische. Die Zwei Stühle des Mystischen und seines Gegenparts (Welcher wäre das?) werden ins Zimmer gebracht. Ich möchte mich auf beide setzen. Beschwörungstexte, sehr gern, antimystische, ja, mystisch, ok. Antimystik (oha!)! Verweilen wir im ersten Kapitel, wäre die Diskussion fruchtbar. Doch sonst? Geht es wirklich so viel um den/einen Mond oder deren viele? Die Frage sei halb ernsthaft wirklich gestellt, aber bitte zum schnell abhandeln. Meine Antwort: nicht so wichtig. Was wäre in der Bewegung von Außen nach Innen noch zu beschreiben? Es sind Kapitel vorgegliedert, die Texte sind nummeriert etc etc. Was wäre die gegenteilige Bewegung (um in Gegenbewegungen zu spielen.)? Kommen wir von den kleinen Gedichten nicht besser auf ein größeres Ganzes?
Schmitzer spricht das Narrativ an – wir haben einen Punkt, in einem Kommentar von Jayne wird „Unsagbares“ hier als Irrweg angezeigt – sehr gern. 
Jetzt sind wir wo anders, gleich wieder in Bewegung, dann in Ruhe (Ich versuche diese Abstraktheiten ab jetzt zu unterlassen, Gott sei dank.).

 

http://youtu.be/Cz1ypTjChcA

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Stefan Schmitzer,
lieber y breyger, da die diskussion in diese richtung zu gehen verspricht und mir derzeit nur ein pdf der druckfahnen von "flüchtige monde" vorliegt, ich also nicht ganz sicher sein kann, dass ich die richtige info habe : ... ... sehe ich das richtig, dass der erste text des bandes, auf seite 5, mit "4." überschrieben ist? grüsse ins Zwischen der stühle und mondphasen; ("alle monde werden brüder"); schmi

Yevgeniy,
genau, es geht mit 4. los. im letzten kapitel taucht die nummerierung dann wieder auf und die letzten gedichte sind 1. 2. 3. es gibt am ende auch ein inhaltsverzeichnis, da sind die ganzen sachen gut zu sehn. herzlich

Julietta Fix,
oder er sieht nach, ob nicht ein brennendes streichholz auf seinem tisch, alle seine überlegungen in brand gesetzt hat. es geht bald weiter ...

Irrweg

Elke Engelhardt

Während der Kollege und der Autor Stühle aufstellten, umstellten und sich den Raum aneigneten, hatte ich mich ausgesperrt. Stand vor der Tür, guckte in den Himmel und suchte den Mond. Nicht weil die Suche nach dem Umgang mit dem "Unsagbaren" generell kein brauchbarer Ansatz für die Annäherung an einen Text wäre, sondern weil es in diesem speziellen Fall nicht weiterführt. Selbstverständlich ist ein Gedichtband nicht schlecht, nur weil ich keinen Zugang dazu finde. Das wollte ich wohl damit sagen. Dennoch gibt es Gründe, warum mir ein Gedichtband zugänglich ist und ein anderer nicht. Die gilt es zu suchen.

Den Kapitelüberschriften folgend, werde ich zunächst überflutet von Unverständnis, das auch in der Ebbe anhält, und beim Umdrehen im Traum dichter und undurchlässiger wird. Ein wenig greifbarer werden die Gedichte im "Amphoren" überschriebenen Kapitel. Für Stefan Schmitzer ist das: 

individualgeschichte, klug montiert als geschichte einer gesellschaft oder einer tradition..."

Das kann man hineinlesen. Überhaupt ist alles politisch und auf komische Art und Weise kritisch. Aber auf einem derart abstrakt intellektuellen Niveau, das nur meinen Verstand anspricht. Ist das Dichtung, oder eher ein Spiel mit Metaphern, Anspielungen und Abstraktionen? 

wer mitmacht, versteht was mit absicht. die betrachter

drumrum, jetzt so aktiv wie erwartet. mit handschuh

im ring ein wenig verschnaufen. hinter mir augen,

die durchscheinen. spießen mich auf, als wär ich aus plastik.

im fallen inbegriffen. drastisch

Bin ich jetzt im richtigen Raum? Ist von hieraus das größere Ganze zu sehen, das Yevgeniy vorschlägt? 

 

 

 

 

 

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Julietta Fix,
Im Auftrag eines Lesers: Ich bin ein alter Mann, fast 90 Jahre alt und war bis zu meiner Pensionierung als Journalist tätig. Mein Urenkel hat diesen Kommentar an Frau Fix gefaxt, die ihn freundlicherweise für mich postet, wie man so schön sagt. Ich habe mich Zeit meines Lebens für Poesie interessiert und bis heute bin ich auch für neue Formen von Poesie offen. Aber ich will nicht über mich reden. Erkundungsbewegungen seien nicht besonders hilfreich, sagt Jayne, verschleiern eine genaue Textbeobachtung. Aber wie soll sich der Leser einem Text nähern, wenn er nicht das kritisch geschulte Auge eines Rezensenten hat? Sie haben sich nicht ausgesperrt Frau Engelhardt, im Gegenteil – Sie haben ein Gespräch mit offenem Ausgang begonnen. Ich muss noch dazu sagen, dass ich das Buch vorliegen habe, wiederum mein Urenkel hat es mir besorgt. Und mir gefällt auch der Ansatz von Herrn Schmitzer, der ja, ganz wie der Autor auch, ziemlich rotzig zu schreiben scheint, individualgeschichte, klug montiert als geschichte einer gesellschaft oder einer tradition. wir können auch denken: lustig, das. Ja lustig, war auch mein erster Eindruck. Bin sehr gespannt, wie es weiter geht und möchte bei dieser Gelegenheit auch Frau Fix danken, die den Raum für diese herrliche Form von Gespräch zur Verfügung stellt. Nächstes Fax folgt bestimmt Frau Fix.

Yevgeniy,
Ob wir da nicht einen trägen Esel satteln mit einer Frage nach Dichtungsbestand? Das wäre einmal mehr das komische vom Großen ins Kleine bewegen. Über die Gedichte erfährt man wenig, wenn man nicht den Rückweg geht und die Gedichte nicht kennt, und das Große schleicht sich wenn es da ist eh von allein heran. Eine mulmige Ahnung, die letzten drei Kapitel wären noch nicht bekannt beschleicht mich? Ansonsten verweile ich in Verneigung, liebe Elke, vor deinem Versuch, bei diesen Gedichten Nähe zu finden. Doch Obacht, sie hat ihre Arme weit ausgebreitet und sehnst sich nach einer Umarmung.

Julietta Fix,
Form wahren! Yevgeniy - wenn möglich. Nach jeweils 2 Statements bist du dran. Und zwar links - hier ist die Koppel der Leser. Halt den Esel noch einen Moment an der Leine. Ju

moritz,
berechtige Forderung! Das Buch sollte man schon kennen - auch rückwärts - sonst wird das doch zu sehr zum Experiment. Die Form express! ist ja an sich schon Experiment genug. Leute umarmt euch nicht!

Elke Engelhardt,
Der absurde Vorwurf ich hätte das Buch nicht gelesen lässt für mich den Rückschluss zu, es nicht zu verstehen, wäre nur möglich, wenn man es nicht gelesen hat. Ich habe vielmehr einen neuen Versuch gemacht ein offenes Gespräch zu beginnen, wie der Leser es formuliert hat. In der Hoffnung auf ein mehr an Reflexion. Nein, Umarmung muss nicht sein, aber ein wenig Respekt. Auch vor dem Unverständnis.

aufm irrweg lässt sich genausogut spazierengehen

Stefan Schmitzer

du warst schon vorhin im richtigen raum, elke (=unterm offenen himmel, im bleichen licht et cet); des autors ahnung, es sei der schluß des buchs noch nicht gelesen worden, galt wohl mir (weil ich kommentarspaltigerseits fragte, ob das mit den nummern undsoweiter); sie galt mir zurecht: ich hatte die texte durchaus studiert mit heißem bemühen, aber den diversen gliederungselementen gar zu wenig aufmerksamkeit geschenkt. das geht natürlich nicht, just im vorliegenden fall, wo diese gliederungselemente uns was zur zumindest intendierten "leserichtung" sagt. ...

also nachgereicht, auch in hinblick auf die kommentarkommentare über verstehen und offenheit und proseminare ...

erstens,

dass wir all-só den aufbau der "flüchtigen monde" beschreiben können: 31 mit arabischen zahlen nummerierte gedichte, sieben mit römischen zahlen, 29 ungezählte; mit arabisch vier beginnt der reigen und endet mit arabisch drei. die kapitel heissen

FLUT
EBBE
SICH UMDREHEN IM TRAUM
AMPHOREN
SICH AUF DER FLUCHT UMDREHEN
PFLANZENFAMILIEN
SANDFAMILIEN
THEAS ENDE

ohne die texte zu kennen, können wir nun denken: aha: 31 - die tage eines langen monats, dann VII, die tage einer woche, in der sich mutmaßlich alles – was auch immer, erstmal – zuspitzt und memorabel wird (weil: inschriftcharakter römischer zahlen und so). dann auch, in hinblick darauf, dass der band nicht mit dem "1." gedicht beginnt, sondern dem "4.": entweder, was da geschieht, hat die eigenschaft von (zyklischer?) wiederkehr (ahhh); oder wir habens mit irgendeiner sorte von rückblende zu tun (ohhh), oder beides, oder chaos. wir denken alles dieses und legen es zu allfälliger späterer verwendung ad acta.

zweitens,

zum narrativ: es gibt da offensichtlich eine thea, nicht nur in jener einen letzten überschrift. mit ihr endet der band, der "arabische" gedichtzyklus aber beginnt mit ihr – das vorletzte gedicht steht im inhaltsverzeichnis als "2. thea beim duschen", und ein paar gedichte vordem heisst es:

ich nenne mein rheuma beim namen, thea rheuma,
auf welcher bahn sich die energie verliert, unbekannt.
thea prostata, weltliche schmerzen, hochstaplerkraft.
ich bin die verzweiflung des tags bei sonnenuntergang,
ich bin der einflussmann ohne fließend wasser.
ich gehe freiwillig schlafen. wohin mich das führt?

... ist diese "thea" also wirklich bloß "göttin", so eine vage frauenförmige generalallegorie (frau welt, herrin der zipperlein, wie sie mit den gezeiten schlimmer oder besser werden; sachwalterin des jungseins / altwerdens; tannhäusers dämonin)? wo sie doch wenig später, im erwähnten text nummer "2.", ganz greifbar duschen gehen wird, während das ich "draussen" mit der mutter herumsitzt, in einer szene, nicht der einzigen, die nahelegt, dass diese thea dem ich seine ganz konkrete geliebte o.ä. ist (und zwischen diesen beiden texten als nützliches text-du verwendung findet).

es gibt alles das, also hinweise, anspielungen, mehrdeutige figuren; gewählte formulierungen, die in hinblick auf solches rätselwerk wohl stets was leisten, aber von denen man nicht alle verstanden haben wird (was dann erschwert, in der schmalen spur des bisschen "handlung" drinzubleiben - am schon zitierten beispiel: "der einflußmann ohne fließend wasser", der "freiwillig schlafen" geht, ok, das bekomme ich noch zusammen: prostatabeschwerde, kann nicht pissen, schmerzen verleiden den feierabend, also ab in die heia mit dem machtgewohnten ich, in rührendem gegensatz zu seinem sonstig-alphamännischen dasein ...). kommentatorin verena hat das begeisterter so beschrieben, dass "flüchtige monde"

erst durch wiederholtes lesen erarbeitet werden will, erst durch überdenken einzelner gedichte, verse, worte und durch das verstehen der fäden, die unter den jeweiligen Gedichten/Zyklen zarte Verbindungen ziehen, auf poetologisch- theoretischer Ebene verstanden werden möchte.

mir dagegen soll reichen, dass es diese labyrinthische ebene des ganzen bandes gibt; ich vertraue komplett darauf, dass alle echten und papierenen wände, alle fährten, silberfäden und fallstricke an ihren stellen sitzen ... und ich revidiere sogar noch gerne mein rasches wort "antimystisch". zumindest manches hier wird im strengeren wortsinne mystisch sein, also: in geheimen, nur den eingeweihten zugänglichen zeichen abgehandelt werden.

das widerspricht nun alles nicht meinem ersten eindruck, individualgeschichte sei hier montiert als traditionengeschichte. das sagt nur, dass ich mich beim lesen dieser individualgeschichte übers buch hin weit mehr anstrengen muss als beim lesenden herausarbeiten der bezüge auf die tradition im einzelnen gedicht. (bis an den punkt, da ich mich fragen darf, obs überhaupt beabsichtigt ist, dass ich die "story" kapiere – ist die am ende nur für diese eine, na, sagen wir "thea" zu ihr, bestimmt? oder: ist es solche intimität, die inszeniert wird?) und damit – 

drittens –

zu den einzelnen gedichten. die gehen für sich genommen ohne eingeweihtensprech-verdacht in mein gehirn. weil auf dem cover "flüchtige monde" steht, lese ich sie (und las sie schon, ehe ich auf meinen gliederungslapsus gestoßen wurde) als ebensoviele miniaturen, in denen "monde" der literaturgeschichte zu sich kommen, von einem ich auf brauchbarkeit hin abgetastet, abgeglichen mit dem eigenen. dass viele der gedichte strengst klassische rhythmik aufweisen, gehört zu den details, die mich in dieser leseweise noch bestärkt haben ganz zu anfang; gehört auch zu den gründen, warum ich geschrieben habe: "lustig, das". (ist das ein zeichen von betriebs- und/oder proseminar-blödheit?)

zum schluss:

wir können uns jetzt fragen, ob wir mehr gewinnen, wenn wir übers großganze weiterreden – drinnendraussenzeug – oder über einzelne solcher gedichte – obenuntenzeug, einstundheutezeug. beides zugleich wird kompliziert werden.

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Monika,
Wie reden über ein Buch? Als einfache Leserin von Rezensionen wünsche ich mir eine Einführung, die du, Stefan, nun nachgeliefert hast. Tapfer sind alle drei, der Autor, der sich nicht nur der Kritik aussetzt und darauf reagieren muss, genauso wie die beiden RezensentInnen. Affirmation ist einfach, ja, tolles Buch, dazu ein paar Textstellen, geht schon, erledigt. Doch wieviel Mut und wieviel Arbeit gehört dazu, das Nichtverstehen öffentlich zu machen, sich dazu zu bekennen, dass man mit dem zu besprechenden Gedichtangebot nur zum Teil etwas anzufangen weiß oder gar nichts, dies in Worte zu fassen, an Worten, an eigenen wie jenen des Gedichts festzumachen und sich auszusetzen! Auszusetzen auch schlichten Kommentaren und nicht ganz so respektvoll formulierten Meinungen. So geht lebendige Auseinandersetzung. Und dass Elke und Stefan sich die Arbeit nicht leicht machten, liebe Verena, sondern die Gedichte sicher mehrmals gelesen haben, davon ist auszugehen, sonst könnten sich gar nicht ans Rezensieren machen. Da ich das Buch in Händen halte, möchte ich die Aufmachung loben, die bisher nicht zur Sprache kam: ein schönes, blau-weißes Buch, die Farbgebung zieht sich durch, blaue Schrift, blaue Zwischenblätter, die die Kapitel gut sichtbar voneinander abgrenzen. Konsequente Kleinschreibung. Der Lyriker hat ein Faible für reflexive Verben. Ich las: Einige eindrucksvolle Gedichte, andere, die ich nicht verstehe (für mich kein Drama, obwohl ich gern verstehen würde). Es sind vor allem jene, in denen zu viel montiert oder gemacht wurde, auch dies ein subjektiver Erklärungsversuch für mein Nichtkönnen. Wirklich ärgerlich sind für mich einige Fehler und Sinnwidrigkeiten. So finde ich ein "cluster-verfaren" ohne "h", eine "partella", die ein "r" zu viel hat. Magma ist einmal etwas, das Vögel zu einer Masse verflüssigt, in einem anderen Gedicht jedoch etwas, das eine Hand und ein Ich verkrustet, rein physikalisch unmöglich, im Gedicht auch nicht aufdröselbar, weil gleich der nächste, andere Gedanke dazumontiert wird. Manches ist platt (das erste auto ist meistens das schnellste. die beste freundin niemals die hellste), manches reichlich schief (kükensynapsen), manches den Dreh zu viel (waffrika; epileptischer falter). Vielleicht hätte einigen Gedichten ein Liegenlassen gut getan. Und trotzdem mein Fazit: Kaufen und selber lesen, eine eigene Meinung bilden. Und nein, ich kenne Breyger persönlich nicht, gehöre auch keiner Breyger-PR-Fraktion an, um diesen Verdacht letztendlich auch noch auszuräumen

Kein Text unter dem Text

Yevgeniy Breyger

Folgende meine Annahme: Wir müssen nicht mehr darüber reden, wer etwas in einem Gedicht "nicht versteht", denn wir haben irgendwann als unsere ersten Gedanken über Gedichte im Kopf herumschwirrten kapiert, dass Gedichte fast immer a.) kein Klartext sind (1 zu 1 lesbar), bedeutet, wenn im Gedicht die Wortgruppe "ich liebe  nur den mond" auftaucht, kann man daraus nicht eine Aussage ableiten, der Autor dieses Gedichtes liebe den Mond. (Nicht einmal das lyrische Personal.) Und b.) dennoch keinen darunter zu entschlüsselnden Subtext haben (außer es sind besonders blöde Gedichte). Wir haben damals den Verstehensbegriff hinterfragt und dann war es auch gut und wir sind zum Entschluss gekommen, es lohnt sich nicht mit dem Begriff "Nichtverstehen" zu operieren.

Die Annahme, es gäbe eine sogenannte hermetische Lyrik, die nur szenelesbar oder intelektuell verklärt, verrätselt sei und dem gegenüber stehe die andere "verständliche" Lyrik, ist tatsächlich dermaßen absurd und verklärend, dass ich nicht das Gefühl habe, dafür noch argumentieren zu müssen, das wurde genügend getan.

Beziehen wir das auf meine Gedichte: Nein, es ist nicht nötig den "Schlüssel" zu finden, den Weg durch ein Labyrinth, um dann eine Schatztruhe vorzufinden. Es gibt nicht einen verständlichen Subtext darunter, es gibt wenn überhaupt dutzende verschiedene Subtexte, die genauso wie das wörtliche auf der Oberfläche offen und zugänglich für eine direkte Lesart stehen. Wenn Berge auftauchen, sind es eben Berge, wenn Steine und Wasser auftauchen, sind es ebendiese. (Lassen wir bitte auch die Diskussionen um die Metapher beiseite.) Dementsprechend ist es unmöglich hier etwas "nicht zu verstehen". Alles liegt offen da.

Wie Verena feststellt, geht es um den Versuch, das eigene Maximum (maximale Dynamik?) aus der Sprache herauszuholen und lebendige multidimensionale Gebilde zu entwickeln, die in alle Richtungen weisen und dennoch auf einen gemeinsamen Fluchtpunkt im Inneren hinauslaufen. (Ein eingerollter Igel.) Der Witz ist: Diese Beschreibung von mir könnte man nun genauso gut Streichen und durch eine Gegensätzliche ersetzen. Und weiter? Der Punkt ist, man kann damit vieles machen, wenn man will und gewillt ist, sich zu bewegen.

Elke artikuliert in den Texten zusätzlich das komisch Politische, das Komische wird auch von Stefan aufgegriffen. Das Komische (Seltsame, Witzige) und das Politische stellen für mich weitere wichtige Punkte meines Anliegens dar. Bisher nicht erwähnt: Eines der Kapitel beispielsweise ist ein direkt politisches szenisches Langgedicht, in dem Flucht, Staatenlosigkeit, Russland/Ukraine-Konflikt behandelt werden, in dem es vor allem um die Möglichkeit, überhaupt politisch zu sprechen geht. Selbstverständlich alles auf eine irgendwie seltsame Art und Weise. (Bitte auch die Diskussion darüber, ob Lyrik nicht immer politisch sei außen vor lassen, auch diese haben wir damals in der Steinzeit abgehandelt.)

Stefan macht in seinem Beitrag weiterhin eine, wie ich finde, überaus wichtige und kluge Differenz auf: Ist die narrativtragende Thea eine lyrische Überfigur, eine Muse? Oder ist es eine "private" Person? Ja, sie ist beides, das weiß Stefan sehr gut. Und doch erwähnt er es, denn Narrative in surrealen Szenerien fördern surreale Lesarten. Wenn wir meinen falschen Begriff "surreal" nun durch etwas wie "second world" ersetzen, kommen wir der Sache eventuell näher.

wann verwandeln sich diese traurigen kiefern in ein gebirge?
im frühling?
vielleicht im nächsten frühling?
lass uns ehrlich sein, du bist mindestens müde,

es sind deine lungen gemeint. meine augen?
tiefer, vertrau mir.
du sitzt in der wiesenwelt, mit offenem hemd.
es ist frisch.
dein atmen mischt sich mit dem atmen der vielfedrigen,
der armen zweifelflügler, der nichtatmer.
ihre leuchtenden bäuche umschwirren die wipfel der kiefern.
doch dein bauch leuchtet hier nicht,
deine füße gehorchen den elementen,
dich belächeln sie so milde, wie du es von der milde kennst
zu dir selbst.
deine kleinen lügen sind bekannt, aber niemand nimmst sie ernst.
lass mich dein hemd zuknöpfen. die kiefern,
achja, die kiefern
biegen ihr dehnbares holz unaufhaltsam nach innen,
ihr sprödes holz transzendiert nicht,
es bricht, es ist normales holz.

Was gäbe es hier zu verstehen? Was gäbe es hier nicht zu verstehen? Ich hoffe, nichts.

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H. Hindringer,
"... dass Gedichte fast immer ... kein Klartext sind (1 zu 1 lesbar), bedeutet, wenn im Gedicht die Wortgruppe "ich liebe nur den mond" auftaucht, kann man daraus nicht eine Aussage ableiten, der Autor dieses Gedichtes liebe den Mond. (Nicht einmal das lyrische Personal.)" Schade eigentlich. Also, dass es das bedeutet (was in Klammern steht).

Marcello,
Nach der 7 und 31 wäre die 365 logisch. War das die geplante Seitenanzahl? ;) Jetzt aber wieder mal ernsthaft: Der Autor mutiert jetzt von einem übereifrigen jungen Mann zum BWL-Professor: Nicht nur, dass er sich weigert, Erklärungen abzugeben, da das ja schon seiner Meinung nach zur Genüge getan wurde. Ebenso weißt er die Rezensenten darauf hin, worüber er diskutieren möchte und worüber nicht. Oha! Ein wenig anmaßend für einen jungen Mann. Ach ja, er lobt zwischendurch auch (jaja, wie an der Uni!): In einem Punkt haben ihn die Rezensenten endlich verstanden. Hurra! Auch muss er darauf hinweisen, welches Gedicht denn leider übersehen worden ist. Objektiv betrachtet spricht das nicht für sein Werk. Am ärgerlichsten ist aber selbstverliebte Zitieren seines eigenen Textes. Wozu? Ich hoffe nicht, dass dieses das Sahnestück aus dem Buch ist. "ihr sprödes holz transzendiert nicht, es bricht, es ist normales holz." Offensichtlich liebt der Autor nicht nur den Mond sondern hat ein Faible für Kiefern. Ein echter Naturbursche. By the Way: "Second World" ist eine mittlerweile quasi-eingestellte Open-World Plattform. Den Bezug, den ich nun zu seinem "Werk" sehe, kann sich nun jeder selbst zusammenreimen. Setzen sechs!

Robert Nock,
Gedichte sind eigentlich nichts besonderes. Dies gilt auch für Diskussionen über sie. Besonders erscheinen mir lediglich die Demut, Feinfühligkeit und ihre Begriffswerkzeuge, mit denen sich Gedichten anzunähern versucht wird – bis auch jene geläufig werden. Als einer, der verspätet, d.h. nicht von Beginn an, an diesem Format hier teilgenommen hat; es zuerst zufällig, dann mit einer Notwendigkeit vorfand, die an kürzlich erfahrene Empfindungen erinnerte, wirkte die Debatte zuweilen frühlingshaft. Ist schon wieder Mai? Geht es wirklich um Sprache? Die mancherorts gehäufte, persönliche Befindlichkeit, mit der sich gern diejenigen profilieren, die im Kontext von Literatur diese noch immer aus dem Blickwinkel der Bedeutung wahrnehmen, ermüdet mich. Würde stattdessen darüber gesprochen, inwieweit ein jeder einsam war, als er schrieb oder las, statt mit Mitteln scheinbarer Logik Sprache zu richten (sind Juristen anwesend?), könnte sich meine Sehnsucht erfüllen, in diesen Gesprächen Ruhe zu finden. Sie würden mich weitaus mehr interessieren, so sie in gegenseitiger Verneigung (nicht zu tief, sonst stoßen die Köpfe an!) und in Aufrichtigkeit geführt würden, die dem Erkennen der Sache dienen. Nichts gegen Geweihe, doch möge ihr Kampf bitte schweigend geführt. Gedichte sind eigentlich nichts besonderes. Dies gilt auch für Diskussionen über sie.

Sandra,
Wieso denn BWL-Professor? Wir haben hier ein Format, in dem der Autor Teil einer Kritik, einer Diskussion am eigenen Werk sein soll. Eine nicht ganz unheikle Situation für ihn. Welche Aufgabe kommt ihm dabei zu? Ist er lediglich da, um Nachfragen zu beantworten ("ja, so hab ich das gemein"/"nein, so nicht", "Ja, Thea ist meine Freundin"/"Nein, ist sie nicht")? Soll er sein Werk durcherklären/kommentieren? Das wäre wohl in niemandes Interesse. Inwiefern hat er überhaupt die Möglichkeit, als gleichberechtigter Diskussionsteilnehmer zu agieren, denn als Autor des besprochenen Werks hat er nunmal eine Sonderstellung, das geht schon aus der Beschreibung des Formats hervor: "Wer denkt wie und warum? Was sagt die Autorin dazu?". Ist er überhaupt nur da, um Hilfestellung beim Verständnis der Gedichte zu leisten oder darf er/soll er auch ein eigenes, wie auch immer geartetes Interesse an der Diskussion entwickeln? Sollte zweiteres möglich sein, sollte es auch erlaubt sein, dieses deutlich zu formulieren. Dass ein Autor gewisse Vorstellungen davon hat, welche Ansätze oder Fragestellungen bei der Untersuchung des eigenen Werks ergiebig sein könnten, davon gehe ich aus. Verstehen wir Elke Engelharts ersten Beitrag als Versuch, die eigenen Probleme, einen Zugang zu den Gedichten zu finden, zu formulieren, vielleicht auch den Wunsch, die folgende Diskussion könnte diesen schaffen, dann ist dieser letzte Beitrag Yevgeniys ganz einfach als Antwort darauf zu verstehen: "Verstehen-Wollen" ist dafür nicht der gewinnbringende Ansatz.

Julietta Fix,
@marcello: meine erste motivation, dieses format herauszugeben war, einen raum für literatur zu schaffen, in dem respektvoll menschliche auseinandersetzungen geprobt werden können. Sowohl für die kritikerinnen, die autorinnen und auch die leserinnen. die literarische welt ist die schöpfung des autors, die dem leser angeboten wird. der leser kann wählen, ob er diese welt annimmt oder ihr etwas entgegensetzt. streit ist dabei unvermeidlich. was sie hier treiben ist keine auseinandersetzung, sondern sie lassen nur eigene ansichten gelten und das mit mit einem hohen maß an taktlosigkeit. wenn sie dies ausklammern würden, könnten sie etwas sehr nützliches erfahren, etwas unerwartetes, das es ihnen möglich macht, einen text zu begreifen - nicht im sinne von verstehen, denn das ist unwichtig - im sinne von für sich selbst übersetzen. so fahren sie nur ihre hörner aus und beleidigen eine autorin. dieses format stellt, wie sandra auch schon schreibt, die frage: Wer denkt wie und warum? Und ausdrücklich: Was sagt die Autorin dazu? die autorin ist ein gleichberechtigter partner in diesem gespräch. halten sie sich daran!

Frank Milautzcki,
liebe julietta, ich glaube, da bin ich nicht ganz unschuldig, indem ich oben einen kommentar mit der zuspitzung aufs versteherische gesetzt habe und damit auch irgendwie ins lenkrad gegriffen habe. diesem ansatz tritt yevgeniy deutlich und natürlich auch selbstbewußt entgegen (auch wenn er mit "steinzeit" dann doch meine sichtweise fehlinterpretiert, die er natürlich nicht kennen kann - es geht schon auch um "stimmigkeit" in den bildern, die einen anfallen und dann "da" sind). ich bin aber auch entschieden der meinung, daß kommentare wie die von marcello nicht das ausrucksniveau der unterhaltung sein sollten und verteidige mit dir und der kommentatorin sandra yevgeniys sonderstellung und seine tapferkeit, die bislang ohne musketiere auskommt.

Julietta Fix,
lieber frank, es war spät gestern abend, ich meinte nicht verstehen, sondern begreifen. habe es korrigiert, heute um 13.33 Uhr und schuld an flegelhaftem benehmen hat hier keiner, auch du nicht.nicht jeder hat eine ethische einstellung zu urteilen bzw. deren kommunikation, das wissen wir ja aus allen gesellschaftlichen bereichen.

Marcello,
Prinzipiell gebe ich Ihnen, Julietta recht, was die Umgangsformen angeht. Aber ich gebe zu bedenken, dass sich der Autor offensichtlich nicht bereit ist, sich als gleichberechtigter Partner zu sehen, sondern sich als Vormund der beiden Rezensenten begreift, ich hätte mir hier mehr Moderation gewünscht. Ansonsten muss auch ein junger Mann lernen: "Wie man in den Wald ruft, so schalt es heraus".

alles ist erleuchtet

Elke Engelhardt

„gehet aufeinander zu,
das sei eure bestimmung.“

Endlich ist der Weg erleuchtet, dank der Erläuterungen von Kollege Schmitzer zum Aufbau des Buches. Ein zahlenmystischer Aufbau, in den man allerlei hineininterpretieren könnte. Dazu vielleicht später.

Halten wir für den Moment fest, das da immer noch dieselben Gedichte liegen. Selbstredend unverändert. Verändert aber hat sich mein Blick auf sie.

Kein Subtext, keine Notwendigkeit nach Schlüsseln zu suchen, betont Yevgeniy. Alles liegt offen da. Die inszenierte Intimität ebenso wie das Spiel mit den Mythen, die Bewegungen der Gedichte von innen nach außen, vom Individuellen ins Großeganze.

Mehrfach erwähnt worden ist der hohe Ton der Gedichte, der im Gegensatz steht zu deren Inhalt, indem sich Ton und Inhalt in verschiedene Richtungen bewegen, wie Ebbe und Flut in etwa, um in den Bildern des Bandes zu bleiben. Die ja auch zusammengehören, trotz aller Gegensätzlichkeit, und die sich abhängig vom Mond auf ihre je eigene Weise bewegen. So wie auch diese Gedichte sich immerzu in Bewegung zu befinden scheinen, zwischen innen und außen, Individuum und Gesellschaft. An Grenzen gehend (so sieht es Verena). Was dem Dichter gefällt. Weil mir diese Aussage von den Grenzen der Sprache eher nichtssagend erscheint, gehe ich noch einmal zurück zum einzelnen Gedicht, bzw. zu zwei aufeinander folgenden Gedichten, und formuliere ein vorläufiges Verständnis und eine Frage.

Im Kapitel Pfanzenfamilien, in dem u.a. Glauben und Definitionsmacht verhandelt werden, steht folgendes Gedicht:

aus den wässrigen untiefen einer sphäre erheben sich
fünf käfer, jung noch,
wackeln mit ihrem chitin.

1 ein ruhiger fideler freund,
2 trist im körperbau, hat hunger,
3,4 und 5 wie 1.

1,3,4,5 spucken giftige ladungen in einen abguss,
scheuen den konflikt.

2 breitet seine fühler aus in richtung der pole,
zitiert, was ihm einfällt, erfindet dazu:
ich komme aus dem wald, wo kälte eine währung ist.
das wesen der krankheit ist dort unklar,
entspricht dem gegenteil von hunger, also europa.
da kommt man um vor bergen.

1,3,4,5 befeuern 2 mit giftigster galle,

2 zieht zurück.

Hier werden die angedeuteten Ursprungsgeschichten konkret: fünf Käfer erblicken das Licht der Welt. 4 von ihnen ähneln einander, einer ist anders und hat zudem noch Hunger. 

Die einander gleichenden tun gewissenlos Dinge, deren Folgen sie nicht kümmern. Spätestens hier werden die Käfer für mich europäische (wenn nicht explizit deutsche) Käfer (Stichwort Globalisierung, Ausbeutung rohstoffreicher Länder, Waffenexporte, ganz besonders natürlich die ausdrücklich erwähnte Scheu vor Konflikten). 

2, der andersartige, hungrige, also noch nicht bis zur Verblödung mit Wohlstandsmüll gesättigte, Käfer, hat seinen Auftritt. Er zitiert urdeutsche Symbole (Wald) und definiert das Klima dieses Herkunftsortes so klar und pointiert, dass es keiner weiteren Worte bedarf. Die Kälte als Währung, ergänzt durch das unklare Wesen der Krankheit als Gegenteil von Hunger, fängt die ganze momentane Stimmungslage in einem wohlstandsgesättigten Land ein, dessen Bürger kürzlich besorgniserregende Wahlergebnisse verantwortet haben. Die konfliktscheuen, nationalistischen Käfer reagieren auf diese Rede, wie sie zu handeln gewohnt sind; sie verspritzen Gift. 

So weit, so gut. Wirklich sehr gut, weil auf kleinstem Raum hochkomplexe Problemberge (da kommt man um vor bergen) verdichtet werden. 

Yevgeniy hat in seinem letzten Statement die Frage nach der "Möglichkeit, überhaupt politisch zu sprechen" gestellt. Eine Frage, die andersherum genauso gut funktioniert, als Unmöglichkeit nicht politisch zu sprechen, so dass ein Gedicht über Käfer von einer Leserin mit politischen Deutungen aufgeladen wird. Das ist vielleicht wirklich weniger verstehen als Dynamik, Bewegung. Da sollten wir weitermachen. 

Obwohl das ein schöner Schluss wäre, ist da noch meine eingangs erwähnte Frage. Sie beginnt mit dem Gedicht, das unmittelbar auf das Käfergedicht folgt:

blumen feiern hochzeit vor meinem fenster.
ich liege wach und kann nicht weinen.
wo sind die einsamen geblieben? wo
mein batteriebetriebener toaster? wo
die skelette der abgeschossenen mücken?

ich sehe sie nur noch bekleidet im traum.

die atmosphäre besteht aus aussortierten nebeln,
aus mündigen verbrechern, geficktem motorstaub.

ich will ein tretschwan sein, um zumindest einen see zu kennen.
früher dachte ich, die stärke der planeten triebe mich voran.
sie war müdes kreisen.
die planeten schoben sich ineinander,
einsamkeit kam auf, zog vorbei.

Ohne dieses Gedicht, hätte ich Verena in diesem Statement die Hand gereicht und gesagt: Ja, dieser Dichter ist groß. Dieses Buch ist ein Trost.

Aber so? Was soll das? Gegenbewegung von außen zurück ins Innen? Widerspruch? Bruch? Oder die Einlösung von Stefans Versprechen, dass das Gespräch über die Gedichte kompliziert bleiben wird? Das soll kein Qualitätsurteil sein, das soll nicht einmal bedeuten, dass ich wieder auf das alte Nichtverständnis zurückfalle. Es geht darum, dass "flüchtige monde" ein tatsächlich klug montierter Band ist, von dem Zahlenaufbau, den Stefan kundig erschlossen hat, bis zu den sinnhaften Fäden, die sich durch den Band ziehen. Vielerorts erkenne ich das. Gerade darum irritiert mich dieser "Zusammenstoß" der Gedichte. Und mit dem Etikett "naiv" versehen, das mir ein Leser verpasst hat und das ich mir bereitwillig auf die Stirn klebe, gebe ich zu: Hier tappe ich aller Erleuchtung zum Trotz, erneut im Dunklen.

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verhülle deinen himmel / zeus als tretschwan

Stefan Schmitzer

protokollarisches I: ich blende die subtexte der kommentarspalte jetzt aus, sonst kenn' ich mich nicht mehr aus hier.

protokollarisches II: können wir uns drauf einigen, elke und yevgeniy, dass der begriff "verstehen" in der literatur ggf an die technik-soziologinnen weiterzureichen wäre, äquivalent zum abbildbegriff und was in der bildenden kunst im einzelnen mit ihm geschah, nachdem der fotoapparat erfunden ward? was wird aus dem text, was aus dem produkt buch unter solchen und unter solchen bedingungen? welches bedürfnis erfüllt er / es hier, welches da? (je nach vorliebe lässt sich an dieser stelle dann (a) wehklagen oder (b) jubilieren, dass unser feld, im gegensatz zur bildenden kunscht, nicht um einen markt für mehr oder weniger origanale "originale" herum organisiert ist ...)

wo waren wir? ach ja ...

... waren tief im kapitel "PFLANZENFAMILIEN", bestehend aus vierzehn unnummerierten gedichten, von denen eines elke als problemlos politisch lesbar gegenübertritt (oder politisch-in-zweiter-ableitung, gut, soll sein), während ein anderes, das mit der blumenhochzeit, sie nervt. verstehe ich in grenzen, will sagen: ich mag am zweiteren text die wendung von wegen

geficktem motorstaub

nicht; sie wirkt, als hätte sie entweder us-amerikanische schimpfkultur (=nähere schauplatzbestimmung?), oder eine zusätzliche vorhin-wurde-gebumst-konnotation, oder beides, ins gedicht locken sollen, doch da ihr, der wendung, die verführungskräfte erlahmten, zerrte sie die beiden widerspenstigen objekte der begierde eben an den haaren herbei ... gegen den rest der blumenhochzeit hab ich dagegen wenig einzuwenden: weibchen weg, und unter sehr genau bestimmten umständen, und leer so leer das zimmer ... wett macht den äh fickstaub dann für mich der

tretschwan

der "er" sein will,

um zumindest einen see zu kennen.

... die nachwehen eines lohengrin-clubmix am sommerlichen baggerloch also – da bin ich sehr dafür. daraufhin sehe ich mich im restlichen kapitel um, ohne eine so bestimmte frage vor augen zu haben wie elke, und bemerke:

ei der daus, das kapitel heisst ja PFLANZENFAMILIEN, und es kommen aber gar nicht in allen texten pflanzen vor; manchmal sind es nämlich tiere, in einem fall gar bloß ein truck, dem aber immerhin

dumme[n] pfoten

bescheinigt werden; allen gedichten des kapitels dagegen gemeinsam ist, dass sie sofort gehorsam sich auftun, wenn wir sie (auf unterschiedliche weisen) als texte über gruppendynamiken von irgendwelchen leuten lesen, die am belebten bildmaterial niederschlag und/oder entsprechung finden; es fällt dann eine allgemeine atmosphäre der mühsamen selbstdistanzierung und rastlosigkeit auf, eine aufbruchstimmung, die wir genauer bestimmen wollen; sagen wir "provinzpunks letzter sommer im dorfe, bevor er nach leipzig aufbricht, um am dll zu inskribieren" (oder so) ... der letzte text des kapitels geht dementsprechend so:

die weissagung wird sich bewahrheiten.
meine hände werden enorme feuer entfachen.
feuer, weit über die hecken der nachbarsgärten,
hinaus ins wahre gebüsch.

meine kiemen werden expodieren, nichts
wird bleiben. alles ruhen. du wirst es merken, ja,
wirst mich ansehen ohen augen, das wird hart.
vögel werden sich paaren im licht der laternen,

sie werden neue vögel gebären.
das ist der alltag der beinahvögel-zyklopen,
so sheen sie uns durch ihre plastikfernrohre.
daher ihre ängste.

zwischenfrage - was wären das für beinahevögel, die, statt eier zu legen, "gebären"? wir wissen zwar, die anforderungen der metapher triumphieren im zweifelsfall über die erkenntnisse carls von linné, aber trotzdem... ach egal. weiter im text:

ich werde meinen drucker einschalten,
einen fahrplan ausdrucken in ihre volieren.
du wirst mich nicht fahren lassen, du wirst
sagen: bleib bei mir und wirst es so meinen.

die beseelten tiere und pflanzen, die da kreuchen und fleuchen im kapitel, sie legen jenes allegorische lesen nahe, das elke anhand der fünf käfer schon vorgeführt hat; evozieren märchen und verzauberung à la tieck-novellensammlung (womit das vorkommen in einem buch über "flüchtige monde" gerechtfertigt wäre), evoziert damit leider auch fantasy als gewaltsames herbeizwingen des märchenmodus in bewusstseinsstufen, da er für meine begriffe nichts veroren hat ...

... siehe etwa das schon von elke zitierte geopolitische käferballett, dessen zierliche anschaulichkeit die leichte einordenbarkeit von sachverhalten besingt, die eben nicht sooo klar einzuordnen, überblicken, abzuhaken sind; seine wirkung lebt von einer scheinkatharsis der rezipienten, die sich mit käfer 2 oder käfern 1, 3, 4, 5 identifizieren und denken dürfen: "der stand der dinge ist zwar scheisse, aber immerhin *das* ist in seiner gänze erkennbar." - wo doch genau dieses nicht zutrifft. solches ficht nun die käferlein in ihrem text nicht an (über das dogma der auferstehung kannstú streiten, über ein gelungenes altarbild nicht); wird das gedicht aber, wie schon diskutiert wurde, als politische rede rezipiert, muss man's dazusagen. (natürlich passt, so reflektiert ist der verfasser, die künstliche vereinfachung sowohl zum hallraum "tieck" alsauch zum textserviervorschlag "aufbruch des dorfpunks in die weite welt". das bild ist in sich stimmig. lassen wirs dabei.) 

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Liebenswürdigkeit

Yevgeniy Breyger

Da mein letzter Bowie-Mondlink keine Beachtung fand, erst einmal hier ein neuer Bowieversuch:
 

https://www.youtube.com/watch?v=uqZSwmA_a-E

 

Womit wir bei dem Gegenwartsmärchen AHS-Freekshow wären. In meinen Gedichten konnte ich bisher keine verkümmerten Arme küssen, wunderschöne Stümpfe, doppelgesichtige liebenswerte Köpfe streicheln. Das Genre Märchen (Stefan, Fantasy?) will ich allerdings trotz Stefans Kritik daran auf meine Fahnen schreiben. Der Grundgedanke des verstümmelten, seiner Funktion enthobenen, dennoch und gerade darum schönen Körpers beschäftigt mich und bindet mich an die Tradition des kaputten Geräts. Die beschriebenen Käfer, die bösen (sic!) und die guten (sic!), die batteriebetriebenen (a - e - i - e -i - e - e) Toaster (in Martina Hefters "Ungeheuer" viel stärker noch "toaster in einer welt, die toastbrot nicht kennt"), der Weltraummüll, alle fehlprogrammierten Roboter und umherstreifende Wölfe im Palmenwald, ihnen allen ist in meinen Augen etwas gemein: eine immense Liebenswürdigkeit.
Wenn ein Rudel Wölfe im Gedicht auftaucht, liebe ich dieses Rudel, (Elke, hier, wo nicht "ich liebe" gesagt wird, vielleicht, doch auch dort bei "ich liebe nur dem mond", ich gebe dir letztendlich Recht - der Autor, der den Mond liebt, in letzter Instanz hast du vollkommen Recht.) Mücken, Trucks, Blumen selbstverständlich auch die Blumen, den Mond nicht zuletzt, Tundra, einen Fliederbaum, Vögel als den Körper durchbohrende Geschosse, Vögel als Geschosse, die nicht treffen.
Zu all diesen Dingen pflege ich ein schüchtern verliebtes Verhältnis. Ich will sie in ihren bildlichen, literarisch traditionellen, falschen, richtigen und bedeutungslosen Bedeutungen für mich ins Feld führen. (Das Arsenal meiner Schiefheiten bringt sich wieder in Stellung.) Selbst der "gefickte Motorstaub" ist für mich etwas unagressives, liebenswürdiges, es ist eben etwas, das dem Zerfallprozess des Motors als unnützes Abgas entspringt, der Grausamkeit des Wortes gefickt, hätte die Passivform der Wendung entgegenstehen sollen, das tut sie auch im Kleinen, zu klein, um Verständnis herauszufordern.
Ich bin sehr froh, Elke, über deine Lesart des Käfergedichts, die der meinen entspricht. Stefans andere Lesart entspricht ebenso der meinen. Nur ungern würde ich dieser Käferkolonie eine Lesart wegnehmen.
Mehr als zurecht kritisiert Stefan die inflationäre Märchenwerdung der Textrealität in diesen uns vorliegenden meinen Gedichten. Wer auf der Suche nach aphoristischen Aussagen über die Realität, Vereinfachungen der komplexen Wirklichkeiten sucht, der ist verloren, schlichtweg dumm. Wer "Wer-Aussagen" trifft, ist ebenso verloren.
Worauf ich hoffe, ist die Bildung eines mehrdimensionalen Individuums (Buch), das offen offen offen offen und verletzlich viele Alternativrealitäten (dazu gehört eben im besten Fall eine unerbittliche Klang- und Spracharbeit, andernorts eine einfache plumpe Sprache) anbietet, sie begehbar macht.
Dazu gehört sowohl das politische Sprechen, das der Unmöglichkeit nicht politisch zu sprechen entspringt, als auch die direkte politische Rede ("...europa. da kommt man um vor bergen.").

Die Vögel verwandeln sich seit Jahren in Geschosse, ohne uns zu treffen. Das ist es vielleicht.

 

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Katharina,
Ihr seid jetzt gelandet. Habt ein Niveau erreicht, dass euch drei natürlich nicht verbindet, aber miteinander sprechen lässt. Schmitzer finde ich trotz bestechender Analyse noch zu flapsig, Engelhardt hat die Käfer ins Spiel gebracht, eindrucksvoll! (ich wollte, ich hätte das auch so erkannt) und Breyger lässt Lesarten gelten. Interessant auch, keine Zwischenrufe mehr, weder erbost noch zustimmend. Ein gutes Zeichen?! Und von wem ist Je suis Käfer? Hab ich auf facebook gelesen, würde am liebsten einfärben in den Farben der Welt.

Marcello,
Auch wenn es jetzt wieder als Getrolle aufgefasst wird: Dass keine Kommentare mehr kommen, finde ich wirklich nicht "interessant", sondern es mag daran liegen, dass die Leser keine Lust mehr haben, einer Diskussion zu folgen, die aus zusammengekleisterten Bandwurmsätzen und fragwürdiger Orthografie besteht. Ich bin bei Frau Engelhardts letztem Kommentar ausgestiegen (der letzte, der lesbar war). Es hätte mich gefreut, wenn die Artikel vor dem Posten nochmals Korrektur gelesen worden wären. So habe ich wirklich den Eindruck, dass der Titel "Express" im Sinne von "Ex und Hopp" von den beiden Herren verstanden worden ist. Der Leser wird nicht ernst genommen bzw. dieses ist wirklich sehr unhöflich! Bin jetzt definitiv raus und korrigiere die Rechtschreibung meiner Kinder, ist zielführender.

Katharina,
Sie meinen sicher die verschiedenen Schreibweisen groß/klein. Mich stört das eigentlich nicht, ist halt so gang und gebe, dass man das einsetzt wie man will im Netz. Ich kann mir gut vorstellen, dass jetzt weniger Leser eingreifen, weil die drei doch Punkte gefunden haben, an denen sie sich annähern und jetzt so diskutieren, dass man da wirklich schlecht eingreifen kann und will. Das ist deren persönlicher Film geworden. Aber vielleicht kann da Fixpoetry was zu sagen, denn die wissen doch sicher, ob das Leserinteresse abgenommen hat. Ihnen viel Spaß beim Korrigieren der Rechtschreibfehler Ihrer Kinder!

Katharina,
Ach ja. PS: Verstehen muss man das Ganze sowieso nicht, aber wenn man wie Sie auf Erbsenzählerei aus ist, dann kann ich mir gut vorstellen, dass einem die Sicherung durchbrennt.

Julietta Fix,
Die Leserinnenzahlen sind seit den letzten drei Statements angestiegen. Die Verweildauer pro Leserin beträgt heute 8:03 Minuten durchschnittlich. Und 70 % der Leser kommen über die Zeit wieder. Also ich bin zufrieden mit diesen Zahlen. Alles weitere hebe ich mir für mein Fazit auf. Je suis Käfer!

Frank Milautzcki,
Da muß ich wiederum Marcello beim Erbsenzählen unterstützen. Der Filmschnitt ist mir im Moment zu blumig. Während die Leute von der Arbeit kommen und nachschauen was es neues auf fixpoetry gibt. Noch mal zurück: Marcellos Einwürfe weiter oben finde ich durchaus diskutabel, allein die Form war überzogen. Wenn man aber bedenkt, wie YB bisweilen so vom leder zieht („In Wagners Welt des Gedichts existieren das Ding und das Karma des Dings. Dieser substantielle Trottel glaubt, es würde ausreichen, die Seife fallen zu lassen, ohne sich zu bücken.“), kann man den härteren Anpack eben auch als Echo verstehen. So ist bspw. Marcellos Einwand richtig, daß YB am liebsten die Perspektiven vorgeben möchte, aus denen zu betrachten wäre, aber leider dabei andere Perspektiven zum steinzeitlichen Ullugullu entwertet. Ich verstehe es so, daß „Verstehen“ heute kein Maßstab mehr ist, den man einem Text anlegen dürfte. YB verschweigt uns aber, welche anderen Kriterien dann in Betracht kommen sollen. Im Prinzip darf man alles mit dem Text machen, Hauptsache man ist offen und findet ihn gut. Wer ihn nicht gut findet, ist einfach nicht offen genug und weiß nichts mit modernen Texten anzufangen. Das ist mir alles viel zu einfach geformelt: Ein cooler Leser ist, wer in einen Text hineinlesen oder herauslesen kann, was er will. Der Text ist ein Geschenk, wenn der Leser nicht mit ihm zurechtkommt, dann weil der Leser nicht mit ihm zurechtkommt. Ich mache Vorschläge, was mir dennoch an Kriterien für eine mögliche Kritik einfällt. Für mich essentiell wichtig ist der Begriff „Stimmigkeit“: Pfeffer ist nicht süß – ist er nicht? Nein? Pardon, der Pfeffer des Diskutierens kann schon süß sein. Aber dann ist er es in seinem Kontext und kein Akt der Nachlässigkeit oder Willkür. Ein Schein, der einen anderen durchbohrt, ist einfach nachlässig durchdacht hingeschrieben. Ein anderer Begriff wäre „Originalität“, mit dem ich sofort Schwierigkeiten habe, weil ein Text herrlich eigen sein kann und trotzdem noch kein Gedicht. „Auf bestimmten schöpferischen Einfällen, eigenständigen Gedanken beruhende Besonderheit“, weiß der Duden. Originalität ist recht leicht zu erzielen, indem man abweicht vom Üblichen. Was aber oft eine Scheinoriginalität, nämlich ein herbeigesuchtes Abweichen ist. Ein richtiges Original drückt aus, was und wie nur es ausdrücken kann. „Handwerkliche Ausführung“ wäre ein dritter Begriff – wie ist das Gedicht gemacht? Das Machen braucht schließlich ein echtes Können. Tja und schließlich noch eine zweite Art von Können, aber im Sinne von „Verstehen“ – aber nicht das Verstehen aus der Steinzeit, sondern versteht der Autor eine Poetologie zu transportieren, dafür einzustehen, oder scheitert er dabei. Bei YB „geht es um den Versuch, das eigene Maximum (maximale Dynamik?) aus der Sprache herauszuholen und lebendige multidimensionale Gebilde zu entwickeln, die in alle Richtungen weisen und dennoch auf einen gemeinsamen Fluchtpunkt im Inneren hinauslaufen. (Ein eingerollter Igel.) Der Witz ist: Diese Beschreibung von mir könnte man nun genauso gut Streichen und durch eine Gegensätzliche ersetzen.“ Also geht es nirgendwo hin außer in den Text. Der soll so beschaffen sein, daß er vielerlei Bewegung möglich macht, einlädt zu maximaler Dynamik. Das sehe ich in den Beispieltexten nicht. Im Gegenteil – es passiert für meinen Geschmack viel zu wenig in ihnen, die Texte leben ein Leben weit weg von Prärie und Offenheit und Landschaft, fühlen sich an wie Zimmerchen oder Adventskalendertürchen. Was YB versteht mir anzubieten an Dynamik und Eigenleben ist ein „gefickter motorstaub“ und ein „batteriebetriebener toaster“, enge Bilder ohne Sprengkraft, denen man noch dazu das Ringen um Originalität ansieht. Bei diesem „Verstehen“ wäre das Poetische gemeint, die Dimensionsfreudigkeit, der Lenkungscharakter, also schon auch ein Können, aber eben kein rein handwerkliches, sondern ein perspektivisches – sagen wir einfach „das poetische Moment“. Jetzt wären vier Kategorien im Angebot, nach denen man YBs Gedichte betrachten kann: Und wenn es nach mir geht, käme noch eine fünfte dazu: der Inhalt. Also schon wieder „Verstehen“, „Begreifen“, all das, was Sprache üblicherweise herausfordert, und zwar nicht, weil man aus der Steinzeit stammt, sondern, weil Sprache ganz üblicherweise genau dafür benutzt wird. Es gibt genug Inhalte auch in der neuesten Neuzeit, die man sprachlich gestalten kann/könnte/sollte, wenn man wollte. YB tut das übrigens auch, tut aber gleichzeitig so, als täte er es nicht. Eine weitverbreitete Besonderheit in der aktuellen Lyrik ist ja auch die List. Vor dem Hirn des Lesers steht so manches trojanische Pferd, das er zunächst für ein Geschenk hält und das aber in strategischen Überlegungen geboren wurde. Nachzuweisen ist das schwer, sobald das Pferd sich im Innern leert, geht sein Inhalt in die Verantwortung des Lesers über … Also: Stimmigkeit, Originalität, Handwerk, Poesie, Inhalt – das wären meine Kandidaten um ein Gedicht zu beurteilen. Eine weitere Bewertungskategorie liest sich aktuell aus so mancher Kritik, die überrascht vor Texten steht, die der Rezensent so bislang nicht kennt: die Neuheit. Dorothea von Törne bspw. zeigte sich ganz überwältigt von Daniel Falbs Band CEK, weil: "CEK" sprengt alle traditionellen Erwartungen an Lyrik. In welche Rolle das sprechende Ich auch schlüpft, immer zelebriert es zeitgenössisches Lebensgefühl im schnellen Wechsel von Ort und Zeit. und zwar unter der Überschrift: Novalis war gestern: Daniel Falbs Geo-Lyrik fährt mit Google Earth vor. Das hört sich an wie: Steinzeit war gestern! – eine kaum überraschende Neuigkeit. Natürlich ist Novalis gestern und natürlich darf man von Daniel Falb Lyrik auf Höhe der Zeit – also zeitgenössische Lyrik erwarten. Wenn nicht seine Generation, welche dann sollte sie schreiben. Neu kann die Art der Stimmigkeit sein, neu der Inhalt, neu die Originalität, neu auch die poetische Spannkraft, wenn man das zeitgenössisch durchlebt, aber es wären dann immer noch die Kategorien von oben, zu denen das Attribut „neu“ passt. Und wenn wir nicht von Verstehen sprechen dürfen, so scheint es ein oberster Lyrikrat beschlossen zu haben, so schlage ich vor, man prüft ein Gedicht auf Belang. Ist es belanglos oder hat es was, das meinetwegen nur Oberfläche ist, aber in eine bestimmte Richtung hin reaktiv. Wenn es Inhalt durch poetologische Panzerung von sich aus verweigert, so hat es wenigstens Oberfläche, die man beprüfen kann. Der Partner zum Inhalt wäre also Oberflächlichkeit, beide sind zu prüfen auf ihr Kontaktangebot, der strukturellen Offen- oder Verschlossenheit. Das Kriterium könnte sein Ambiguität, je weiter Bildentscheidungen reichen, umso größer ist die Ambiguität und damit das Eigenleben oder Innenleben des Gedichts. Umso genauer hat sein Erzeuger darauf geachtet Geschehnisse in spezielle Tiefen weggleiten lassen zu können, was mit Willkür nicht zu verwechseln ist. Und wenn YB in seiner Poetologie betont Unterschiede der Modernität macht, darf man seine Texte auch darauf untersuchen, ob sie bewußt „modern“ sind. Es scheint ihm ein Thema zu sein nur ja nichts so zu sagen, wie es bereits andere gesagt haben, also Vermeidungsstrategien zu fahren, aus denen dann so unglückliche Konstellationen wie „gefickter Motorstaub“ entstehen. Sprechweisen anzuwenden, die sich aus der Vermeidung erzeugen. Wirklich cool wird das erst, wenn daraus die Ratlosigkeit verschwindet und gelungene poetische Komplexe übernehmen. Ich würde diesen poetologischen Aspekt mit gelungenem Umsetzen der Strategie benennen, oder sagen wir dazu: Verwirklichungsabsicht. Weiß jemand andere Kriterien, die anders stimmige Ansichten liefern?

Ludwig,
du hast schon Recht, aber du brauchst zu lange um auf den Punkt zukommen. Wer soll das denn alles lesen? Mich wundert langsam nicht mehr, dass keiner Lyrikkritik liest, das ermüdet. Mein Prof. würde sagen, fass das mal zusammen, was du da sagen willst in max. 12 Sätzen.

Von Flugbahnen und Erbsenzählern

Elke Engelhardt

verdränge den panzer. im moment hat das schlichte vorrang.

Nach meinem Versuch meine Leseart an einem speziellen Gedicht nachvollziehbar zu machen, habe ich geschrieben: "Das ist vielleicht wirklich weniger verstehen als Dynamik, Bewegung. Da sollten wir weitermachen." Kollege Schmitzer reagiert darauf mit einem eloquent formulierten Verweis auf die Techniksoziologie. Was soll das? "Reden wir über Gedichte?" fragte Monika in ihrem Kommentar, und ich fürchte, genau das tun wir zu wenig. Wir arbeiten uns lieber an Formulierungen ab. Am liebsten offensichtlich am Begriff des Verstehens. Selbst ich habe mittlerweile begriffen, dass Gedichte nicht unbedingt verstanden werden müssen. Wenn ich aber keinen Zugang über eine Art des Begreifens, der Begeisterung und des Mitgerissenwerdens habe, und dennoch über den Gegenstand sprechen will, bleibt mir da wirklich etwas anderes übrig, als ein irgendwie geartetes Verständnis für mich zu erarbeiten? Das scheint mir zielführender, als anzunehmen, dass "verstehen"ohnehin in andere wissenschaftliche Bereiche gehört, und es deshalb auch egal ist, ob Vögel gebären, statt Eier zu legen, und, wie Monika in ihrem Kommentar bemerkte, Magma in diesem Gedichtband über seltsame widersprüchliche physikalische  Eigenschaften verfügt. 

Ich habe, im Gegensatz zu Katharina, nicht das Gefühl, dass wir gelandet sind. Jedenfalls nicht in Rufweite voneinander. 

Die Vögel verwandeln sich seit Jahren in Geschosse, ohne uns zu treffen. Das ist es vielleicht.

schreibt Yevgeniy. Vielleicht sollten wir uns auf die Flugbahn konzentrieren. Die Flugbahn als unsere individuelle Leseerfahrung mit dem Buch. Wenn wir uns darauf beschränken, diese Flugbahn sehr genau zu beobachten, könnten wir die Geschosse vielleicht zu friedlichen Landungen veranlassen, solchen, die das Buch immer weiter öffnen und zu immer mehr, einander widersprechenden und einander ergänzenden Einsichten führen. Uns kritisch verständigen, über unsere Lesekonventionen, nicht um einander zu verurteilen, nicht einmal um einander zu beurteilen, sondern um uns unserer eigenen Grenzen (und gegebenenfalls der Grenzen der Gedichte) bewusst zu werden, und auf diese Weise immer wieder aus dem dunklen mythischen Wald herauszufinden ins offene Feld, von wo aus wir die Flugbahn der Vögel beobachten können. 

Für mich hieße das, das Unverständliche an einem Text nicht nur zu erkennen, sondern anzuerkennen. Was die Bereitschaft voraussetzt, mich selbst und mein eigenes Selbstverständnis in Frage zu stellen. Auch das meinte ich mit Dynamik. Dazu hat mich diese Diskussion gezwungen, und ich sehe das als gewinnbringend an. Ebenso wie ich für Hinweise dankbar bin, die den Bezugsrahmen betreffen, in dem das mich ratlos machende Gedicht, sich befindet. Das da Bezug genommen wird auf die Tradition des kaputten Geräts und Martina Hefters "Ungeheuer", macht mir das Gedicht nicht verständlich, aber es hilft mir, es einzuordnen. 

Frank hat sich in seinem Kommentar Gedanken gemacht, welche Kriterien brauchbar sein könnten, um sich über den Gedichtband auseinanderzusetzen. Eine Aufgabe, die eigentlich uns zugestanden hätte. Wir sollten seine Vorschläge prüfen, statt die Kommentarstränge auszublenden. Und uns einlassen auf seine Frage. 

Dann reden wir nicht länger über das "Verstehen" der Texte, sondern über die Ränder, das, was die Lesearten ändert, die Flugbahnen der Vögel beeinflusst. 

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Kommentare

unter bienen.

Stefan Schmitzer

1. cirque de versteh:

ich lese nochmal unsere ganze bisherige auseinandersetzung mit "flüchtige monde" und miteinander, und ich stelle fest, wir haben mehr zeit mit den bedingungen des lesens-selber verbracht als mit dem konkret zu lesenden dings. dass ein text anlass gibt, erstmal über grundätzliches klarheit zu kriegen, sagt nicht das schlechteste über ihn.

ich stelle ausserdem fest, mein versuch vorhin, das thema aussen vor zu halten mittels extraabsatz ("protokollarisches") ward mißverstanden als (feindselige?) reaktion auf elkes spezielle lesart / leseweise. da muß ich was falsch gemacht haben. die idee dort war, konziliant zu sein: individuelle versteh- und nichtversteh-konzepte müssen ja nicht, können ja gar nicht gegeneinander ins feld geführt werden, da doch die entscheidung über ihre allfällige richtigkeit (besser: angemessenheit) ganz anderswo fällt, nämlich eben siehe oben, techniksoziologie, aufschreibemodelle, reproduktionszusammenhänge von text, von wissen. daran dann multipel festgemacht ist die frage: "was ist die objektive gesellschaftliche funktion von solchem und solchem geschriebenen?" (was natürlich nichts zu tun hat mit der sehr subjektiven funktion von text fürn einzelnen autor / leser; ein unterschied, der, siehe wieder oben, in den bildendenkunst-diskursen längst durchgekauet ist, und an dessen undurchgekautheit die dichtung diutiscer zunge seit jahrzehnten laboriert).

das zweite mißverständnis (wie gesagt: ich gehe davon aus, dass ich vorhin einfach zu unkonzise war) wäre dann, dass, wenn die entscheidung übers verstehen anderswo falle, eh schon egal wär, ob das zeug im text (gebärvögel und so) einem sinnvoll / sinnlos vorkomme. elke schreibt:

Das scheint mir zielführender, als anzunehmen, dass "verstehen"ohnehin in andere wissenschaftliche Bereiche gehört, und es deshalb auch egal ist, ob Vögel gebären, statt Eier zu legen, (...)

(...)

Vielleicht sollten wir uns auf die Flugbahn konzentrieren. Die Flugbahn als unsere individuelle Leseerfahrung mit dem Buch. Wenn wir uns darauf beschränken, diese Flugbahn sehr genau zu beobachten (...)

und zu dieser individuellen leseweise, über die wir uns dann sinnvoll austauschen können, gehört mmn dazu, dass zeug im text mit unserem verständnis von welt zusammenpasst (eier) oder nicht zusammenpasst (lebendgeburt), und welche produktiven reibungen das ggf. macht.

2. kommentarkommentar:

frank half uns wortreich auf diverse sprünge, breitete kriterien aus in seinem langen kommentar zu yevgeniy. und dann kommt leser florian und fordert forsch:

Wer soll das denn alles lesen? Mich wundert langsam nicht mehr, dass keiner Lyrikkritik liest, das ermüdet. Mein Prof. würde sagen, fass das mal zusammen, was du da sagen willst in max. 12 Sätzen.

daran ließe sich ein exkurs über den veränderten bildungsbegriff, die veränderte rolle der professoren, das veränderte selbstverständnis der studierenden anschließen; eventuell unterfüttert durch den hinweis, es sei objektiv unrichtig, dass

keiner Lyrikkritik

liest (man hat als fixpoetry-mitarbeiter den luxus, zugriffszahlen und verweildauer-pro-artikel einzusehen). natürlich ist es ein nischenprogramm, was wir hier treiben, und durchaus ließe sich monieren, dass die schnittmenge zwischen lyrikproduzentinnen, -leserinnen, -rezensentinnen und -rezensionsleserinnen sehr groß ist, aber: und? erstens ist die nische nicht sooo klein, paartausend leutchen immerhin, und zweitens:

gerade weil's ein nischenprogramm ist, darf ohne rücksicht auf verluste dem nischenvergnügen gefrönt werden, text text text immer her damit (weniges geht mir mehr auf die nerven als lesungen, bei denen nach einer stunde schon schluß ist, mit rücksicht auf die delikate aufnahmefähigkeit des publikums - da sitze ich und will die volle dröhnung, und kaum bin ich warm geworden mit dem mir gebotenen, is' schluss). es handelt sich bei einer debatte auf fixpoetry nicht um ein proseminar, nicht um eine (sammlung von) wissenschaftliche(n) arbeit(en), noch auch um einen wikipedia-edit-war über zb "flüchtige monde". dieser hinweis dázu. so.

3. AHS freakshow:

yevgeniy führt american horror story ein, mit bowies "life on mars", gesungen von jessica lange als marlene-dietrich-stand-in, in einer freakshow mit defekten körpern; verweist dabei auch noch aufs nichtfunktionale ... neben den körpern die kaputten geräte ... verweist auf die poeise, die die gerätschaft macht (ggf im maschinenraum der sprache selbst) (zb die [b]a[tt]e[r]i[eb]e[tr]i[eb]e[n]e toaster), wenn man sie lässt, und zuhört. man könnte da manches entpacken: den kontext, mehrererlei übersetzungen (bowie-lange-dietrich), die auf diesen kontext weisen, und das ästhetische programm, dass sich für yevgeniy daraus ableitet. könnte man entpacken; kann der geneigte leser gerne selber tun; muss aber nicht gerade hier an dieser stelle sein – materialschlachten, zitatwürste aus wikipediaartikeln wären unser lohn.

4. zur sache. zu monden. zum haupttext: "magma, staat"

viel weiter oben schreibt yevgenij:

Bisher nicht erwähnt: Eines der Kapitel beispielsweise ist ein direkt politisches szenisches Langgedicht, in dem Flucht, Staatenlosigkeit, Russland/Ukraine-Konflikt behandelt werden, in dem es vor allem um die Möglichkeit, überhaupt politisch zu sprechen geht.

und es ist auch bis jetzt nicht weiter erwähnt worden. wohlan. das kapitel "sich umdrehen auf der flucht" besteht aus einem einzelnen gedicht, und dieses gedicht ist betitelt "magma, staat". es beginnt mit einer aufzählung von figuren –

camille
nadja
josh
enzo
ich

an meinem küchentisch, sitzecke im winter, schnee fliegt durchs offene fenster ins innere, wir frieren.

– und gewitzigt, wie ich durch yevgeniys zitierte anmerkung bin, vermute ich referentielles in den namen, google sie; oje oje, das erste suchergebnis ist die "List of The Vampire Diaries Characters - Wikipedia ...", das zweite "Vornamenstatistik - Babygalerie"; also: es sind vermutlich "bloß leute", die da sitzen, kein in wahrheit eingeknastetes maidan-aktionskomitee o.ä. (wär auch zu einfach gewesen).

das gespräch zwischen diesen fünfen in diesem kalten zimmer, in dem es um die relative richtigkeit von verschiedenen (wieder mal - schau an!) insektenmetaphern für fluchtgeschehen, kriegsgeschehen, kriegerische ideologien geht, nebst der frage, wer warum das fenster geschlossen bzw geöffnet hat  –

josh öffnet das fenster.

ich konzentriere mich auf die innere landschaft des zimmers.
die tischgarnitur, das wieder offene fenster
aus welchem frieren und orgienbedarf resultieren.

ich schließe das fenster NICHT.
ich bin KEINE ameise!

ich
   schließe
      es
         nicht.
                              DU HAST ABER.

ich bin eine biene, die niemals eine pollenallergie vermied.

                              DU HAST ABER.

ich
   schließe
      es
         nicht.

ich epileptischer falter in friedensgebieten werde
dieses fenster nicht schließen.

– es beinhaltet auch ein paar konkrete ortsangaben, krimhafen, wo sich schiffe "im bienenmuster" stapeln, den deutschen boden (er "besteht aus boden") – das gespräch also, surreal genug, dem auch die nachvollziehbaren motivationen der sprecher zu ihren konflikten untereinander völlig fehlen (womit nochmal doppeldeutlich unterstrichen ist, dass wir einen schlüsseltext lesen, bloß, was wär der schlüssel?), dient als aufhänger, um politische konzepte abzugleichen und über konkrete handlungsspielräume zu reden.

das schwierige daran - yevgeniy wird mir widersprechen – ist, dass auch die gebrochene naturmetapher naturgegebenheit des metaphorisch dargestellten impliziert; wenn in einer

rechnung:
ein flüchtlingsstrom von fliegen
in einen aversiven bienenstock

eindringt, kann das noch so sehr figurenrede sein, und poetisch gebrochen, und obendrein nicht unwdersprochen stehenbleiben – es ähnelt trotzdem frappant dem rassisten-meme von der ratte, die im pferdestall geboren wird und deswegen noch lange kein pferd ist ...

klar kann man genau solche "memes" (ich verwende den begriff, um dergleichen nicht zum "gedanken" oder gar zur "idee" adeln zu müssen) angehen, sie im gedicht, in veränderter form rekontextualisieren; klar lässt sich auch denken, dass einer im raum, da so geredet wird, solche "memes" mit hereingetragen hat; insofern geht yevgeniys text auf. man kann noch reden, "wer redet, ist nicht tot", dies gilt ganz unabhängig davon, was draussen, jenseits des (geöffneten? geschlossenen?) fensters geschieht.

rettung vor dieser optischen täuschung des naturgegeben richtigen verspricht in "magma, staat" erneut die objektiv unrichtige biologie der geschöpfe:

(...) ameisen bilden hervorragende
schneidezähne aus, (...)

rettung verspricht auch der schluss, der es schafft, die zwei stränge – suche nach (a) handlungsoptionen für die subjekte und (b) passenden metaphern für die vor sich gehenden sozialen katastrophen – in eins zu kippen, wenn die im text mehrmals an-kokettierte "orgie" endlich stattfindet:

ich: ich.
enzo: ich.
camille: ich.
josh: ich.
nadja: ich

ah. was anfangs getrennt im raum herumstand, fällt (dank dem gespräch? gemeinsamem essen?) in eins, gehört zusammen; ist das noch empathie, oder schon telepathie bzw. interpenetration? – es geht noch weiter und beantwortet die frage:

wir ziehen uns aus.
unsere körper verbiegen sich:
als sanfteste plastiken,
denn es beliebt uns,
einander zu greifen.
wie kernspintomografien des flüchtlings,
der bienen verschluckt hat,
beim trinken natürlich
von wasser.

problematisch an dieser rettung bleibt, wie abrupt sie passiert. es hätte genausogut halbsoviel, oder doppelt so viel, text zwischen der vorstellung des personals und seiner entkleidung verstreichen können. und in diesem verstreichen liegt ja die crux: was ist auf jenem schiff im krimhafen? was ist, wenn jemand das fenster von aussen zerdeppert? unproblematisch, erfreulich-ambivalent, unbedingt stehenzulassen ist die biene als bild, und was sie impliziert, von "deutschem fleiß" bis zu mandevilles "bienenfabel" (und ihren folgen fürs zeitgenössische denken, up to and including die invisible hand of the market).

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Verena,
Es ist hier kein Diskurs zu führen. Ein Minimum an Respekt für das Werk eines Kollegen ist Vorraussetzung für ein öffentliches Forum. Es hat etwas Grausames hier. "Die Ratten versenken das eigene Schiff" (c)Ruth Cerha. Das Niveau dieser Diskussion macht mich sprachlos.

Stefan Schmitzer,
verehrte verena, ich gestehe baffheit. bitte um aufklärung darüber, in welcher weise ich es ihrer meinung nach an respekt gegenüber yevgeniys werk ermangeln lasse ... auch gerne in hinblick darauf, dass "gleichsetzung des gegenübers mit ratten" Ihnen, verena, offenbar hinreichend respektvoll erscheint ... was mich, wohlverstanden, gar nicht stört, bloß halt die messlatte ziemlich niedrig legt, die ich ihrer meinung nach anscheinend noch unterschreite ... was mich, siehe oben, baff, und damit tatsächlich neugierig, macht ... freundliche grüsse, stefan schmitzer

H. Hindringer,
Tatsächlich bin ich kein Fan des Löschens von Kommentaren. Beleidigungen sprechen ja eh fast immer gegen den Beleidiger.

Yevgeniy Breyger,
Klar erschlägt sich die Mücke meistens selbst. Wenn es aber jemanden hier persönlich angreift und verletzt, sollte es dennoch dringend gelöscht werden. Beleidigungen gelten nicht umsonst als eine Straftat. Schutz sollte vorgehen, immer.

Julietta Fix,
ja, herbert, aber es gibt auch kommentare, die es nötig machen, die autoren zu schützen.zumal wir hier ja nicht offen kommentieren, sondern jeder unhöflich sein kann, ohne dass man weiß wer es ist. das haben wir auch vorher diskutiert. ich glaube, ich werde das ändern, geht dann halt über registrierung, was manchen zu viel ist. und ich habe auch grundsätzlich etwas gegen die wachsende respektlosigkeit im netz. um mit pippi langstrumpf zu sprechen: "man muss sich ganz schön viel anhören, bevor einem die ohren abfallen." heute morgen war es so weit.

H. Hindringer,
Ja, ich hab auch gedacht, dass registrieren wahrscheinlich besser wäre. Die Leute, die anonym und feige ablästern, nerven überall. Der Autor und die beiden Kritiker wagen sich schließlich auch hell erleuchtet auf die Bühne. Ja, Beleidigungen können den Straftatbestand erfüllen. Genau darum mag ich es, wenn sie stehen bleiben. Aber ich bin ja nicht der Herr im Hause.

Zweck & Mittel

Yevgeniy Breyger

Zuallererst:
Das express!-Format fordert von AutorInnen ein hohes Maß an Opferbereitschaft, von Rezensierenden ein verstärktes Einfühlungsvermögen, müssen hier schließlich zusätzlich Gesprächsstrukturen bewältigt werden, Kommentare eingearbeitet oder ausgeblendet werden. Auffällig war, wie schwer es den Beteiligten (Mir, Stefan Schmitzer, zahlreichen männlichen Kommentatoren) fiel, eigene Eitelkeiten zu überwinden. Elke Engelhardt hingegen war von diesem Laster eher nicht betroffen. Einige Kommentare führten sich schlichtweg selbst ad absurdum, in dem sie eine Dummheit an die Andere reihten. (Frank, du bist nicht gemeint.) Andere fühlten sich fälschlicherweise fast immer angesprochen. (Frank.) Etc. Etc. Mich diesem Gespräch auszusetzen (Wortwahl), hat mir einiges abverlangt, gerade da Elke und Stefan nicht bereitwillig die Gedichte absegneten und Lobeslieder darauf sangen. Ich habe mich sehr über Elkes Käferanalyse gefreut und ihre suchende Lesart, die Bereitschaft sich mit etwas auseinanderzusetzen, ohne sich über die Dinge (die Gedichte) zu stellen und fehlenden eigenen Zugang als Ausschusskriterium anzuwenden. Stefans zahlreiche Respektlosigkeiten im Ton, der mir teilweise suggerierte, er fühle sich entsprechend über den Dingen (den Gedichten), hätte sie durchschaut und wolle sich nun ebenso präsentieren, konnte ich als Schutzmechanismus ad acta legen. Gerade, da seine Analysen sehr genau, und seine Auseinandersetzung alles andere als Unklug war. Sehr selbstbezogen allerdings schon - oder wie unaufmerksam ist ein Rezensent, der den Namen des Autors, den er rezensiert falsch schreibt?
Selbstbezogenheit ist allerdings, wie ich finde, kein Hinderungsgrund für eine gute Auseinandersetzung mit einem Text. Im Zuge der Kritikdiskussion wurde ein sehr wichtiger Punkt von Bulucz und Kuhlbrodt hervorgehoben: Eine Kritik sollte sich zuallererst an den Rezensierenden selbst richten, sein Verhältnis zum Text spezifizieren. Sie ist kein Gebrauchstext für LeserInnen, keine Dienstleistung. Auch Gedichte sind keine Dienstleistungen an LeserInnen, aber so viel ist eh klar. Was ich also verteidigen möchte, ist das Gespräch um des Gesprächs willen, auch das unverständliche Gespräch, das kritische Selbstgespräch. Wovon sich zahlreiche LeserInnen nach der Steinzeit getrennt haben, ist eine kapitalistische Verwertungslogik und eine "der Kunde ist König"-Attitude - ihnen wird hier schließlich nichts verkauft. Anders gesagt: In meinen Gedichten möchte ich auch niemanden für dumm verkaufen - das erledigen die passenden KandidatInnen sehr gut selbst (mein lieber Marcello aka "der Hinweiß", der seinen Kindern Rechtschreibung beizubringen droht.).

Vielen Dank für dieses tolle notwendige Format, zu dem ich AutorInnen, wie ich nun herausgefunden habe, um Gottes willen nicht raten würde. Vielen Dank an die kluge Verena. Ein kapitalistisches Adé, mit besten Grüßen, Yevgeniy.

 

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Marcello,
Vielen Dank für diesen Beitrag, der wirklich lesbar war. Sie haben offensichtlich im Laufe der letzten Woche einiges gelernt, was mich sehr für Sie freut. Schade, dass die Diskussion nun offensichtlich in den Kommentaren so derart eskaliert ist, dass gelöscht werden musste. Da waren die persönlichen Befindlichkeiten offensichtlich doch zu groß. Weshalb? Es geht nur um Gedichte! Oder eben nicht nur? Ebenfalls schade, dass der Autor eine korrekte Rechtschreibung als Drohung auffasst, für mich ist es eine Kulturtechnik. Eine Erbsenzählerei noch vom "Durchgeknallten": Es heißt "Hinweis". Falls "Hinweiß" ein Wortspiel sein sollte, so bitte ich meine Ignoranz zu entschuldigen. Den Rezensenten und dem Autor alles Gute für die Zukunft und fixpoetry mehr Glück für eine etwaige Neuauflage des "Express".

Julietta Fix,
kurze antwort: orthografische fehler sind sehr viele im text. ich habe sie bewusst nicht korrigiert. unglück sehe ich auch nicht in dieser 2. folge. das werde ich im fazit erläutern. und weiter gehts am 23. april mit der 3. folge.

Yevgeniy,
Doch noch eine Antwort an Marcello, tut mir Leid dafür: "der Hinweiß" ist in meinem Text ausreichend als Zitata gekennzeichnet. Nämlich als einer von vielen Rechschreibfehlern von Ihnen, der mich sehr amüsierte, gerade dann im Zusammenhang mit ihrer Androhung, ebenjene Rechtschreibung ihren Kindern beizubringen. Falls Sie auf Schmitzers Orthografie eingegangen sind: Kleinschreibung und zahlreiche Rechtschreibabweichungen sind bei ihm wohl klar intendiert und erfüllen ihren Zweck. Mehr möchte ich zu Ihnen nicht sagen und werde auch auf keine weiteren Kommentare antworten.

Marcello,
Ich hatte gerade wirklich Angst, wäre auch peinlich für mich gewesen. ;) Aber Strg-F hat mir geholfen: "Hinweiß" gibt's nicht auf der gesamten Seite, das taucht zuerst bei Ihnen auf. Sie haben es also kreiert und mir untergeschoben. Das ist nicht nett von Ihnen! Damit soll's aber auch genug sein, weitere Fehler, die ich gemacht habe (ich habe fünf gezählt, diesen Kommentar ausgeschlossen), seien Ihnen gegönnt. Zur durchgängigen Kleinschreibung: Klar, das kenne ich und moniere ich auch gar nicht als falsch. Ich halte es nur - außer als gewolltes Stilmittel in der Poesie - für antiquiert. Vor 30-40 Jahren war das sicherlich en vogue, aber heutzutage? In einem gebe ich Ihnen aber wiederum recht: Beleidigungen stellen eine Straftat dar und ich fand es ziemlich vermessen von Ihrem Fanclub, mir Unzurechnungsfähigkeit zu unterstellen: "dann kann ich mir gut vorstellen, dass einem die Sicherung durchbrennt." Also bitte vor der eigenen Türe kehren. Interessant ist auch, dass dieser Kommentar nicht gelöscht worden ist, was damit zu tun haben mag, dass ich weder zur Redaktion, zum Fanclub noch zum Literaturbetrieb gehöre und somit meine Befindlichkeit als nicht relevant angesehen wurde.

Fazit: Nachdem sich keine der Teilnehmerinnen an die eigentlich geplante Zeichenanzahl von 1000 pro Statement gehalten hat, tue ich es auch nicht. // Julietta Fix

Je suis Käfer. Stellen Sie sich eine Bühne vor. Das Bühnenbild eine Hochebene, vulkanisch. Es dampft. Bakterien schimmern auf Steinen. Eine hochinfektiöse Stimmung. Die Protagonisten – drei Käfer.

Käfer 1: klug und scheu, ein feingliedriger, grau – bläulich schimmernder Panzer, wirkt kleiner als er ist. Ich nenne ihn Angelica.

Käfer 2: analytisch, provokant und stelzig, ein schwarzer dicker Panzer, lange Beine, wirkt so groß wie er ist. Ich nenne ihn Grazia.

Käfer 3: labiles Nervenkostüm, vorlaut, blitzgescheit, knallroter Panzer mit schwarzen Punkten, wirkt größer als er ist. Ich nenne ihn Vulcana.

Ein gemischter Kammerchor auf der Theatertreppe,  Sopran,  Alt und Tenor.

Das Stück: Es geht um Literatur. Ein Gedichtband steht im Zentrum der Ereignisse. flüchtige monde. Vulcana hat ihn geschrieben.

Es beginnt versöhnend. Angelica treidelt – zieht eine erste These mit voller Kraft auf die Bühne. Sie spricht von einem Dichter, der den Mond liebt, über das Unsagbare.

Sofort stimmt eine lyrische Sopranistin ein: 

«Das Unsagbare, bäh – verschleiert Bewegung, Ziel, das große Ganze.» Sie sinkt dahin, ward nie mehr gehört. Eine weitere Sopranistin erklingt, verneigt sich vor dem Dichter.

Grazia rotzt: «Ja. Ja. Und weil der Mond auch so alleine ist. So geht es auch den Blumen dieser oder jener Farbe, diversen Tieren, Flüssen, landwirtschaftlichem Gerät von Sense bis Traktor. Was ihn, den Mond, vor diesen anderen aber auszeichnet, ist, dass er trotz seines Status als Leitfossil für die Literaturgeschichtler und -Soziologen noch immer, wo er auftaucht, seiner alten Kernkompetenz nachkommt und machtvoll Zweifel am Prinzip der Verstehbarkeit evoziert, nebst nebulösen Sehnsüchten und vagen Andeutungen Richtung körper-versus-geist, Verführung.»

Der Dampf nimmt zu. Vernebelt die Bühne.

«Nicht so wichtig der Mond.» Vulcana gähnt. Moon off Alabama von David Bowie hallt aus den Lautsprechern.

Aus dem Off: «Zitiert nicht so viel, redet über die Gedichte!» «Wir müssen zitieren, damit wir weiterkommen. Das nennt man Kultur!“,1, summen alle drei wie aus einem Mund. Es wird einer der wenigen Momente der Einigkeit sein.

Und so entwickelt sich aus Zitaten, Thesen, Antithesen und Chorgesängen ein Zeter und Mordio. Die Diskursmaschine läuft. Die Verwirrung bereitet Vergnügen. Die Käfer spucken aus, was Ihnen durch den Kopf geht. Der Kammerchor geht unsystematisch dazwischen, singt, geift, gellt – scharf, inkompetent, vermittelnd, Kriterien einer Kritik werden hervorgeholt. Ein Aufstöhnen. Eine Zumutung für den Autor? Eine Zumutung für alle Beteiligten.

Auf der Bühne dampfen die Bakterien. Vermischen sich, bis sich keiner mehr auskennt. Flüchtige monde – die Gedichte stehen im Abseits. Drei Sängerinnen fliegen aus dem Chor.

«Gedichte sind eigentlich nichts Besonderes. Dies gilt auch für die Diskussion über sie.» singt ein einsamer Tenor.

Endlich wird der Weg erleuchtet. Angelica springt auf die Mitte der Bühne, flattert zufrieden und findet Worte, die Vulcana erfreuen, die zustimmend um sie herumtanzt. Aus den Lautsprechern tönt Life from Mars in einer Version von Jessica Lange. «Der Stand der Dinge ist zwar Scheisse, aber immerhin *das* ist in seiner Gänze erkennbar.» mault Grazia und hängt ihre langen Beine über den Bühnenrand.

«Die Vögel verwandeln sich seit Jahren in Geschosse, ohne uns zu treffen. Das ist es vielleicht.» sinnieren Angelica und Vulcana.

Ja, das ist es vielleicht. Doch das Ende ist Depression.

Kein schöner Rausch, alle stürzen in verschiedene Richtungen auseinander, versöhnliche Blicke zurückwerfend, kein Blick wahr davon. Und ich häng hier rum und hoffe, Sie wollen das nicht verstehen.

Angelica: fliegt hinaus ins offene Feld, ihr grau – bläulich schimmernder Panzer leuchtet. Sie verschwindet im Dampf der brodelnden Geysire. «Text – Text – Text» brüllt Grazia. «Nur weil ihr nicht mehr aufnahmefähig seid, muss ich jetzt Schluss machen.» Sie zieht sich ihre langen Beine zurecht, schüttelt sich und bleibt sitzen. Vulcano blickt Angelica wehmütig hinterher. Ein Diskurs Buch fällt auf die Bühne. Vulcana blättert, sie sucht sich eine schnelle Verbindung heraus. Ein Fahrstuhl hebt sie in die Lüfte. Sie winkt. «In meinen Gedichten möchte ich auch niemanden für dumm verkaufen, das erledigt ihr schon selbst!»

War das jetzt nötig? Ich finde, ja!

PS. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

Die nächste Folge der Reihe express! startet am 23. April 2016 am Welttag des Buches mit Monika Vasik, Timo Brandt und Carl Christian Elze mit seinem neuem Gedichtband diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde, soeben im Verlagshaus Berlin erschienen! Es geht weiter ... 

  • 1. Bühne frei für Mick Levcik, Rene Pollesch
Yevgeniy Breyger · Daniela Seel (Hg.)
express! flüchtige monde
Gestaltet von Andreas Töpfer
kookbooks
2016 · 96 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445786

Fixpoetry 2016
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